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242285 · Mitteilungsvorlage

Sachbericht zum Projekt „New Placemaking“

Nummer
242285
Art
Mitteilungsvorlage
Veröffentlicht
11.01.2025
Letzte Änderung
02.11.2026
  • Alt-Godesberg Ortsteil· Bad Godesberg Hauptort
  • Rheinufer Straße· Mehlem, Bad Godesberg
  • Heerstraße Straße· Nordstadt, Bonn
  • Breite Straße Straße· Nordstadt, Bonn
  • Combahnstraße Straße· Beuel-Mitte, Beuel
  • Wolfstraße Straße· Nordstadt, Bonn
  • Münsterplatz Straße· Bonn-Zentrum, Bonn
  • Magdalenenstraße Straße· Endenich, Bonn
  • Michaelstraße Straße· Nordstadt, Bonn
  • Rosental Straße· Nordstadt, Bonn
  • Nordstadt Ortsteil· Bonn
  • Beuel-Mitte Ortsteil· Beuel
  • Kessenich Ortsteil· Bonn
  • Endenich Ortsteil· Bonn
  • Bonn Stadtbezirk
  • Beuel Stadtbezirk· Beuel-Mitte
  • Bad Godesberg Stadtbezirk· Alt-Godesberg
  1. Sitzung des Kulturausschusses 30.01.2025 Kenntnisnahme
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Mitteilungsvorlage
öffentlich
242285
Die Oberbürgermeisterin
Federführung:
41 Kulturamt
Dezernat:
Dez. IV
Sachbericht zum Projekt „New Placemaking“
Beratungsfolge
Kulturausschuss 30.01.2025 Kenntnisnahme
Mitteilung:
Unter dem Titel „New Placemaking“ fand 2023 ein vom Kulturamt aus Pro-
jektmitteln finanziertes Kooperationsprojekt statt, das Bonner Kulturinstitutio-
nen und -akteur*innen einschloss. Die Projektleitung und Evaluierung oblag
dem Bonner Dipl.-Geografen Darius Roncoszek, dessen Arbeitsschwerpunk-
te auf den Themen Transformationsdesign, Öffentlicher Raum, Intersektio-
nalität und Klimaanpassungsstrategien liegen. Der städtische Eigenanteil
belief sich auf 15.000 Euro.
Das Projekt setzte Impulse für die kulturelle Belebung der sogenannten
„Bönnschen Viertel“ (Innere Nordstadt und Combahnviertel) und nahm das
Ziel des gesamtstädtischen Projekts „Bönnschen Viertel“ vorweg: An den
durch nachhaltige Mobilität gewonnenen Plätzen in den beiden genannten
Quartieren Orte der Begegnung und der sozialen Teilhabe zu schaffen.
Für das Projekt wurde der Ansatz um die Methoden eines „Reallabors“ ge-
wählt, einer Form der Kooperation zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft
und der Kulturszene, bei der das gegenseitige Lernen in einem experimen-
tellen Umfeld im Vordergrund steht. Zunächst stand das Auskundschaften
von geeigneten Standorten für dezentrale sozio-ökologische Kultur- und
Kommunikationsräume innerhalb der beiden Modellquartiere im Fokus. Es
folgten unter anderem der Aufbau von sogenannten Freeboxen (nicht aus
Mitteln des Kulturamtes finanziert) und die kulturelle Belebung der beiden
Modellquartiere mit Kunstaktionen. Parallel hierzu fanden zwei Lehrveran-
staltungen der Universität Bonn (Geographisches Institut, Bereich Kultur-
geographie) und der Hochschule Niederrhein (Kulturpädagogik, B.A.-
Studiengang) statt – die Ergebnisse flossen in die Gesamtevaluation des
Projektes ein. Eine gekürzte Version des Sachberichts ist der Anlage zu
entnehmen.
Anlage/n
1 Sachbericht und Evaluation_New Placemaking 2023_Kurzversion (öffentlich)Seite 1 von 20
1
„New Placemaking“ (2023)
Sachbericht und Evaluation
1. Einleitung, Projektbeschreibung und Methodik
In einer Kooperation zwischen dem Kulturamt der Stadt Bonn sowie lokalen Kulturinstitutionen und
-akteur*innen wurden zukunftsweisende Impulse für die kulturelle Belebung der „Bönnschen Viertel“
mit Methoden sogenannter Reallabore gesetzt. Das Kooperationsprojekt begann mit ersten
Vorbereitungen im Dezember 2022 und wurde im Dezember 2023 abgeschlossen. Die Evaluation
entstand 2024. Bei dem Projekt wurde kontext- und akteursspezifisches Wissen über die
Gestaltungsmöglichkeiten nachhaltigkeitswirksamer Transformationsprozesse anhand
experimenteller Prozesse erprobt, weiterentwickelt und angewandt.
1.1 Ausgangslage
Mit dem Konzept „Bönnsche Viertel – Lebendige Räume für Menschen” hat die Stadtverwaltung
Bonn gemeinsam mit Bürger*innen Konzepte zur nachhaltigen Mobilität in Bonner Wohnquartieren
entwickelt. Die Innere Nordstadt und das Combahnviertel bildeten als Modellquartiere den
Startpunkt für einen breit angelegten zivilgesellschaftlichen Mitwirkungsprozess. Aufbauend und
eingebettet in bereits beschlossene und geplante Maßnahmen, wie die Parkraumstrategie oder den
Masterplan „Innere Stadt“, sollten so gemeinsam mit der Zivilbevölkerung Mobilitätskonzepte
entwickelt werden. Durch die Neugestaltung des ruhenden und fließenden Verkehrs sollten u.a. die
freiwerdenden Räume in den Vierteln aufgewertet werden. Ziel war es, schrittweise die Menschen in
den Vierteln von Durchgangsverkehr und Parkdruck zu entlasten, alternative Mobilitätsformen zu
stärken sowie mit dem gewonnenen Platz neue multifunktionale Möglichkeiten für Begegnung und
soziale Teilhabe zu schaffen. Hier setzte das Projekt „New Placemaking“ an.
1.2 „New“ Placemaking
Das Projekt „New Placemaking“ antizipierte Nutzungsmöglichkeiten, welche nach Erreichen der
Mobilitätswende entstehen könnten. Dafür sollte der neu gewonnene Raum inmitten unserer
vielgestaltigen Stadtgesellschaft neu gedacht, kulturell belebt und für die Bonner Bürger*innen,
vorrangig die Bewohner*innen der beiden Quartiere Combahnviertel sowie Innere Nordstadt, zu
einem Lebensraum voller Partizipationsmöglichkeiten werden. Das niedrigschwellig konzipierte und
in sich nachhaltig angelegte Projekt sollte durch experimentelle Ansätze neue Netzwerke in den
Quartieren ausbilden, einen Beitrag zum Abbau von Schwellenängsten schaffen, sozio-ökologische
Verhaltensweisen verstetigen, Akteur*innen empowern, sie motivieren neue Mobilitätskulturen zu
entwickeln und soziale Kohäsion schaffen. Damit sollten Bürger*innen zu Zukunftsgestalter*innen
ihrer Mitwelt werden und aktiv den Übergang zwischen unserer heutigen, nicht-nachhaltigen Form
von Gesellschaft, hin zu einer für alle Lebewesen nachhaltigen Form mitprägen. Ziel war die
langfristige, nachhaltige Verstetigung des Teilens von Ressourcen, Raum, Wissen, Erfahrungen und
Skills (unter anderem mit den Mitteln der Künste) anstatt das Setzen kurzfristiger Impulse.
1.2.1 Zum Begriff „Placemaking“
„Placemaking“ beschreibt einen interdisziplinären Ansatz, einen Ort gleichzeitig als kulturelles,
soziales, wirtschaftliches und ästhetisches Gefüge zu formen, der Bürger*innen aktiv und anhaltend
an seiner Gestaltung teilhaben lässt und die komplexen Anforderungen und Hintergründe einer
Stadtgesellschaft mitdenkt. Der Name des hier beschriebenen Projekts wurde mit dem Vorwort
„New“ versehen, da es sich bei diesem Vorhaben – anders als bei vielen anderen Placemaking-
Projekten in anderen Städten – um keine vordergründig ökonomische Zielorientierung handelt. Es
geht nicht um eine Stadterneuerungsmaßnahme oder die Schaffung attraktiver urbaner Räume, die
beispielsweise einen Einfluss auf die lokalen Immobilien- und Grundstückspreise haben sollen.
Ebenso handelt es sich nicht um einen Gestaltungsprozess zum Zwecke eines ästhetischSeite 2 von 20
2
ansprechenden Umfelds, der in der Lage ist, Einzelhandelsumsätze zu erhöhen oder das Interesse
von Unternehmen zur Ansiedlung auf einer Fläche zu wecken. Die sozialen, ökologischen und
kulturellen Aspekte standen bei „New Placemaking“ im Vordergrund.
1.3 Methodik
Bei der Konzeption dieses Projekts wurden Ansätze sogenannter Reallabore gewählt, einer neuen
Form der innovativen Kooperation zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und der Kulturszene, bei
der das gegenseitige Lernen in einem experimentellen Umfeld im Vordergrund steht. Reallabore sind
spezielle Experimentier- und Forschungsumgebungen, die dazu dienen, komplexe gesellschaftliche
Herausforderungen zu bewältigen, Innovationen voranzutreiben und nachhaltige Lösungen zu
entwickeln. Diese Labore sind interdisziplinär angelegt und ermöglichen es, in realen Lebenswelten
neue Ansätze, Ideen und Technologien zu testen, zu erproben und weiterzuentwickeln. Quartiere
sind dafür häufig räumliche Bezugsebenen von Reallaboren und Orte für Innovationsprozesse und
haben dabei besondere Potenziale: Sie sind als Untersuchungsraum für einen begleitenden
Forschungsprozess überschaubar. Soziale Prozesse und Effekte sind im Vergleich zur Gesamtstadt
leichter beobachtbar. Durch die räumliche und soziale Nähe von Akteur*innen und die konkreten
Raumbezüge von Innovationen kann hier Problemlösungskompetenz unmittelbar erprobt werden. In
Reallaboren auf Quartiersebene werden konkrete realweltliche Herausforderungen angegangen und
es erfolgt die Einbeziehung und Aktivierung der Bürger*innen mit dem Ziel, deren Alltagshandeln zu
verändern. Durch Initiativen, Förderprogramme und Stadtteilkonzepte sind konkrete
Handlungsmöglichkeiten auf dieser Ebene umsetzbar. Die in einem Quartier entwickelten Strukturen
und Lösungswege können auf andere Stadträume oder überregional ausstrahlen sowie neue
Kooperationen und Verfahrensweisen anstoßen, ohne allerdings fertige Blaupausen zu liefern. Die
Forschung zu innovativen sozialen und technologischen Ansätzen auf dieser lokalen Mikroebene
erfordert immer die Anerkennung bestehender sozialer und räumlicher, also spezifischer
Rahmenbedingungen und Strukturen. Die erprobten Lösungen sind daher nur unter Berücksichtigung
dieser unterschiedlichen Bedingungen zu sehen. Kritische Einordnungen von Modellprojekten zeigen,
dass nach Beendigung eines Reallabors umfassende Transformationen und systematische,
langfristige Maßnahmen oftmals ausbleiben und die Skalierung auf verschiedene räumlichen Ebenen
– Quartier, Gesamtstadt und Region – nicht einfach zu erreichen ist.
