240398 · Mitteilungsvorlage
Jahresbericht der Geschäftsstelle „Bonner Offensive zur Überwindung von Wohnungslosigkeit“
Kerndaten
- Nummer
- 240398
- Art
- Mitteilungsvorlage
- Veröffentlicht
- 04.03.2024
- Letzte Änderung
- 16.09.2026
Beratungsfolge
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Mitteilungsvorlage öffentlich 240398 Die Oberbürgermeisterin Dokumentenklasse A (öffentlich) Federführung: 50 Amt für Soziales und Wohnen Dezernat: Dez. V Jahresbericht der Geschäftsstelle „Bonner Offensive zur Überwindung von Wohnungslosigkeit“ Beratungsfolge Ausschuss für Soziales, Migration und Gesundheit 21.03.2024 Kenntnisnahme Mitteilung: Bonner Offensive zur Überwindung der Wohnungslosigkeit bis 2030 -Jahresbericht 2023- Per Ratsbeschluss vom 8.12.2022 (DS 222050) wurde die Verwaltung mit der Einrichtung der Geschäftsstelle der Bonner Offensive zur Umsetzung der EU- Resolution zur Überwindung von Wohnungslosigkeit bis 2030 beauftragt. Die Stadt Bonn hat unter Federführung des Amtes für Soziales und Wohnen die Geschäftsstelle beim Caritasverband für die Stadt Bonn e.V. eingerichtet und bildet neben Vertreter*innen der Caritas und des VFG die Steuerungsgruppe der Bonner Offensive. Gemäß vorgenanntem Beschluss befasst sich die zum 1.3.2023 personell be- setzte Geschäftsstelle mit folgenden Themenstellungen: 1. Wohnraum sowie geeignete Unterbringungs- und Versorgungsstrukturen erschließen 2. Rechtskreisübergreifende Verantwortung und Zugänge herstellen 3. Kommunikationsstrukturen nach innen und außen aufbauen 4. Organisation und Durchführung von Veranstaltungen sowie Gremienar- beit, Einladung, Protokoll, Moderation, usw. Dem anliegenden Jahresbericht können die bis Dezember 2023 entfalteten Aktivitäten und erreichten Ziele der Bonner Offensive entnommen werden. Das Problem der Wohnungslosigkeit ist in Ursachen und Wirkung vielschichtig. Der Bonner Offensive kommen im gesamten Kontext Wohnungslosigkeit unter- schiedliche Funktionen zu. Neben der Beschaffung von Wohnraum und der Sensibilisierung der Wohnungswirtschaft für die Thematik und die Bedarfsgrup- pe, sind viele andere Institutionen bei der Bekämpfung von Ursachen und Fol-Seite 1 von 16 Seite 2 Dokumentenklasse A (öffentlich) gewirkungen zu beteiligen. Eine verbesserte gesundheitliche Versorgung der Betroffenen ist ebenso essentiell wie die rechtskreisübergreifende Betreuung der Zielgruppe, zum Beispiel bei Haftentlassungen oder nach langen sta- tionären Aufenthalten. Die Bonner Offensive zeigt Schwachstellen im System auf, bringt zur Verbesserung unterschiedliche Akteure an einen Tisch und wirbt dafür, den Blick auf den erschöpften Wohnungsmarkt und die Betroffenen in Bezug auf die Wirkung für die gesamte (Stadt-) Gesellschaft zu weiten. Die Bonner Offensive hat neue Kontakte zu gewerblichen und privaten Vermie- tern geknüpft, deren Wohnungsangebot sich bisher aufgrund der persönlichen und finanziellen Situation der Zielgruppe eher verschloss. Über das Angebot der Bonner Offensive, als Ansprechpartnerin für ein bestehendes Mietverhältnis zur Verfügung zu stehen, fassen die Vermieter*innen sukzessive Vertrauen. Es konnten bisher 27 Menschen (Stand 01.03.2024) in Wohnraum vermittelt wer- den, davon 5 aus städtischer Unterbringung, die übrigen aus der Betreuung verschiedener Träger der Wohnungslosenhilfe. Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und Zugehen auf verschiedene Akteure wurden Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Sinne der Zielgruppe und das ge- meinsame Erarbeiten von (präventiven) Lösungsansätzen gestärkt. Gewerblich Vermietende kommen auf die Geschäftsstelle zu, bevor Abmahnungen und Kündigungen ausgesprochen werden. Die Zusammenarbeit innerhalb des be- stehenden, aber durch unterschiedliche Ressorts bisher wenig verknüpften Netzwerkes wurde intensiviert, um Wohnungslosigkeit vorzubeugen. Die Bon- ner Offensive ist dem Hilfesystem bekannt und wird angenommen. Die im Anschluss an die Auftaktveranstaltungen neu eingerichteten Arbeitskrei- se der Wohnungswirtschaft und des bestehenden Hilfesystems „Wohnen und Wohnungsnot“, „Gesundheit“ und „Junge Wohnungslose“ finden gerade zu re- gelmäßigen und zielgerichteten Treffen und Vereinbarungen zusammen. Die jeweils angesprochenen Akteure aus Immobilienwirtschaft, Gesundheitswesen, Justiz und sozialer Arbeit sind hoch motiviert, in gemeinsamer Anstrengung zur Überwindung von Wohnungslosigkeit beizutragen. Die Einrichtung der Geschäftsstelle der