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240398 · Mitteilungsvorlage

Jahresbericht der Geschäftsstelle „Bonner Offensive zur Überwindung von Wohnungslosigkeit“

Nummer
240398
Art
Mitteilungsvorlage
Veröffentlicht
04.03.2024
Letzte Änderung
16.09.2026
  1. Sitzung des Ausschusses für Soziales, Migration und Gesundheit 21.03.2024 Kenntnisnahme
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Mitteilungsvorlage
öffentlich
240398
Die Oberbürgermeisterin
Dokumentenklasse A (öffentlich)
Federführung:
50 Amt für Soziales und Wohnen
Dezernat:
Dez. V
Jahresbericht der Geschäftsstelle „Bonner
Offensive zur Überwindung von
Wohnungslosigkeit“
Beratungsfolge
Ausschuss für Soziales, Migration und
Gesundheit
21.03.2024 Kenntnisnahme
Mitteilung:
Bonner Offensive zur Überwindung der Wohnungslosigkeit bis 2030
-Jahresbericht 2023-
Per Ratsbeschluss vom 8.12.2022 (DS 222050) wurde die Verwaltung mit der
Einrichtung der Geschäftsstelle der Bonner Offensive zur Umsetzung der EU-
Resolution zur Überwindung von Wohnungslosigkeit bis 2030 beauftragt. Die
Stadt Bonn hat unter Federführung des Amtes für Soziales und Wohnen die
Geschäftsstelle beim Caritasverband für die Stadt Bonn e.V. eingerichtet und
bildet neben Vertreter*innen der Caritas und des VFG die Steuerungsgruppe
der Bonner Offensive.
Gemäß vorgenanntem Beschluss befasst sich die zum 1.3.2023 personell be-
setzte Geschäftsstelle mit folgenden Themenstellungen:
1. Wohnraum sowie geeignete Unterbringungs- und Versorgungsstrukturen
erschließen
2. Rechtskreisübergreifende Verantwortung und Zugänge herstellen
3. Kommunikationsstrukturen nach innen und außen aufbauen
4. Organisation und Durchführung von Veranstaltungen sowie Gremienar-
beit, Einladung, Protokoll, Moderation, usw.
Dem anliegenden Jahresbericht können die bis Dezember 2023 entfalteten
Aktivitäten und erreichten Ziele der Bonner Offensive entnommen werden.
Das Problem der Wohnungslosigkeit ist in Ursachen und Wirkung vielschichtig.
Der Bonner Offensive kommen im gesamten Kontext Wohnungslosigkeit unter-
schiedliche Funktionen zu. Neben der Beschaffung von Wohnraum und der
Sensibilisierung der Wohnungswirtschaft für die Thematik und die Bedarfsgrup-
pe, sind viele andere Institutionen bei der Bekämpfung von Ursachen und Fol-Seite 1 von 16
Seite 2
Dokumentenklasse A (öffentlich)
gewirkungen zu beteiligen. Eine verbesserte gesundheitliche Versorgung der
Betroffenen ist ebenso essentiell wie die rechtskreisübergreifende Betreuung
der Zielgruppe, zum Beispiel bei Haftentlassungen oder nach langen sta-
tionären Aufenthalten. Die Bonner Offensive zeigt Schwachstellen im System
auf, bringt zur Verbesserung unterschiedliche Akteure an einen Tisch und wirbt
dafür, den Blick auf den erschöpften Wohnungsmarkt und die Betroffenen in
Bezug auf die Wirkung für die gesamte (Stadt-) Gesellschaft zu weiten.
Die Bonner Offensive hat neue Kontakte zu gewerblichen und privaten Vermie-
tern geknüpft, deren Wohnungsangebot sich bisher aufgrund der persönlichen
und finanziellen Situation der Zielgruppe eher verschloss. Über das Angebot
der Bonner Offensive, als Ansprechpartnerin für ein bestehendes Mietverhältnis
zur Verfügung zu stehen, fassen die Vermieter*innen sukzessive Vertrauen. Es
konnten bisher 27 Menschen (Stand 01.03.2024) in Wohnraum vermittelt wer-
den, davon 5 aus städtischer Unterbringung, die übrigen aus der Betreuung
verschiedener Träger der Wohnungslosenhilfe.
Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und Zugehen auf verschiedene Akteure
wurden Bereitschaft zur Zusammenarbeit im Sinne der Zielgruppe und das ge-
meinsame Erarbeiten von (präventiven) Lösungsansätzen gestärkt. Gewerblich
Vermietende kommen auf die Geschäftsstelle zu, bevor Abmahnungen und
Kündigungen ausgesprochen werden. Die Zusammenarbeit innerhalb des be-
stehenden, aber durch unterschiedliche Ressorts bisher wenig verknüpften
Netzwerkes wurde intensiviert, um Wohnungslosigkeit vorzubeugen. Die Bon-
ner Offensive ist dem Hilfesystem bekannt und wird angenommen.
Die im Anschluss an die Auftaktveranstaltungen neu eingerichteten Arbeitskrei-
se der Wohnungswirtschaft und des bestehenden Hilfesystems „Wohnen und
Wohnungsnot“, „Gesundheit“ und „Junge Wohnungslose“ finden gerade zu re-
gelmäßigen und zielgerichteten Treffen und Vereinbarungen zusammen. Die
jeweils angesprochenen Akteure aus Immobilienwirtschaft, Gesundheitswesen,
Justiz und sozialer Arbeit sind hoch motiviert, in gemeinsamer Anstrengung zur
Überwindung von Wohnungslosigkeit beizutragen.
