241618 · Beschlussvorlage
Neues Konzept zur Förderung des betrieblichen Mobilitätsmanagements in Bonner Unternehmen und Einrichtungen der Verwaltung gemäß Steckbrief 3.3.2.1 des Klimaplans (JOBWÄRTS)
Kerndaten
- Nummer
- 241618
- Art
- Beschlussvorlage
- Veröffentlicht
- 03.10.2024
- Letzte Änderung
- 03.11.2026
Orte
- Bonn Hauptort
Beratungsfolge
- Sitzung des Ausschusses für Mobilität und Verkehr Empfehlung
- Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Klima und Lokale Agenda Empfehlung
- Sitzung des Rates Entscheidung federführend
Dateien
- Sammeldokument öffentlich Öffnen ↗
Verwandte Vorlagen
Untergeordnet
Volltext
Maschinell aus dem PDF extrahierter Text — Tabellen und Layout gehen verloren. Maßgeblich ist das PDF: PDF öffnen ↗.
Text anzeigen (22.495 Zeichen)
Beschlussvorlage öffentlich 241618 Die Oberbürgermeisterin Federführung: 61 Stadtplanungsamt Dezernat: Dez. III Neues Konzept zur Förderung des betrieblichen Mobilitätsmanagements in Bonner Unternehmen und Einrichtungen der Verwaltung gemäß Steckbrief 3.3.2.1 des Klimaplans (JOBWÄRTS) Beratungsfolge Ausschuss für Mobilität und Verkehr 10.10.2024 Empfehlung Ausschuss für Umwelt, Klima und Lokale Agenda 31.10.2024 Empfehlung Rat 12.11.2024 Entscheidung Beschlussvorschlag 1. Dem von der Verwaltung vorgeschlagenen neuen Konzept zur Förde- rung des betrieblichen Mobilitätsmanagements in Bonner Unternehmen und Einrichtungen der Verwaltung gemäß Steckbrief 3.3.2.1 des Klima- plans (Jobwärts) wird zugestimmt. 2. Die Verwaltung wird beauftragt, das neue Konzept ab 2025 umzuset- zen. Die dafür kalkulierten Finanzmittel werden im Haushalt zur Verfü- gung gestellt. Begründung Anlass Am 12.12.2023 hat der Rat der Stadt Bonn das bestehende Programm JOBWÄRTS bis 31.12.2024 verlängert und der Verwaltung gleichzeitig den Auftrag erteilt, für die Weiterführung ab 2025 ein neues Konzept vorzulegen (DS 220492-03). Grund dafür war das Ausscheiden des Rhein-Sieg- Kreises (RSK) und der damit verbundene Wegfall von 50 % der Finanzierung sowie eine Reihe an Kündigungen von Arbeitgebenden. Trotz des Ausstiegs des Rhein-Sieg-Kreises empfahl die Stadtverwaltung eine Fortsetzung von JOBWÄRTS, denn das Programm ist weiterhin sehr erfolgreich. Zudem wird mit dem JOBWÄRTS-Programm dem im Klimaplan aufgeführten und beschlossenen Steckbrief 3.3.2.1 „Betriebliches Mobilitätsmanagement“ nachgekommen.Seite 1 von 10 Seite 2 Ausgangssituation JOBWÄRTS ist seit dem Programmstart 2020 sehr etabliert und hat bei dutzenden Unternehmen das Mobilitätsmanagement optimiert. Die letzte Wirkungsmessung aus 2023 hat ergeben, dass sich der Modal Split positiv im Sinne der Mobilitätswende entwickelt hat. Im Vergleich zu 2019 haben bisher insgesamt 6.317 Mitarbeitende ihre Pkw-Nutzung reduziert und damit 935 Tonnen CO2 eingespart. Darüber hinaus hat die Wirkungsmessung ein hohes Umstiegspotenzial aufgezeigt, welches durch die Fortsetzung des Programms mit gezielten Angeboten aktiviert werden kann. Als Ergebnis der Befragung ist hervorzuheben, dass bereits weitere 2.500 Mitarbeitende eine weitere Reduzierung der Pkw-Nutzung vornehmen möchten. 