Im Folgenden werden die wichtigsten Merkmale und Ziele von Reallaboren zusammengefasst:
- Praxisnahe Experimente: Reallabore ermöglichen es, theoretische Konzepte und Ideen in
realen Umgebungen zu testen. Dabei wird oft mit den Betroffenen oder der Bevölkerung vor
Ort zusammengearbeitet, um Lösungen zu entwickeln, die ihren Bedürfnissen und
Anforderungen gerecht werden.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: In Reallaboren arbeiten unterschiedliche Disziplinen, wie
Wissenschaft, Technologie, Sozialwissenschaften, Wirtschaft und Design zusammen, um
ganzheitliche Lösungen für komplexe Probleme zu erarbeiten.
- Partizipation und Kokreation: Bürgerbeteiligung und Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft
sind wichtige Merkmale von Reallaboren. Die Betroffenen werden in den Entwicklungs-
prozess einbezogen, um gemeinsam nachhaltige Lösungen zu entwickeln und umzusetzen.
- Innovationsförderung: Ziel ist es, neue Ideen und Technologien zu entwickeln, die dazu
beitragen, soziale, ökologische oder wirtschaftliche Herausforderungen zu bewältigen und
nachhaltige Innovationen voranzutreiben.
- Transfer und Skalierbarkeit: Erfahrungen und Erkenntnisse aus Reallaboren sollen nicht nur
lokal wirksam sein, sondern auch auf andere Kontexte übertragbar und skalierbar sein, um
breitere Auswirkungen zu erzielen. Das ist jedoch nicht immer möglich, was im Folgenden
näher erläutert wird.Seite 3 von 20
3
1.3.1 Erfolge und Kultur des Scheiterns bei Reallaboren
Realexperimente sind Experimente, die nicht im Rahmen (natur-) wissenschaftlicher Arbeiten
konstruiert und durchgeführt werden müssen. Das Konzept knüpft an die These an, dass urbane
Gesellschaften des 21. Jahrhunderts zunehmend in Prozesse der „experimentellen“
Wissensproduktion einbezogen werden. Da vor dem Hintergrund unvermeidbarer Wissenslücken
über die Erfolgsaussichten experimenteller Strategien selten Konsens besteht, kommt der Frage
entscheidende Bedeutung zu, wie man bei gegebenen Unsicherheiten dennoch zu Entscheidungen
und zum Handeln kommen kann. Dahinter steht die Beobachtung, dass die Anwendung von
gesichertem wissenschaftlichen Wissen eher seltener zu werden scheint und die gesellschaftliche
Entwicklung zunehmend von Prozessen durchzogen ist, in denen Ungewissheit und Nichtwissen eine
maßgebliche Rolle spielen. So werden Innovations- und Forschungsprozesse in die Gesellschaft
verlagert und erhalten damit einen quasi-experimentellen Charakter. Für die Durchführung dieser
Experimente (zum Beispiel in urbanen Reallaboren wie bei diesem Projekt) reicht es nicht aus, wenn
sie lediglich mit dem Verweis auf Forschungszwecke legitimiert werden bzw. die Legitimation nur
damit begründet wird und andere Aspekte, wie zum Beispiel das transdisziplinäre Potenzial zum
Lösen von Nachhaltigkeitsproblemen, nicht gleichbedeutend im Zentrum stehen. Damit steigt die
Bedeutung von Stakeholder-Beteiligung und im weiteren Sinne von Partizipationsprozessen. In
Reallaboren müssen zudem Rahmenbedingungen hingenommen werden, die nicht immer
kontrollierbar sind und die aktiv und reflexiv mit eingebunden werden müssen. Dadurch werden
Realexperimente zu Einzelfällen, deren Übertragbarkeit, wenn sie überhaupt angestrebt wird, die
Forschenden vor neue Herausforderungen stellt. Man könnte also sagen, dass experimentelle Arbeit,
so verstanden, eher den Charakter von suchenden oder gestaltenden Aktivitäten aufweist, wie sie in
der explorativen Feldökologie oder auch bestimmten Strängen der Architektur vorkommen. Man
plant zwar, Maß wird jedoch am Bau genommen und entsprechend muss gegebenenfalls umgeplant
werden. Reallabore sind, so verstanden, urbane Möglichkeitsräume, Testzentren für Innovationen
oder auch Freiraumgestaltungen, die situationsspezifisch angepasst werden können.
Da die meisten der in Deutschland durchgeführten Realexperimente in eingerichteten Reallaboren im
Zeichen der Nachhaltigkeit stehen, müssen sie sich mit ihrer expliziten Normativität
auseinandersetzen. Konnten sich klassische Experimente im Labor zumindest idealtypisch auf
Werturteilsfreiheit stützen, so ziehen in Reallaboren allein durch die Einbeziehung nicht
wissenschaftlicher Akteur*innen politische, ästhetische oder auch religiöse Vorstellungen in die
Prozesse der Wissensproduktion ein. Abgesehen davon ist die Ausrichtung auf das Leitbild
„Nachhaltigkeit“ in der Reallaborforschung insofern problematisch, als dass Fehlschläge und
Abweichungen, die in experimentellen Settings sogar erwünscht sein können, nur dann als
erfolgreich betrachtet werden können, wenn sie als hilfreich für eine nachhaltige gesellschaftliche
Entwicklung aufgefasst werden. Zusammen mit der situationsspezifischen Logik von
Realexperimenten wird so auch die Verallgemeinerungsfähigkeit der erreichten Ziele schwierig, da
das neue Wissen immer hinsichtlich einer wie auch immer definierten „Nachhaltigkeit“ (zum Beispiel
lokal auf Quartiersebene) bewertet werden muss.
Mehr noch: Zumindest idealtypisch muss Realexperimenten, die im Rahmen der Reallaborforschung
stattfinden, auch ein Scheitern oder zumindest das unerwartete Abweichen von gesetzten Zielen
sowie das Auftreten von nicht intendierten Nebenfolgen erlaubt werden.
2. Akteur*innen und Zielgruppen
2.1 Projektleitung
Der Diplom-Geograf, Kulturakteur und Transformationsdesigner Darius Roncoszek arbeitet bereits
seit 2005 freiberuflich an der Schnittstelle von Kultur, Diversität und nachhaltiger Entwicklung. Er hat
durch vielfältige, auch internationale Projekte, immer wieder neue Impulse in das kulturelle LebenSeite 4 von 20
4
der Stadt Bonn eingebracht. Seine Fachkenntnisse im Bereich der Transformation (Mitigation und
Adaptation) sowie seine Netzwerke zu künstlerischen, zivilgesellschaftlich-engagierten sowie
wissenschaftlich tätigen Akteur*innen haben das Projekt „New Placemaking“ ermöglicht. Das Projekt
„New Placemaking“ steht im Kontext seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit den Themen
Öffentlicher Raum, Kulturarbeit und Transformation und schließt an aktuelle Trends sowie
Nachhaltigkeitsdiskurse an.
Darius Roncoszek war Prozessbeirat des Mitwirkungsprozesses „Bonn4Future“, ist
Kooperationsdozent an der Angewandten Hochschule Niederrhein (Abteilung (post-) migrantische
Kulturpädagogik) sowie Mitbegründer des internationalen „Global Club Music Networks“, in dem er
sich weltweit für soziale und ökologische Anliegen einsetzt. Er berät das Nachhaltigkeitsfestival
„Green Island“ auf der kroatischen Insel Vis. Seine Arbeit wurde 2012 von Deutschen UNESCO-
Kommission als Beitrag zu internationalen „Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt
kultureller Ausdrucksformen“ anerkannt.
2.2 Kooperationspartner*innen
Die Kooperationspartner*innen wurden für dieses Projekt unter folgenden Kriterien ausgesucht:
- etablierte Player in den jeweiligen Quartieren
- Netzwerkknotenpunkte und Multiplikator*innen
- Know-how zum Quartier und den Bewohner*innen
- Know-how in der gegenseitigen Stärkung von Akzeptanz, Identifikation mit der
Nachbarschaft, in der Selbstverwaltung sowie beim Teilen von Ressourcen, Raum, Wissen,
Erfahrungen und Skills
2.2.1 ARTpolis – Community Arts & Music Lab (c/o BIM e.V.)
ARTpolis steht als kreative Gemeinschaft und StadtKUNST für partizipative Kulturformate, um
darüber Impulse zur Begegnung, zum Austausch und zur Verständigung zu schaffen sowie das
Zusammenleben in Vielfalt in unserer Gesellschaft zu fördern. Als Arbeitsbereich des Bonner Instituts
für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V. operiert ARTpolis über ein offenes
Netzwerk von Kulturschaffenden, die gemeinsame Aktionen entwickeln und umsetzen. Die Initiative
hat besonderen Einfluss auf den Einsatz von niederschwelliger Kunst- und Musikmethoden in diesem
Projekt. Das Know-how des ARTpolis-Mitarbeiters Saman Haddad über die Innere Nordstadt wurde
ebenfalls abgefragt und in die Planungen einbezogen (s. Punkt 3).
2.2.2 Literaturhaus Bonn e.V.
Das Literaturhaus Bonn dient der Förderung und Vermittlung von Literatur – in möglichst vielfältigen
Formen und Kontexten. Zusammen mit dem Projektleiter wurde der sogenannte
„Literaturspaziergang“ entwickelt, der zweimal in der Inneren Nordstadt stattfand (s. Punkt 3). Dabei
waren besonders die bestehenden Netzwerke zu den Schriftsteller*innen für das Gelingen des
Projekts von großer Bedeutung. Die Recherche der passenden Texte, die Klärung der
Autor*innenrechte sowie die Tonaufnahmen der Texte wurden ebenfalls vom Literaturhaus
vorgenommen.