Die Einrichtung der Geschäftsstelle der Bonner Offensive zur Überwindung von
Wohnungslosigkeit außerhalb bestehender Verwaltungsstrukturen, aber in Ver-
bindung mit einer klaren Vorgabe der Oberbürgermeisterin in die Verwaltung
hinein, das Vorhaben ressortübergreifend zu unterstützen, hat sich im ersten
Jahr ausdrücklich bewährt.
Bereits heute empfiehlt die (Sozial-) Verwaltung die Fortsetzung des Projektes
über die ersten 2 Jahre hinaus. Ein entsprechender Beschlussvorschlag wird zu
gegebener Zeit der Politik zur Entscheidung vorgelegt.
Anlage/n
1 Jahresbericht und Redebeitrag Bonner Offensive 2023 (öffentlich)Seite 2 von 16
J a h r e s b e r i c h t 2 0 2 3
Berichtszeitraum 1. März bis 31. Dezember 2023Seite 3 von 16
2
Einführung Wohnungslosigkeit überwinden und menschen-
würdiges Wohnen für alle Menschen sicherstellen - das
ist das Ziel der Bonner Offensive zur Überwindung der
Wohnungslosigkeit bis 2030 (nachfolgend „BO“ genannt).
So sind der ASMG am 09.11.2022 und der Rat der Stadt
Bonn am 08.12.2022 der Empfehlung des Amtes für
Soziales und Wohnen gefolgt und haben die Ansiedlung
der Geschäftsstelle der BO beim Caritasverband für die
Stadt Bonn e.V., Prälat-Schleich-Haus, beschlossen. Die
Zahl wohnungsloser Menschen steigt seit Jahren drastisch
an, seit 2011 hat sie sich in Bonn verzehnfacht. Gleichzeitig
sinkt die Zahl preisgebundener Wohneinheiten
kontinuierlich. Hiervon besonders betroffen sind Menschen
mit Exklusionsrisiken, mit physischen oder psychischen
Erkrankungen, von Armut Betroffene, Alleinerziehende,
Alte, Junge, Menschen mit Migrationshintergrund und viele
andere.
Die Grundlagen für die Überwindung der Wohnungs-
losigkeit zu schaffen ist eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe und setzt die Entscheidung für eine inklusive
Stadtgesellschaft, die nicht auf Segregation und
Verdrängung setzt, voraus. Erreichbar ist dieses Ziel nur
in enger Zusammenarbeit von Verwaltung, Wohlfahrts-
verbänden, Immobilienwirtschaft, Justiz, Gesundheits-
wesen und Politik.
Aufgaben Zu den Aufgaben der BO gehören die Prävention von
Wohnungsverlusten, die Akquise von neuem
Wohnraum und die engere Vernetzung vorhandener
Akteure sowie nicht zuletzt eine wirksame
Öffentlichkeitsarbeit für die Belange wohnungsloser
Menschen. Auch sollen Prozesse optimiert und
Schnittstellenarbeit verstärkt werden mit der Ziel-
setzung, den Personenkreis wohnungsloser oder von
Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen bestmögliche
Unterstützung anbieten zu können.
Organisation Die Geschäftsstelle ist im Umfang eines Vollzeitäquivalents
interdisziplinär besetzt mit Munirae Gharevi-Kox (seit 24
Jahren Rechtsanwältin mit 10 Jahren Berufserfahrung in
der juristischen Vertretung von Mieter*innen beim DMB
Bonn/Rhein-Sieg/Ahr e.V.) und Helena Marx
(Sozialarbeiterin mit mehrjähriger Erfahrung in der
Wohnungslosenhilfe). Im März 2023 hat die Geschäftsstelle
ihre Tätigkeit aufgenommen. Das Büro befindet sich im
Prälat-Schleich-Haus des Caritasverbands für die Stadt
Bonn e.V.. Die Tätigkeiten der Geschäftsstelle werden
regelmäßig vom Fachbereichsleiter der Wohnungslosen-
hilfe der Caritas sowie einer Steuerungsgruppe
supervidiert. Der Steuerungsgruppe gehört die Stadt Bonn,Seite 4 von 16
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vertreten durch die Amtsleiterin des Amtes für Soziales und
Wohnen und dem Abteilungsleiter Wohnraumförderung/
Wohnraumsicherung sowie die Geschäftsführerin des
Vereins für Gefährdetenhilfe e.V. (VFG) und der
Caritasverband für die Stadt Bonn e.V. an. Solange
personell besetzt, hat auch das Programmbüro Soziale
Gerechtigkeit an der Steuerungsgruppe teilgenommen. Für
die Dauer von drei Monaten gehörte auch eine Studentin
des Studiengangs Nachhaltige Sozialpolitik der BO an, die
hier ihr Pflichtpraktikum absolvierte.
Tätigkeitsbericht Dieser Bericht fasst die wichtigsten Aktivitäten und
Entwicklungen zusammen.