35 % der befragten PKW-Nutzenden können sich einen Umstieg auf das Rad vorstellen, wenn sich die Radinfrastruktur der Stadt und des Arbeitgebenden entsprechend verbessert. Des Weiteren können sich 46 % der Befragten auch einen Umstieg auf den ÖPNV vorstellen, wenn sich hier insbesondere die Betriebsqualität verbessern würde. Zum letzten Jahr haben allerdings 13 der 42 Arbeitgebenden gekündigt. In den Gesprächen mit diesen Arbeitgebenden wurden hauptsächlich die Teilnahmegebühren von ca. 5.000 € pro Jahr als Grund genannt, das Programm zu verlassen. Dies betraf vor allem Arbeitgebende der öffentlichen Hand und mittlere Unternehmen, die im Zuge der Wirtschaftsplan- /Haushaltsplankonsolidierungen auf freiwillige Leistungen verzichten müssen. Gleichzeitig sank auch das Interesse, wiederholt an den ressourcenintensiven Aktionen für Mitarbeitende (Testwochen, Dankeschön-Aktionen, Fahrrad- Checks etc.) teilzunehmen. Dagegen ist das Interesse an den Mobilitätsanalysen und der Wirkungsmessung weiterhin hoch, da die somit erhobenen Daten durch die bald verpflichtenden EU-Reportings, sog. Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Die CSRD-Richtlinie der EU verpflichtet seit 2023 EU-Unternehmen zu einer nachhaltigen Berichterstattung. Bei der wichtigen Kennzahl Pendelverkehr der Mitarbeitenden kann JOBWÄRTS die Unternehmen unterstützen, indem es CO2-Äquivalente bzw. deren Erhebung durch die Wirkungsmessung liefert. Um dem zu entsprechen, wird hier auch einer der zukünftigen Schwerpunkte des Programms gesehen. Die vielfältigen Mitarbeitenden-Aktionen von JOBWÄRTS haben dazu geführt, dass die Außenwahrnehmung des Markenbildes von JOBWÄRTS nicht der tatsächlichen Bandbreite der Angebote entspricht. JOBWÄRTS wird zunehmend „nur“ als Initiator von Mitarbeitenden-Aktionen verstanden oder sogar mit JOBRAD oder Jobbörsen verwechselt. Das JOBWÄRTS-Programm wird zu wenig als Berater, Vernetzer und Impulsgeber für zukunftsfähige, nachhaltige betriebliche Mobilität wahrgenommen. Gemäß Klimaplan soll dies allerdings eine Hauptaufgabe von JOBWÄRTS werden. Als wesentliche Leistung sollen Bonner Unternehmen, Forschungs- und Bundeseinrichtungen sowie Unternehmen im Rhein-Sieg-Kreis bei der Etablierung eines betrieblichen Mobilitätsmanagements inhaltlich und organisatorisch unterstützt und kostenfreie Beratungsleistungen angeboten werden.Seite 2 von 10 Seite 3 Neuer Ansatz In mehreren Workshops mit Arbeitgebenden wurde in Zusammenarbeit mit Stakeholdern wie z.B. der IHK sowie den Empfehlungen der Hochschule RheinMain (siehe Anlage 1) folgender neuer Ansatz abgestimmt: JOBWÄRTS vernetzt und motiviert Arbeitgebende für eine zukunftsfähige betriebliche Mobilität ihrer Unternehmen in der Region Bonn/Rhein-Sieg. Anstatt aufwändige Mitarbeitenden-Aktionen wie Testwochen selbst durchzuführen, gibt JOBWÄRTS Hilfestellung zur eigenständigen Organisation in den Unternehmen. Konkret sollen die folgenden Bausteine umgesetzt werden. • Individuelle Analysen für Arbeitgebende. Anhand der bewährten Mobilitätsanalyse werden Potenziale für nachhaltige betriebliche Mobilität aufgezeigt. • Jährliche Mitarbeiterbefragungen mit dem Ergebnis einer unternehmensspezifischen Evaluierung der getroffenen Maßnahmen und Ermittlung des Modal-Splits zur Unterstützung der Arbeitgebenden in den kommenden verpflichtenden EU-Reportings (zb. Scope 3) • Schulung der Ansprechpartner in Unternehmen durch den mit der IHK gemeinsam durchgeführten Zertifikatslehrgang „Betriebliche/r Mobilitätsmanager/in“ • Bereitstellung einer Mobilitäts-Toolbox mit „Best-Practices“ / “How to dos“ / Leistungsverzeichnissen, Kommunikationsmitteln uvm. • Neue Vernetzungsformate zwischen den Arbeitgebenden, zur Weiterbildung und zum Austausch mit der Bundesstadt Bonn Dieser neue Ansatz wurde bereits sowohl verwaltungsintern als auch im Lenkungskreis JOBWÄRTS intensiv diskutiert und weiterentwickelt. Die Rückmeldungen aus allen Bereichen waren sehr positiv. Stärkere Einbindung in der Verwaltung Um den gemeinschaftlichen Aspekt von JOBWÄRTS weiter in den Fokus zu stellen, soll die Kooperation mit anderen Themen in der Verwaltung weiter ausgebaut werden. So wird eine Zusammenarbeit mit dem Team der Klimaschutzangebote beim Amt für Wirtschaftsförderung, auch im dortigen Projekt Nachhaltigkeits-Hub Region Bonn, angestrebt, weil sich die Konzepte sehr gut ergänzen. Hier gibt es konkrete Überlegungen, das Thema betriebliches Mobilitätsmanagement in die angedachte AG Mobilität des Projektes Klimapartnerschaften zu integrieren. Das JOBWÄRTS-Team soll hier gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung zur Vernetzung und Information von Arbeitgebenden in der AG Mobilität beitragen. Zudem gibt es eine Reihe an Überlegungen für neue Formate, um den Austausch zwischen Verwaltung und Arbeitgebenden zu stärken, z.B. ein Runder Tisch oder Kamingespräche mit entscheidenden Personen der Bundesstadt Bonn.Seite 3 von 10 Seite 4 Partnerschaften Der ursprüngliche Programmpartner VRS / Zukunftsnetz NRW ist bestrebt, das JOBWÄRTS-Programm in Köln und Leverkusen sowie den umliegenden Kreisen auf Grund der positiven Erfahrungen und der nachgewiesenen Wirkung im Bonner Raum zu initiieren. Hier steht die Verwaltung in engem Austausch und verspricht sich weitere Synergieeffekte. Betrachtung der Marke „JOBWÄRTS“ Aufgrund der inhaltlichen neuen Ausrichtung muss auch der Markenauftritt geschärft und neu betrachtet werden. Bisher hat sich das Angebot und die entsprechende Kommunikation im Schwerpunkt an die Arbeitnehmenden gerichtet. Durch die Neuausrichtung des Angebots werden jetzt im Schwerpunkt die Arbeitgebenden angesprochen. Dies bedeutet einen Ausbau auf eine klare B2B-Marke (Business to Business) und weniger Fokus auf Mitarbeitenden-Aktionen. Das neu formulierte Ziel heißt deswegen: Vernetzung und Information zur nachhaltigen betrieblichen Mobilität für Entscheidungsträger*innen in Unternehmen und Instituten. Das neue Konzept vernetzt und motiviert Arbeitgebende für eine zukunftsfähige betriebliche Mobilität ihrer Unternehmen sowie die Verbesserung der Arbeits- und Lebensqualität der pendelnden Mitarbeitenden in der Region Bonn/Rhein- Sieg. Es trägt dazu bei, dass unsere Region ein attraktiver Standort bleibt – für Menschen und Unternehmen. Damit bewegt es zur nachhaltigen Gestaltung von Pendlermobilität und leistet dadurch einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität 2035. Die neue Marke von „JOBWÄRTS“ Um das Programm langfristig zu stärken und neue Teilnehmende zu gewinnen, ist ein Neustart von JOBWÄRTS als starke Arbeitgebendenmarke geplant. Der Ausstieg des Rhein-Sieg-Kreises wird zum Anlass für eine selbstbewusste Weiterentwicklung des Programms genommen. Damit verbunden ist auch ein neuer Markenname, der die strategischen Ziele und die Angebote des Programms deutlicher kommuniziert und die Bundesstadt Bonn als Initiatorin und Absenderin klar aufzeigt. Darüber hinaus wird eine Verwechslung mit Jobbörsen und Jobrad-Angeboten verhindert. Nach verwaltungsinterner Abstimmung wurde der neue Markenname „MoveBonn – Bewegt die Region für nachhaltige betriebliche Mobilität“ entwickelt. Der Name ist ein Appell an alle Arbeitgebenden in Bonn und der Region: „Geht mit uns in Richtung Zukunft: für nachhaltige betriebliche Mobilität, die Unternehmen attraktiver macht und Mitarbeitende auf dem Weg zum Job entlastet.