Bonner Offensive zur Überwindung von Wohnungslosigkeit außerhalb bestehender Verwaltungsstrukturen, aber in Ver- bindung mit einer klaren Vorgabe der Oberbürgermeisterin in die Verwaltung hinein, das Vorhaben ressortübergreifend zu unterstützen, hat sich im ersten Jahr ausdrücklich bewährt. Bereits heute empfiehlt die (Sozial-) Verwaltung die Fortsetzung des Projektes über die ersten 2 Jahre hinaus. Ein entsprechender Beschlussvorschlag wird zu gegebener Zeit der Politik zur Entscheidung vorgelegt. Anlage/n 1 Jahresbericht und Redebeitrag Bonner Offensive 2023 (öffentlich)Seite 2 von 16 J a h r e s b e r i c h t 2 0 2 3 Berichtszeitraum 1. März bis 31. Dezember 2023Seite 3 von 16 2 Einführung Wohnungslosigkeit überwinden und menschen- würdiges Wohnen für alle Menschen sicherstellen - das ist das Ziel der Bonner Offensive zur Überwindung der Wohnungslosigkeit bis 2030 (nachfolgend „BO“ genannt). So sind der ASMG am 09.11.2022 und der Rat der Stadt Bonn am 08.12.2022 der Empfehlung des Amtes für Soziales und Wohnen gefolgt und haben die Ansiedlung der Geschäftsstelle der BO beim Caritasverband für die Stadt Bonn e.V., Prälat-Schleich-Haus, beschlossen. Die Zahl wohnungsloser Menschen steigt seit Jahren drastisch an, seit 2011 hat sie sich in Bonn verzehnfacht. Gleichzeitig sinkt die Zahl preisgebundener Wohneinheiten kontinuierlich. Hiervon besonders betroffen sind Menschen mit Exklusionsrisiken, mit physischen oder psychischen Erkrankungen, von Armut Betroffene, Alleinerziehende, Alte, Junge, Menschen mit Migrationshintergrund und viele andere. Die Grundlagen für die Überwindung der Wohnungs- losigkeit zu schaffen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und setzt die Entscheidung für eine inklusive Stadtgesellschaft, die nicht auf Segregation und Verdrängung setzt, voraus. Erreichbar ist dieses Ziel nur in enger Zusammenarbeit von Verwaltung, Wohlfahrts- verbänden, Immobilienwirtschaft, Justiz, Gesundheits- wesen und Politik. Aufgaben Zu den Aufgaben der BO gehören die Prävention von Wohnungsverlusten, die Akquise von neuem Wohnraum und die engere Vernetzung vorhandener Akteure sowie nicht zuletzt eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit für die Belange wohnungsloser Menschen. Auch sollen Prozesse optimiert und Schnittstellenarbeit verstärkt werden mit der Ziel- setzung, den Personenkreis wohnungsloser oder von Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen bestmögliche Unterstützung anbieten zu können. Organisation Die Geschäftsstelle ist im Umfang eines Vollzeitäquivalents interdisziplinär besetzt mit Munirae Gharevi-Kox (seit 24 Jahren Rechtsanwältin mit 10 Jahren Berufserfahrung in der juristischen Vertretung von Mieter*innen beim DMB Bonn/Rhein-Sieg/Ahr e.V.) und Helena Marx (Sozialarbeiterin mit mehrjähriger Erfahrung in der Wohnungslosenhilfe). Im März 2023 hat die Geschäftsstelle ihre Tätigkeit aufgenommen. Das Büro befindet sich im Prälat-Schleich-Haus des Caritasverbands für die Stadt Bonn e.V.. Die Tätigkeiten der Geschäftsstelle werden regelmäßig vom Fachbereichsleiter der Wohnungslosen- hilfe der Caritas sowie einer Steuerungsgruppe supervidiert. Der Steuerungsgruppe gehört die Stadt Bonn,Seite 4 von 16 3 vertreten durch die Amtsleiterin des Amtes für Soziales und Wohnen und dem Abteilungsleiter Wohnraumförderung/ Wohnraumsicherung sowie die Geschäftsführerin des Vereins für Gefährdetenhilfe e.V. (VFG) und der Caritasverband für die Stadt Bonn e.V. an. Solange personell besetzt, hat auch das Programmbüro Soziale Gerechtigkeit an der Steuerungsgruppe teilgenommen. Für die Dauer von drei Monaten gehörte auch eine Studentin des Studiengangs Nachhaltige Sozialpolitik der BO an, die hier ihr Pflichtpraktikum absolvierte. Tätigkeitsbericht Dieser Bericht fasst die wichtigsten Aktivitäten und Entwicklungen zusammen. Die Bonner Offensive wurde anlässlich einer Auftaktveranstaltung am 20.03.2023 rund 60 Gästen aus Verwaltung und Politik vorgestellt, die der Einladung des Amtes für Soziales und Wohnen ins Haus der Evangelischen Kirche gefolgt waren. Neben der Oberbürgermeisterin Katja Dörner und der Dezernentin Carolin Krause legten die Mitwirkenden der Geschäftsstelle und der Steuerungsgruppe die Notwendigkeit gemeinsamer Anstrengungen dar und warben um Unterstützung für die Bonner Offensive, was sich in der Folge als gelungener Start erwies. Verschiedene Ämter, zu denen seitens der BO im Anschluss Kontakt aufgenommen wurde (Bürgerdienste, Wohnungsaufsicht, Bauordnung, Stadtplanung, Wirtschaftsförderung), zeigten sich gegenüber den Anliegen der wohnungslosen Menschen immer aufgeschlossen und unterstützend. (Foto: Bundesstadt Bonn)Seite 5 von 16 4 In einer ersten Anlaufphase wurden Ziele der BO definiert, ein Projektplan erstellt, das Logo der BO entwickelt und eine Homepage konzipiert (www.bonneroffensive.de), welche einen veränderten Blick auf das Thema Wohnungslosigkeit ermöglichen sollen. Das Bild in den Köpfen der Menschen vom suchtkranken, obdachlosen Mann auf der Parkbank bedarf einer Korrektur, denn Wohnungslosigkeit reicht längst bis in die Mitte der Gesellschaft und trifft Alleinerziehende genauso wie Studierende. Es wurde ein Flyer entworfen, ein Facebook- und Instagram Account eingerichtet, öffentlichkeits- wirksame Roll-Ups und eine Messetheke bestellt. In Umsetzung der Prävention von Wohnungsverlusten wurden Kontakte zu gewerblichen Vermietern aufgenommen und Krisenhilfe angeboten, wenn Mietverhältnisse in Schieflage zu geraten drohen. Hiervon wurde in fünf Fällen von Vermietern und Mietern Gebrauch gemacht, in denen ohne Einschaltung der BO Abmahnungen und fristlose Kündigungen ausgesprochen worden wären. In einem der Fälle wurde eine bedarfsgerechte Unterbringung im betreuten Wohnen vermittelt und ein gesetzlicher Betreuer bestellt, in den anderen Fällen konnte durch sozialarbeiterische und juristische Unterstützung das Mietverhältnis gerettet werden. Mit der gleichen Stoßrichtung wurde Kontakt zum Interessenverband der privaten Vermieter, Haus und Grund Bonn Rhein/Sieg e.V. aufgenommen. Nach wie vor liegen 80 % des Bonner Mietmarkts in privater Hand. Im Rahmen ausführlicher Gespräche mit der Geschäftsführung und den angeschlossenen Vertrauensanwälten wurden die Vorteile der BO auch für private Vermieter erläutert. Inzwischen konnte H&G Bonn/Rhein-Sieg als Kooperationspartner gewonnen werden und hat bereits zweimal über die BO in der verbandseigenen Zeitschrift berichtet. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad und Presse- berichterstattungen häuften sich die Anfragen von Wohnraumsuchenden, aber es gab auch Angebote von Eigentümern zur Übernahme leerstehender Immobilien, so dass die Akquise neuen Wohnraums eng mit den Präventionsangeboten verknüpft ist. Die Angebote wurden an sämtliche Träger der Wohnungslosenhilfe und auch die Stadt Bonn zwecks Prüfung auf Verwertbarkeit für wohnungslose Menschen weitergeleitet und Kontakte zu potenziellen Investoren geknüpft. Um vorhandene Wohnungsangebote interessen- und bedarfsgerecht verteilen zu können wurden die städtischenSeite 6 von 16 5 Mitarbeitenden der Obdachlosenunterkünfte und die Träger der Wohnungslosenhilfe gebeten, die von der BO entwickelten Bedarfsermittlungstabellen zu nutzen und ihre Erkenntnisse der BO zur Verfügung zu stellen. Insgesamt konnten aufgrund der Tätigkeit von März bis Ende 2023 21 Menschen aus der Wohnungslosigkeit heraus (städtisches Obdach 5, VfG 2, Caritas 10, Sonstige 4) in reguläre Mietverhältnisse vermittelt werden. Dabei waren selbst negative Schufa-Einträge kein Hinderungsgrund. Insgesamt wurden damit bisher 36 Jahre Wohnungslosigkeit überwunden. Die Vermietung an die Klienten erfolgte im Vertrauen der Vermieter darauf, dass im Fall von Schwierigkeiten im Mietverhältnis, die BO als Ansprechpartner fungiert. „Sie können sich das nicht vorstellen. Das ist ein ganz neues Lebensgefühl. Ich war 6 Jahre ohne Wohnung, drei davon auf der Straße. - Und jetzt ist alles so ruhig. Und vor meinem Fenster blühen die Blumen.“ (Zitat eines vermittelten Klienten) Aktivitäten zur Verbesserung der Vernetzung und zur Steigerung der Sichtbarkeit der Initiative umfassten die Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen, und die Einbindung in öffentliche Diskurse. Es wurde eine Fortbildungsveranstaltung in Essen „Housing First“ und die Bundesarbeitstagung der BAGW in Berlin besucht. Es fand ein regelmäßiger Austausch mit der Fachberatung der Caritas Wohnungslosenhilfe der ambulanten Dienste statt. Darüber hinaus wurden Gespräche geführt mit der Migrationsberatung von Haus Mondial, dem VfG, dem Haus Maria Königin, Frauen helfen Frauen e.V., Hilfe für Frauen in Not, dem Aenne Mangold Haus, Esperanza, Frühe Hilfen, dem Innenstadtmanagement, den Bürgerdiensten, den städtischen Obdächern, der Wohnungsaufsicht, dem Quartiersbüro Mackeviertel, dem Projekt Endlich ein Zuhause, Stadtstreifen e.V., dem Verein Anonymer Krankenschein, Praxis