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240267 · Mitteilungsvorlage

Bericht und Empfehlungen des Projektes „Aktive Erinnerungskultur“

Nummer
240267
Art
Mitteilungsvorlage
Veröffentlicht
02.04.2024
Letzte Änderung
16.09.2026
  1. Sitzung des Kulturausschusses 09.04.2024 Aktuelle Informationen der Verwaltung
  2. Sitzung des Kulturausschusses 04.06.2024 Kenntnisnahme
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Mitteilungsvorlage
öffentlich
240267
Die Oberbürgermeisterin
Federführung:
41 Kulturamt
Dezernat:
Dez. IV
Bericht und Empfehlungen des Projektes „Aktive
Erinnerungskultur“
Beratungsfolge
Kulturausschuss 09.04.2024 Aktuelle
Informationen
der Verwaltung
Kulturausschuss 04.06.2024 Kenntnisnahme
Mitteilung:
1) Projektbericht
Das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ wurde durch den Landschaftsverband
Rheinland (LVR) gefördert. Der Förderzeitraum umfasste den Zeitraum vom
01.01.2022 bis 31.03.2024. Die Projektlaufzeit wurde in der Zwischenzeit bis
zum 31.07.2024 beim LVR verlängert. Für die Jahre 2022 und 2023 standen
jeweils 20.000 EUR Sachmittel zur Verfügung. Für das Projekt hat die Stadt
Bonn zwei halbe wissenschaftliche Stellen eingerichtet. Die Stellen konnten
zum 01.02.2022 bzw. 01.03.2022 besetzt werden. Beide Stellen waren
zunächst bis 31.12.2023 befristet und wurden in der Zwischenzeit bis zum
31.12.2024 verlängert. Eine halbe Stelle ist seit 01.01.2024 vakant. Das zweite
Arbeitsverhältnis endet mit Ablauf des 30.04.2024.
Während der Projektlaufzeit war die Stadt Bonn zudem in den Arbeitsgruppen
im Kulturausschuss des Deutschen Städtetags zur kommunalen
Erinnerungskultur sowie kolonialem Erbe vertreten. Das Ergebnis der ersten
Arbeitsgruppe wurde in der Zwischenzeit als Positionspapier publiziert
(Erinnern ist Zukunft. Demokratie stärken mit Erinnerungskultur.
Positionspapier des Deutschen Städtetages, siehe Anlage.) In der
Projektlaufzeit wurden neben der Erstellung eines Konzepts mit
Handlungsempfehlung für eine dauerhafte Beschäftigung der Stadt Bonn mit
dem Thema der Erinnerungskultur (Anlage) die folgenden Aktivitäten
durchgeführt:
a) Netzwerkarbeit
• Netzwerkaufbau aus Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft,
Kulturinstitutionen & Stadtverwaltung
32 Expert*inneninterviews mit Leitfaden, weitere Gespräche zu
Kooperationen, fachlicher Austausch, Vernetzung
• Online-Umfrage, Bonn-macht-mit.de (Juni–Juli 2023): 68 Teilnehmende
• Teilnahme an bundesweiten Treffen, Tagungen, Konferenzen: 9
Konferenzen
• Vernetzung mit ähnlichen Stellen in Deutschland: 9 Gespräche
(Dresden, Duisburg, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Potsdam,
Regensburg, Stuttgart)Seite 1 von 84
Seite 2
b) Historische Recherche
• 30 Einzelanfragen von Bürger*innen
• Hintergrundrecherche zu 3 Ausstellungen
• Hintergrundrecherche zur Erstellung einer Online-Umfrage
• Hintergrundrecherche zur Erstellung eines Leitfadeninterviews
• Straßennamen
o 13 Kontextschilder zu Straßennamen
o Erstellung eines Kriterienkatalogs zu Überprüfung
o Erstellung einer Prioritätenliste
o Überprüfung von 63 Straßennamen
o 17 Handreichungen zu Straßennamen
• Rechercheaufträge für weitere städtische Stellen
c) Vermittlung
• Dialogstation „Wie erinnern?“
o 7 Standorte (Stadthaus Foyer, Friedenskooperative,
MIGRApolis, Botanischer Garten, Bezirksbibliothek Bad
Godesberg, Jugendzentrum One World Café, Universitäts-und
Landesbibliothek)
o 7 Kooperationspartner*innen (außer den Standort-Kooperations-
partner*innen: Verein für Heimatpflege & Heimatgeschichte Bad
Godesberg (VHH))
o 6 Begleitveranstaltungen
• Intervention im Stadtmuseum (ca. 80 Teilnehmende)
o 4 Workshops
o 7 Führungen
• Postkoloniale Stadtrundgänge (ca. 120 Teilnehmende)
o 5 öffentliche Stadtrundgänge auf Deutsch
o 1 öffentlicher Stadtrundgang auf Englisch
o 1 Stadtrundgang für Schulklassen
• Podiumsdiskussionen (ca. 120 Teilnehmende)
o 2 Podiumsdiskussionen mit 10 Podiumsgäste
2) Ergebnisse der Dialogformate: Bedarfe und Bedürfnisse
Qualifizierte Interviews, Veranstaltungen und die Online-Umfrage haben
zahlreiche Bedarfe der Zivilgesellschaft und Stadtverwaltung selbst ergeben.
