240672-04 · Mitteilungsvorlage
Umbenennung der Schmidtbonnstraße in Bonn-Poppelsdorf
Kerndaten
- Nummer
- 240672-04
- Art
- Mitteilungsvorlage
- Veröffentlicht
- 12.08.2025
- Letzte Änderung
- 30.10.2026
Orte
- Bad Godesberg Hauptort
- Schmidtbonnstraße
- Theodor-Heuss-Straße
- Heussallee
- Ferdinand-Porsche-Straße
- Marktplatz
- Poppelsdorf
- Alt-Godesberg
- Bonn
Beratungsfolge
- Sitzung der Bezirksvertretung Bonn Kenntnisnahme
Dateien
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Mitteilungsvorlage öffentlich 240672-04 Die Oberbürgermeisterin Federführung: 63 Bauordnungsamt Dezernat: Dez. III Umbenennung der Schmidtbonnstraße in Bonn- Poppelsdorf Beratungsfolge Bezirksvertretung Bonn 02.09.2025 Kenntnisnahme Mitteilung: Die Verwaltung teilt im Zusammenhang mit der möglichen Umbenennung der Schmidtbonnstraße vor dem Hintergrund eines Beschlusses der Bezirksvertre- tung Bonn vom 27.08.2024 (DS 240672) (A) sowie zur durchgeführten Bürger- beteiligung (B) Folgendes mit: (A) Beschluss: 1) Die Anwohnenden sind über den aktuellen geschichtlichen Stand Schmidt- bonns und Grund der Aberkennung kurz und in verständlicher Sprache zu informieren. Sofern die Verwaltung es als sinnvoll erachtet, soll auch eine Bürgerveranstaltung durchgeführt werden. Bericht der Verwaltung: Eine entsprechende Anhörung der Anwohnerinnen und Anwohner sowie der Eigentümer und Eigentümerinnen wurde mittels Anschreiben in der Zeit vom 19.11.2024 bis 08.01.2025 durchgeführt. Zudem wurde der Ortsbund Poppelsdorf beteiligt, der jedoch kein Votum abgegeben hat. Eine Bürgerveranstaltung wurde nicht für erforderlich gehalten. Zum Grund der Straßenumbenennung erhielten die Betroffenen folgende In- formation: Die Schmidtbonnstraße wurde aufgrund eines Ratsbeschlusses der Stadt Bonn vom 03.12.1959 nach dem deutschen Schriftsteller Wilhelm Schmidtbonn (06.02.1876 – 03.07.1952) benannt. Dieser steht seit län- gerem aufgrund seiner Nähe zum Nationalsozialismus in der Kritik, da er im März 1933 zu den Unterzeichnern einer Loyalitätserklärung der Deutschen Akademie der Dichtung an das NS-Regime gehörte. Schmidtbonn ließ sich im „Dritten Reich“ bereitwillig vereinnahmen und trat öffentlich als Vertreter des NS-Kulturbetriebs in Erscheinung. Zwar sind seine Werke nicht dezidiert antisemitisch oder rassistisch, jedoch äußerte er sich in Briefen und Reden als Anhänger des NS-Regimes. 2) Für eine mögliche Neubenennung der Straße wird “Am Melbtal” vorgeschla- gen entsprechend der vorgelegten Unterschriftenliste der Anlieger.Seite 1 von 20 Seite 2 3) Es soll eine digitale Rückmeldemöglichkeit eingerichtet werden in Form ei- nes Abfragetools, das auch die Beibehaltung des Straßennamens als Option vorsehen soll. Für diejenigen, für die eine digitale Rückmeldung nicht mög- lich ist, soll eine postalische Rückmeldung ermöglicht werden. Bericht der Verwaltung zu (2) und (3): Seitens der Betroffenen wurde in der Sitzung der Bezirksvertretung Bonn am 27.08.2024 bereits eine Unterschriftenliste vorgelegt, mit der sich die Mehrheit gegen eine Änderung des Straßennamens ausge- sprochen hat. Des Weiteren wurde für den Fall einer Umbenennung ebenfalls mehrheitlich die neue Bezeichnung „Am Melbtal“ vorge- schlagen. Im Rahmen der Anhörung wurde sowohl die Option der Beibehaltung des Straßennamens als auch der mögliche neue Straßenname Am Melbtal zur Diskussion gestellt. Da bei der Auswahl neuer Straßenna- men vorrangig die vom Rat der Stadt Bonn beschlossene Straßenbe- nennungsliste berücksichtigt werden soll, wurde als weiterer möglicher neuer Straßenname Marie-Juchacz-Straße vorgeschlagen. Die Betrof- fenen hatten digital per E-Mail die Möglichkeit erhalten, ihr Votum abzu- geben. Marie Juchacz (* 15.03.1879 in Landsberg an der Warthe; † 28.01.1956 in Düsseldorf) war eine deutsche Sozialreformerin und Frauenrechtlerin. Unter ihrer Leitung wurde am 13.12.1919 die Arbeiterwohlfahrt gegrün- det. Nach der Einführung des Frauenwahlrechtes hielt sie am 19.02.1919 als erste Frau eine Rede in der Weimarer Nationalversamm- lung. 1933 geriet sie als NS-Gegnerin ins Visier der Gestapo. Die Anhörung erbrachte folgendes Ergebnis: Es wurden 41 Anwohnende und Eigentümer und Eigentümerinnen über 16 Jahre angeschrieben, von denen 33 sich beteiligt haben. Davon wa- ren 2 für eine Umbenennung und 31 dagegen. Für den Fall, dass es zu einer Umbenennung kommen sollte, haben 4 für Marie-Juchacz-Straße gestimmt und die übrigen 29 für die Bezeich- nung Am Melbtal. Dabei wurde die Bezeichnung Marie-Juchacz-Straße insbesondere we- gen der schwierigen Schreibweise und Aussprache abgelehnt. 4) Des Weiteren wird die Verwaltung gebeten, die Anwohnenden darüber zu informieren, bei welchen städtischen Stellen (z.B. Feuerwehr, Stadtwerke etc.) eine automatische Adressänderung erfolgt und wo sie selbst aktiv wer- den müssen. Es wird zudem ein Schreiben hinzulegen, wie sie dies bequem von zuhause online durchführen können (z.B. Personalausweis). Die Kosten für die Anlieger sollen analog den Städten Münster und Düssel- dorf den Betroffenen erlassen werden. Bericht der Verwaltung: Zu den mit einer möglichen Straßenumbenennung bzw. Adressenände- rung verbundenen Änderung der Ausweispapiere wurde den Betroffe- nen Folgendes mitgeteilt: Für die Änderung von Ausweisen fallen keine Gebühren an. Die Ände- rung des Personalausweises ist gebührenfrei, ebenso die Änderung der Zulassungsbescheinigung Teil I (Fahrzeugschein), wenn auf die Umbe-Seite 2 von 20 Seite 3 nennung hingewiesen wird. Rechtlich ist es nicht erforderlich, die Zulassungsbescheinigung Teil II (Fahrzeugbrief) zu ändern. Sollte eine Aktualisierung gewünscht sein, wäre hier die Gebühr zu entrichten. Im Führerschein ist keine Adresse enthalten und im Reisepass ist nur der Wohnort vermerkt, sodass hier eine Anpassung entfällt. Die v. g. Gebührenfreiheit entspricht der Vorgehensweise z. B. in Düs- seldorf. Für die Änderung der Dokumente muss aber persönlich im Dienstleis- tungszentrum in der Bonner Innenstadt vorgesprochen werden, da dies online nicht möglich ist. Die Änderung der Adresse im Grundbuch wird von der Verwaltung ver- anlasst und ist nicht mit Kosten verbunden. Des Weiteren wurde den Betroffenen mitgeteilt, dass alle entsprechen- den Ämter der Verwaltung sowie Feuerwehr, Rettungsdienste, Bon- norange und die Stadtwerke von der Verwaltung über Umbenennungen informiert werden. Ebenfalls werden u. a. Polizei, Post, Bezirksregie- rung, Arbeitsagentur, Taxi-Unternehmen, Zeitungsredaktionen und eini- ge Hersteller von Karten und Navigationssystemen in Kenntnis gesetzt. Die von den Betroffenen in Anspruch genommenen Dienstleister wie z. B. Banken und Versicherungen sowie persönliche Kontakte wären von diesen selbst zu informieren. 