Lichtermann, der Aids Initiative, dem ZeSaBo und der Behindertengemeinschaft Bonn e.V., was zu einer Mitwirkung der BO am Projektbeirat behindertenpolitischen Teilhabeplan führte. Die BO wurde im AK Sozialberatung vorgestellt, hat am Marktplatz gute Geschäfte teilgenommen und an der Gestaltung des Tags der Wohnungslosigkeit mitgewirkt. Im November 2023 hat die BO zu einem ergiebigen Austausch zwischen verschiedenen Trägern derSeite 7 von 16 6 Wohnungslosenhilfe und dem Jobcenter eingeladen, um zu informieren, für niederschwellige Lösungen und wohlwollende Ermessensausübung zu werben und bestehende Schnittstellen wo möglich zu optimieren. All diese Treffen trugen zur Bekanntheit der BO bei und ermöglichen den Mitarbeitenden des Hilfesystems in Fällen mit Bezug zur Wohnungslosenhilfe Rat für ihre Klienten einzuholen. Das Hilfesystem kennt und nutzt die BO als zentralen gut vernetzten Ansprechpartner. Des Weiteren haben die Treffen zu einer Sensibilisierung jener beigetragen, deren Kerngeschäft nicht im Bereich Wohnungslosenhilfe liegt. Bisher leider ohne jede Resonanz blieb ein Versuch der BO, Makler- und Hausverwaltungen zur Teilnahme am Projekt zu motivieren. Obschon 56 Makler und Haus- verwaltungen zu einer Online-Präsentation des Projekts eingeladen wurden, wählte sich niemand ein. Dies zeigt einmal mehr, wie erschöpft der Wohnungsmarkt ist und das aus Sicht dieser Berufsgruppe die Klient:innen nicht als potentielle Mieter:innen in Betracht gezogen werden. Eine Delegation von Mitarbeitenden der Stadt Den Haag aus den Bereichen Nachhaltigkeit und Stadtplanung informierte sich im April 2023 u. A. bei der BO über die Wohnungslosenhilfe, den Wohnungsmarkt in Bonn und die verfolgten Lösungsansätze. In Zusammenarbeit mit dem Amt für Internationales und globale Nachhaltigkeit, der Abteilung Wohnraumförderung und dem DMB Bonn/Rhein- Sieg/Ahr e.V. wurde die Delegation bei der Entwicklung eines zweitägigen Besucherprogramms unterstützt, welches auch eine Besichtigung einer DemenzWG bei LeA e.V. in der Celsiusstrasse, den Wahlverwandtschaften und Amaryllis e.V. als alternative Wohnkonzepte umfasste.Seite 8 von 16 7 Am 1. Mai 2023 war die BO auf der Maikundgebung des DGB vertreten, um dort unter dem Motto „Ungebrochen solidarisch“ auf die Wohnungsnot und das Auseinanderdriften der Gesellschaft aufmerksam zu machen. (Foto: Gesine Weyel) Am 6. Juni 2023 besuchte die Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Katrin Göring-Eckardt die BO und ließ sich über die Notwendigkeit informieren, auch auf bundes- und landesgesetzlicher Ebene Weichen zur Bekämpfung der Wohnungslosigkeit zu stellen. Als Podiumsgast zur Frage „Bedroht die Inflation die Demokratie auch heute?“ hat die BO am Gustav Stresemann Institut im September teilgenommen. Die Arbeitsweise der BO sowie bereits erzielte Wirkung konnten im Rahmen einer weiteren Veranstaltung am 28. September 2023 in der Welthungerhilfe Bonn rund 100 Gästen aus der Immobilienwirtschaft, der Justiz, dem Gesundheitswesen, der Verwaltung und der Wohlfahrt präsentiert werden. Im Anschluss an die verschiedenen Redebeiträge wurde in interdisziplinärem Austausch in Kleingruppen an verschiedenen Themen gearbeitet. Alle Teilnehmenden haben bekundet, an sich hierausSeite 9 von 16 8 ergebenden Folgeveranstaltungen und Arbeitskreisen mitwirken zu wollen. Der erste Folgetermin „Runder Tisch Wohnen und Wohnungsnot Bonn“ unter Einbeziehung von Vertretern der Immobilienwirtschaft, Interessenverbänden und der Stadtverwaltung ist für März 2024 geplant und hat weitere Interessensbekundungen von Investoren und Verbänden hervorgerufen. Es folgen weitere Runde Tische zu den Themen „Junge Wohnungslose“, „Gesundheit und Psyche“ und „AK Straffälligenhilfe“. Am 18. Oktober waren im Rahmen von „DMB NRW unterwegs“ verschiedene Vertreter des DMB bei der BO zu Gast. Hier wurde die Bedeutung der primärpräventiven Rechtsberatung zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit und Notwendigkeit der Verknüpfung mit der sozialen Arbeit betont. Ausblick Im Jahr 2024 werden die bisherigen Bemühungen fortgesetzt und vertieft. Über Öffentlichkeitsarbeit und direkte Ansprache sollen auch bisher im geförderten Segment inaktive Investoren motiviert werden, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Dazu müssen auch Akteure aus dem Rhein-Sieg-Kreis einbezogen werden. Ein Schwerpunkt muss dabei auch auf die Entwicklung von Konzepten für die Umnutzung von z.B. kirchlichen