2.2.3 ENVISION21 gUG
Die im Jahr 2021 gegründete gemeinnützige Projektgesellschaft für Transformationsdesign
ENVISION21 gUG (haftungsbeschränkt) hat sich besonders in dem Bereich der nichtkommerziellen
Sharing-Kultur in Bonn einen Namen gemacht. Als Initiatorin der mittlerweile vier Freeboxen (Geben-
und-Nehmen-/Tauschschränke im öffentlichen Raum) sowie als Veranstalterin von Sharing Markets
(Geben-und Nehmen-Märkte) war sie bei diesem Projekt als Kooperationspartnerin für die SucheSeite 5 von 20
5
nach neuen sozio-ökologischen Standorten für Freeboxen in den Bönnschen Vierteln sowie für das
mehrmalige Aufstellen des sogenannten Freebox Mobils verantwortlich.
2.2.4 Kulturzentrum Brotfabrik
Die Brotfabrik Bonn ist ein Kulturzentrum im Bonner Ortsteil Beuel-Mitte. Das Anfang 2023
entstandene Studio 5, welches sich u. a. um kulturelle Nachhaltigkeitsprojekte im Haus kümmert,
sollte Kooperationspartner für das Combahn-Viertel in diesem Projekt werden. Aufgrund des Ausfalls
der zuständigen Mitarbeiterin sowie längerer Suche nach einer Neubesetzung war eine Kooperation
final leider nicht möglich.
2.2.5 Stadtwerke Bonn
Der Projektleiter veranstaltete in Kooperation mit der SWB vor einigen Jahren regelmäßig den
„World Beat Train“ in Bonn. Der Begriff „World Beat“ bezeichnet eine Musikrichtung, die Elemente
aus traditioneller Musik aus verschiedenen Ländern mit modernen Musikstilen wie Pop, Rock,
Elektronik oder Funk kombiniert. Beim „World Beat Train“ findet eine entsprechende Party in einer
fahrenden Stadtbahn der SWB statt.
Das Amt für Internationales und globale Nachhaltigkeit der Stadt Bonn hat den Projektleiter im Jahr
2019, aufbauend auf seinen Erfahrungen, für die Bespielung einer sogenannten „Klimabahn“ zum
Zwecke der Sichtbarmachung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) engagiert.
2.2.6 AG Kulturgeographie an der Universität Bonn
In der Arbeitsgruppe Kulturgeographie der Universität Bonn wird der Zusammenhang zwischen
Raum, Politik, Kultur und Gesellschaft erforscht. Dabei werden zwei Themenfelder besonders in den
Blick genommen: „Entangled geographies of (in)security“ und „diversity, migration and belonging in
Europe“.
Im Zentrum des ersten Themenfeldes steht die Verzahnung verschiedener Aspekte menschlicher
Sicherheit und ihrer räumlichen Bezüge. Alltägliche Erfahrungen und Wahrnehmungen von
(Un)Sicherheit werden hier vor allem in ihrem Verhältnis zu (geo)politischen Konstruktionen und
staatlicher Sicherheitspolitik erforscht. Im zweiten Themenfeld widmet sich die Arbeitsgruppe Fragen
von Identität, Zugehörigkeit und Teilhabe in Migrationsgesellschaften und erarbeitet kultur-
geographische Zugänge zur Problematik der gesellschaftlichen Inklusion und Exklusion in Europa.
Das Projekt „New Placemaking“ diente als Kooperationsprojekt für zwei Methodikseminare von
Dr. Elisabeth Kirndörfer. Im Zentrum ihres Forschungsinteresses stehen die kritische
Migrationsforschung, feministische Theorie und ethnographische Methoden.
2.2.7 AG Postmigrantische Kulturpädagogik an der Hochschule Niederrhein
Im Spannungsfeld von Kultur und Bildung zeichnet sich Kulturpädagogik als eine Querschnittsdisziplin
aus Erziehungswissenschaften, angewandter Pädagogik, Kulturwissenschaften und
Kulturmanagement aus. Angesichts der wissenschaftlichen sowie künstlerischen Expertise am
Fachbereich wird die Vermittlungspraxis im Handlungsfeld der Kulturpädagogik und der Kulturellen
Bildung in ansprechender Breite und hoher Qualität bearbeitet.
Das Projekt „New Placemaking“ war ein Kooperationsprojekt für zwei Seminare von Prof. Dr. Donja
Amirpur. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Migrationspädagogik,
intersektionale und rassismuskritische Soziale Arbeit, postmigrantische Kulturarbeit, Kindheits- und
Familienforschung.
2.3 Zielgruppen
Die Zielgruppen dieses Projekts waren Bewohner*innen der beiden Modellquartiere inklusive
marginalisierter Gruppen (BIPoC, Migrant*innen, postmigrantische Gesellschaft, LGBTQIA-Seite 6 von 20
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Community) sowie vulnerabler Gruppen (Senior*innen, Kinder, Menschen mit Behinderungen).
Somit war das Vorhaben inklusiv, integrierend, intergenerationell angesetzt und wirkte transkulturell
in das Zusammenleben der jeweiligen Zielgruppen und Akteur*innen. Sowohl die offenen
Veranstaltungsformate dieses Projekts als auch die Bewohner*innen-Befragungen durch die
Studierenden der beiden Hochschulen (s. Punkt 4) sollten zu einer höheren Partizipation,
gemeinsamer verantwortungsvoller Gestaltung sowie für eine nachhaltigere Entwicklung des
öffentlichen Raums in den Modellquartieren beitragen.
3. Durchgeführte Veranstaltungen und Ergebnisse
3.1 Sozialgeografische Raumerkundung
Ab Dezember 2022 wurden geeignete Standorte für Kultur- und Kommunikationsräume innerhalb
der beiden Modellquartiere Innere Nordstadt und Combahnviertel eruiert, sowohl für
unterschiedliche künstlerisch und sozial-ökologische Vorhaben als auch für den möglichen Aufbau
von sogenannten Freeboxen, die über den Projektzeitraum hinaus bestehen könnten. Dabei wurde
der Raum unter vielfältigen sozialgeografischen Gesichtspunkten in Abstimmung mit den Mobilitäts-
manager*innen der Stadt Bonn, Kulturakteur*innen, mit Prof. Dr. Donja Armipur sowie mit
Dr. Elisabeth Kirndörfer und ihren Studierenden erkundet.
3.2 Kulturelle und sozial-ökologische Aktionen
3.2.1 Auftaktveranstaltung in der Oper Bonn (01.04.2023)
Zum Auftaktfest des „Bönnsche Viertel“-Vorhabens luden unterschiedliche Fachbereiche der
Stadtverwaltung zum Austausch in das Foyer der Oper ein. Mehr als zehn Bonner Initiativen aus
unterschiedlichen Themenbereichen, wie Mobilität, Klima- und Umweltschutz, stellten erste Ideen
vor und luden zu Mitmachaktionen für Groß und Klein ein.
Das Projekt „New Placemaking“ war mit dem „Soundbike“ vor Ort und stellte den Theater Bonn-
Premieren-DJ namens JOUNCE vor. Die Besucher*innen des Auftaktfestes brachten in einer
Ideenwerkstatt kreative Vorschläge für eine aktive, sichere und barrierefreie Mobilität in ihrem
Viertel ein. Nach der Begrüßung durch die Oberbürgermeisterin war die Bühne frei für eingeladene
Redner*innen. Auch der Projektleiter des Projekts „New Placemaking“ stellte das Vorhaben und
anwesende Kooperationspartner*innen des Projekts vor. Eine Gruppe von Studierenden der
Hochschule Niederrhein hat die Veranstaltung unter vorher definierten Gesichtspunkten beobachtet
(s. Kapitel 4).
3.2.2 Soundbike unter der Kirschblüte (14.04.2023 und 15.04.2023)
Das „Soundbike“ ist ein Lastenrad, welches mit einem Soundsystem ausgestattet ist, um Musik oder
Klänge während der Fahrt oder stationär abspielen zu können. In Bonn hat der Projektleiter seit 2022
dieses mobile Musikkonzept am Rheinufer nahe der Beethovenhalle erfolgreich etabliert. Die
ehrenamtlich veranstalteten Aktionen dienen der Belebung des Rheinufers. Dabei wird die lokale
Club- und Musik-Community zur Mitgestaltung eingeladen und unterschiedliche kulturelle
Ausdrucksweisen einbezogen. Durch die Veranstaltungsreihe soll außerdem ein Bewusstsein für
Lautstärke und Lärmemissionen in der Bonner Bevölkerung geschaffen werden.
Während der Kirschblüte in der Bonner Altstadt wurden im Jahr 2023 zum ersten Mal die Straßen
gesperrt. Daher konnte auch das Soundbike in der Heerstraße und Breite Straße aufgestellt und im
Rahmen des „New Placemaking“-Projekts präsentiert werden. Am 14.04.2023 war das Kollektiv
„C13“ und am 15.04.2023 das Kollektiv „einausflug“ zu Gast, die von 19 bis 22 Uhr elektronische
Musik auflegten.
Positive soziale Effekt wurden erreicht: Begegnungen, Austausch und Vernetzung waren unter den
teilnehmenden Gästen ein wichtiger Grund um an dem Event teilzunehmen. Besonders nach zweiSeite 7 von 20
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Jahren Pandemie konnten darüber hinaus Sound-Kollektive und Künstler*innen, die teilweise seit 20
Jahren Teil der freien Bonner Kulturszene sind, mit ihrer Fanbasis zusammenkommen und die
kulturelle Tradition fortführen.
3.2.3 Tag der Bönnschen Viertel – Combahnviertel (13.05.2023)
Mitte Mai 2023 haben Bewohner*innen des rechtsrheinischen Bonn gezeigt, wie sich das
Combahnviertel in Beuel anfühlen kann, wenn mehr Platz zum Treffen, Spielen, Musizieren statt
Verkehr in ihrem Wohngebiet vorhanden ist. Im Rahmen des Projekts „New Placemaking“ wurden
folgende Aktionen durchgeführt, die dem experimentellen Ausprobieren von künstlerischen
Ausdrucksweisen sowie sozial-ökologischen Handlungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum dienten:
a) Soundbike
Im Combahnviertel war das Soundbike Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Das Kollektiv
„Taban Schmunkeln“ stellte einen Mix aus globaler und populärer Musik vor und lud die
Passant*innen zum Tanzen ein. Die Aktion fand in der Combahnstraße statt. Der
Veranstaltungstag war von Regen und Gewitter geprägt.
b) Freebox Mobil
Ein „Freebox Mobil“ ist ein Lastenrad, das das Stadtmöbel „Freebox“ im öffentlichen Raum
simuliert. Eine Freebox ist wiederum ein öffentlicher Schrank, der nach dem Prinzip der
offenen Bücherschränke funktioniert. Dorthin kann man Dinge bringen, die man selbst nicht
mehr braucht, aber die als zu schade betrachtet werden, um sie wegzuwerfen. Diese
Stadtmöbel stellen einen Beitrag zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) dar und schaffen
soziokulturell belebte Orte für einen bewussten Konsum und gelebte Kreislaufwirtschaft im
jeweiligen Stadtviertel. Damit sind sie nicht nur Tauschplattform, sondern werden zu
Treffpunkten der Stadtgesellschaft und zu einem Gemeinschaft stiftenden Kulturort im
Quartier. Die regelmäßige Betreuung der Boxen vor Ort wird durch die Anwohner*innen im
Ehrenamt geleistet. Freeboxen beherbergen oft eine Vielzahl von Gegenständen,
einschließlich Kleidung, Schuhe, Bücher, Haushaltswaren, Spielzeug und mehr. Der Austausch
von Gegenständen in Freeboxen fördert eine nachhaltige Praxis, indem er den Gebrauch von
Ressourcen reduziert und dazu beiträgt, Abfälle zu minimieren. Freeboxen fördern ein Gefühl
der Gemeinschaft und des Miteinanders, indem sie Menschen zusammenbringen, die
gemeinsame Interessen an Nachhaltigkeit und Ressourcenteilung teilen.