5) Im Nachgang wird die Verwaltung gebeten, einen Bericht abzulegen, wie erfolgreich die Bürgereinbindung war und wie viele Arbeitsstunden dafür zu- sätzlich angefallen sind und ob dies auch als Prozess für zukünftige Straße- numbenennungen durchführbar ist. Bericht der Verwaltung: Für die Durchführung der Anhörung sind 70 Arbeitsstunden angefallen, wobei 37,5 Stunden für die Erarbeitung des Prüfgutachtens aufge- wendet wurden. Wie sich dies bei anderen Umbenennungen darstellt, hängt letztlich davon ab, wie viele Anlieger und Anliegerinnen betroffen sind, inwiefern aktuelle Forschungsergebnisse zu dem in Kritik gerate- nen Straßennamen vorliegen und ob für das Prüfverfahren relevante Quellen zugänglich sind, sowie in welchem Umfang Argumente vorge- bracht werden, die dann von der Verwaltung wiederum zu prüfen und mit in den Abwägungsprozess einzubeziehen sind. Anregung an HA: 6) Das Grab Schmidtbonns ist aus der Ehrenliste zu streichen. Bericht der Verwaltung: Gemäß der Bonner Friedhofssatzung ist der Rat für die Erklärung zum Ehrengrab und folglich auch für eine Aufhebung zuständig. Der Rat hat in seiner Sitzung am 03.07.2025 einstimmig bei Enthaltung BBB beschlossen, dass das Grab des Wilhelm Schmidtbonn auf dem Alten Friedhof aus der Liste der Ehrengräber gestrichen wird (DS 240672-03). Der Punkt (6) ist demnach erledigt; es bedarf keiner nochmaligen Be-Seite 3 von 20 Seite 4 schlussfassung. Erläuterung zur Beratung in der Bezirksvertretung Bonn: Abstimmungsergebnis: Ziffern 1, 4, 5: einstimmig bei Enthaltung 2 GRÜNE Ziffer 2: einstimmig bei Enthaltung GRÜNE, CDU Ziffer 3: Mehrheit gegen SPD, 1 GRÜNE, RheinGrün Ziffer 6: Mehrheit gegen SPD, 1 GRÜNE, RheinGrün Ziffer 1, 4 und 5 beruhen auf dem Änderungsantrag DS 240672-02 AA, Ziffer 3 beantragt Frau Bzv. Bonnie –CDU-, Ziffer 2 Frau Stv. Poppe-Reiners – Rhein- Grün-. Ziffer 6 formuliert BBm Reeh-Schall –SPD- im Zuge der Abstimmung als Ergebnis der Aussprache Der v. g. Änderungsantrag bezieht sich auf den Bürgerantrag DS 240672, der darauf gerichtet war, die Schmidtbonnstraße in Marie- Juchacz-Straße um- zubenennen sowie das Schmidtbonn-Zimmer im Stadtmuseum in Moses-Hess- Zimmer umzubenennen. (B) Bericht der Verwaltung zum Erfolg der Bürgereinbindung Die Betroffenen haben sich mehrheitlich gegen die geplante Umbenennung ausgesprochen. Die in einer Vielzahl der Stellungnahmen ausführlich vorge- brachten Gründe werden im Folgenden zusammengefasst und gekürzt darge- stellt. a) Die im Schreiben an die Anliegerinnen und Anlieger dargestellte Beurteilung über Schmidtbonn wird als unvollständig und zum Teil widersprüchlich angese- hen. Es wird seitens der Betroffenen nicht erkannt, inwieweit das damalige re- pressive Verhalten der Nazi-Diktatur sowie die Lebensleistung von Schmidt- bonn angemessen berücksichtigt und in die Bewertung eingeflossen sind. Zum Zeitpunkt der Benennung 1959 sei bereits bekannt gewesen, dass Schmidtbonn Schriftsteller, Ehrendoktor der Universität Bonn und Literatur- preisträger während des Dritten Reiches war, sodass die Gründe einer Umbe- nennung nicht nachvollzogen werden können. Zur Biographie Schmidtbonns wird geäußert, dass Schmidtbonn ein bedeuten- der Kulturträger und über seinen Tod hinaus ein hoch geachteter Sohn der Stadt Bonn war. Von den Nationalsozialisten wäre er wie viele damalige Kultur- träger vereinnahmt und zu Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Naziregime gedrängt worden. Er sei jedoch nicht durch antisemitische oder rassistische Werte oder Handlungen in Erscheinung getreten. Nach Kriegsende sei Schmidtbonn dank eines Entlastungszeugnisses des Köl- ner Oberbürgermeisters vollständig entnazifiziert und von der Spruchkammer als „unbelastet“ eingestuft worden. Auch der frühere Pressesprecher Paul Zurnieden käme in einem Beitrag über Schmidtbonn zu einer völlig anderen Beurteilung. Vor diesem Hintergrund für ihn eine „Ächtung“ herzuleiten wird für übertrieben gehalten. Das Vorhaben der Löschung und Umbenennung der Schmidtbonn-Seite 4 von 20 Seite 5 straße werde gerade in der heutigen Zeit nicht dem Anspruch gerecht, sich als Gesellschaft aktiv der Erinnerungskultur und dem Geschichtsbewusstsein zu widmen. Geschichte müsse akzeptiert, kritisch hinterfragt und in einem offenen Diskurs diskutiert werden. Stellungnahme der Verwaltung zu a): Die gesellschaftliche Diskussion von Straßennamen ist für die Erinne- rungskultur von Bedeutung, da dieser Prozess eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte darstellt, neue Sichtweisen eröffnet und kri- tische Denkweisen fördert. Eine Umbenennung kann dabei einerseits die neuen gesellschaftlichen Werte und politischen Leitlinien untermau- ern und nach außen hin repräsentieren. Andererseits würde durch eine Umbenennung die Möglichkeit einer direkten, sichtbaren Auseinander- setzung mit dem historischen Namen genommen. Eine Alternative dazu stellt die Option der Beibehaltung des Namens und die Anbringung ei- nes Zusatzschildes dar. Hiermit wäre ein Zeichen für die Auseinander- setzung mit der eigenen Geschichte gesetzt. Allerdings erschwert die begrenzte Zeichensetzung auf einem Zusatzschild die angemessene Einordnung der in Kritik geratenen Person. Daher wäre eine alternative Lösung wünschenswert, die eine ausführliche Kontextualisierung er- möglicht und problematische Straßennamen deutlich kennzeichnet. Eine solche Alternative wird im Rahmen der Ausarbeitung des Konzeptes „Erinnerungskultur“ erarbeitet. Unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes muss eine Neubewertung Wilhelm Schmidtbonns stattfinden, die dessen Wirken zur Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet. Briefkorrespondenzen von Schmidtbonn belegen klare antisemitische Äußerungen, die Übernahme völkischer Ideen und den Glauben an ein „Großdeutschland“. Laut Er- gebnis des Prüfgutachtens wäre eine Umbenennung der Schmidtbonn- straße gerechtfertigt. Für ausführlichere Informationen, Literatur- sowie Quellenangaben s. Prüfgutachten. b) Wenn die Schmidtbonnstraße umbenannt werden soll, müssten konsequen- terweise auch z. B. die Theodor-Heuss-Straße bzw. Heussallee umbenannt werden, da Heuss in seiner Zeit als Reichstagsabgeordneter für das Ermächti- gungsgesetz gestimmt hat. Auch müssten die Namen von Martin Luther und Richard Wagner von Bonner Straßenschildern verschwinden, da beide tatsäch- lich schlimme