oder leerstehenden Gewerbeimmobilien gelegt werden. Es gibt weiterhin einen dringenden Bedarf, Wohnungs- suchende die in nicht bedarfsgerechten Wohnungen, prekären Wohnverhältnissen oder gekündigten Mietver- hältnissen leben, engmaschig zu begleiten. Die Bedarfe von Menschen mit Exklusionsrisiken und Senioren auf dem Wohnungsmarkt, die mangels verfügbaren Wohnraums durch die Wohnungsvermittlung der Stadt Bonn bisher nicht hinreichend gedeckt werden können, müssen stärker in den Blick genommen werden. Das überwiegende Angebot von Wohnraum über das Internet erschwert die Suche für viele Menschen zusätzlich.Seite 10 von 16 9 Darüber hinaus sind Bemühungen geplant, Wohnraumpotenziale aus Leerständen und Problem- immobilien stärker in den Fokus zu rücken. Es soll in Zusammenarbeit mit der Stadt über Infoscreens auf die neue E-Mail-Adresse der Wohnungsaufsicht (leerstand@bonn.de), die städtische Wohnungslosenhilfe und die Krisenhilfe der BO aufmerksam gemacht werden. In einem Projekt mit dem Euro Theater Central soll – soweit über Fördermittelgeber finanzierbar - das Thema Wohnungslosigkeit gemeinsam mit Betroffenen bearbeitet und – wenn die Beteiligten dies wünschen – der Stadtgesellschaft präsentiert werden. Geplant ist weiterhin eine Lesung zum Thema Wohnungslosigkeit in der Kapelle des Prälat-Schleich- Hauses. Dank Die Bonner Offensive bedankt sich bei allen Mitwirkenden für die Unterstützung. Eine kontinuierliche Förderung des Projekts oder eines Äquivalents bei der Stadt Bonn ist wünschenswert, um der Problematik steigender Zahl der Wohnungslosen und der Entwicklung des Wohnungsmarktes auch im Hinblick auf die vom statistischen Landesamt NRW prognostizierte Bevölkerungsentwicklung Rechnung zu tragen. Anhang Diesem Bericht ist die Rede zur Auftaktveranstaltung im September 2023 beigefügt, welche die vielfältigen Heraus- forderungen zur Überwindung der Wohnungslosigkeit sowie gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge und Folgen detaillierter beleuchtet, als dies im Rahmen des Jahresberichts dienlich wäre.Seite 11 von 16 Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren, vielen Dank, dass Sie sich alle die Zeit genommen haben und Ihnen Frau Oberbürgermeisterin für die klare Haltung, die Sie mit Ihren einführenden Worten transportiert haben. Warum wurde die Einrichtung der Geschäftsstelle gerade in Bonn für nötig gehalten? Wir leben ja in einer vermeintlich prosperierenden Stadt. Ich würde Ihnen gerne dazu in der gebotenen Kürze einige Rahmendaten vorstellen, um uns alle auf den gleichen Stand zu bringen: Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Bonn nimmt seit Jahren dramatisch zu. Laut statistischem Landesamt NRW hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen in Bonn in den letzten 10 Jahren fast verzehnfacht (FOLIE 1) und zwar von 371 gemeldeten (!) Wohnungslosen im Jahr 2012 auf 3540 Wohnungslose zum Stichtag 30.06.23. Bezogen auf die Einwohnerzahl von rund 340.000 Einwohner:innen bedeutet das: jede 95. in Bonn gemeldete Person ist wohnungslos. Schauen Sie sich mal um. Wir sind hier fast 95 Menschen im Raum. Eine/einer von uns ist statistisch gesehen ohne Wohnung. Und bei dieser Statistik gehen wir nur von den uns bekannten Wohnungslosen aus. Die Dunkelziffer der verdeckt wohnungslosen Menschen – insbesondere von Frauen und auch Senioren – ist weitaus höher. Diese setzen sich eher prekären Wohnverhältnissen ohne mietvertraglichen Schutz aus, bevor sie sich wohnunglos melden. Wohnungslos zu sein ist ein Makel, der mit Scham besetzt ist. Damit gehen die Wenigsten gerne hausieren. Wir haben Daten basierten Grund zu der Annahme, dass wir von circa weiteren 1.000 verdeckt wohnungslosen Menschen die in Bonn leben ausgehen müssen. Damit wäre dann jeder 74. in Bonn lebende Mensch wohnungslos. (PAUSENFOLIE) Dieser rasante Anstieg der Anzahl der Wohnungslosen lässt sich natürlich auch an weiteren Zahlen ablesen. Nehmen wir zB die der Neufälle der Wohnungssicherung der Stadt Bonn: 2020 556 Neufälle, 2022 nach Corona 717 Neufälle das ist ein Anstieg von 20 %! Und jetzt sind die arme Frau Grube und ihre Kolleg:innen auf dem besten Weg, ihr bemerkenswertes Ergebnis des Vorjahres jedenfalls nach dem Stand aus August, im Jahr 2023 noch zu toppen. Ich denke nicht, dass sich irgendjemand über diesen neuerlichen Rekord freuen wird. Oder nehmen wir z.B. die Zahl der verkauften Mittagessen in der City Station, dem Mittagsangebot der Caritas Wohnungslosenhilfe. Die Anzahl der verkauften Essen stieg von 2012 bis 2022 um 22 % auf 46.400 Mahlzeiten im Jahr. Dieses Jahr wird die Anzahl nochmals ansteigen. Insgesamt nutzten im Laufe dieses Jahres schon 1.109 Menschen die Betreuungsangebote der Caritas Wohnungslosenhilfe. Das ist ein Anstieg um 16 % gegenüber dem Vorjahr. 