Alleine die Fokusthemen Kolonialismus und Nationalsozialismus haben die
folgenden Empfehlungen ergeben:
• Perspektiven von Rassismus negativ Betroffenen in den Fokus rücken
• Vermittlungsformate wie postkoloniale Stadtrundgänge anbieten (in
Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen)
• Grundlagenforschung zu Bonns kolonialer Geschichte (insbesondere
der Bonner Republik) beauftragen, da nach wie vor viele
Forschungslücken bestehen
• Koloniale Kontinuitäten in der Bonner Gegenwart erforschen und
vermitteln
• Unterstützung von Bonner Institutionen bei ihrer kritischen
Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit
• Grab von Lothar von Trotha:
o Konzept zur Kontextualisierung erarbeiten
o OvaHerero und Name in den Umgang mit dem grab einbinden
und ihre Perspektive ins Zentrum stellen
o Einen kulturellen Jugendaustausch mit namibianischenSeite 2 von 84
Seite 3
Kooperationspartner*innen ins Leben rufen und gemeinsam eine
Form des Gedenkens und Lernens für den Genozid als
Gegengewicht zum Grab in Bonn entwerfen
• Widerstand vor allem von Sinti*zze und Rom*nja und jüdischen
Menschen erforschen und im städtischen Raum sichtbar machen
• Bonner Orte der NS-Täterschaft erforschen und markieren
• NS-Kontinuitäten wie fortbestehenden Antisemitismus, Rassismus und
weitere ideologische Denkmuster erforschen und passende
Vermittlungsformate entwickeln
• Perspektive von Betroffenen der NS-Gewalt und ihren Nachkommen bei
erinnerungskulturellen Diskussionen in den Fokus setzen
• Erinnerungsorte der Zwangsarbeit kennzeichnen und mit
Informationsveranstaltungen/ Vermittlungsformaten begleiten, da eine
umfassende Aufarbeitung bisher nicht erfolgt ist
• Hindenburg die Ehrenbürgerwürde entziehen, da er als Verfechter des
Militarismus und Wegbereiter des Nationalsozialismus gilt.
Neben den Themen, die dem Kolonialismus oder Nationalsozialismus
zugeordnet werden können, haben die Befragten zusätzliche Aspekte genannt,
die in einer städtischen Erinnerungskultur Berücksichtigung finden sollten:
• Migrationsgeschichte
• positive Momente der Geschichte
• Jüdische Geschichte
• Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja
• Geschichte behinderter Menschen
• Feministische Perspektiven
• Queere Perspektiven
3) Empfehlungen
Die Ergebnisse des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ haben den Bedarf für
eine dauerhafte Befassung mit erinnerungskulturellen Themen aufgezeigt.