Die Bonner Offensive wurde anlässlich einer
Auftaktveranstaltung am 20.03.2023 rund 60 Gästen aus
Verwaltung und Politik vorgestellt, die der Einladung des
Amtes für Soziales und Wohnen ins Haus der
Evangelischen Kirche gefolgt waren. Neben der
Oberbürgermeisterin Katja Dörner und der Dezernentin
Carolin Krause legten die Mitwirkenden der Geschäftsstelle
und der Steuerungsgruppe die Notwendigkeit
gemeinsamer Anstrengungen dar und warben um
Unterstützung für die Bonner Offensive, was sich in der
Folge als gelungener Start erwies. Verschiedene Ämter, zu
denen seitens der BO im Anschluss Kontakt aufgenommen
wurde (Bürgerdienste, Wohnungsaufsicht, Bauordnung,
Stadtplanung, Wirtschaftsförderung), zeigten sich
gegenüber den Anliegen der wohnungslosen Menschen
immer aufgeschlossen und unterstützend.
(Foto: Bundesstadt Bonn)Seite 5 von 16
4
In einer ersten Anlaufphase wurden Ziele der BO definiert,
ein Projektplan erstellt, das Logo der BO entwickelt und
eine Homepage konzipiert (www.bonneroffensive.de),
welche einen veränderten Blick auf das Thema
Wohnungslosigkeit ermöglichen sollen. Das Bild in den
Köpfen der Menschen vom suchtkranken, obdachlosen
Mann auf der Parkbank bedarf einer Korrektur, denn
Wohnungslosigkeit reicht längst bis in die Mitte der
Gesellschaft und trifft Alleinerziehende genauso wie
Studierende. Es wurde ein Flyer entworfen, ein Facebook-
und Instagram Account eingerichtet, öffentlichkeits-
wirksame Roll-Ups und eine Messetheke bestellt.
In Umsetzung der Prävention von Wohnungsverlusten
wurden Kontakte zu gewerblichen Vermietern
aufgenommen und Krisenhilfe angeboten, wenn
Mietverhältnisse in Schieflage zu geraten drohen. Hiervon
wurde in fünf Fällen von Vermietern und Mietern Gebrauch
gemacht, in denen ohne Einschaltung der BO
Abmahnungen und fristlose Kündigungen ausgesprochen
worden wären. In einem der Fälle wurde eine
bedarfsgerechte Unterbringung im betreuten Wohnen
vermittelt und ein gesetzlicher Betreuer bestellt, in den
anderen Fällen konnte durch sozialarbeiterische und
juristische Unterstützung das Mietverhältnis gerettet
werden.
Mit der gleichen Stoßrichtung wurde Kontakt zum
Interessenverband der privaten Vermieter, Haus und Grund
Bonn Rhein/Sieg e.V. aufgenommen. Nach wie vor liegen
80 % des Bonner Mietmarkts in privater Hand. Im Rahmen
ausführlicher Gespräche mit der Geschäftsführung und den
angeschlossenen Vertrauensanwälten wurden die Vorteile
der BO auch für private Vermieter erläutert. Inzwischen
konnte H&G Bonn/Rhein-Sieg als Kooperationspartner
gewonnen werden und hat bereits zweimal über die BO in
der verbandseigenen Zeitschrift berichtet.
Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad und Presse-
berichterstattungen häuften sich die Anfragen von
Wohnraumsuchenden, aber es gab auch Angebote von
Eigentümern zur Übernahme leerstehender Immobilien, so
dass die Akquise neuen Wohnraums eng mit den
Präventionsangeboten verknüpft ist. Die Angebote wurden
an sämtliche Träger der Wohnungslosenhilfe und auch die
Stadt Bonn zwecks Prüfung auf Verwertbarkeit für
wohnungslose Menschen weitergeleitet und Kontakte zu
potenziellen Investoren geknüpft.
Um vorhandene Wohnungsangebote interessen- und
bedarfsgerecht verteilen zu können wurden die städtischenSeite 6 von 16
5
Mitarbeitenden der Obdachlosenunterkünfte und die Träger
der Wohnungslosenhilfe gebeten, die von der BO
entwickelten Bedarfsermittlungstabellen zu nutzen und ihre
Erkenntnisse der BO zur Verfügung zu stellen.
Insgesamt konnten aufgrund der Tätigkeit von März bis
Ende 2023 21 Menschen aus der Wohnungslosigkeit
heraus (städtisches Obdach 5, VfG 2, Caritas 10, Sonstige
4) in reguläre Mietverhältnisse vermittelt werden. Dabei
waren selbst negative Schufa-Einträge kein
Hinderungsgrund. Insgesamt wurden damit bisher 36
Jahre Wohnungslosigkeit überwunden. Die Vermietung
an die Klienten erfolgte im Vertrauen der Vermieter darauf,
dass im Fall von Schwierigkeiten im Mietverhältnis, die BO
als Ansprechpartner fungiert.
„Sie können sich das nicht vorstellen. Das ist ein ganz
neues Lebensgefühl. Ich war 6 Jahre ohne Wohnung, drei
davon auf der Straße. - Und jetzt ist alles so ruhig. Und vor
meinem Fenster blühen die Blumen.“ (Zitat eines
vermittelten Klienten)
Aktivitäten zur Verbesserung der Vernetzung und zur
Steigerung der Sichtbarkeit der Initiative umfassten die
Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen, und die
Einbindung in öffentliche Diskurse. Es wurde eine
Fortbildungsveranstaltung in Essen „Housing First“ und die
Bundesarbeitstagung der BAGW in Berlin besucht.