390 Menschen suchten dieses Jahr die Hilfe der Caritas Wohnungslosenhilfe erstmalig auf. 27 % mehr, als im Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt.Seite 12 von 16 Hinter jeder dieser Zahlen stehen Schicksale von Menschen, die verzweifelt waren und Angst hatten, auf der Straße zu landen oder vielleicht sogar gelandet sind. Ich bin mir sicher, viele von Ihnen könnten diese Zahlen noch aus dem eigenen Fachbereich ergänzen: die Schuldnerberatung, die ebenso von steigenden Zahlen von Ratsuchenden berichtet wie der Mieterbund, die Sozialberatungsstellen, die Verbraucherzentrale und so fort. Mir ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass wir uns heute mit einem Phänomen befassen, das breite Teile der Gesellschaft betrifft. Wir reden nicht nur über die Obdachlosen auf den Straßen von Bonn. Deren Zahl hat sich mit circa 100 bekannten auf der Straße lebenden Menschen in den letzten Jahren kaum verändert. Die sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Es geht wieder ein Gespenst um in Europa. Diesmal heißt es: Armut. Ein Wort, das selten genug ausgesprochen wird. Die Menschen fürchten es wie einen Virus, aus Angst sich anzustecken an der Armut. Im Auftrag der Hans Böckler Stiftung wurden im Jahr 2019 77 Großstädte in Deutschland untersucht. FOLIE 2 Nach der Untersuchung gaben 21 % der Haushalte zwischen 30 und 40 % ihres Haushaltseinkommens für die Bruttokalt(!)miete aus und 14 % der Haushalte 50 – 55 % und mehr, wobei die Grenze der Leistbarkeit bei 30 % der gesamten Mietkosten (bruttowarm) definiert wird. Danach lagen schon im Jahr 2019 35 % aller Bonner Haushalte über der Grenze der Belastbarkeit. Vor der Inflation Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen. Corona, der Krieg in der Ukraine, die Inflation haben diese Entwicklung verschärft, aber wenn wir ehrlich sind müssen wir eingestehen: diese Entwicklung ist unserem marktwirtschaftlichen System immanent, wenn es nicht flankiert wird. Der Markt regelt es eben nicht von alleine. Es wird der Wohlstand der ohnehin Habenden gemehrt, wohingegen sich die finanziellen Verhältnisse der Vermögenslosen immer weiter verschlechtern auch und insbesondere über den Immobilienmarkt. Wer die Hälfte seiner Einkünfte für die Miete aufwenden muss hat niemals die Chance für sich selbst oder seine Nachkommen Vermögen zu bilden oder gar eine Immobilie zu erwerben. (PAUSENFOLIE) Und bevor gleich die Hälfte der Gäste den Saal verlässt möchte ich betonen: ich sage das ohne jeden Anwurf gegenüber der anwesenden Immobilienwirtschaft. Wir sind alle Teil des Systems und profitieren – ob wir das zugeben wollen oder nicht – mehr oder weniger davon. Aber auch diejenigen, die wie wir im Moment auf der Sonnenseite des Lebens stehen müssen sich mit der Frage befassen, wo es hinführt, wenn es uns nicht gelingt, gemeinsam, in großem Umfang preiswerten Wohnraum zu schaffen oder zu erhalten, der uns fehlt. In Bonn ist laut statistischem Landesamt NRW bis 2050 von einem Bevölkerungszuwachs von 8,8 % auszugehen. Das sind nochmal knapp 30.000 Einwohner mehr in den nächsten 30 Jahren. Der Wohnungsmarkt wird diesen steigenden Bedarf nicht decken können, so dass es einen zunehmend wachsenden Nachfrageüberhang am Wohnungsmarkt in Bonn geben wird. FOLIE 4 WMB 2022, S. 38Seite 13 von 16 Im Jahr 2016 gab es in Bonn noch einen Bestand von 12.041 öffentlich geförderten preisgebundenen Wohnungen. Im Jahr 2021 waren es nur noch 10.872, was einem Anteil von etwa 6% am Wohnungsbestand entspricht . Gleichzeitig hat die Anzahl der wohnungssuchenden Haushalte mit Wohnberechtigungsschein in Bonn zugenommen, bis 2021 stieg sie um rund 14 % an. Zum Stand 31.12.2022 hat die Stadt Bonn Besetzungsrechte für 6.450 Wohnungen, die kaum Fluktuation in der Mieterschaft aufweisen. Dabei hat nahezu jeder zweite Haushalt in Bonn einen Anspruch auf die Erteilung eines Wohnberechtigungs-scheins. (PAUSENFOLIE) Wir können an dieser Stelle nicht vertiefen, was die Spaltung in arm und reich und die damit einhergehende Segregation mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt macht. Wir müssen das Risiko der damit einhergehenden