antisemitische Schriften verfasst und verbreitet haben. Die Ferdi- nand-Porsche-Straße wäre ebenfalls zu überprüfen; um letztlich alle Straßen- namen historisch zu säubern, wäre ein hoher Aufwand erforderlich. Die beabsichtigte Straßenumbenennung wird insoweit als willkürlich wahrge- nommen, da im Einzelfall mal der Name bleibt und ein anderes Mal die Umbe- nennung vollzogen wird. Stellungnahme der Verwaltung zu b): Das Kulturamt prüft derzeit, angepasst an personelle Kapazitäten, Bon- ner Platz- und Straßennamen auf Basis des Kriterienkatalogs, der in dem Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ (01.01.2022 bis 31.07.2024) er- arbeitet wurde. Dem Projekt liegt der politische Beschluss vom 01.09.2020 (DS 190943) zu Grunde, der eine Umbenennung aller NS- belasteten Straßennamen vorsieht und eine Erweiterung des zuvor vomSeite 5 von 20 Seite 6 Bürgerausschuss verabschiedeten Beschlusses vom 10.09.2019 (DS 1912103) darstellt. Anhand des bereits erarbeiteten Projektentwurfes werden problematische Straßennamen erfasst, priorisiert und im Laufe des Verfahrens geprüft. Am Ende der Prüfung wird ein Gutachten zu Umbenennungsempfehlungen vorgelegt. Die Prüfung sämtlicher Straßennamen dauert noch an. Die letztendliche Entscheidung für oder gegen eine Umbenennung wird von der jeweiligen Bezirksvertretung ge- fällt. Wird bei einer Neu- oder Umbenennung von der vorliegenden, zu bevorzugenden Straßenbenennungsliste abgewichen, richten die jewei- ligen Bezirksvertretungen eine entsprechende Empfehlung an den Hauptausschuss, welcher abschließend über den Vorgang entscheidet. Die Bearbeitung sowie die Umbenennungsempfehlungen werden an- hand konkreter Kriterien vollzogen. Die Kriterien umfassen dabei gravie- rende Verstöße von benannten Personen, Organisationen und Einrich- tungen gegen das Grundgesetz, die Menschenrechte und die Men- schenwürde . Insbesondere bei Mitgliedschaft und leitender Funktion in diktatorischen oder kolonialen Strukturen, bei aktiver Verbreitung men- schenfeindlichen Gedankenguts oder Teilnahme an Verbrechen gegen die Menschlichkeit bzw. Kriegsverbrechen sollte ein Entzug der perso- nenbezogenen Ehrung überlegt werden. Die Priorisierung sieht folgende Vorgehensweise vor: 1. Überprüfung aller Straßen und Plätze, die zwischen 1933 und 1945 benannt wurden. 2. Überprüfung aller Straßen und Plätze, die nicht unter 1 behandelt wurden und zu deren Benennung Anfragen vorliegen. 3. Überprüfung aller Straßen und Plätze, die nach Personen benannt sind, die nach 1850 und vor 1927 geboren wurden. 4. Überprüfung aller Straßen und Plätze, die nach Personen benannt sind, die nach 1800 und vor 1850 geboren wurden. 5. Überprüfung aller Straßen und Plätze, die nicht in den Schritten 1 bis 4 überprüft wurden, aber zwischen 1800 (Beginn der Politisierung des öffentlichen Raums) und 1933 benannt wurden. 6. Überprüfung aller Straßen und Plätze, die nach Personen benannt sind, die nach 1927 geboren wurden. 7. Überprüfung aller übrigen Straßen und Plätze, die nach Personen benannt wurden. 8. Überprüfung aller übrigen Straßen und Plätze. Die derzeitige Prüfung der Schmidtbonnstraße erfolgt aufgrund des am 27. August 2024 von der Bezirksvertretung Bonn geändert beschlosse- nen Beschlusses, der auf den am 11. April 2024 gestellten Bürgerantrag zurückgeht. c) Statt einer Umbenennung wird von den Betroffenen vorgeschlagen, eine Hinweistafel gegebenenfalls mit QR-Code anzubringen, die auf etwaige Konflik- te hinweisen und Passanten und Passantinnen zum Nachdenken anregen. Stellungnahme der Verwaltung zu c): Sofern ein entsprechender Beschluss der Bezirksvertretung gefasst würde, könnte ein Zusatzschild angebracht werden. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass diese Schilder aus technischen Gründen nur eineSeite 6 von 20 Seite 7 begrenzte Größe haben und daher nur 120 Zeichen für die Erläuterung zur Verfügung stehen. Gerade komplexere Sachverhalte lassen sich auf so begrenztem Raum kaum darstellen. Das Straßennamensschild, Verkehrszeichen 437, ist gesetzlich in der Straßenverkehrs-Ordnung und dem dazugehörigen Katalog der Ver- kehrszeichen geregelt und in seinem Sinnbild festgelegt. Die dazugehö- rigen technischen Liefer- und Prüfbedingungen geben noch die Rand- bedingungen zu Schrift, Sinnbild und Folientyp vor. Ein QR-Code wird seitens der Straßenverkehrsordnung nicht geführt und unterliegt demnach nicht der im Verkehrsraum zulässigen Ausschil- derung. Wenn jedoch seitens einer Vereinigung, z. B. Bürger- oder Ortsverein, das Interesse einer Aufstellung einer „Informations-Stele“ besteht, kann dieses Vorhaben im Rahmen einer Gestattung gemäß Straßen- und Wegegesetz NRW in Aussicht gestellt werden. Die damit in Verbindung stehenden Kosten der Gestattung, Beschaffung und Unterhaltung sind von den Antragsstellenden zu entrichten. d) Die Umbenennung bedeutet erhebliche administrative und finanzielle Auf- wände für die Betroffenen; insbesondere für zwei dort ansässige Unternehmen. Im Hinblick auf diese Kosten und Umstände wird eine Umbenennung insoweit für unverhältnismäßig angesehen, da nur wenige den Wunsch nach einer sol- chen Maßnahme haben. Auch werden im Hinblick auf die derzeit bestehende angespannte Haushaltsla- ge die personellen und materiellen Kosten für die Stadt Bonn angesprochen. Stellungnahme der Verwaltung zu d): Die mit der Umbenennung verbundenen finanziellen Aufwendungen zählen zu den gelegentlich auftretenden Kosten des allgemeinen Le- bens bzw. bei Gewerbetrieben des Geschäftsbetriebes und sind nach längerem Bestehen der Straße nicht unzumutbar (vgl. OVG NRW, Urteil vom 29.10.2007 – 15 B 1517/07). e) Die Diskussionen über Straßenumbenennungen lenken von den drängenden Problemen dieser Zeit ab und fördern die gesellschaftliche Polarisierung und schwächen den demokratischen Diskurs. Die Herausforderungen dieser Zeit wie Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Stabilität erfordern eine klare Prioritätensetzung der Politik. Dagegen erscheine die Umbenennung einer Straße marginal und fehl am Platz. Die Bürger und Bürgerinnen erwarten von der Politik lösungsorientiertes Handeln, das sich mit den tatsächlichen Pro- blemen auseinandersetzt, statt Symbolpolitik zu betreiben. Es wurde auch in Frage gestellt, ob eine Straßenumbenennung den Antisemitismus in Deutsch- land wirksam bekämpfen hilft. Stellungnahme der Verwaltung zu e): Da es sich hier um eine Meinungsäußerung handelt, wird seitens der Verwaltung hierzu nicht Stellung genommen.Seite 7 von 20 Seite 8 Gemäß § 4 Absatz 2 StrWG NRW