Am Aktionstag der Bönnschen Viertel diente das Freebox Mobil der Vermittlung der Sharing-
Kultur, zum Empowerment von (neuen) Akteur*innen aus dem Viertel sowie als Treffpunkt in
der Nachbarschaft. Die Kooperationspartnerin ENVISION21 gUG brachte nach der
Veranstaltung die übrig gebliebenen Sachspenden in die bestehende Freebox nach Bad
Godesberg.
c) Roda de Samba
„Roda de Samba“ ist eine brasilianische Musiktradition, die sich um eine informelle, gesellige
und musikalische Versammlung von Musiker*innen und Musikliebhaber*innen dreht. Das
Wort „Roda“ bedeutet im Portugiesischen „Kreis“, und „Samba“ ist eine der bekanntesten
Musikrichtungen Brasiliens. Eine Roda de Samba findet in der Regel in lockerer Atmosphäre
statt, bei der Musiker*innen zusammenkommen, um Samba-Musik zu spielen und zu singen.
Es ist eine Art Jam Session, bei der verschiedene Instrumente, wie Gitarre, Cavaquinho
(kleine Gitarre), Pandeiro (Tamburin), Surdo (Bass-Trommel), Tamborim (kleine Trommel)
und andere Percussioninstrumente verwendet werden. Die Teilnehmer*innen sitzen in
einem Kreis und spielen verschiedene Samba-Stücke, begleiten sich gegenseitig und
improvisieren. Die Atmosphäre ist informell und einladend, und oft werden auch
Zuschauer*innen ermutigt, mitzusingen, zu tanzen oder sich aktiv am Geschehen zuSeite 8 von 20
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beteiligen. Roda de Samba-Veranstaltungen sind ein wichtiger Bestandteil der brasilianischen
Musikkultur und dienen dazu, die Tradition der Samba-Musik zu bewahren, zu feiern und zu
teilen. Sie finden in Bars, Clubs, Gemeindezentren oder in privaten Versammlungen statt und
bieten eine Gelegenheit für Menschen jeden Alters und verschiedener sozialer Schichten,
gemeinsam die Freude an der Musik zu erleben.
Mittlerweile gibt es auch in Bonn eine „Roda de Samba“-Gruppe, die rund um das
Kulturzentrum „Alte VHS“ entstanden ist. Diese wurde für den Aktionstag engagiert und hat
viele Gäste zum Verweilen und Zuhören eingeladen. Die Aktion fand in der Combahnstraße
statt.
d) Dance Walking
Dance Walking ist eine Kombination aus Tanzen und Gehen. Die Bewegung des Tanzes wird
um die Fortbewegung ergänzt und andersrum. Das Angebot gilt für diejenigen, die nicht nur
auf der Stelle tanzen oder nicht nur auf der Straße gehen wollen und ist ohne Vorkenntnisse
oder Tanzbegabung möglich. Erforderlich ist nur die Bereitschaft, neue (Fort-)
Bewegungsformen zu entdecken. Das Ziel ist etwas für die mentale und körperliche
Gesundheit zu tun, während man gleichzeitig einfach Spaß haben und neue Leute
kennenlernen kann.
Für den Aktionstag wurden tanzbare Musikstücke zusammengestellt und sollten während des
Dance Walks von einem langsam fahrenden Lastenrad abgespielt werden. Um die
Partizipation an der Aktion zu erhöhen, sollten eigene Songs über eine Spotify-Playlist
vorgeschlagen werden. Leider konnte das Dance Walking nicht wie geplant stattfinden.
Aufgrund andauernder Gewitterwarnungen und kräftigem Regen musste diese Aktion
abgesagt werden.
3.2.4 Tag der Bönnschen Viertel – Innere Nordstadt (17.06.2023)
Am 17. Juni 2023 fand in der Inneren Nordstadt der zweite große Aktionstag statt. Dabei
entwickelten Besucher*innen Ideen für ihr Viertel und genossen die autofreien Straßen. Partizipativ
probierte man aus, wie sich das Viertel in Zukunft anfühlen könnte.
Beiträge des Projekts „New Placemaking“ zum Aktionstag:
a) Literaturspaziergang
Der Literaturspaziergang betrachtete die Altstadt mittels Stimmen und Texten Bonner
Autor*innen und Musiker*innen, denen die Teilnehmenden über Kopfhörer lauschen
konnten. Während eines Spaziergangs entlang einer festgelegten Route von der Innenstadt
bis in die Innere Nordstadt wurde die Stadt zum lebendigen Museum und ein Text-Musik-Mix
mit Bonn-Bezug wurde zum Audioguide. Im Anschluss gab es die Gelegenheit für die
Teilnehmenden das Bönnsche Viertel näher zu erkunden und an den vielfältigen Aktivitäten
des Aktionstages teilzunehmen. Die Teilnahme war kostenlos. Über zwanzig Teilnehmende
wohnten dem Literaturspaziergang bei.
b) Soundbike
Gemeinsam mit einer Privatinitiative rund um die Wolfstraße 38 wurde auch das Soundbike
aufgestellt. Sowohl das Endenicher Kollektiv „C13“ als auch der Bonner Soundselector
„Multipolar“ stellten passende Musik zusammen und begeisterten viele tanzende Gäste allen
Alters und Herkunft.Seite 9 von 20
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c) Samba-Parade der Piranhas op Jück
Eine Samba-Parade, bekannt als „Desfile de Samba“ oder „Escolas de Samba“, ist
ursprünglich eine der herausragenden und spektakulärsten Veranstaltungen des
brasilianischen Karnevals. Sie findet jährlich während des Karnevals in Brasilien statt,
insbesondere in Rio de Janeiro und São Paulo. Die Samba-Parade ist das Hauptereignis, bei
der verschiedene Sambaschulen (Escolas de Samba) in prächtigen Kostümen, aufwändigen
Wagen und mit tausenden Tänzer*innen und Musiker*innen durch die Straßen ziehen. Die
Escolas de Samba sind dabei lokale Gemeinschaftsorganisationen, die Monate damit
verbringen, ihre Parade vorzubereiten, darunter das Design von Kostümen, Choreografien
und musikalische Darbietungen. Die Parade wird von einer Vielzahl von Samba-Rhythmen
begleitet, die von riesigen Sambabands live gespielt werden.
Auch in Bonn sind mittlerweile viele Sambabands entstanden. Eine der ältesten Bands ist
„Piranhas op Jück“, die seit über 20 Jahren existiert und jedes Jahr zu Weiberfastnacht in der
Heerstraße (Innere Nordstadt) für Aufsehen sorgt. Die Band steht für die Vielfalt der freien
Bonner Musikszene. Sie zeigt einen offenen „Community Music“-Ansatz und integriert
Musiker*innen unterschiedlicher Herkunft und musikalischen Wissens.
d) Freebox Mobil
Auch beim Aktionstag in der Inneren Nordstadt wurde das Freebox Mobil von der
Kooperationspartnerin ENVISION21 aufgebaut und betreut. Die nach der Veranstaltung
übriggebliebenen Gegenstände wurden in die Freebox nach Bad Godesberg gebracht. Viele
Anwohner*innen haben Interesse gezeigt, im Falle eines Aufbaus solch eines Stadtmöbels in
ihrem Viertel ehrenamtlich bei der Pflege der Box zu helfen.
e) Dad's Phonkey als Community Music-Projekt
Community Music bezeichnet Musikaktivitäten und -projekte, die darauf abzielen,
Gemeinschaften zusammenzubringen, Menschen zu verbinden und die sozialen, kulturellen
und künstlerischen Aspekte der Musik zu nutzen, um soziale Veränderungen zu fördern.
Gemeinschaftsmusikprojekte betonen die Zusammenarbeit und den gemeinsamen
Musikgenuss, unabhängig von musikalischer Erfahrung oder Fähigkeit. Menschen
verschiedener Hintergründe, Altersgruppen und Fähigkeiten werden ermutigt, sich zu
beteiligen und gemeinsam zu musizieren. Diese Art von Musik fördert soziale Integration und
Zusammenhalt, indem sie Menschen aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen oder
wirtschaftlichen Hintergründen zusammenbringt und eine Plattform für den Austausch und
die Interaktion bietet. Gemeinschaftsmusikprojekte spiegeln oft kulturelle Vielfalt wider und
ermöglichen es den Teilnehmenden, ihre jeweiligen kulturellen Hintergründe durch Musik
auszudrücken, sei es durch traditionelle Musik, Tanz oder Lieder. Diese Musikinitiativen
können Bildungskomponenten enthalten, um Fähigkeiten zu vermitteln, Kreativität zu
fördern und den Teilnehmenden ein Gefühl von Selbstwertgefühl und Stärke zu vermitteln.
Der Bonner Community-Music-Künstler Christian Padberg alias „Dad's Phonkey“ steht für
einen sehr partizipativen und inklusiven Ansatz seiner improvisierten Darbietungen. So band
er auch am Aktionstag einen zufällig getroffenen Musiker in sein Programm ein. Auch die
spontanen und improvisierten Gesangseinlagen über vorbeilaufende Passant*innen wurden
zum Teil seines musikalischen Inhalts.
3.2.5 Soundbike und Freebox Mobil im Combahnviertel (11.08.2023)
Für August und September 2023 hatte die Stadtverwaltung eine Reihe von Formaten und Aktionen
geplant, um kontinuierlich über die Maßnahmen der Bonner Mobilitätswende zu informieren und
deren Ziele im Rahmen kleiner Experimentierräume für die Bonner*innen erfahrbar zu machen. Im
Rahmen des sogenannten „Bönnschen Mobilitätssommers“ hat das Projekt „New Placemaking“ dasSeite 10 von 20
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DJ-Kollektiv „Shanty Sound“ aus Beuel eingeladen, in der Combahnstraße Musik aufzulegen. Die
Veranstaltung war bestens besucht. Auch das Freebox Mobil wurde zahlreich aufgesucht. Viele
Nachbar*innen haben Interesse gezeigt, im Falle eines Aufbaus solch eines Stadtmöbels in ihrem
Viertel ehrenamtlich bei der Pflege der Box zu helfen.