Demokratiegefährdung aber erkennen und ernst nehmen. Wer Angst davor hat finanziell abzusteigen, sich existentiell bedroht oder im Stich gelassen fühlt ist empfänglich für einfache populistische Lösungen. Dieser Effekt hat nach dem Historiker Hans- Ulrich Wehler schon dem Nationalsozialismus den Boden bereitet, welcher u. A. getragen war von einem soziologischen Bündnis aus Aufstiegsorientierten und den Abstiegsgefährdeten. Ähnliche Beobachtungen machen Wissenschaftler nach Untersuchungen zur Demokratiegefährdung der Landeszentrale für politische Bildung auch heute unter den Wählern der AfD. Mit den sich daraus ergebenden ökonomischen Folgen müsste dann aber auch die Wirtschaft umgehen. Ein Umdenken ist daher im Interesse von uns allen, selbst wenn die Motive sich unterscheiden sollten. Gemeinsam und zwar nur gemeinsam können wir das aber schaffen. Der Auftrag der Bonner Offensive wurde bereits von der Oberbürgermeisterin skizziert. Wir versuchen, den wohnungslosen Menschen eine Stimme und ein neues Gesicht zu geben, weg von dem Penner auf der Parkbank, denn das Bild geht wie ausgeführt am Kern der Problematik vorbei. Ein wesentlicher Baustein unserer Arbeit ist die Prävention von Obdachlosigkeit. Verhindern können wir diese aber nur, wenn wir Schnittstellen enger miteinander verknüpfen und zum frühest möglichen Zeitpunkt eingreifen, bevor ein Mietverhältnis in die Schieflage gerät oder Menschen aus einer Einrichtung ohne Anschlussperspektive in die Obdachlosigkeit entlassen werden. Ich appelliere an dieser Stelle auch an alle Kolleg:innen aus den Beratungsstellen. Egal wo der Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt, denken Sie die potentielle Gefährdung eines Mietverhältnisses immer mit. Wir haben zu diesem Zweck ein Krisentelefon eingerichtet an das sich alle Menschen wenden können, wenn der Verlust eines Mietverhältnisses droht oder zwischenmenschliche Auseinandersetzungen eine Trennung notwendig machen. Mich freut es besonders, dass von diesem Angebot auch die Vonovia Gebrauch macht und wir auf diese Weise schon zwei Mietparteien vor einer Kündigung bewahren konnten, die durch vertragswidriges Verhalten aufgefallen sind, aber eigentlich selbst in einer Notlage waren. Neben der Übernahme der sozialen Verantwortung für die hilfsbedürftigen Mieter:innen hat es für die WohnungswirtschaftSeite 14 von 16 natürlich auch enorme wirtschaftliche Vorteile uns zu beschäftigen. Es ist deutlich kostengünstiger die Bonner Offensive zu informieren, als einen jahrelangen Räumungsrechtsstreit zu führen. Und schneller geht es auch noch. Win-win-win würde ich sagen. Auch was die Wohnraumakquise angeht konnte wir bereits erste Erfolge verzeichnen: So haben wir dank der tatkräftigen Unterstützung der Vonovia und der LEG bisher 17 wohnungslosen Menschen bzw ihren Familien Mietverträge vermitteln können. Insgesamt haben wir damit bis heute 34 Jahre Wohnungslosigkeit überwunden. Ich möchte mich an dieser Stelle – auch in Anwesenheit des Mieterbunds – nochmal sehr herzlich für diese Chance auch im Namen der Klient:innen bedanken. Die Rückkehr in die eigene Wohnung ist für ehemals wohnungslosen Menschen ein einschneidendes Erlebnis und gibt ihnen, ich zitiere: „Ein ganz neues Lebensgefühl.“ Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle auch bei dem Interessenverband der privaten Vermieter:innen, die uns in ihrer Haus & Grund Zeitschrift ebenfalls ein Forum gegeben haben, das Projekt vorzustellen, was sowohl aus Gründen der Prävention von Obdachlosigkeit als auch der Akquise von Wohnraum hilfreich war. Nicht unerwähnt lassen möchte ich bei dieser Gelegenheit, dass wir uns auch durch die Mitarbeitenden der Stadt Bonn sehr unterstützt fühlen und den Eindruck haben, dass die Problemlage erkannt und man sehr gewillt ist, an deren Beseitigung mitzuwirken. Gemeinsam mit meiner Kollegin Helena Marx haben wir in den letzten Monaten viele Gespräche geführt, Veranstaltungen besucht und durchgeführt. Und immer wurde deutlich, dass es trotz Digitalisierung und einer Vielzahl bereits vorhandener Informationen ein dringendes Bedürfnis nach persönlicher Vernetzung gibt. Vermutlich hat die Corona Pandemie das ihrige dazu beigetragen und ehemals vorhandene Arbeitsstrukturen zerrüttet. Hinzu kommt eine starke Fluktuation von Fachkräften im Bereich der Wohnungslosenhilfe und der sozialen Arbeit im Allgemeinen. Deshalb haben wir Sie heute eingeladen, um einander neu kennenzulernen und um Ihnen den Raum zu