“ Finanzen Um weitere Kündigungen durch Arbeitgebende, insbesondere aus demSeite 4 von 10 Seite 5 öffentlichen Bereich zu vermeiden, wird zukünftig auf Mitgliedsbeiträge verzichtet (aktuell 10 € netto pro Mitarbeitenden, max. 5000 € netto pro Jahr). Gerade die Kommunen in der umliegenden Region sind wichtige Partner als Multiplikatoren im Programm. Auch die zahlreichen Bundesinstitutionen bilden mit ihrer hohen Anzahl an Beschäftigten ein enormes Potenzial zur Erreichung einer nachhaltigen Pendlermobilität. Daher sind insbesondere diese Arbeitgebenden unbedingt als Teilnehmende zu halten. Dies kann nur langfristig durch den Verzicht von Mitgliedsbeiträgen erfolgen, da aufgrund des hohen Kostendrucks öffentliche Institutionen zuerst auf freiwillige Kostenverpflichtungen verzichten. Außerdem haben ausgestiegene Arbeitgebende mehrfach signalisiert, bei einem Wegfall von Beiträgen wieder in das Programm einsteigen zu wollen. Nach Auffassung der Verwaltung ist damit durch den Verzicht auf Beiträge ein deutlich höheres Potenzial an teilnehmenden Arbeitgebenden zu erreichen und damit der Projekterfolg erheblich zu steigern. Der Verzicht auf Mitgliedsbeiträge kann durch den Wegfall der hohen Kosten für die Mitarbeitenden-Aktionen wie Mobilitäts-Testwochen oder Fahrradsicherheits-Checks kompensiert werden. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass gerade im Bereich der Pedelecs eine starke Zunahme zu verzeichnen ist. Dies ist auch auf neue attraktive Leasingangebote sowie deutliche Preisreduzierungen zurückzuführen. Daher sind kostenintensive Anreize und Angebote in diesem Bereich nicht mehr notwendig. Trotz höherer Ansätze für die jährliche Wirkungsmessung zur Ermittlung der CO2-Daten sowie für Austauschformate, um den Fokus mehr auf Vernetzung und Information zu legen, kann der Gesamtansatz im Vergleich zur ursprünglichen Planung zum Haushaltsansatz 2025/2026 langfristig gesenkt werden. Finanzielle Auswirkungen: Produktgruppe Produktgruppenbezeichnung Produkt Produktbezeichnung 1.12. Verkehrsflächen und -anlagen, ÖPNV 1.12.07 Verkehrsplanung Investive Kosten der Maßnahme Brutto Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen Einzahlungen Investiver Finanzsaldo Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich FolgekostenSeite 5 von 10 Seite 6 Brutto Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen / Aufwendungen 241.800,00 EUR EUR (Sachkosten: 142.050,00 EUR, Konzeption: 48.000,00 EUR, Kommunikation: 51.750,00 EUR) 161001207/ 73.1000 (Innenauftrag 6102002, Jobwärts) 2025 Einzahlungen / Erträge 0,00 EUR Haushaltsbelastung jährlich 241.800,00 EUR Brutto Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen / Aufwendungen 246.980,00 EUR EUR (Sachkosten: 150.755,00 EUR, Konzeption: 39.300,00 EUR, Kommunikation: 56.925,00 EUR)) 161001207/ 73.1000 (Innenauftrag 6102002, Jobwärts) 2026 Einzahlungen / Erträge 0,00 EUR Haushaltsbelastung jährlich 246.980,00 EUR Anlage/n 1 Anlage 1 Empfehlungen JOBWÄRTS HSRM (öffentlich)Seite 6 von 10 Perspektiven für eine Weiterentwicklung des Programms JOBWÄRTS aus wissenschaftlicher Perspektive Policy Brief für die Bundesstadt Bonn Prof. Dr.