Es fand ein regelmäßiger Austausch mit der Fachberatung
der Caritas Wohnungslosenhilfe der ambulanten Dienste
statt. Darüber hinaus wurden Gespräche geführt mit der
Migrationsberatung von Haus Mondial, dem VfG, dem Haus
Maria Königin, Frauen helfen Frauen e.V., Hilfe für Frauen
in Not, dem Aenne Mangold Haus, Esperanza, Frühe
Hilfen, dem Innenstadtmanagement, den Bürgerdiensten,
den städtischen Obdächern, der Wohnungsaufsicht, dem
Quartiersbüro Mackeviertel, dem Projekt Endlich ein
Zuhause, Stadtstreifen e.V., dem Verein Anonymer
Krankenschein, Praxis Lichtermann, der Aids Initiative, dem
ZeSaBo und der Behindertengemeinschaft Bonn e.V., was
zu einer Mitwirkung der BO am Projektbeirat
behindertenpolitischen Teilhabeplan führte. Die BO wurde
im AK Sozialberatung vorgestellt, hat am Marktplatz gute
Geschäfte teilgenommen und an der Gestaltung des Tags
der Wohnungslosigkeit mitgewirkt.
Im November 2023 hat die BO zu einem ergiebigen
Austausch zwischen verschiedenen Trägern derSeite 7 von 16
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Wohnungslosenhilfe und dem Jobcenter eingeladen, um zu
informieren, für niederschwellige Lösungen und
wohlwollende Ermessensausübung zu werben und
bestehende Schnittstellen wo möglich zu optimieren.
All diese Treffen trugen zur Bekanntheit der BO bei und
ermöglichen den Mitarbeitenden des Hilfesystems in Fällen
mit Bezug zur Wohnungslosenhilfe Rat für ihre Klienten
einzuholen. Das Hilfesystem kennt und nutzt die BO als
zentralen gut vernetzten Ansprechpartner. Des Weiteren
haben die Treffen zu einer Sensibilisierung jener
beigetragen, deren Kerngeschäft nicht im Bereich
Wohnungslosenhilfe liegt.
Bisher leider ohne jede Resonanz blieb ein Versuch der
BO, Makler- und Hausverwaltungen zur Teilnahme am
Projekt zu motivieren. Obschon 56 Makler und Haus-
verwaltungen zu einer Online-Präsentation des Projekts
eingeladen wurden, wählte sich niemand ein. Dies zeigt
einmal mehr, wie erschöpft der Wohnungsmarkt ist und das
aus Sicht dieser Berufsgruppe die Klient:innen nicht als
potentielle Mieter:innen in Betracht gezogen werden.
Eine Delegation von Mitarbeitenden der Stadt Den Haag
aus den Bereichen Nachhaltigkeit und Stadtplanung
informierte sich im April 2023 u. A. bei der BO über die
Wohnungslosenhilfe, den Wohnungsmarkt in Bonn und die
verfolgten Lösungsansätze. In Zusammenarbeit mit dem
Amt für Internationales und globale Nachhaltigkeit, der
Abteilung Wohnraumförderung und dem DMB Bonn/Rhein-
Sieg/Ahr e.V. wurde die Delegation bei der Entwicklung
eines zweitägigen Besucherprogramms unterstützt,
welches auch eine Besichtigung einer DemenzWG bei LeA
e.V. in der Celsiusstrasse, den Wahlverwandtschaften und
Amaryllis e.V. als alternative Wohnkonzepte umfasste.Seite 8 von 16
7
Am 1. Mai 2023 war die BO auf der Maikundgebung des
DGB vertreten, um dort unter dem Motto „Ungebrochen
solidarisch“ auf die Wohnungsnot und das
Auseinanderdriften der Gesellschaft aufmerksam zu
machen.
(Foto: Gesine Weyel)
Am 6. Juni 2023 besuchte die Vizepräsidentin des
Bundestages, Frau Katrin Göring-Eckardt die BO und ließ
sich über die Notwendigkeit informieren, auch auf bundes-
und landesgesetzlicher Ebene Weichen zur Bekämpfung
der Wohnungslosigkeit zu stellen.
Als Podiumsgast zur Frage „Bedroht die Inflation die
Demokratie auch heute?“ hat die BO am Gustav
Stresemann Institut im September teilgenommen.
Die Arbeitsweise der BO sowie bereits erzielte Wirkung
konnten im Rahmen einer weiteren Veranstaltung am 28.
September 2023 in der Welthungerhilfe Bonn rund 100
Gästen aus der Immobilienwirtschaft, der Justiz, dem
Gesundheitswesen, der Verwaltung und der Wohlfahrt
präsentiert werden. Im Anschluss an die verschiedenen
Redebeiträge wurde in interdisziplinärem Austausch in
Kleingruppen an verschiedenen Themen gearbeitet. Alle
Teilnehmenden haben bekundet, an sich hierausSeite 9 von 16
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ergebenden Folgeveranstaltungen und Arbeitskreisen
mitwirken zu wollen.
Der erste Folgetermin „Runder Tisch Wohnen und
Wohnungsnot Bonn“ unter Einbeziehung von Vertretern der
Immobilienwirtschaft, Interessenverbänden und der
Stadtverwaltung ist für März 2024 geplant und hat weitere
Interessensbekundungen von Investoren und Verbänden
hervorgerufen.
Es folgen weitere Runde Tische zu den Themen „Junge
Wohnungslose“, „Gesundheit und Psyche“ und „AK
Straffälligenhilfe“.
Am 18. Oktober waren im Rahmen von „DMB NRW
unterwegs“ verschiedene Vertreter des DMB bei der BO zu
Gast. Hier wurde die Bedeutung der primärpräventiven
Rechtsberatung zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit
und Notwendigkeit der Verknüpfung mit der sozialen Arbeit
betont.