können Gemeinden die öffentlichen Straßen mit einem Namen bezeichnen oder nummerieren; diese Regelung beinhaltet auch Straßenumbenennungen. Sowohl bei Benennungen als auch bei Umbe- nennungen handelt es sich um eine Ermessensentscheidung der Gemeinde, wobei die für eine Umbenennung vorliegenden Gründe mit den gegen eine sol- che Maßnahme sprechenden Aspekte abzuwägen sind. Dabei ist die Gemein- de verpflichtet, die sich aus der Änderung ergebenden nachteiligen Folgen für die Anliegerschaft in die Ermessensentscheidung einzubeziehen (vgl. OVG NRW, Beschl. v. 29. Oktober 2007 – 15 B 1517/07, DÖV 2008, 297; hieran anschließend VG Köln, Urt. v. 9. Februar 2017 – 20 K 7476/15 –, Rn. 26 ff., juris). Somit sind die den Betroffenen entstehenden Nachteile zu ermitteln, was durch die Anhörung bereits umgesetzt wurde. Anlage/n 1 2025-06-17 Prüfgutachten Schmidtbonn (öffentlich)Seite 8 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 1 Prüfgutachten zu Wilhelm Schmidtbonn im Rahmen einer möglichen Umbenennung der Schmidtbonnstraße in Bonn Straßen-/Platzname: Schmidtbonnstraße Datum der Benennung: Beschluss vom 03.12.1959 Begründung der Benennung: „Unter Bezug auf eine im Ältestenrat am 11.2.1957 gegebene Anregung wird als Strassenbe- nennung ‚Schmidtbonnstrasse‘ vorgeschlagen. Wilhelm Schmidtbonn: Künstlername, unter dem der am 6.2.1876 in Bonn geborene, am 3.7.1952 in Bad Godesberg verstorbene Schrift- steller Wilhelm Schmidt, insbesondere durch seinen Heimatroman ‘Der dreieckige Marktplatz‘, bekannt wurde.“1 Querverbindungen/Zeitgleiche Benennungen in Bonn: Im Jahr der Benennung der Schmidtbonnstraße 1959 wurden insgesamt 35 Straßen in Bonn benannt. Drei Straßen wurden dabei nach Malern und Künstlern sowie zwei Universalgelehr- ten (Nikolaus Kopernikus und Galileo Galilei) der Renaissancezeit benannt. Dieser Kategorie der Künstler lässt sich die Benennung nach Wilhelm Schmidtbonn zuordnen, wobei jener einen zusätzlichen Bonn-Bezug aufweist. Ein weiterer Teil wurde nach Personen, die sich im Sozial- und Gesundheitswesen engagiert haben, sowie nach ehemals preußischen, heute polnischen Städten, benannt. Der weitaus größte Teil von Straßenbenennungen in dem Jahr kann Tier-, Gewächs- sowie ortsbezogenen geographischen Namen zugeordnet werden.2 Name, Titel, Lebensdaten, Beruf oder Amt Wilhelm Schmidt, Künstlername: Schmidtbonn, * 06.02.1876 in Bonn, ✝ 03.07.1952 in Bad Godesberg, deutscher Schriftsteller und Dramatiker. Kurzbiografie Wilhelm Schmidtbonn wurde im Jahr 1876 in Bonn geboren und war dem Rheinland zeitlebens vor allem in seiner Arbeit als Dramaturg und Schriftsteller verbunden. 1896 veröffentlichte er sein erstes Theaterstück „Thomas, ein Lied“. Zwischen 1897 und 1899 studierte er in Bonn, Göttingen, Berlin und Zürich. Im Jahr 1899 absolvierte er seinen Militärdienst in München. 1901 erlebte sein Stück „Mutter Landstraße. Das Ende einer Jugend“ seine Uraufführung in Dresden, welches ihm schließlich 1904 regionale Bekanntheit verschaffte. Es folgten weitere literarische Geschichten, in denen der Rhein einen besonderen Stellenwert einnahm. 1 Stadtarchiv Bonn, N 60 / 31. 2 Straßenverzeichnis der Bundesstadt Bonn, URL: https://stadtplan.bonn.de/cms/cms.pl?set=3_22_0_0, (zuletzt abgerufen am: 21.05.2025).Seite 9 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 2 Am 29. März 1905 heiratete Schmidtbonn Elisabeth Treuer. Zwischen 1906 und 1908 war er als Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus tätig, unter anderem unter Louise Dumont und Gustav Lindemann. Zudem war er Herausgeber der Wochenschrift „Masken“ und Kritiker für das Berliner Tagesblatt. 1906 veröffentlichte er den Roman „Der Heilsbringer“ sowie das Drama „Der Graf von Gleichen“, das am 3. Februar 1908 im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Ab 1908 lebte Schmidtbonn am Tegernsee. Im selben Jahr verhalf ihm die Inszenierung seines Dramas „Der Graf von Gleichen“ in den Berliner Kammerspielen zu überregionaler Bekannt- heit. Während des Ersten Weltkriegs, ab 1915, arbeitete er als Kriegsberichterstatter für das Berliner Tageblatt im „Großen Hauptquartier“ in Spa und verfasste das Werk „Menschen und Städte im Krieg“. 1917 wurde er zum Kulturattaché an der deutschen Gesandtschaft in der Schweiz ernannt.1926 trat Schmidtbonn dem „Bund Rheinischer Dichter“ bei. Zwischen 1928 und 1939 lebte Schmidtbonn krankheitsbedingt in Ascona in der Schweiz. 1935 veröffentlichte er die Werke „Der dreieckige Marktplatz“ und „An einem Strom geboren“. Zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur erhielt er am 6. Februar 1936 die Ehrendoktor- würde der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 1939 zog er nach Bad Godes- berg um. 1941 wurde ihm der Rheinische Literaturpreis verliehen. Nach dem Krieg, am 10. November 1947, erhielt er mit seiner Entnazifizierungsakte die Einstufung in Kategorie V (Ent- lastet). 1949 wurde er in die Literaturklasse der neu gegründeten Akademie der Wissenschaf- ten und der Literatur Mainz aufgenommen. Wilhelm Schmidtbonn verstarb am 3. Juli 1952 in Bad Godesberg.3 Partei- und Organisationszugehörigkeiten: ▪ 1938 bis 1945: NSDAP ▪ 1941 bis 1945: NS-Volkswohlfahrt (NSV) ▪ 1939 bis 1945: Reichskulturkammer und Reichsschrifttumskammer ▪ 1926 bis zum Tod 1952: Akademie der Künste, Sektion für Dichtkunst4 Ehrungen mit Bezug zu Bonn: 1936 Am 6. Februar Verleihung der Ehrendoktorwürde der Rheinischen Friedrich-Wil- helms-Universität Bonn 1941 Am 7. Dezember Verleihung des Rheinischen Literaturpreises in Köln 1943 Am 18. Oktober Verleihung der „Beethoven-Medaille“ anlässlich der 700-jähri- gen Wiederkehr der Bestätigung der Stadtrechte Bonns 3 Metzger, Paul; Wolf, Irmgard: Wilhelm Schmidtbonn und August Macke. Die Faszination des neuen Thea- ters (August Macke Haus e.V. (Hrsg.)), (Schriftenreihe Verein August Macke Haus Bonn, Nr. 12), Bonn 1994, S. 16f. 4 Vgl. Landesarchiv NRW – Abteilung Rheinland, NW 1049 / 18775, URL: https://www.archive.nrw.de/ar- chivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_4569e983-57cd-4426-aa18-92dd626cc08f (zuletzt abgeru- fen am: 21.05.2025).Seite 10 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 3 Einbettung in den historischen Kontext / Nationalsozialismus / Antisemitismus: Schmidtbonns Bedeutung als Dichter und Literat für Deutschland, insbesondere das Rhein- land, liegt in der Fülle der Romane und Theaterstücke, die der Bonner Dichter verfasste. Die Werke „Der dreieckige Marktplatz“ (1935) sowie „An einem Strom geboren. Ein Lebensbuch“ (1935) zeigen besonders