3.2.6 Europäische Mobilitätswoche (23.09.2023)
Die Europäische Mobilitätswoche (EMW) ist eine Kampagne der Europäischen Kommission. Seit 2002
bietet sie Kommunen aus ganz Europa die Möglichkeit, ihren Bürger*innen die Bandbreite
nachhaltiger Mobilität vor Ort näher zu bringen. Jedes Jahr im September werden im Rahmen der
Europäischen Mobilitätswoche innovative Verkehrslösungen ausprobiert oder mit kreativen Ideen für
eine nachhaltige Mobilität in den Kommunen geworben. So werden beispielsweise Parkplätze und
Straßenraum umgenutzt, neue Fuß- und Radwege eingeweiht, Elektro-Fahrzeuge getestet,
Schulwettbewerbe ins Leben gerufen und Aktionen für mehr Klimaschutz im Verkehr durchgeführt.
Dadurch zeigen Kommunen und ihre Bürger*innen, dass nachhaltige Mobilität möglich ist, Spaß
macht und praktisch gelebt werden kann.
2023 lag der Schwerpunkt der Europäischen Mobilitätswoche in NRW auf der thematischen
Verknüpfung von Kultur und nachhaltiger Mobilität. Entsprechend lautete das Motto in NRW: „Hallo
Kultur! – der öffentliche Raum als Bühne während der EMW“. Indem neu gewonnener Raum Kunst-
und Kulturschaffenden zur Verfügung gestellt wurde, sollte insbesondere den Menschen eine
Plattform geboten werden, deren Stimmen ansonsten weniger gehört werden. Auch in Bonn hat es
im Rahmen dieser Kampagne einige Aktionen gegeben – sowohl von der Stadtverwaltung organisiert
als auch vom Projekt „New Placemaking“:
a) Literaturspaziergang
Bei der zweiten Ausgabe des Literaturspaziergangs wurden einige Verbesserungen im
Vergleich zur ersten Ausgabe vorgenommen. Somit wurde dieses Konzept nun für die
kommenden Jahre perfektioniert und kann noch um weitere partizipative Elemente erweitert
werden. Knapp 30 Personen nahmen an dem Event teil und haben sich nach dem Spaziergang
untereinander ausgetauscht. Das Literaturhaus hat ausschließlich positives Feedback von
(alteingesessenen) Vereinsmitgliedern und anderen Teilnehmenden erfahren.
b) ARTpolis in den Bönnschen Stadtstraßen
Im Rahmen der EMW hat die Stadtverwaltung am Samstag, den 23. September 2023
mehrere Aktionen veranstaltet. Herzstück der Veranstaltung war der Mobilitätstag auf dem
Bonner Münsterplatz, welcher an den bis 2019 jährlich durchgeführten Radaktionstag
anschloss. Neben dem Mobilitätstag fanden auch dezentrale Veranstaltungen an
ausgewählten Standorten, den „Bönnschen Stadtstraßen“ statt – darunter Kessenicher
Straße, Magdalenenstraße und Michaelstraße. Mit den „Bönnschen Stadtstraßen“ sollten
auch außerhalb der beiden Modellviertel Combahnviertel und Innere Nordtstadt
unterschiedliche Formate stattfinden, mit dem Ziel, einen Perspektivwechsel auf die Themen
Mobilität und Stadt anzuregen.
Die Formate sollten folgende Leitfragen adressieren: Wie wirkt sich Mobilität auf die Nutzung
des öffentlichen Raumes aus? Welchen Beitrag kann die Mobilitätswende leisten, um neue
Räume für soziale Begegnung und Kultur bereitzustellen und lebendige Viertel zu schaffen?
Welches Potential bietet die Digitalisierung, um diesen Wandel in der Stadt zu befähigen?
Dazu sollten Verkehrsflächen, die dem ruhenden Verkehr vorbehalten sind, in lebendige und
kulturelle Begegnungsräume umgewandelt werden. Hierfür wurden ausgewählte
Verkehrsflächen in der Bonner Nordstadt, Kessenich, Endenich und Bad Godesberg für die
Nutzung kultureller und sozialer Aktionsformate ausgewiesen. Für die Nutzung der
Freiflächen sollten sich zivilgesellschaftliche Initiativen, Anwohnende und KulturschaffendeSeite 11 von 20
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mit ihren Beiträgen oder Aktionen anmelden. Darüber hinaus sollten gezielte Aktionsformate
mit Kulturschaffenden initiiert werden.
Gemeinsam mit dem Kooperationspartner ARTpolis Community Arts & Music Lab wurden
Anwohnenden, Initiativen sowie Kulturschaffenden für einen Tag Verkehrsflächen zur
alternativen Nutzung durch die Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt. Hiermit schloss Bonn
an das NRW-weite Motto „Hallo! Kultur“ der Europäischen Mobilitätwoche an und trug Idee
und Konzept der Bönnschen Viertel in weiteren Stadtteile hinein. Der Aktionstag sollte zu
einem Perspektivwechsel auf die Themen Mobilität und Nutzung des öffentlichen Raumes
einladen. Die jeweiligen Formate wurden im August gemeinsam mit interessierten
Anwohnenden und Initiativen entworfen und diese bei der Umsetzung unterstützt.
Alle Teilnehmenden waren mit den Formaten zufrieden und haben Impulse für zukünftige
Events solcher Art gesetzt. Das Konzept wurde nur für einen Veranstaltungstag und nicht
über eine längere Zeitperiode gefördert, was die Gefahr einer „Eventisierung“ von
Transformationsmaßnahmen birgt und keine Verstetigung und Skalierung der Arbeit möglich
macht.
3.2.7 Freebox Bahn: Mobile Vernetzung der Bönnschen Viertel
Der Projektleiter des „New Placemaking“-Projekts hat im Sommer 2022 eine Introspektive bei der
Bus-und Bahn-Abteilung der Stadtwerke Bonn vorgenommen, um auszuloten, welche partizipativen
Formate während des Regelbetriebs in einer Straßenbahn durchführbar sind. Aus den
Tiefeninterviews mit den wichtigsten Leitstellen hat er der SWBV ein Konzept vorgeschlagen, welches
nach einem Test während der Europäischen Mobilitätswoche möglicherweise nachhaltig in allen
Straßenbahnen durchgesetzt werden könnte: In der Stadtbahnlinie 62 oder 66, die zwischen dem
Combahnviertel und der Inneren Nordstadt verkehrt, sollte eine kleinere Ausgabe der Freebox
angebracht und erprobt werden. Die Idee war, dass sich am 23.09.2023 ein Produktdesigner der
Kooperationspartnerin ENVISION21 mit einem unbefestigten Regal (50 x 50 x 112 cm) in die
Straßenbahn 61 oder 62 begibt. Er sollte im fahrenden Betrieb Designideen für einen möglichen
Freebox-Prototypen für alle Bahnen sammeln. Zugleich sollte mit ihm vorab ein Fragenkatalog
entwickelt werden, um die Fahrgäste nach der Akzeptanz und ihren Vorstellungen für so ein
fahrendes, fest angebrachtes Stadtmöbel zu befragen und sie an der Entwicklung teilhaben zu lassen.
Leider musste die Idee aus Brandschutzgründen und Verletzungsgefahr bei Notbremsungen
eingestellt werden.
3.2.8 Offene Proben des Kültürklüngel Orkestar (Bonner Heimatpreis-Träger 2021)
Das „Kültürklüngel Orkestar“ ist ein offenes und diverses Musikprojekt, das 2014 im Karneval in der
Bonner Altstadt entstanden ist und sich über die Jahre zu einem dynamischen Netzwerk mit
regelmäßigen Proben und zahlreichen Auftritten entwickelt hat. Das transkulturelle Orchester aus
Bonn führt laut Selbstbeschreibung „Seelen, Emotionen und Impulse aus der ganzen Welt
zusammen. Die Herkunft ihrer Gassenhauer ist so vielfältig und global wie die Gruppe selbst: Lieder
und Gemüter tragen Einflüsse aus Orient und Okzident, Norden und Süden, von der Balkanregion bis
ins Schwabenländle; so lockern diese Wahl- und Urrheinländer*innen Stimmen und Tanzbein und
holen die Menschen dort ab, wo das Kulturbewusstsein erwacht, Musik Freude macht und die
Menschen zusammenbringt.“
Aufgrund verschiedener Abwesenheiten vieler Mitglieder waren, anders als geplant, während der
Projektlaufzeit keine offenen Proben während des Bönnschen Mobilitätssommers möglich. Die Idee
wurde jedoch sehr positiv aufgenommen und im Oktober 2023 aufgegriffen. Das Orkestar
veranstaltete mehrfach offene Proben im „Leerstand als Begegnungsraum“ in der Bonner Innenstadt.Seite 12 von 20
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3.2.9 Suche nach neuen Kooperationspartner*innen für den Bau von Freeboxen in den
Bönnschen Vierteln
Die Suche nach neuen Auftraggeber*innen für Freeboxen in den Bönnschen Vierteln erfolgte durch
die Kooperationspartnerin ENVISION21. Hierzu nutzte man die beiden Aktionstage und den
Mobilitätssommer, um mit dem „Freebox Mobil“ Nachbar*innen direkt anzusprechen und ihnen das
Konzept vorzustellen. Gespräche fanden ebenfalls mit dem Quartiermanagement des Macke-Viertels
statt.
3.3 Neue Netzwerke und Impulse über das Projektjahr hinaus
Aus den genannten Aktionen haben sich nachhaltige, über den Projektzeitraum hinaus weiter zu
entwickelnde Kooperationsmöglichkeiten ergeben, die sowohl die Grundlagenforschung zur
Verstetigung von Kulturprozessen im öffentlichen Raum als auch die praktische Arbeit im Feld über
den Projektzeitraum hinaus begleiten:
- Der Literaturspaziergang wird weitergeführt. Als spendenbasiertes Angebot, erstmals nur zur
Zeit der Kirschblüte, können interessierte Bonner*innen und Tourist*innen an dem
Spaziergang teilnehmen. Das Literaturhaus und der Projektleiter haben sich auf eine
inhaltliche Ausweitung der Veranstaltung um partizipative Maßnahmen geeinigt. Erste Texte
von lokalen Akteur*innen wurden eingearbeitet.
- Auch das Konzept „Soundbike“ wird weitergeführt. An mehreren neuen Orten im
öffentlichen Raum wird das „klingende Lastenrad“ um partizipative Maßnahmen unter
Einbeziehung der Ergebnisse aus dem „New Placemaking“-Projekt ausgeweitet.