Ausblick Im Jahr 2024 werden die bisherigen Bemühungen
fortgesetzt und vertieft. Über Öffentlichkeitsarbeit und
direkte Ansprache sollen auch bisher im geförderten
Segment inaktive Investoren motiviert werden, bezahlbaren
Wohnraum zu schaffen. Dazu müssen auch Akteure aus
dem Rhein-Sieg-Kreis einbezogen werden. Ein
Schwerpunkt muss dabei auch auf die Entwicklung von
Konzepten für die Umnutzung von z.B. kirchlichen oder
leerstehenden Gewerbeimmobilien gelegt werden.
Es gibt weiterhin einen dringenden Bedarf, Wohnungs-
suchende die in nicht bedarfsgerechten Wohnungen,
prekären Wohnverhältnissen oder gekündigten Mietver-
hältnissen leben, engmaschig zu begleiten. Die Bedarfe
von Menschen mit Exklusionsrisiken und Senioren auf dem
Wohnungsmarkt, die mangels verfügbaren Wohnraums
durch die Wohnungsvermittlung der Stadt Bonn bisher nicht
hinreichend gedeckt werden können, müssen stärker in den
Blick genommen werden. Das überwiegende Angebot von
Wohnraum über das Internet erschwert die Suche für viele
Menschen zusätzlich.Seite 10 von 16
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Darüber hinaus sind Bemühungen geplant,
Wohnraumpotenziale aus Leerständen und Problem-
immobilien stärker in den Fokus zu rücken. Es soll in
Zusammenarbeit mit der Stadt über Infoscreens auf die
neue E-Mail-Adresse der Wohnungsaufsicht
(leerstand@bonn.de), die städtische Wohnungslosenhilfe
und die Krisenhilfe der BO aufmerksam gemacht werden.
In einem Projekt mit dem Euro Theater Central soll – soweit
über Fördermittelgeber finanzierbar - das Thema
Wohnungslosigkeit gemeinsam mit Betroffenen bearbeitet
und – wenn die Beteiligten dies wünschen – der
Stadtgesellschaft präsentiert werden.
Geplant ist weiterhin eine Lesung zum Thema
Wohnungslosigkeit in der Kapelle des Prälat-Schleich-
Hauses.
Dank Die Bonner Offensive bedankt sich bei allen Mitwirkenden
für die Unterstützung. Eine kontinuierliche Förderung des
Projekts oder eines Äquivalents bei der Stadt Bonn ist
wünschenswert, um der Problematik steigender Zahl der
Wohnungslosen und der Entwicklung des
Wohnungsmarktes auch im Hinblick auf die vom
statistischen Landesamt NRW prognostizierte
Bevölkerungsentwicklung Rechnung zu tragen.
Anhang Diesem Bericht ist die Rede zur Auftaktveranstaltung im
September 2023 beigefügt, welche die vielfältigen Heraus-
forderungen zur Überwindung der Wohnungslosigkeit
sowie gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge und
Folgen detaillierter beleuchtet, als dies im Rahmen des
Jahresberichts dienlich wäre.Seite 11 von 16
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank, dass Sie sich alle die Zeit genommen haben und Ihnen Frau
Oberbürgermeisterin für die klare Haltung, die Sie mit Ihren einführenden Worten
transportiert haben.
Warum wurde die Einrichtung der Geschäftsstelle gerade in Bonn für nötig gehalten?
Wir leben ja in einer vermeintlich prosperierenden Stadt. Ich würde Ihnen gerne dazu
in der gebotenen Kürze einige Rahmendaten vorstellen, um uns alle auf den gleichen
Stand zu bringen:
Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Bonn nimmt seit Jahren dramatisch
zu.
Laut statistischem Landesamt NRW hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen
in Bonn in den letzten 10 Jahren fast verzehnfacht (FOLIE 1) und zwar von 371
gemeldeten (!) Wohnungslosen im Jahr 2012 auf 3540 Wohnungslose zum Stichtag
30.06.23. Bezogen auf die Einwohnerzahl von rund 340.000 Einwohner:innen
bedeutet das: jede 95. in Bonn gemeldete Person ist wohnungslos. Schauen Sie
sich mal um. Wir sind hier fast 95 Menschen im Raum. Eine/einer von uns ist
statistisch gesehen ohne Wohnung. Und bei dieser Statistik gehen wir nur von den
uns bekannten Wohnungslosen aus. Die Dunkelziffer der verdeckt wohnungslosen
Menschen – insbesondere von Frauen und auch Senioren – ist weitaus höher.
Diese setzen sich eher prekären Wohnverhältnissen ohne mietvertraglichen Schutz
aus, bevor sie sich wohnunglos melden. Wohnungslos zu sein ist ein Makel, der mit
Scham besetzt ist. Damit gehen die Wenigsten gerne hausieren. Wir haben Daten
basierten Grund zu der Annahme, dass wir von circa weiteren 1.000 verdeckt
wohnungslosen Menschen die in Bonn leben ausgehen müssen. Damit wäre dann
jeder 74. in Bonn lebende Mensch wohnungslos. (PAUSENFOLIE)
Dieser rasante Anstieg der Anzahl der Wohnungslosen lässt sich natürlich auch an
weiteren Zahlen ablesen.