deutlich seine Heimatverbundenheit zu Bonn. Letztere findet darüber hinaus in seinem Nachnamen Ausdruck, den er um den Zusatz „bonn“ aus Liebe zu seiner Heimat ergänzte. Insgesamt zeichnen sich seine Werke besonders durch patriotische, jedoch nicht nationalsozialistische Züge aus, in denen stets das Menschliche beschrieben und dem Verhältnis von Menschen und Natur Ausdruck verliehen wird. In seinem Theaterstück „1914 – Ein Kriegsvorspiel“ von 1914 beschrieb er das „neidische[…] England“ als „Urfeind“, von dem nicht abgelassen werde, bis es erwürgt sei und gab somit seiner nationalistischen Kriegsbe- geisterung Ausdruck.5 Als das deutsche Kaiserreich im August 1914 seine Mobilmachung ver- kündete, sorgten die Vorstellung, in einen schnell endenden Verteidigungskrieg zu ziehen und die zahlreichen Propagandaartikel, die gegen die ausländischen ‚Feinde‘ hetzten, für eine identitätsstiftende nationalistische Stimmung innerhalb der Bevölkerung. In seinem Kriegsbe- richt von der Front im Ersten Weltkrieg „Menschen und Städte im Krieg“ von 1915, schilderte er jedoch ein empathisches Menschenbild gegenüber den von Krieg Betroffenen,6 in dem die Literaturwissenschaftlerin Gertrude Cepl-Kaufmann „[…] Schmidtbonns mangelndes Interesse an politischen Strukturen“ erkenne.7 Im Vorfeld der nationalsozialistischen Terrorherrschaft pflegte Schmidtbonn eine Freundschaft zu der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler und war Mitglied im Ehrenausschuss für die Errichtung eines Denkmals für den jüdischen Dichter Heinrich Heine 1928.8 Dies und der As- pekt, dass Schmidtbonns Verleger jüdischen Glaubens waren und seine Stücke zur Zeit des Nationalsozialismus wenig bis gar nicht aufgeführt wurden, veranlassen auch Helmut Heyer in seiner 2002 erschienenen Monografie zu der Aussage, dass Schmidtbonn „ein Unpolitischer“ gewesen sei.9 Hervorzuheben ist hierbei jedoch, dass sowohl Heyer als auch der ehemalige Pressesprecher der Bundesstadt Bonn, Paul Zurnieden, die Verleihungen, die Schmidtbonn während des Nationalsozialismus erhielt, nicht kontextualisieren und die nationalsozialistische Vereinnahmung somit außer Acht lassen.10 Cepl-Kaufmanns Ausführungen beinhalten diesbe- züglich einen ebenfalls zu kurzen und wenig ausführlichen Abschnitt. Hingegen kommt Pia Heckes in ihrem 2002 veröffentlichtem Werk zu dem gegenteiligen Urteil, dass die Verbindung „Bund Rheinischer Dichter“ eine durch und durch politisch orientierte Vereinigung war, derer 5 Vgl. Schmidtbonn, Wilhelm: 1914 – Ein Kriegsvorspiel für die Bühne, in: Das literarische Echo, Nr. 17, 1914, S. 151-158, S.154. 6 Vgl. Schmidtbonn, Wilhelm: Menschen und Städte im Kriege. Fahrten aus dem Großen Hauptquartier an die Aisne, an die Küste, in die belgischen Städte, 2. Auflage, Berlin 1915. 7 Cepl-Kaufmann, Gertrude: Wilhelm Schmidtbonn (1876-1952), in: Kortländer, Bernd (Hrsg.): Literatur von nebenan. 60 Portraits von Autoren aus dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen, Bielefeld 1995, S. 311-317, hier S. 312. 8 Vgl. Postkarte Schmidtbonns an die Preußische Akademie der Dichtung vom 9.11.1928, Preußische Aka- demie der Künste PrAdK 0809, Blatt 69. 9 Vgl. Heyer, Helmut: Kultur in Bonn im Dritten Reich. Mit einem Beitrag von Karl Gutzmer (Veröffentlichun- gen des Stadtarchivs Bonn, Band 62), Bonn 2002, S. 257. 10 Vgl. Zurnieden, Paul: Bonner Geschichte(n). Begebenheiten – Anekdoten – Lebensbilder aus Bonn und dem Rheinland. Von 1984 bis 1993 zu Gedenktagen geschrieben und im General-Anzeiger veröffentlicht, Bonn 1994, S.137-140.Seite 11 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 4 auch Schmidtbonn angehörte.11 Mit dem 2018 veröffentlichten Aufsatz von Ellen Volz arbeitet die Autorin die bisherige Lücke im Forschungsstand auf, indem sie Schmidtbonn im Spiegel des Nationalsozialismus auf Grundlage entscheidender Quellen, die zur Zeit des Nationalso- zialismus entstanden, neu beurteilt und dabei zentrale antisemitische Aussagen Schmidtbonns anführt.12 Unter Berücksichtigung des bisherigen Forschungsstandes sowie unter Hinzuzie- hung dieser zentralen Quellen findet eine Neubeurteilung Schmidtbonns politischer Gesinnung statt. Während der Nationalsozialistischen Herrschaft wurden Institutionen, Vereine und Organisati- onen gleichgeschaltet und vereinnahmt. Repressionen durch das NS-Regime und das damit einhergehende Drängen zu Loyalitätsbekundungen waren keine Einzelfälle. Die Preußische Akademie der Künste, deren Sektion für Dichtkunst Schmidtbonn seit 1926 angehörte, unter- zeichnete 1933, trotz vorheriger interner Auseinandersetzungen diesbezüglich, eine Loyali- tätsbekundung gegenüber dem NS-Regime. Dazu wurde am 14. März 1933 eine Erklärung an alle Mitglieder verschickt. Die Erklärung hatte folgenden Inhalt: „Sind Sie bereit, unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage weiter Ihre Person der Preußischen Akademie der Künste zur Verfügung zu stellen? Eine Bejahung dieser Frage schließt die öffentliche politische Betätigung gegen die Regierung aus und verpflichtet Sie zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage.“13 Obgleich der Möglichkeit aus der Akademie auszutreten, unterzeichnete Wilhelm Schmidtbonn die o.g. Erklärung.14 Einer amtlichen Presseerklärung der Akademie vom 9. Juni 1933 ist die innere politische Haltung und völkische Gesinnung der Akademie der Dichtung zu entnehmen: „Aus dem betont außervölkischen Zustande ihrer [der Akademie] früheren Zusammensetzung ist sie zu einem volksbewußten und artgerechten Lebenskörper umgebaut worden. Daher darf und will sie auch in ihrer Entwicklung der lebendigen Entwicklung des Reiches Ausdruck verleihen […].“15 Darüber hinaus rief die Deutsche Akademie der Dichtung am 30. Oktober 1933 dazu auf, „[..] daß jeder Deutsche am 12. November durch sein Ja die gerade Politik des Volkskanzlers Adolf Hitler stärken wird.“16 Der direkte politische Aufruf zum Austritt aus dem Volksbund wurde dabei von zahlreichen Mitgliedern, darunter Wilhelm Schmidtbonn, unterzeichnet. Helmut Heyer be- zeichnet die Loyalitätsbekundung deutscher Schriftsteller 1933 gegenüber Adolf Hitler als zu dieser Zeit „zum guten Ton“ dazugehörig und verfehlt eine kritische Einordnung.17 Durch sei- nen aktiv gewählten Verbleib in der Akademie und ferner durch die Unterzeichnung der o.g. 11 Vgl. Heckes, Pia: „Über die Notwendigkeit die Welt sozial zu erneuern…“ Wilhelm Schmidtbonn (1876- 1952) und der „Magier von Köln“ – die Albertuslegende, ein literarisches Vermächtnis, in: Bonner Ge- schichtsblätter Band 55/56, Bonn 2002, S. 234-256, S. 237ff. 12 Vgl. Volz, Ellen: Der Dichter Wilhelm Schmidtbonn lebte 14 Jahre in Bad Godesberg, in: Godesberger Heimatblätter: 1869-2019. 