- Das Freebox Mobil soll weiterhin im öffentlichen Raum seine Präsenz bekommen.
Kulturveranstalter*innen haben das Konzept angefragt, um es bei ihren Veranstaltungen zu
präsentieren und mit Leben zu füllen.
- Zum Ende des „New Placemaking“-Projektjahres gab es neue Projektideen gemeinsam mit
der Stabsstelle Bürgerbeteiligung der Stadt Bonn, um einige Bausteine aus den Projekt-
Ergebnissen zu skalieren und an anderen Orten zu etablieren.
- Die in dem „New Placemaking“ involvierten Hochschulen haben auch im Wintersemester
2023/24 in Kooperation mit dem Projektleiter das transformative Lernen für Studierende
angeboten. Die im Bachelorseminar des Sommersemesters 2023 erzielten Erkenntnisse
wurden im Wintersemester 2023/24 u. a. in einem Seminar des Masterstudiengangs
Kulturpädagogik/Kulturmanagement der Hochschule Niederrhein mit dem Titel „Prozesse in
der Migrationsgesellschaft: Gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation“ weiterverfolgt. Die
Studierenden führten hierzu eine partizipative Forschung zu Stadtentwicklung und Migration
an drei unterschiedlichen Standorten in NRW durch. Aus Ergebnissen des „New
Placemaking“-Projekts, angelehnt an die HerCity-Initiative von UNHabitat und in Kooperation
mit städtischen Initiativen, entwickelten die Studierenden der Geographie partizipative
Projekte unter dem Vorzeichen der „Stadt für alle“. Im Zentrum dieses Seminars stand die
Reflexion und der Austausch über den Wandel, den die Forschungspraxis nimmt, wenn nicht
über Menschen, sondern mit Menschen geforscht wird. Erste Erfahrungen in der Anwendung
von qualitativen Forschungsmethoden waren in diesem Seminar eine Voraussetzung.
Außerdem fand Ende Januar 2024 eine einwöchige Ausstellung zu den Ergebnissen der
Studierenden im „Leerstand als Begegnungsraum“ in der Bonner Innenstadt statt.
4. Ergebnisse der Hochschulen
Neben der Erprobung von künstlerischen und sozioökologisch-kulturellen Aktionen in den beiden
Modellvierteln, haben zwei Hochschulen in Kooperation mit dem „New Placemaking“-ProjektSeite 13 von 20
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Forschungsseminare durchgeführt und somit Impulse für eine weitere Ausgestaltung des
Transformationsprozesses geliefert. Hochschulen und die Hochschulbildung haben eine besondere
Chance und Aufgabe zugleich, wenn es um Beiträge für eine Nachhaltigkeitstransformation geht.
Das Projekt „New Placemaking“ hat den Studierenden aus zwei unterschiedlichen Studiengängen die
Möglichkeit gegeben, die ambitionierten Ziele einer Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung zu
erfahren. Dieser Anspruch implizierte nicht nur den Aufbau eines fachlich fundierten Wissens über
transdisziplinäre und transformative Forschung, sondern auch Räume, in denen dieses Wissen
angewendet, reflektiert und vertieft werden konnte. Dass die Studierenden dabei ein hohes Maß an
Eigeninitiative, Mitbestimmung und Selbstorganisation erfahren durften, steht symbolisch für die
Qualität der im Projekt geschaffenen Lernumgebungen.
Wichtig zu erwähnen ist, dass die beiden Seminare nicht mit der Erforschung des „Bönnsche Viertel“-
Projekts durch Prof. Dr. Kathrin Hörschelmann (Geographisches Institut der Universität Bonn)
zusammenhängen. Der Ansatz bei „New Placemaking“ war eine Öffnung der gestaltenden
Verantwortung an Studierende, unter Berücksichtigung von qualitativen und partizipativen
Forschungsmethoden, um diese als Tools weiterzugeben, aber auch um die Ergebnisse für weitere
urbane Transformationsprozesse zu nutzen. Während die Studierenden rund um Prof. Dr. Donja
Amirpur (Hochschule Niederrhein) qualitative Befragungen wie Interviews durchgeführt haben,
(Punkt 4.1), erprobten sich Studierende rund um Dr. Elisabeth Kirndörfer in partizipativer
Aktionsforschung (Punkt 4.2).
4.1 „Wem gehört das Viertel?“ Forschungen von Bachelor-Studierenden der Kulturpädagogik an
der Hochschule Niederrhein (Prof. Dr. Donja Amirpur)
4.1.1. Ausgangssituation
In dem Seminar „Kulturpädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft“ des Studiengangs
Kulturpädagogik (Fachbereich Sozialwesen) der Hochschule Niederrhein wurde sich mit den
gesellschaftsbildenden und gesellschaftsverändernden Kräften von Migrationsbewegungen,
kreativen Verortungsstrategien und der Transnationalisierung von Lebensentwürfen
auseinandergesetzt. Ziel war es, nach „entnationalisierten Mikroprozessen“, Beispielen, Konzepten
und Projekten, in denen Migrationsbewegungen Beiträge zur Stadtentwicklung und Urbanität leisten,
zu suchen, die man unter dem Begriff des Postmigrantischen diskutiert. Auf dieser Grundlage sollten
die Studierenden ein eigenes Projekt konzipieren, das die Postmigrantische Perspektive mit
Rassismustheorien verbindet. Für das Sommersemester 2023 wurde eine Kooperation im Rahmen
des „New Placemaking“-Projekts umgesetzt.
Die Idee war, für die frei werdenden Flächen in der Inneren Nordstadt kulturelle bzw.
kulturpädagogische Angebote im Viertel zu entwickeln. Der von der Stadt Bonn in dem Projekt
angelegte partizipative Prozess verband sich in der Zielsetzung mit der Idee der postmigrantischen
Perspektive und bot den Studierenden Einblicke in die Möglichkeiten, aber auch Ideen über
Stolpersteine, die häufig mit diesen Prozessen einhergehen. Nach einem gemeinsamen Besuch der
Auftaktveranstaltung in der Bonner Oper am 01.04.2023 äußerten die Studierenden den Wunsch,
das Vorgehen im Seminar zu ändern: Sie nahmen wahr, dass insbesondere die Perspektiven, die für
das Seminar von Interesse waren, mit der Auftaktveranstaltung nicht erreicht wurden. Sie
beobachteten ein von der Auftaktveranstaltung angezogenes Milieu, das in partizipativen Prozessen
zumeist dominiert, während die Stimmen der „Randseiter“ kaum vorhanden sind. Nach dieser
Rückmeldung haben der Projektleiter und Prof. Dr. Donja Amirpur das Seminar neu konzipiert: Die
Studierenden planten, die Perspektiven, die im Prozess nicht vertreten waren, zu suchen, ihnen
zuzuhören und somit Gehör zu verschaffen. Dem reflexiven Verständnis transdisziplinärer Forschung
entsprechend wurden somit Settings und Methoden kontinuierlich dem laufenden
Forschungsprozess angepasst. Somit wurden sogenannte „real-world learning opportunities“
forschungs- oder praxisorientiert aufgegriffen.Seite 14 von 20
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4.1.1.1 Vorarbeit
Die Studierenden unternahmen eine Führung gemeinsam mit dem Diplom-Geographen Tobit
Nauheim durch die Innere Nordstadt, beobachteten das Treiben im Viertel und kamen mit den
Bewohner*innen über ihr Viertel ins Gespräch. Darüber hinaus arbeiteten sie sich in die
soziodemographischen Daten des Viertels ein. Gerahmt wurden die Recherchen durch Impulse des
Projektleiters, der über seine Erfahrungen in der Kulturarbeit im Viertel referierte, und durch Elina
Schick, Quartiersmanagerin im Macke-Viertels, die über die Lebenslagen der Bewohner*innen
berichtete.
4.1.1.2 Erhebungen
Auf dieser Grundlage führten die Studierenden letztlich eigene Erhebungen in oder durch folgende
Organisationen/Institutionen in der Inneren Nordstadt bei besonders vulnerablen Personengruppen
durch:
- Seniorenzentrum Haus Rosental
- rund um den interkulturellen Mädchentreff Azade
- mit Suchterkrankten durch Hilfe des Vereins für Gefährdetenhilfe
- mit Bewohner*innen einer Unterkunft für Geflüchtete
- vor einem Kiosk und auf dem Frankenbadplatz
- OGS der Grundschule Marienschule
4.1.1.3 Auswertung und Präsentation
Die eingefangenen Stimmen und Wünsche für das Viertel wurden kreativ inszeniert und beim
Aktionstag der Bönnschen Viertel im Juni 2023 in der Inneren Nordstadt dem Stadtviertel präsentiert.
4.1.2 Ausblick
Die im Bachelorseminar des Sommersemesters 2023 erlangten Erkenntnisse wurden im
Wintersemester 2023/24 in einem Seminar des Masterstudiengangs Kulturpädagogik/
Kulturmanagement der Hochschule Niederrhein mit dem Titel „Prozesse in der Migrations-
gesellschaft: Gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation“ unter der Leitung von Prof. Dr. Donja
Amirpur weiterverfolgt.
4.2 Partizipative Methoden in der Humangeographie
Über das Master-Seminar „Partizipative Methoden in der Humangeografie“ am Geographischen
Institut der Universität Bonn (geleitet von Dr. Elisabeth Kirndörfer), welches ebenfalls eine
Kooperation mit dem „New Placemaking“-Projekt eingegangen ist, wurden neue Erkenntnisse für
kommunale Transformationsprozesse erzielt. In diesem Seminar beschäftigten sich die Studierenden
mit qualitativen Forschungsmethoden und legten dabei den Schwerpunkt auf Partizipation und
Dialog: Wie kann es gelingen, den Forschungsprozess möglichst transparent und offen zu gestalten?
Welche Wege gibt es, um Gesprächspartner*innen dabei als möglichst gleichberechtigte
Partner*innen einzubeziehen? Und welche Rolle spielt dabei die konstante Reflexion persönlicher
Positionalitäten, Privilegien und von Macht im Forschungsprozess?
Entlang dieser Fragen haben sich die Studierenden in diesem Seminar mit konkreten Forschungs-
methoden beschäftigt (walking/go-along interviews, peer interviewing, partizipatives Mapping), aber
auch ganz grundsätzlich mit ethischen und politischen Fragen des (qualitativen) Forschens. Konkretes
Forschungssetting war dabei das „New Placemaking“-Projekt als Reallabor zwischen Wissenschaft,
Zivilgesellschaft und der Kulturszene rund um die „Bönnschen Viertel“.Seite 15 von 20
15
Im Zentrum dieses Seminars stand die Reflexion und der Austausch über den Wandel, den die
Forschungspraxis nimmt, wenn man nicht über Menschen forscht, sondern mit Menschen. Erste
Erfahrungen in der Anwendung von qualitativen Forschungsmethoden waren in diesem Seminar eine
Voraussetzung. Der Projektleiter hat durch einen Impuls-Vortrag das Modellvorhaben „Bönnsche
Viertel“ sowie das Projekt „New Placemaking“ vorgestellt. Nach der ersten Seminarsitzung wurde
eine Fahrradtour zu den beiden Modellvierteln mit dem Besuch relevanter „Hotspots“ durchgeführt.