Nehmen wir zB die der Neufälle der Wohnungssicherung der Stadt Bonn:
2020 556 Neufälle, 2022 nach Corona 717 Neufälle das ist ein Anstieg von 20 %!
Und jetzt sind die arme Frau Grube und ihre Kolleg:innen auf dem besten Weg, ihr
bemerkenswertes Ergebnis des Vorjahres jedenfalls nach dem Stand aus August, im
Jahr 2023 noch zu toppen. Ich denke nicht, dass sich irgendjemand über diesen
neuerlichen Rekord freuen wird.
Oder nehmen wir z.B. die Zahl der verkauften Mittagessen in der City Station, dem
Mittagsangebot der Caritas Wohnungslosenhilfe. Die Anzahl der verkauften Essen
stieg von 2012 bis 2022 um 22 % auf 46.400 Mahlzeiten im Jahr. Dieses Jahr wird
die Anzahl nochmals ansteigen.
Insgesamt nutzten im Laufe dieses Jahres schon 1.109 Menschen die
Betreuungsangebote der Caritas Wohnungslosenhilfe. Das ist ein Anstieg um 16 %
gegenüber dem Vorjahr. 390 Menschen suchten dieses Jahr die Hilfe der Caritas
Wohnungslosenhilfe erstmalig auf. 27 % mehr, als im Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt.Seite 12 von 16
Hinter jeder dieser Zahlen stehen Schicksale von Menschen, die verzweifelt waren
und Angst hatten, auf der Straße zu landen oder vielleicht sogar gelandet sind. Ich
bin mir sicher, viele von Ihnen könnten diese Zahlen noch aus dem eigenen
Fachbereich ergänzen: die Schuldnerberatung, die ebenso von steigenden Zahlen
von Ratsuchenden berichtet wie der Mieterbund, die Sozialberatungsstellen, die
Verbraucherzentrale und so fort.
Mir ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass wir uns heute mit einem Phänomen
befassen, das breite Teile der Gesellschaft betrifft. Wir reden nicht nur über die
Obdachlosen auf den Straßen von Bonn. Deren Zahl hat sich mit circa 100
bekannten auf der Straße lebenden Menschen in den letzten Jahren kaum verändert.
Die sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs.
Es geht wieder ein Gespenst um in Europa. Diesmal heißt es: Armut. Ein Wort, das
selten genug ausgesprochen wird. Die Menschen fürchten es wie einen Virus, aus
Angst sich anzustecken an der Armut.
Im Auftrag der Hans Böckler Stiftung wurden im Jahr 2019 77 Großstädte in
Deutschland untersucht. FOLIE 2
Nach der Untersuchung gaben 21 % der Haushalte zwischen 30 und 40 % ihres
Haushaltseinkommens für die Bruttokalt(!)miete aus und 14 % der Haushalte 50 – 55
% und mehr, wobei die Grenze der Leistbarkeit bei 30 % der gesamten Mietkosten
(bruttowarm) definiert wird. Danach lagen schon im Jahr 2019 35 % aller Bonner
Haushalte über der Grenze der Belastbarkeit. Vor der Inflation
Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen. Corona, der Krieg in der Ukraine, die
Inflation haben diese Entwicklung verschärft, aber wenn wir ehrlich sind müssen wir
eingestehen: diese Entwicklung ist unserem marktwirtschaftlichen System
immanent, wenn es nicht flankiert wird. Der Markt regelt es eben nicht von alleine.
Es wird der Wohlstand der ohnehin Habenden gemehrt, wohingegen sich die
finanziellen Verhältnisse der Vermögenslosen immer weiter verschlechtern auch und
insbesondere über den Immobilienmarkt. Wer die Hälfte seiner Einkünfte für die
Miete aufwenden muss hat niemals die Chance für sich selbst oder seine
Nachkommen Vermögen zu bilden oder gar eine Immobilie zu erwerben.
(PAUSENFOLIE)
Und bevor gleich die Hälfte der Gäste den Saal verlässt möchte ich betonen: ich
sage das ohne jeden Anwurf gegenüber der anwesenden Immobilienwirtschaft. Wir
sind alle Teil des Systems und profitieren – ob wir das zugeben wollen oder nicht
– mehr oder weniger davon. Aber auch diejenigen, die wie wir im Moment auf der
Sonnenseite des Lebens stehen müssen sich mit der Frage befassen, wo es hinführt,
wenn es uns nicht gelingt, gemeinsam, in großem Umfang preiswerten Wohnraum
zu schaffen oder zu erhalten, der uns fehlt.
In Bonn ist laut statistischem Landesamt NRW bis 2050 von einem
Bevölkerungszuwachs von 8,8 % auszugehen. Das sind nochmal knapp 30.000
Einwohner mehr in den nächsten 30 Jahren. Der Wohnungsmarkt wird diesen
steigenden Bedarf nicht decken können, so dass es einen zunehmend
wachsenden Nachfrageüberhang am Wohnungsmarkt in Bonn geben wird.