-Ing. André Bruns, Fachgruppe Mobilitätsmanagement im Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen 19.08.2024Seite 7 von 10 Perspektiven für eine Weiterentwicklung des Programms JOBWÄRTS aus wissenschaftlicher Perspektive Prof. Dr.-Ing. André Bruns 19.08.2024 Seite 1 1 HINTERGRUND UND AUFGABENSTELLUNG Mit JOBWÄRTS betreibt die Bundesstadt Bonn (und initial auch der Rhein-Sieg-Kreis sowie das Zukunftsnetz NRW) das derzeit umfangreichste Programm zur systematischen Unterstützung des Betrieblichen Mobilitätsmanagements (BMM) in Deutschland. Aus verkehrswissenschaftlicher Perspektive stellt das Mobilitätsmanagement (MM) neben dem Infrastruktur- und Verkehrsmanagement die dritte instrumentelle Säule des Verkehrswesens dar. Dass MM hat in dieser Trias die spezifische Funktion, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Mobilitätsverhalten zu verändern. MM basiert dabei insb. auch auf theoretischen Grundlagen und Methoden aus den Sozialwissenschaften. Darüber hinaus fungiert das MM explizit als das Instrument, mit dem die Kooperation zwischen staatlichen und privaten Akteuren bei der Lösung von Verkehrsproblemen gefördert werden soll, im BMM mit etwa mit Unternehmen. Mit dem JOBWÄRTS-Programm hat die Bundestadt Bonn und der umliegende Kreis erfolgreich grundlegende organisatorische, inhaltlich-/methodische und kommunikatorische Strukturen geschaffen, um das BMM bei den teilnehmenden Arbeitgebern zu verankern und dauerhaft zu fördern. Die Fachgruppe Mobilitätsmanagement (FGMM) der Hochschule RheinMain hat seit 2021 in nunmehr drei Wellen im Auftrag der Bundesstadt Bonn standardisierte Messungen zur Wirksamkeit des Programms durchgeführt. Die Ergebnisse der Wirkungsmessungen zeigen Veränderungen in der Verkehrsmittelwahl auf Arbeitswegen vom Motorisierten Individualverkehr (MIV) hin zu den Verkehrsmitteln des Umweltverbundes und insbesondere den Radverkehr, die sich zum Teil explizit auf das Programm, bzw. in dessen Rahmen durchgeführte Maßnahmen zurückführen lassen. Im Zusammenhang der dritten Wirkungsmessung wurde die FGMM, aufgefordert, Perspektiven für eine Weiterentwicklung des Programms aus wissenschaftlicher Perspektive zu formulieren. Diesem Wunsch kommen wir im Folgenden gerne nach. 2 ENTWICKLUNGSPERSPEKTIVEN FÜR DAS JOBWÄRTS-PROGRAMM Die Ergebnisse der Wirkungsmessungen zeigen insbesondere ein erhebliches Potenzial für kurz- und insbesondere mittelfristige Verhaltensänderungen. Dieser Befund steht im Einklang mit Erkenntnissen der Mobilitätsforschung, nach denen Verhaltensänderungen im Bereich der Arbeitswege teils umfangreiche Anpassungen von Alltagspraktiken erfordern, die in Stufen ablaufen und einerseits entsprechende zeitliche Vorläufe und andererseits spezifische Unterstützung erfordern. Dies Befunde bestätigen den in Bonn gewählter Ansatz, JOBWÄRTS als dauerhaftes Programm (und nicht zeitlich begrenztes Projekt), einzuführen, da so Menschen über entsprechende Maßnahmen der Arbeitgeber langfristig bei Veränderungen ihres Mobilitätsverhaltens unterstützt werden können. Mit dem JOBWÄRTS-Programm wurden somit erfolgreich grundlegende