4.2.1 Fazit
Ähnlich wie die Studierenden der Hochschule Niederrhein, haben sich die an diesem Seminar
teilnehmenden Geograph*innen Forschungsthemen ausgesucht, die unmittelbar mit dem
öffentlichen Raum und seiner Belebung zu tun haben. Eine Themenfindung, die unmittelbar mit der
befragten Zielgruppe bzw. Einzelperson entstanden ist, war das Ziel dieses Forschungsmethoden-
seminars. Die Ergebnisse können als Impulse für eine partizipativ-orientierte Stadtgestaltung bzw.
Gestaltung des öffentlichen Raums im Zusammenhang mit der Mobilitätswende genutzt werden.
5. Handlungsempfehlungen für die Stadtverwaltung Bonn
Das Projekt „New Placemaking“ ist der Beginn eines Prozesses der Umgestaltung des öffentlichen
Raums im Zusammenhang mit der Mobilitätswende und zur Entwicklung von Anpassungsstrategien
in Bezug auf die Klimakatastrophe. Da es sich um einen Prozess handelt, könnte man von einem
Raum in der Entstehung sprechen, einem „Place in the making“, der dem Ziel eines Aufbaus von
sozialer Resilienz folgt. Die Beforschung dieses Ziels ist in der akademischen Diskussion von
resilienten Städten eine Nische, die bislang eine Forschungslücke darstellt.
5.1 Skalierung
Es braucht kurz- bis langfristige Sperrungen der Straßen, um die meisten der konzipierten und
durchgeführten Aktionen realisieren zu können. Das hohe Verkehrsaufkommen hindert bisher
Akteur*innen aus der Nachbarschaft daran, Aktionen intergenerationeller Vielfalt zu ermöglichen.
Die Gefahr von Verkehrsunfällen und Streitigkeiten zwischen den einzelnen Verkehrs-
teilnehmer*innen ist zu hoch. Fragen nach Haftungen spielen hierbei eine ganz wesentliche Rolle.
Lediglich Ein-Tages-Events, wie angemeldete Straßenfeste oder das Kirschblütenfest in der Inneren
Nordstadt, ermöglichen konfliktfreie und sichere Umgebungen für die Realisierung solcher Konzepte.
Das Ziel einer Verstetigung von Kulturmaßnahmen mit dem Ziel des Aufbaus sozialer Resilienz,
sozialer Energie und Maßnahmen zur sozialen Klimaanpassung wird durch die bisherige
Mobilitätspolitik nicht erreicht. Derzeit ist in Bonn nur ein Nutzen von öffentlichen Räume möglich,
bei denen kein Straßenverkehr in direkter Nähe vorhanden ist. Ein Beispiel stellen die Soundbike-
Aktionen am linksrheinischen Ufer unterhalb der Beethovenhalle dar.
5.2 Kommunikation
In Zeiten von Social Media und vielfältiger Messenger-Dienste werden für die Kommunikation diverse
Mittel verwendet. Natürlich ist Mund-zu-Mund-Kommunikation vorhanden, jedoch werden häufig
Plattformen wie Nebenan.de, Signal-, WhatsApp- oder Telegramm-Gruppen sowie Instagram und
Facebook genutzt. Selbstorganisierte, verstetigte Treffen zwischen der Nachbarschaft und den
gestaltenden Akteur*innen zum Zwecke der (kulturellen) Belebung der Viertel sind bislang im
Zusammenhang mit dem Projekt der „Bönnschen Viertel“ nicht bekannt. Für zukünftige Vernetzung
braucht es auch eine stärkere Erprobung neuer Kommunikationsmethoden sowie Bildungs-
maßnahmen, besonders für ältere Zielgruppen, sowie für neue Nachbarschaftsgruppen mit
unterschiedlichem geografischen und sozialen Hintergrund.Seite 16 von 20
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5.3 Wetterbeobachtung
Für eine Verstetigung von (Kultur-) Aktionen wird empfohlen, die Nachbarschaft und gestaltende
Akteur*innen niederschwellig an Apps und der gezielten Wetterbeobachtung zu schulen. Hier gilt es
regelmäßige Wetter-Updates zu analysieren, um das Sicherheitsrisiko bei Veranstaltungen durch
Extremwetterereignissen oder plötzliche Gewitter zu minimieren. Eine Kooperation mit dem lokalen
Wetterdienst „Wetteronline.de“ ist eine strategische Empfehlung.
5.4 Lärm / Absprachen / Umgang mit Konfliktsituationen
Nicht-kommerzielle Musik- und Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel, sind eine der (sub-)
kulturellen Nutzungen, die nach einer Mobilitätswende die Straßen der Stadt prägen könnten. Mit
solchen Events wird der öffentliche Raum in niedrigschwelliger Weise temporär bespielt, gestaltet
und transformiert. Dies trägt nicht nur zur kulturellen Landschaft bei, sondern ist als temporärer
Aneignungs- und Gestaltungsprozess des Raumes auch stadtentwicklungsrelevant. Denn diese Praxis
ermöglicht es, bei gelungener Projektführung, partizipativ zur Gestaltung der „Stadt für Alle“
beizutragen. Gegenwärtig sind kulturelle Veranstaltungen im öffentlichen Raum jedoch mit großen
Herausforderungen verbunden. Die nicht-kommerziellen Veranstaltungen, vor allem mit elektronisch
verstärkter Musik auf innerstädtischen Freiflächen, verursachen in Bonn seit Jahren Konflikte
zwischen diversen Stakeholderguppen. Darüber hinaus beteiligen sich zunehmend auch
unerfahrenere Organisator*innen, deren Problembewusstsein beispielsweise hinsichtlich
notwendiger räumlicher Voraussetzungen von Veranstaltungsorten oder in Bezug auf allgemeine
Konflikte um die Nutzung öffentlicher Räume weniger stark ausgeprägt ist.
Es wäre sinnvoll, sich auf die Entwicklung eines anwendbaren Modells für Freiflächen im Bonner
Stadtgebiet zu konzentrieren, auf denen Veranstaltungen stattfinden können und auf denen mit
Schalltechnik experimentiert werden kann. Dies soll vor allem junge kreative Akteur*innen in Bonn
motivieren, sich aktiv bei der Umsetzung experimenteller Kunst-, Kultur-, und Musikveranstaltungen
einzubringen. Über die Identifizierung von solchen Erprobungsräumen hinaus, sollten die rechtlichen
und bürokratischen Rahmenbedingungen zur Durchführung von kulturellen Veranstaltungen im
öffentlichen Raum analysiert und reflektiert werden mit dem Ziel, bürokratische Hürden abzubauen
und die Organisation von Veranstaltungen in diesen Räumen zu vereinfachen. Verwaltungs- sowie
Ordnungsbehörden könnten dadurch zudem deutlich entlastet werden. Außerdem sollte durch eine
transparente Kommunikation mit allen Beteiligten (einschließlich Veranstalter*innen,
Anwohner*innen, Verwaltungsmitarbeiter*innen, Nachtbürgermeister, politische Entscheidungs-
trägen*innen und Polizei) an einer Reduzierung bestehender Vorurteile und gegenwärtiger Konflikte
mitgewirkt werden. Kulturelle Veranstaltungen in verkehrsberuhigten Stadtteilen sollten als
anerkannte Nutzung des öffentlichen Raumes etabliert werden.
Zur Identifizierung solcher Räume könnte möglicherweise die Erstellung einer Datenbank als
Grundlage zur Kartierung möglicher Areale für eine konfliktarme Umsetzung im Bonner Stadtgebiet
beitragen. Die Datenbank könnte Bewertungskriterien enthalten, anhand derer potenzielle Räume
auf ihre Eignung hin geprüft werden können. Um die so identifizierten Areale zu evaluieren, sollten
diese testweise bespielt werden. Hierbei wäre eine enge Einbindung von unterschiedlichen
Veranstalter*innen sowie der Politik und Verwaltung sinnvoll.
5.5 Infrastruktur
Die (partizipativen) Befragungen der Studierenden haben gezeigt, dass es einiger Verbesserungen in
der städtischen Infrastruktur bedarf, um den öffentlichen Raum besser für die verschiedenen
Zielgruppen sowie für Veranstaltungen und andere sozioökologisch-kulturelle Formate nutzen zu
können. Hervorgehoben werden kann dabei besonders die Forderung nach mehr (kostenfreien)
Toiletten.Seite 17 von 20
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5.6 Auswahl von künstlerischen Kooperationen
Da es sich bei quartiersorientierter Stadtentwicklung um partizipative Prozesse handelt, sollte auch
die Auswahl von kulturellen und künstlerischen Ausdrucksweisen durch die Nachbarschaft in
Selbstorganisation erfolgen. Hier gilt es zwei unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen:
a) Wenn die Nachbarschaft oder sogenannte Change Agents Veranstaltungen mit künstlerischen
Darbietungen planen, können sie auf vorhandene Netzwerke zurückgreifen. Hier gilt das
Kulturamt der Stadt Bonn als wichtiger Knotenpunkt. Natürlich können auch im Quartier
lebende Künstler*innen in die Planung einbezogen werden. Das steigert das
Zugehörigkeitsgefühl aller Beteiligten und baut wiederum neue Netzwerke auf.
b) Um eine Verstetigung und damit dauerhaft nachhaltigen Ausdruck nachbarschaftlicher Kultur
herzustellen, ist es sinnvoll, regelmäßige kulturelle Aktionen und Bildungsmöglichkeiten
intergenerationeller Art im Viertel aufzubauen. Dafür braucht es engagierter Bürger*innen,
eine nachhaltige Finanzierung und besonders wetterunabhängige Orte der Begegnung.
Formate der Community Arts und Music, wie sie der Kooperationspartner ARTpolis entwickelt
und veranstaltet, wären hier sinnvoll einzubringen. Erfahrungen internationaler Projekte
haben gezeigt, dass diese niederschwelligen und auf Partizipation angelegte Formate
nachhaltigen Einfluss auf künstlerische Bildung, das Zugehörigkeitsgefühl, die Gesundheit
(physisch und psychisch) sowie auf neue Kommunikationsformen innerhalb einer
Nachbarschaftsgemeinschaft haben.