geben, neue Formen der Zusammenarbeit, des Aufeinanderzugehens zu besprechen. Begreifen Sie dieses Treffen daher als eine Art Visitenkartenparty oder Speed Dating was Sie möchten, aber tauschen Sie sich aus! Mir scheint es wichtig, dass wir jede Scheu ablegen, uns Unterstützung für unsere Arbeit von außerhalb des eigenen Tätigkeitsfelds zu erbitten, wenn es darum geht, Probleme im Sinne unserer Klient:innen oder Patient:innen oder Kund:innen oder Insassen zu lösen. Das setzt aber Kenntnis darüber voraus, was denn außerhalb der eigenen Einrichtungen für Hilfsangebote bestehen. Idealerweise kennt man die dortigen Ansprechpartner:innen sogar persönlich. Ich hoffe Sie gestatten mir, in aller Grobheit und ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einmal ein paar Problemlagen anzureißen, an denen Sie später im Rahmen unserer kurzen Workshops weiterarbeiten können, damit wir perspektivisch hoffentlich zu einem großen, hochkompetenten, interdisziplinären Team zusammenwachsen.Seite 15 von 16 Die Sozialdienste aus den Justizvollzugsanstalten haben Mühe, alleinstehenden Insassen ohne privates Netzwerk außerhalb der Haftanstalten Wohnraum zu vermitteln. Möglicherweise gelingt es bisher auch nicht immer, den Insassen den Weg zur Wohnungslosenhilfe aufzuzeigen oder zu ebnen. Eine Entlassung in die Obdachlosigkeit aber, macht die im Strafvollzug begonnene Resozialisierung innerhalb kürzester Zeit wieder zunichte. Hier tut Vernetzung Not. Schauen wir uns das Gesundheitswesen an, so finden wir ein System vor, welches zunehmend wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist. Die Kliniken fühlen sich gezwungen, Patienten viel früher als noch ehedem ohne Anschlussperspektive zu entlassen. Dabei sind insbesondere wohnungslose Menschen besonders häufig von psychiatrischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen betroffen, finden kaum Zugang zur notwendigen medizinischen Versorgung und sind oft nur in Notfällen bereit, ärztliche oder pflegerische Unterstützung anzunehmen. Kommen wir zur Immobilienwirtschaft. Man könnte meinen, die haben es gut, da rollt der Rubel ja noch. Aber fragen Sie mal die Investoren wie schwer oder einfach es ist, neue Bauprojekte umzusetzen. In Zeiten steigender Zinsen und Baukosten, klimapolitischer Notwendigkeiten, enger und ständig wechselnder rechtlicher Rahmenbedingungen und nicht zuletzt gesellschaftlicher Widerstände beneide ich niemanden, der in diesem Sektor unterwegs ist. Allen genannten Bereichen ist gemeinsam, dass Sie neben den individuellen Herausforderungen unter einem Fachkräftemangel leiden. Dieser wird durch verschiedene Faktoren verschärft. Auch hier kommt dem Wohnungsmarkt eine besondere Bedeutung kommt zu. Wie attraktiv kann eine Stadt für Fachkräfte sein, wenn die Arbeitnehmer:innen wie gezeigt die Hälfte ihres Erwerbseinkommens für Mieten aufwenden müssen und an Immobilienerwerb kaum zu denken ist. Allen Unternehmern und Institutionen kann man daher nur dringend raten, über Werkswohnungsbau und Wohnheime für Nachwuchskräfte nachzudenken. Die Bundesbauministerin möchte hier eine Milliarde investieren. Und wenn man an die Fachkräfte künftiger Generationen denkt müssen wir auch in diesem Zusammenhang feststellen: Wer sich mit seiner Mutter und einem Geschwisterkind über Jahre ein Bett in einem 10 qm großen Zimmer teilt oder mit 5 Personen eine 60 qm kleine Wohnung ohne Internetanschluss hat keine echte Bildungschance. Die schulischen Leistungen bleiben in einem solchen Wohnumfeld zwangsläufig auf der Strecke. Und das sind Beispiele aus der Praxis, keine Fiktion. Sie sehen, alle hier haben ihr Bündel zu tragen und die Herausforderungen sind groß. Ich hoffe, ich konnte Ihr Mitgefühl füreinander wecken. Noch lieber wäre es mir allerdings, wenn Sie aufgrund Ihrer Fachlichkeit Ideen entwickeln würden, wie hier wechselseitig Entlastung geschaffen und positive Entwicklung angestoßen werden kann. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich jetzt auf den Impulsvortrag unserer Referentin, Frau Bettina Schelkle. Frau Schelkle ist Einrichtungsleiterin der Evangelischen Diakoniestiftung Herford und wird uns berichten, wie die Stadt Herford beispielhaft über viele Jahre hinweg ein Gesamthilfesystem entwickelt hat.Seite 16 von 16
Folgen Neue Vorlagen, Sitzungen und Auswertungen aus dem Bonner Rat — im Fediverse, ohne Konto lesbar.
bonn.social/@biz ↗Datenstand: 02.11.2026, 20:23 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de