FOLIE 4 WMB 2022, S. 38Seite 13 von 16
Im Jahr 2016 gab es in Bonn noch einen Bestand von 12.041 öffentlich geförderten
preisgebundenen Wohnungen. Im Jahr 2021 waren es nur noch 10.872, was einem
Anteil von etwa 6% am Wohnungsbestand entspricht . Gleichzeitig hat die Anzahl
der wohnungssuchenden Haushalte mit Wohnberechtigungsschein in Bonn
zugenommen, bis 2021 stieg sie um rund 14 % an. Zum Stand 31.12.2022 hat die
Stadt Bonn Besetzungsrechte für 6.450 Wohnungen, die kaum Fluktuation in der
Mieterschaft aufweisen. Dabei hat nahezu jeder zweite Haushalt in Bonn einen
Anspruch auf die Erteilung eines Wohnberechtigungs-scheins. (PAUSENFOLIE)
Wir können an dieser Stelle nicht vertiefen, was die Spaltung in arm und reich und
die damit einhergehende Segregation mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt
macht. Wir müssen das Risiko der damit einhergehenden Demokratiegefährdung
aber erkennen und ernst nehmen. Wer Angst davor hat finanziell abzusteigen,
sich existentiell bedroht oder im Stich gelassen fühlt ist empfänglich für
einfache populistische Lösungen. Dieser Effekt hat nach dem Historiker Hans-
Ulrich Wehler schon dem Nationalsozialismus den Boden bereitet, welcher u. A.
getragen war von einem soziologischen Bündnis aus Aufstiegsorientierten und
den Abstiegsgefährdeten. Ähnliche Beobachtungen machen Wissenschaftler nach
Untersuchungen zur Demokratiegefährdung der Landeszentrale für politische
Bildung auch heute unter den Wählern der AfD. Mit den sich daraus ergebenden
ökonomischen Folgen müsste dann aber auch die Wirtschaft umgehen. Ein
Umdenken ist daher im Interesse von uns allen, selbst wenn die Motive sich
unterscheiden sollten.
Gemeinsam und zwar nur gemeinsam können wir das aber schaffen.
Der Auftrag der Bonner Offensive wurde bereits von der Oberbürgermeisterin
skizziert. Wir versuchen, den wohnungslosen Menschen eine Stimme und ein
neues Gesicht zu geben, weg von dem Penner auf der Parkbank, denn das Bild
geht wie ausgeführt am Kern der Problematik vorbei.
Ein wesentlicher Baustein unserer Arbeit ist die Prävention von Obdachlosigkeit.
Verhindern können wir diese aber nur, wenn wir Schnittstellen enger miteinander
verknüpfen und zum frühest möglichen Zeitpunkt eingreifen, bevor ein
Mietverhältnis in die Schieflage gerät oder Menschen aus einer Einrichtung
ohne Anschlussperspektive in die Obdachlosigkeit entlassen werden. Ich
appelliere an dieser Stelle auch an alle Kolleg:innen aus den Beratungsstellen. Egal
wo der Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt, denken Sie die potentielle Gefährdung
eines Mietverhältnisses immer mit.
Wir haben zu diesem Zweck ein Krisentelefon eingerichtet an das sich alle
Menschen wenden können, wenn der Verlust eines Mietverhältnisses droht oder
zwischenmenschliche Auseinandersetzungen eine Trennung notwendig machen.
Mich freut es besonders, dass von diesem Angebot auch die Vonovia Gebrauch
macht und wir auf diese Weise schon zwei Mietparteien vor einer Kündigung
bewahren konnten, die durch vertragswidriges Verhalten aufgefallen sind, aber
eigentlich selbst in einer Notlage waren. Neben der Übernahme der sozialen
Verantwortung für die hilfsbedürftigen Mieter:innen hat es für die WohnungswirtschaftSeite 14 von 16
natürlich auch enorme wirtschaftliche Vorteile uns zu beschäftigen. Es ist deutlich
kostengünstiger die Bonner Offensive zu informieren, als einen jahrelangen
Räumungsrechtsstreit zu führen. Und schneller geht es auch noch. Win-win-win
würde ich sagen.
Auch was die Wohnraumakquise angeht konnte wir bereits erste Erfolge
verzeichnen: So haben wir dank der tatkräftigen Unterstützung der Vonovia und der
LEG bisher 17 wohnungslosen Menschen bzw ihren Familien Mietverträge vermitteln
können. Insgesamt haben wir damit bis heute 34 Jahre Wohnungslosigkeit
überwunden. Ich möchte mich an dieser Stelle – auch in Anwesenheit des
Mieterbunds – nochmal sehr herzlich für diese Chance auch im Namen der
Klient:innen bedanken. Die Rückkehr in die eigene Wohnung ist für ehemals
wohnungslosen Menschen ein einschneidendes Erlebnis und gibt ihnen, ich zitiere:
„Ein ganz neues Lebensgefühl.“
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle auch bei dem Interessenverband der
privaten Vermieter:innen, die uns in ihrer Haus & Grund Zeitschrift ebenfalls ein
Forum gegeben haben, das Projekt vorzustellen, was sowohl aus Gründen der
Prävention von Obdachlosigkeit als auch der Akquise von Wohnraum hilfreich war.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich bei dieser Gelegenheit, dass wir uns auch durch
die Mitarbeitenden der Stadt Bonn sehr unterstützt fühlen und den Eindruck
haben, dass die Problemlage erkannt und man sehr gewillt ist, an deren Beseitigung
mitzuwirken.
Gemeinsam mit meiner Kollegin Helena Marx haben wir in den letzten Monaten viele
Gespräche geführt, Veranstaltungen besucht und durchgeführt. Und immer wurde
deutlich, dass es trotz Digitalisierung und einer Vielzahl bereits vorhandener
Informationen ein dringendes Bedürfnis nach persönlicher Vernetzung gibt.