organisatorische, inhaltlich- /methodische und kommunikatorische Strukturen geschaffen, um das BMM bei den teilnehmenden Arbeitgebern in Bonn und Umgebung zu verankern und dauerhaft zu fördern. Ziel sollte es vor diesem Hintergrund sein, das JOBWÄRTS-Programm als Baustein einer verkehrlichen Gesamtstrategie 1. zu verstetigen und 2. inhaltlich weiterzuentwickeln, um dessen Wirkpotenziale auszuschöpfen. Aus wissenschaftlicher Perspektive, aber insb. auch mit Blick auf die Erfahrungen aus ähnlichen Programmen z.B. in München, der Region Frankfurt RheinMain und Aachen (aber auch Beispiele aus dem europäischen Ausland) bestehen aus Sicht der Verfasser Potenziale insbesondere darin, zum einen das Programm stärker strategisch auszurichten und zum anderen Synergien mit anderen kommunalen Handlungsbereichen, z.B. Stadtplanung und Wirtschaftsförderung zu suchen.Seite 8 von 10 Perspektiven für eine Weiterentwicklung des Programms JOBWÄRTS aus wissenschaftlicher Perspektive Prof. Dr.-Ing. André Bruns 19.08.2024 Seite 2 In folgenden Bereichen werden aus Sicht der Verfasser die größten Potenziale gesehen: 1. JOBWÄRTS als (Governance-)Instrument für kooperative verkehrliche Problemlösungsstrategien nutzen. Hierbei geht es zunächst um die Koordination der durch die AG umgesetzten MM- Maßnahmen, um so konkrete verkehrlicher Herausforderungen etwa im Kontext von Großprojekten im Bereich der Infrastrukturerneuerung zu bewältigen. Durch koordinierte, temporäre Maßnahmen, wie etwa der Erhöhung des Anteils des Mobilen Arbeitens oder der Incentivierung des Umstiegs auf andere Verkehrsmittel als den MIV, kann aufgrund der Menge der an JOBWÄRTS beteiligten Unternehmen, bzw. deren Arbeitnehmer:innen eine signifikante Reduzierung des Verkehrsaufkommens erreicht werden. Beispiele aus den Niederlanden, z.B. Maastricht, Belgien und zuletzt auch Aachen zeigen die Effektivität dieser Strategie. JOBWÄRTS könnte hier eine aktiv koordinierende Rolle einnehmen und entsprechende Gesprächsrunden mit den Baulastträgern und Unternehmen moderieren. 2. Über JOBWÄRTS Arbeitgeber an Verkehrsplanungsprozessen beteiligen. Über die Bewältigung konkreter verkehrlicher Probleme hinaus bietet auch eine eher strategisch ausgerichtete Zusammenarbeit im Kontext verkehrlicher Planungen Chancen. So könnten etwa an JOBWÄRTS und/oder im BMM allgemein engagierte Unternehmen stärker in verkehrliche Planungsprozesse wie der Verkehrsentwicklungsplanung (oder Sustainable Urban Mobility Plans) und insbesondere der Nahverkehrsplanung eingebunden werden. Die im Rahmen des BMM erhobenen Daten könnten so als Planungsgrundlage genutzt werden, zugleich können die Unternehmen die Effektivität öffentlicher Maßnahmen erhöhen, in dem sie diese durch eigene Maßnahmen flankieren. Auch hier könnte JOBWÄRTS eine moderierende Funktion einnehmen und zugleich durch standardisierte Erhebung von Daten („1-Minute-Befragung“ und Wirkungsmessung) eine einheitliche Datenqualität gewährleisten. 