150 Jahre Einsatz für Bad Godesberg, Band 56, Bonn 2018, S: 97-112. 13 II. Geforderte Loyalitätserklärung vom 14. März 1933, in: Brenner, Hildegard: Ende einer bürgerlichen Kunst-Institution. Die politische Formierung der Preußischen Akademie der Künste ab 1933 (Schriften- reihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Nr. 24), Stuttgart 1972, S. 60. 14 Vgl. Anhang: Die Alten und Neuen Ordentlichen Mitglieder der Akademie, in: Ebd., S. 165. 15 Vgl. Anhang Nr. 62, in: Ebd., S. 86. 16 Anhang Nr. 83, in: Ebd., S. 86. 17 Vgl. Heyer, Helmut: Kultur in Bonn im Dritten Reich. Mit einem Beitrag von Karl Gutzmer (Veröffentli- chungen des Stadtarchivs Bonn, Band 62), Bonn 2002, S. 262.Seite 12 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 5 Bekundung, unterstützte der Dichter dennoch aktiv die Verbreitung nationalsozialistischen Ge- dankenguts. Schmidtbonns Mitgliedschaft in der Akademie der Dichtung muss jedoch vor seinen persönli- chen und finanziellen Umständen betrachtet werden. Der Schriftsteller erkrankte im Laufe der 1920er-Jahre schwer, weshalb er ab 1928 bis 1939 das mildere Klima der Schweiz aufsuchte und sich in Ascona niederließ. Aufgrund seiner schweren Erkrankung und der Tatsache, dass seine Literaturwerke und Theaterstücke wenig bis gar keine Einnahmen brachten, war er auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Dazu erhielt er ab 1929 für mindestens 14 Jahre den Ehrensold der Akademie der Dichtung sowie ab 1934 zusätzlich eine monatliche Werkhilfe.18 Zu Ehren seines 60. Geburtstag erhielt er eine Ehrengabe von 3000 Reichsmark.19 In einem Schreiben an die Akademie der Dichtung 1934 beklagte sich der Schriftsteller dar- über, dass wenige Bühnen in Deutschland seine Stücke aufführen und äußerte zugleich seinen „seelische[n] Schmerz“ darüber, dass hingegen ein jüdisches Theater Interesse an einem sei- ner Stücke zeige.20 Weiter beschrieb er seinen Aufenthalt in Ascona, als ein Dasein in einem „Emigrantenort“, einer „feindlichen Welt“, wobei er „[…] wenigstens aus der Ferne am Aufbau unseres deutschen Vaterlandes mitzuarbeiten […]“ versuche.21 Auch dem Aufruf der Akademie an ihre Mitglieder, sich an der Mitarbeit an der „Bewegung“, der amtlichen Zeitung des NSD Studentenbundes, zu beteiligen, kam Schmidtbonn nach, verwies jedoch auf seine einge- schränkten Möglichkeiten angesichts seiner Erkrankung.22 Inwiefern der Schriftsteller die „Be- wegung“ tatsächlich unterstützte, ist nicht bekannt. Weiter betonte er in einem Antragsschrei- ben für die Weiterauszahlung des Ehrensoldes 1937, dass er trotz der geographischen Ent- fernung seinem „Volk verbunden geblieben“ sei, was seine Mitgliedschaft in der NSDAP Orts- gruppe in Lugano bezeuge.23 Die angeführten Briefe wurden allesamt mit „deutschem Gruß“ oder „Heil Hitler“ unterzeichnet. Schmidtbonns Äußerungen in den Schreiben standen vor dem Hintergrund seiner finanziellen Abhängigkeit von der Akademie, sodass die Inhalte klar von der Intention gelenkt waren, ihre Empfänger von der eigenen politischen Zugehörigkeit und Loyalität gegenüber dem NS-Regime zu überzeugen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis könnte Einfluss auf den Wahrheitsgehalt der Aussagen bezüglich der politischen Gesinnung gehabt und Schmidtbonns tatsächliche politische Gesinnung verschleiert haben. Nichtsdestotrotz zählte der Dichter somit zu den finanziellen Nutznießern des NS-Regimes. Briefkorrespondenzen aus dem persönlichen Umfeld Schmidtbonns, die kein finanzielles Ab- hängigkeitsverhältnis aufweisen, geben hingegen einen ungefilterten Aufschluss über die po- litische Gesinnung des Dichters und zeugen von klar antisemitischen Aussagen und national- sozialistischem Gedankengut. 18 Vgl. Archiv der Preußischen Akademie der Künste, PrAdK 0855 Blatt 58f., PrAdK 1104 Blätter 193-196, PrAdK 0856, Blätter 149-152, PrAdK 0831 Blätter 10-18; Nachlass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1704. 19 Vgl. Archiv der Preußischen Akademie der Künste, PrAdK 0831 Blätter 1-3, 10-18, 66, 70-72, 99-110, 118- 126. 20 S. Brief von Wilhelm Schmidtbonn an Herrn Beumelburg vom 20. April 1934. Preußische Akademie der Künste PrAdK 0831, Blätter 123ff. 21 S. Brief von Wilhelm Schmidtbonn an Herrn Beumelburg vom 20. April 1934. Preußische Akademie der Künste PrAdK 0831, Blätter 123ff. 22 Vgl. Antwortschreiben von Schmidtbonn an die Preußische Akademie der Dichtung von 1935, Preußi- sche Akademie der Künste, PrAdK 1114, Blatt 62. 23 Vgl. Brief von Wilhelm Schmidtbonn an den Herrn Oberfinanzpräsidenten Köln vom 6.10.1937. Nach- lass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1704.Seite 13 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 6 In einem Brief an seinen Neffen Willi von 1933 beschwerte Schmidtbonn sich über „[…] zahlreiche jüdische Millionäre […], die sich hier [Ascona] wahre Schlösser gebaut haben von deutschem Geld u[nd] den ganzen Ort verdorben, verteuert und ekelhaft gemacht. Nun kommen noch eine ganze Anzahl jüdischer Emigranten dazu, die alle nichts zu tun haben als […] über Deutschland zu schimpfen. Ich habe schon viele Zusammenstösse gehabt dadurch, dass ich Deutschland verteidigte. […] Wir hörten alle Hitler-Reden u[nd] haben oft die Tränen in den Augen vor Heimweh. Auch wir glauben an den National-Sozialismus, und ich habe mich ja schon durch mein Verbleiben in der Akademie und meinen Eintritt in den Reichsausschuss für Volkschauspiele […] dazu bekannt. Über einzelnes muss man hinwegsehen, des grossen Zieles wegen.