Vermutlich hat die Corona Pandemie das ihrige dazu beigetragen und ehemals
vorhandene Arbeitsstrukturen zerrüttet. Hinzu kommt eine starke Fluktuation von
Fachkräften im Bereich der Wohnungslosenhilfe und der sozialen Arbeit im
Allgemeinen. Deshalb haben wir Sie heute eingeladen, um einander neu
kennenzulernen und um Ihnen den Raum zu geben, neue Formen der
Zusammenarbeit, des Aufeinanderzugehens zu besprechen. Begreifen Sie dieses
Treffen daher als eine Art Visitenkartenparty oder Speed Dating was Sie möchten,
aber tauschen Sie sich aus!
Mir scheint es wichtig, dass wir jede Scheu ablegen, uns Unterstützung für
unsere Arbeit von außerhalb des eigenen Tätigkeitsfelds zu erbitten, wenn es
darum geht, Probleme im Sinne unserer Klient:innen oder Patient:innen oder
Kund:innen oder Insassen zu lösen. Das setzt aber Kenntnis darüber voraus, was
denn außerhalb der eigenen Einrichtungen für Hilfsangebote bestehen. Idealerweise
kennt man die dortigen Ansprechpartner:innen sogar persönlich.
Ich hoffe Sie gestatten mir, in aller Grobheit und ohne Anspruch auf Vollständigkeit -
einmal ein paar Problemlagen anzureißen, an denen Sie später im Rahmen unserer
kurzen Workshops weiterarbeiten können, damit wir perspektivisch hoffentlich zu
einem großen, hochkompetenten, interdisziplinären Team zusammenwachsen.Seite 15 von 16
Die Sozialdienste aus den Justizvollzugsanstalten haben Mühe, alleinstehenden
Insassen ohne privates Netzwerk außerhalb der Haftanstalten Wohnraum zu
vermitteln. Möglicherweise gelingt es bisher auch nicht immer, den Insassen den
Weg zur Wohnungslosenhilfe aufzuzeigen oder zu ebnen. Eine Entlassung in die
Obdachlosigkeit aber, macht die im Strafvollzug begonnene Resozialisierung
innerhalb kürzester Zeit wieder zunichte. Hier tut Vernetzung Not.
Schauen wir uns das Gesundheitswesen an, so finden wir ein System vor, welches
zunehmend wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist. Die Kliniken fühlen sich
gezwungen, Patienten viel früher als noch ehedem ohne Anschlussperspektive zu
entlassen. Dabei sind insbesondere wohnungslose Menschen besonders häufig von
psychiatrischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen betroffen, finden kaum
Zugang zur notwendigen medizinischen Versorgung und sind oft nur in Notfällen
bereit, ärztliche oder pflegerische Unterstützung anzunehmen.
Kommen wir zur Immobilienwirtschaft. Man könnte meinen, die haben es gut, da
rollt der Rubel ja noch. Aber fragen Sie mal die Investoren wie schwer oder einfach
es ist, neue Bauprojekte umzusetzen. In Zeiten steigender Zinsen und Baukosten,
klimapolitischer Notwendigkeiten, enger und ständig wechselnder rechtlicher
Rahmenbedingungen und nicht zuletzt gesellschaftlicher Widerstände beneide ich
niemanden, der in diesem Sektor unterwegs ist.
Allen genannten Bereichen ist gemeinsam, dass Sie neben den individuellen
Herausforderungen unter einem Fachkräftemangel leiden. Dieser wird durch
verschiedene Faktoren verschärft. Auch hier kommt dem Wohnungsmarkt eine
besondere Bedeutung kommt zu. Wie attraktiv kann eine Stadt für Fachkräfte sein,
wenn die Arbeitnehmer:innen wie gezeigt die Hälfte ihres Erwerbseinkommens für
Mieten aufwenden müssen und an Immobilienerwerb kaum zu denken ist. Allen
Unternehmern und Institutionen kann man daher nur dringend raten, über
Werkswohnungsbau und Wohnheime für Nachwuchskräfte nachzudenken. Die
Bundesbauministerin möchte hier eine Milliarde investieren. Und wenn man an
die Fachkräfte künftiger Generationen denkt müssen wir auch in diesem
Zusammenhang feststellen: Wer sich mit seiner Mutter und einem Geschwisterkind
über Jahre ein Bett in einem 10 qm großen Zimmer teilt oder mit 5 Personen eine 60
qm kleine Wohnung ohne Internetanschluss hat keine echte Bildungschance. Die
schulischen Leistungen bleiben in einem solchen Wohnumfeld zwangsläufig auf der
Strecke. Und das sind Beispiele aus der Praxis, keine Fiktion.
Sie sehen, alle hier haben ihr Bündel zu tragen und die Herausforderungen sind
groß. Ich hoffe, ich konnte Ihr Mitgefühl füreinander wecken. Noch lieber wäre es mir
allerdings, wenn Sie aufgrund Ihrer Fachlichkeit Ideen entwickeln würden, wie hier
wechselseitig Entlastung geschaffen und positive Entwicklung angestoßen
werden kann.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich jetzt auf den Impulsvortrag
unserer Referentin, Frau Bettina Schelkle. Frau Schelkle ist Einrichtungsleiterin der
Evangelischen Diakoniestiftung Herford und wird uns berichten, wie die Stadt Herford
beispielhaft über viele Jahre hinweg ein Gesamthilfesystem entwickelt hat.Seite 16 von 16

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Datenstand: 02.11.2026, 20:23 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de