5.7 Urbane Resilienz
Um eine soziale Resilienz im urbanen Raum der Modellquartiere Combahnviertel und Innere
Nordstadt zu fördern, ist die soziale Ungleichheit in den Vierteln zu reduzieren und das
zivilgesellschaftliche Engagement im Kontext einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft
zu stärken. Experimentierräume, zum Beispiel bei Umnutzungen, oder der öffentliche Raum kann
dabei unterstützen. Koproduktion ist ein grundlegender Baustein, um lokale Innovationen zu fördern
und letztlich auch flexibel auf Belastungssituationen reagieren zu können. Eine intensive und
befähigende Zusammenarbeit vermag es, lokale Kenntnisse und Ideen mit öffentlicher Akzeptanz,
Ressourcen und Umsetzungsfähigkeit zu vereinbaren. So kann vorhandenes Engagement
aufgefangen und unterstützt sowie neues Engagement gefördert werden.
Besonderes Augenmerk ist darauf zu legen, die Zivilgesellschaft zur aktiven Mitgestaltung ihres
Lebensumfeldes und Stadtteils zu befähigen, und dabei auch kulturelle und sprachliche Barrieren zu
überwinden. Dabei sollte der öffentliche Raum mit sozial-ökologisch-kulturellen Angeboten belebt
werden, um eine urbane Resilienz zu stärken, aber auch um Klimaanpassungsstrategien zu
etablieren: zum Beispiel die Nutzung von verschatteten Räumen, Erlernen von solidarischer
Ökonomie oder Sharing Culture. Der öffentliche Raum ist zu erweitern und umzugestalten –
insbesondere als wohnungsnaher Grün- und Freiraum für vielfältige, besonders auch nicht-
kommerzielle Nutzungen und Aneignungen. Er ist eine zentrale Ressource für urbane Resilienz,
Gesundheitsvorsorge und Klimafolgenanpassung. Wenn ein Zugehörigkeitsgefühl mit dem Quartier
vorhanden ist, kann dies zu einem lebendigen sozialen Umfeld beitragen, das im Krisenfall zu einer
wichtigen lokalen Ressource werden kann. Über eine Multicodierung grauer Infrastrukturen und
deren Doppelnutzung als soziale Orte oder als Räume mit Klimafunktion, kann ein Flächengewinn
und eine Verbesserung wohnungsnaher Freiräume erzielt werden.
Auch Verkehrsräume sollten als Reservoir dafür verstanden und temporär umgenutzt werden, wenn
Entwicklungen dies erfordern. Von jeder Wohnung müssen Naherholungsräume oder temporär
umzuwidmende Freiräume für Begegnung, Bewegung und Sport in Zukunft fußläufig erreichbar sein.
Letztlich stellt sich die Frage, was Resilienz für einzelne Aspekte der Quartiersentwicklung bedeutet
und wie die verschiedenen Resilienzanforderungen miteinander interagieren, denn urbane Resilienz
und eben auch die Resilienz auf Quartiersebene sind prozessual zu sehen und von einer Vielzahl anSeite 18 von 20
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Diskursen geprägt. Wenn Zuschreibungen von „außen“ erfolgen, ob ein Quartier resilient ist oder
nicht, stellt sich die Frage, wie unterschiedliche Akteur*innen und die Bewohner*innen selbst dies
wahrnehmen. Ein auf Gleichberechtigung und Gerechtigkeit ausgerichtetes Resilienzverständnis kann
nur unter Beachtung verschiedener Vulnerabilitäten und des ungleichen Zugangs zu Macht, Wissen
und Ressourcen weitergedacht werden. Ein solches Verständnis von Resilienz sollte bei der
Betroffenheit der Menschen selbst, ihrer individuellen Wahrnehmung der Realität und ihren
Bedarfen ansetzen. Eine aktive Zivilgesellschaft auf stadträumlicher Ebene und
„Quartiersentwicklung von unten“ werden als maßgebliche Faktoren von Resilienz betrachtet.
Zivilgesellschaftliche Initiativen und bürgerschaftliches Engagement im Quartier können in
Krisensituationen im Sinne der Selbstorganisation wichtige Unterstützungsleistungen erbringen und
Vernetzung schaffen. Doch jegliches zivilgesellschaftliches Engagement benötigt eine gute
Kooperation mit den entsprechenden Schnittstellen in Politik und Verwaltung, damit neue
Lösungsansätze die nicht an bürokratischen Hürden scheitern. Es braucht eine vertrauensvolle
Kommunikation und eine auf langfristige Perspektiven ausgerichtete Zusammenarbeit. Kooperative
Governance-Ansätze und lokale Prozesse der Koproduktion sind als Bausteine der Resilienz zu sehen
und können maßgeblich zur Erhöhung der Anpassungsfähigkeit urbaner Systeme beitragen.
Die Teilhabe von Bewohner*innen, deren aktive Mitgestaltung ihres unmittelbaren Lebensumfeldes
und die Erprobung neuer Verfahrensweisen und Organisationsformen sind demnach für eine
zukunftsfähige Quartiersentwicklung unabdingbar. Dennoch stellt sich hinsichtlich einer
kooperativen Governance die Frage, wie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteur*innen
aussehen müsste, damit lokale Bedarfe auf gesamtstädtischer Ebene Gehör finden. Reallabore sind
dafür wichtige Experimentierfelder. Dabei sind auch Fragen nach der Rolle des Ehrenamts und der
Zusammenarbeit von professioneller Quartiersarbeit und organisierter sowie nicht-organisierter
Zivilgesellschaft zu beantworten.
5.8 Transformatives Lernen
Das Projekt „New Placemaking“ setzte an der Schnittstelle zwischen experimentellem
Innovationsmodus und transformativem Lernen für eine nachhaltige Entwicklung an und hat gezeigt,
dass es ein transformatives Lernen aller an dem Prozess Beteiligter ausgelöst hat. Es waren
Erfahrungen an Schnittstellen, die die Bürger*innen von gewohnten Bahnen des Denkens und
Handelns abbrachten, sie irritierten und Alltägliches in Frage stellen ließen. Gelingt es, geeignete
Räume zur Reflexion dieser Irritationen und den damit einhergehenden Emotionen zu schaffen,
können transformative Lernprozesse (auch durch kulturelle Formate) unterstützt werden. Im Idealfall
würden diese transformativen Lernprozesse Reflexivität, Kreativität und neues Wissen zur Gestaltung
von Nachhaltigkeitstransformation befördern. Sie würden nicht zuletzt dazu beitragen, die
Spannungsfelder zum Beispiel einer Mobilitätswende in Zeiten multipler Krisen auszuhalten,
auszubalancieren und reflektiert handlungsfähig zu bleiben.
Ziel und Zweck eines solchen Lernens ist es, den Bürger*innen und Studierenden Wissen und
Instrumente an die Hand zu geben und letztlich Kompetenzen zu vermitteln, die darin befähigen,
eigenständig, transdisziplinär und transformativ zu Fragen einer zukunftsfähigen gesellschaftlichen
Entwicklung selbstorganisiert zu handeln bzw. zu forschen und mit anderen Worten als Change
Agents für Nachhaltigkeit tätig zu werden. Solche Agent*innen des Wandels müssen einerseits mit
der Veränderbarkeit komplexer Systeme vertraut gemacht werden, um Gesellschaft und ihre
Entwicklung angemessen wahrnehmen und verstehen zu können. Andererseits benötigen sie das
notwendige Wissen und Handwerkszeug, um selbst aktiv gestaltend tätig werden zu können.
5.9 Partizipative Forschung
Der progressive Ansatz einer partizipativen (Aktions-)Forschung wurde bewusst für dieses Projekt
gewählt. Damit konnten unbeteiligte und normalerweise nicht am StadtentwicklungsprozessSeite 19 von 20
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teilnehmende Zielgruppen mit einbezogen werden. Die Forschung ist in diesem Projekt durch
Studierende zweier Hochschulen erfolgt, mit dem Ziel diese in die Forschungsmethodik einzuführen.
5.10 Mehr-Ebenen-Prozesse
Das Projekt „New Placemaking“ repräsentiert einen Mehr-Ebenen-Prozess zwischen Verwaltung, der
freien Kunst- und Kulturszene, zwischen Change Agents und Nachwuchsforschenden von zwei
Hochschulen. Hier wurde ein kollektiver Prozess der Raumgestaltung begonnen, um die
Raumnutzungs- und Lebensqualität in zwei Vierteln zu verbessern und sich den Raum sozio-
emotional anzueignen. Das Ziel dabei war, die Umverteilung des öffentlichen Straßenraums
zugunsten der nicht-verkehrlichen Nutzungen, wie Aufenthalt, Spiel und gesellschaftlichen
Aktivitäten. Dieses Umgestalten und Umdenken ist gegenwärtig nicht einfach zu realisieren und
erfordert neben dem politischen Willen und einer Unterstützung von Bürger*innen und
Zivilgesellschaft auch eine Änderung von Regelwerken. Es ist immens wichtig, auch die Sichtweisen
verschiedener Bewohner*innen und Akteur*innen im Quartier sowie Formen der Kooperation und
Partizipation stärker einzubeziehen.
5.11 Förderungen seitens der Stadtverwaltung
Zunächst wäre eine strategische Förderung von Placemaking-Projekten im öffentlichen Raum
sinnvoll. Es gilt Experimentierräume für pfadunabhängiges Denken zu entwickeln, auszuprobieren
oder auch scheitern zu lassen, um künftige Krisen (kreativ) zu antizipieren, neue Lösungen zu
entwickeln und neue Standards in der Praxis zu etablieren. Die benötigten Fördermittel müssten
dabei nicht nur aus dem Kultur-, sondern auch aus dem Nachhaltigkeits-, Stadtplanungs- oder
Sozialbereich kommen. Außerdem gilt es langfristigere Prozesse zu fördern (mindestens 5-10 Jahre),
da ein Fortführen weiterer Kurzprojekte nicht nachhaltig ist und ebenso kein Scheitern der Prozesse
zulässt. Mit Hilfe der Stadtverwaltung könnte ein „Hub für Mäzenatentum“ zur Förderung solcher
langfristigen Prozesse etabliert werden.
5.12 Perspektiven für andere Stadtbezirke
Für mittel- und langfristige Prozessforschung sowie die Installierung und Durchführung von
Transformationsprozessen durch sozio-ökologisch-kulturelle Methoden braucht es eine Ausweitung
von Aktionen über weitere Kooperationspartner*innen hinein in andere Stadtbezirke.
Eine Erweiterung in den Community Sports-Bereich, in der perspektivisch das Sport- und Bäderamt
der Stadt Bonn eingebunden werden sollte, ist ebenfalls zu verfolgen.
Verfasser: Darius RoncoszekSeite 20 von 20

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Datenstand: 02.11.2026, 23:51 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de