“24 Die hier von Schmidtbonn niedergeschriebenen Aussagen zeugen von Antisemitismus, völki- schem Gedankengut und nationalsozialistischer Ideologie. Schmidtbonns private Briefkorres- pondenzen weisen zwar – im Gegensatz zu den amtlichen – keine Unterzeichnung mit „Heil Hitler“ oder „deutschem Gruß“ auf, jedoch zeigen die Inhalte eine klare Übernahme von natio- nalsozialistischem Gedankengut und völkischen Ideen.25 Dies wird untermauert, indem der o.g. Brief, zwar in seiner Ausführung und Intensivität als Einzelstück angesehen werden muss, das Gedankengut jedoch in weiteren Briefen in einzelnen Zeilen zum Ausdruck kommt.26 Be- sonders deutlich äußerte sich Schmidtbonn in einem Brief vom September 1941, in dem er seine Freude darüber mitteilte, endlich wieder „[…] ein Glied unseres herrlich geschlossenen Volkes in seinem Lebens- und Befreiungskampfe […]“ zu sein, nachdem er wieder von der Schweiz nach Bonn umgezogen war.27 Der Auszeichnung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, die Schmidtbonn am 6. Februar 1936 die Ehrendoktorwürde verlieh, sowie der Verleihung der Beethoven-Medaille am 18. Oktober 1943 verweigerte er sich nicht.28 Die Verleihung des Rheinischen Literaturpreises an Wilhelm Schmidtbonn am 7. Dezember 1941 in Köln stand ebenfalls im Licht der politischen Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten. Die Tatsache, dass der Dichter diese Auszeich- nungen ohne Widerspruch entgegennahm, lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass er sich in seiner Heimat lange nicht anerkannt sah und nach Ansehen und Würdigung strebte.29 Die Verleihung des Literaturpreises fand im Beisein von „Ehrengästen aus Staat, Partei, Wehr- macht […]“30 statt, während der Landeshauptmann der Rheinischen Provinz, Heinz Haake, den Preis überreichte. In seiner Rede betonte Haake den Auftrag und die Verantwortung deut- scher Dichter „[…] bei der Gestaltung des neuen Reiches aller Deutschen […]“ und hebte 24 Brief von Schmidtbonn an seinen Neffen Willi vom 22.11.1933. Nachlass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1770-137 und SN 147 / 1770-138. 25 Die Angabe von Ellen Volz, bei ihren Recherchen lediglich drei amtliche Briefe im Stadtarchiv Bonn mit der Unterzeichnung „Heil Hitler“ ausfindig gemacht zu haben, kann bestätigt werden. Weitere Quellen aus dem Bestand des Archivs der Preußischen Akademie weißen weitere Unterzeichnungen Schmidtbonns in dieser Weise auf, wobei es sich ebenfalls um amtliche Briefe handelt. Vgl. Volz, Ellen: Der Dichter Wilhelm Schmidtbonn lebte 14 Jahre in Bad Godesberg, in: Godesberger Heimatblätter: 1869-2019. 50 Jahre Ein- satz für Bad Godesberg, Band 56, Bonn 2018, S. 97-112, hier S. 107; Archiv der Preußischen Akademie der Künste, PrAdK 0855 Blatt 58f., PrAdK 0856 Blatt 149. 26 Vgl. Nachlass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1770-140, SN 147 / 1538-1, SN 147 / 1494-1. 27 Brief von Schmidtbonn an Leonhardt Adelt vom 15.9.1941. Nachlass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1494-1. 28 Vgl. Archiv der Preußischen Akademie der Dichtung, PrAdK 1114 Blatt 4. 29 Vgl. Nachlass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1770-138. 30 Kölnische Zeitung vom 8.12.1941: „Der Rheinische Literaturpreis 1941. Verleihung an den Dichter Wil- helm Schmidtbonn.“, S.1, URL: https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/titleinfo/11779764 (zuletzt abgeru- fen am: 21.05.2025).Seite 14 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 7 darüber hinaus die Treue Schmidtbonns gegenüber dem „deutschen Volke“ hervor.31 Die An- sprache des Dichters war geprägt von nationalistischen und völkischen Überhöhungen bis hin zur Kriegsverherrlichung im Sinne eines „Großdeutschlands“ als Ziel. Den Diktator Adolf Hitler beschrieb er als „[…] das Sinnbild des deutschen Menschen […]: kühn, willensstark, gütig.“32 Durch die Entgegennahme des Preises und die Ausführungen in seiner Rede, ließ sich Schmidtbonn von den Nationalsozialisten vereinnahmen, stellte sich als Dichter in die Dienste völkischer Ideen – auch wenn diese in seinen Werken keinen Raum einnehmen – und stand zumindest bei dieser öffentlichen Veranstaltung im Jahr 1941 für nationalsozialistische Ideale ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs formulierten die Alliierten auf der Potsdamer Konfe- renz das zentrale Anliegen der Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft. Der Prozess sah eine umfängliche Beseitigung von nationalsozialistischen Strukturen innerhalb Deutschlands vor, um schließlich eine demokratische Neuordnung zu fördern. Das Vorgehen und die Strenge des Vorhabens variierte dabei in den unterschiedlichen Besatzungszonen. In den westlichen Besatzungszonen wurden Personen in fünf unterschiedliche Kategorien eingeteilt – Haupt- schuldige (I), Belastete (II), Minderbelastete (III), Mitläufer (IV) und Entlastete (V). Betroffene füllten einen kategorisierten Fragebogen aus und nach anschließender Beurteilung und Prü- fung wurde ihnen ein Entnazifizierungszeugnis ausgestellt. Am 11. Mai 1951 markierte die Verabschiedung des Gesetzes „zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen“ (131-er Gesetz) vom Bundestag, das Ende der Entnazi- fizierung in Westdeutschland. Am 6. Oktober 1952 wurde das „Gesetz über die staatsbürger- lichen Rechte der ehemaligen Offiziere der faschistischen Wehrmacht und der ehemaligen Mitglieder und der Anhänger der Nazipartei“ verabschiedet, wodurch restliche gesetzliche Be- nachteiligungen von NS-Belasteten aufgehoben wurden.33 Die Entnazifizierung war somit von offizieller Seite beendet, doch konnten sich viele ehemalige Nationalsozialisten der Bestrafung durch beschönigte Entlastungszeugnisse, auch genannt „Persilscheine“, reinwaschen oder durch die Verfolgung von Formalitäten ihrer Verantwortung entziehen. Die Aussagekraft von Entnazifizierungszeugnissen sollte demnach stets kritisch hinterfragt werden. Zudem wurde die bundesdeutsche Erinnerungskultur von den Problemen der Nachkriegszeit (Hungersnot, Armut, Verlust, Mangel) und dem daraus erwachsenen Inte- resse an einem wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau geprägt, wodurch nach Ab- schluss der offiziellen Entnazifizierung, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in den 1950er-Jahren in den Hintergrund geriet. Ein kollektives Schweigen, Schuld- und Verant- wortungsabweisung bestimmten die gesellschaftliche Erinnerung an den Nationalsozialismus. Erst mit Beginn der 1960er-Jahre führte die Auseinandersetzung der nächsten Generation zu neuen Perspektiven und Kritik an dem bisherigen Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Die gesellschaftliche Aufarbeitung blieb jedoch weiterhin mit erheblichen Herausforderungen ver- bunden, insbesondere im Hinblick auf die Integration ehemaliger Nationalsozialisten in 31 Kölnische Zeitung vom 8.12.1941: „Der Rheinische Literaturpreis 1941. Verleihung an den Dichter Wil- helm Schmidtbonn.“, S.1, URL: https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/titleinfo/11779764 (zuletzt abgeru- fen am: 21.05.2025). 32 Kölnische Zeitung vom 8.12.1941: „Der Rheinische Literaturpreis 1941. Verleihung an den Dichter Wil- helm Schmidtbonn.“, S. 3, URL: https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/titleinfo/11779764 (zuletzt abgeru- fen am: 21.05.2025). 