3. Integration JOBWÄRTS in anderen kommunalen Handlungsfeldern. Hierbei geht es vor allem darum, die durch JOBWÄRTS geschaffenen Grundlagen auch für andere kommunale Aufgabenbereiche nutzbar zu machen, was anhand zweier Beispiele konkretisiert werden soll: a. Die Stellplatzsatzung der Bundesstadt Bonn ermöglicht es, durch Vorlage eines Mobilitätskonzepts, die Pflicht zu Erstellung von Stellplätzen in Teilen (bis zu 30%) auszusetzen. Voraussetzung hierfür ist ein qualifiziertes und dauerhaft betriebenes Mobilitätskonzept. Im Rahmen des JOBWÄRTS-Programms sind fachliche Grundlagen für derartige Konzepte erarbeitet worden. JOBWÄRTS könnte somit Unternehmen bei der Erstellung und Umsetzung von Mobilitätskonzepten beraten und gleichzeitig durch entsprechende Evaluationen deren langfristige Effektivität sicherstellen. b. Anknüpfungspunkte ergeben sich insbesondere auch im Bereich der Wirtschaftsförderung. So könnte das Beratungsangebot von JOBWÄRTS gezielt als Angebot der Wirtschaftsförderung eingesetzt werden, um ansässige oder ansiedlungswillige Unternehmen im Themenfeld Mobilität zu unterstützen. Hierbei kann auf aktuelle Themen wie die Fachkräftegewinnung oder Nachhaltigkeits-(ESG- )Reporting Bezug genommen werden. Insbesondere die durch die EU konstituierte Pflicht, Nachhaltigkeitsindikatoren wie etwa THG-Emissionen auch für Arbeitswege zu berichten, ist aktuell ein starker Treiber für BMM. Die im Rahmen von JOBWÄRTS erhobenen Daten können unmittelbar für das Reporting eingesetzt werden.Seite 9 von 10 Perspektiven für eine Weiterentwicklung des Programms JOBWÄRTS aus wissenschaftlicher Perspektive Prof. Dr.-Ing. André Bruns 19.08.2024 Seite 3 Die zuvor skizzierten Möglichkeiten zur Weiterentwicklung von JOBWÄRTS erfordern ebenso operative Veränderungen mit Blick auf das Aufgabenportfolio des JOBWÄRTS-Teams, hierzu gehören insb. die folgenden Aspekte: I. Fokus auf strategische Beratungsleistungen (statt operativer Durchführung von Maßnahmen), d.h. eher Fokus auf die Beratung der Arbeitgeber, um diese bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen zu unterstützen. Dieses Beratungsmodell hat sich etwa in der Region Frankfurt RheinMain aber auch in der Stadt München als langfristig erfolgreich erwiesen. Hierzu gehört auch die Förderung entsprechender Fachkompetenzen, etwa durch die Koordination von Fort- und Weiterbildungsangeboten für betriebliche Mobilitätsmanager:innen (z.B. Kooperation mit der IHK Bonn, hier liegen umfangreiche Erfahrungen aus anderen Teilen NRWs vor) sowie die Qualitätssicherung im Rahmen von Zertifizierungen von Mobilitätskonzepten (analog etwa des Zertifizierungsverfahrens der ivm GmbH in Kooperation mit den IHKen der Region Frankfurt). II. Intensivere Nutzung der in JOBWÄRTS ermittelten Daten, etwa als Grundlage für die Planung von Mobilitätskonzepten oder für das Nachhaltigkeitsreporting der Arbeitgeber. Darüber hinaus jedoch auch gezielte Aufbereitung und Nutzung der Daten in datenschutzrechtlich geeigneter Form für städtische Planungsprozesse. III. Fokus auf Vernetzung der Unternehmen und Moderation von Prozessen etwa zur Koordinierung von Maßnahmen im Sinne des oben genannten Ansatzes kooperativer Lösungsstrategien. IV. Stärkere Zusammenarbeit mit anderen Einheiten der kommunalen Verwaltung, etwa der Stadtplanung oder der Wirtschaftsförderung. Perspektivisch scheint auch eine stärkere verwaltungsinterne Koordination verschiedener Bereiche des MM, z.B. auch des schulischen MM im Sinne eines Kommunalen Mobilitätsmanagements sinnvoll.Seite 10 von 10
Folgen Neue Vorlagen, Sitzungen und Auswertungen aus dem Bonner Rat — im Fediverse, ohne Konto lesbar.
bonn.social/@biz ↗Datenstand: 03.11.2026, 08:03 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de