33 Vgl. AlliiertenMuseum, URL: https://www.alliiertenmuseum.de/thema/entnazifizierung/#Chronologie (zuletzt abgerufen am: 16.5.2025).Seite 15 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 8 funktionalen Positionen des Staatsapparates sowie der Anerkennung von weiteren Opfergrup- pen (Sinti*zze, Rom*nja, Homosexuelle, ‚Asoziale‘, ‚Berufsverbrecher‘ und Deserteure).34 Am 10. November 1947 stellte der Entnazifizierungs-Hauptausschuss in Köln, unterzeichnet vom Kölner Oberbürgermeister, ein Entnazifizierungszeugnis für Wilhelm Schmidtbonn aus. Im Dokument wurde der Schriftsteller als „nur nominelles Parteimitglied“ der Kategorie V (Ent- lastete) zugeordnet. Gegen seine Anstellung als „Freier Mitarbeiter“ beim Nordwestdeutschen Rundfunk Köln wurden keine Bedenken geäußert, wohingegen die Empfehlung ausgespro- chen wurde, von einer Festanstellung abzusehen. Der Vorbehalt gründete auf den oben an- geführten nationalsozialistischen Parteimitgliedschaften Schmidtbonns.35 Offiziell gilt Schmidtbonn somit als entlastet, jedoch wurde bereits die notwendige kritische Betrachtung dieser Quelle betont. In einem Schreiben vom März 1948 an Herrn Prof. Dr. Korn- feld, Landesverwaltungsrat Düsseldorf, äußerte Schmidtbonn seine Dankbarkeit für das Urteil des Entnazifizierungszeugnis und sein Bedauern darüber, „[…] dass vor allem Deutsche ge- gen Deutsche nun mit Rachegefühlen nicht hervortreten sollen, wie es leider mancherorts zu sein scheint. Das ist das Erschreckendste an allem.“36 Diese Aussage lässt darauf schließen, dass die Gedankenwelt des Dichters ganz dem zeitgenössischen Aufarbeitungsstand ent- sprach – Schuldabweisung und Verdrängung. Gerade Letzteres wird durch den zweiten Satz des Zitates deutlich, der die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost und deutsche Brüderlichkeit als besonders wichtig auszeichnet. Der Beschluss der Benennung der Schmidtbonnstraße vom 3. Dezember 1959 fiel somit in eine Zeit, in der die gesellschaftliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus von Verdrängung und Schuldabweisung einerseits blockiert war und andererseits durch aufkeimende linksge- richtete, gesellschaftskritische Perspektiven der neuen Generation geprägt wurde. Doch die Werte einer Gesellschaft und deren Perspektive auf die Vergangenheit ändern sich stetig. So- dass sich der erinnerungskulturelle Umgang mit der NS-Zeit in den darauffolgenden Jahren im Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen wandelte. Das gegenwärtige kollek- tive Erinnern fordert Verantwortung der Bevölkerung gegenüber ihrer Vergangenheit ein. Stra- ßennamen sind Teil der öffentlichen Erinnerungskultur und setzen aktiv ein Zeichen dafür, an welche Werte erinnert werden soll. Die Benennung öffentlicher Straßen und Plätze nach Per- sonen stellen eine besondere Ehrung dar. Letztere sollte jedoch nicht auf Grundlage einzelner ehrwürdiger Leistungen einer Person, sondern vielmehr auf Basis einer Gesamtbetrachtung der Lebensweise erfolgen. Zentral ist dabei die Vorbildfunktion der zu ehrenden Person für die Bürger*innen, im Sinne der Repräsentation von demokratischen Werten. Eine Neubewertung und Überprüfung der Straßenbenennung nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen kennzeichnet somit einen Akt von Verantwortungsübernahme und entspricht folglich den For- derungen der gegenwärtigen Erinnerungskultur. 34 Vgl. Nach Hitler. Die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, in: museumsmagazin 1 (2024) (Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland), S. 8f., URL: https://www.hdg.de/fileadmin/bilder/12-Museumsmagazin/Museumsmagazin_1-2024.pdf (zuletzt abge- rufen am: 16.5.2025); AlliiertenMuseum, URL: https://www.alliiertenmuseum.de/thema/entnazifizie- rung/#Chronologie (zuletzt abgerufen am: 16.5.2025); Görtemaker, Manfred; Safferling, Christoph: Die Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit, 2. Auflage, München 2016, S. 82f. 35 Vgl. Landesarchiv NRW – Abteilung Rheinland, NW 1049 / 18775, URL: https://www.archive.nrw.de/ar- chivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_4569e983-57cd-4426-aa18-92dd626cc08f (zuletzt abgeru- fen am: 21.05.2025). 36 Brief von Schmidtbonn an Herrn Prof. Dr. Kornfeld vom 1.3.1948. Nachlass Schmidtbonn Stadtarchiv Bonn, SN 147 / 1660-3.Seite 16 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 9 Referenzfall in anderen Städten und Empfehlung: Aufgrund dessen Nähe zum NS-Regime und zunehmender Kritik an Werten und Haltung von Schmidtbonn wurde in Düsseldorf die Wilhelm-Schmidtbonn-Straße im Jahr 2024 umbe- nannt.37 Der Bundesstadt Bonn kommt, aufgrund ihrer internationalen Bedeutung als UNO- Stadt und Wiege des Grundgesetzes, eine besondere Verantwortung der Repräsentation und Würdigung von demokratischen Werten wie Toleranz, Offenheit und Menschlichkeit zu. Da bei der Person Schmidtbonn anhand der oben erläuterten Quellenlage ein Konflikt mit eben diesen Werten besteht und nicht nur nach seinen beachtenswerten schriftstellerischen Leistungen geurteilt werden sollte, wird eine Umbenennung der Schmidtbonnstraße in Bonn empfohlen. Sollte die Bezirksvertretung sich gegen eine Umbenennung entscheiden, ist eine Kontextuali- sierung wünschenswert. 37 Vgl. Abschlussbericht des Beirats zur Überprüfung Düsseldorfer Straßen- und Platzbenennungen vom 13.1.2020, URL: https://www.duesseldorf.de/fileadmin/Amt41-203/stadtarchiv/aktuell/200123Abschluss- bericht_Strassennamen.pdf (zuletzt abgerufen am: 21.5.2025).Seite 17 von 20 Bundesstadt Bonn/ Amt 41 Juni 2025 10 Literaturverzeichnis: Abschlussbericht des Beirats zur Überprüfung Düsseldorfer Straßen- und Platzbenennungen vom 13.1.2020, URL: https://www.duesseldorf.de/fileadmin/Amt41-203/stadtarchiv/aktu- ell/200123Abschlussbericht_Strassennamen.pdf (zuletzt abgerufen am: 21.5.2025). AlliiertenMuseum, URL: https://www.alliiertenmuseum.de/thema/entnazifizierung/#Chronolo- gie (zuletzt abgerufen am: 16.5.2025). Brenner, Hildegard: Ende einer bürgerlichen Kunst-Institution. Die politische Formierung der Preußischen Akademie der Künste ab 1933, Stuttgart 1972. 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Werke Schmidtbonns: Wilhelm Schmidtbonn: 1914 – Ein Kriegsvorspiel für die Bühne, in: Das literarische Echo, Nr. 17, S. 151-158, 1914. Wilhelm Schmidtbonn: Der dreieckige Marktplatz, Berlin 1935, Wilhelm Schmidtbonn: An einem Strom geboren. Ein Lebensbild, Frankfurt 1935. Wilhelm Schmidtbonn: Die Flucht zu den Hilflosen. Die Geschichte dreier Hunde, Wien 1919. Wilhelm Schmidtbonn: Menschen und Städte im Krieg, Berlin 1915.Seite 20 von 20
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