Auf der anderen Seite fällt das Thema haushaltsrechtlich unter die Kategorie
freiwillige Leistung. In der Liste der Verwaltung mit Konsolidierungsmaßnahmen
für den Haushalt 2025/2026 ist aufgrund der aktuellen Haushaltssituation daher
die Streichung einer Stelle im Bereich der Erinnerungskulturen vorgesehen. Für
die Fortführung der Aufgaben steht somit künftig ausschließlich der Leiter des
Zentrums für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen zur Verfügung. Die
Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen wird daher nur in kleinerem
Umfang möglich sein. Durch Synergien und Kooperationen werden
Vermittlungs- und Diskursangebote aber fortgesetzt.
Unabhängig von der personellen Ausstattung ist jedoch ein jährliches Budget
von mindestens 25.000 EUR notwendig, um Veranstaltungen durchführen und
weitere Drittmittel einwerben zu können. Da erinnerungskulturelle Themen ei-
nem starken Wandel und Konjunkturen unterworfen sind, ist mit immer wieder
neuen Anfragen und Schwerpunktverlagerungen zu rechnen. Um auf diese
Entwicklungen reagieren zu können, ist die temporäre Hinzuziehung von exter-
nen Expert*innen notwendig. Demzufolge werden zusätzliche (Dritt-) Mittel
auch für Werkverträge und Honorare benötigt.
Anlage/nSeite 3 von 84
Seite 4
1 Konzept Aktive Erinnerungskultur (öffentlich)
2 positionspapier-erinnern-ist-zukunft-2023 (öffentlich)Seite 4 von 84
VERGANGENHEIT
GEGENWART
ZUKUNFT
Wie kann eine aktive Erinnerungskultur in der Bundesstadt
Bonn gelebt werden?
Bundesstadt Bonn
Kulturamt – Zentrum für
Stadtgeschichte und
ErinnerungskulturenSeite 5 von 84
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung........................................................................................................................................ 1
2 Darlegung der Arbeitsweise ........................................................................................................ 2
Beteiligungsformate .............................................................................................................. 2
Wissenschaftlich-historische Recherche ........................................................................... 3
Vermittlungsformate im Test................................................................................................ 4
3 Bedeutungen von Erinnerungskultur ......................................................................................... 4
4 Erinnerungsthemen in Bonn........................................................................................................ 6
Einordnung des Themas ...................................................................................................... 6
Ergebnisse der Beteiligungsformate .................................................................................. 6
Erinnerung an die Kolonialgeschichte................................................................................ 6
4.3.1 Einordnung des Themas ............................................................................................ 6
4.3.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ........................................................................ 7
4.3.3 Handlungsempfehlungen ........................................................................................... 9
Erinnerung an den Nationalsozialismus ............................................................................ 9
4.4.1 Einordnung des Themas ............................................................................................ 9
4.4.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 10
4.4.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 11
Weitere Themen .................................................................................................................. 12
4.5.1 Migrationsgeschichte ................................................................................................ 12
4.5.2 Exilkultur ..................................................................................................................... 13
4.5.3 Positive Momente in der Geschichte am Beispiel der Demokratiegeschichte 14
4.5.4 Jüdische Geschichte ................................................................................................ 15
4.5.5 Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja.................................................................. 16
4.5.6 Geschichte behinderter Menschen ........................................................................ 17
4.5.7 Feministische Perspektive auf Erinnerungskultur ................................................ 18
4.5.8 Queere Perspektive auf Erinnerungskultur ........................................................... 19Seite 6 von 84
4.5.9 Ernst Moritz Arndt ..................................................................................................... 20
4.5.10 Otto von Bismarck .................................................................................................. 21
5 Erinnerungsorte in Bonn ............................................................................................................ 22
Straßennamen als Erinnerungsorte ................................................................................. 23
5.1.1 Einordnung des Themas .......................................................................................... 23
5.1.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 26
5.1.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 27
Friedhöfe als Erinnerungsorte ........................................................................................... 28
5.2.1 Einordnung des Themas .......................................................................................... 28
5.2.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 30
5.2.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 30
6 Künftige Aufgaben im Themenbereich Erinnerungskultur .................................................... 31
Partizipations- und Vermittlungsformate.......................................................................... 31
6.1.1 Vermittlung ................................................................................................................. 32
6.1.2 Partizipation der Stadtgesellschaft ......................................................................... 33
6.1.3 Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen ........................................................... 34
6.1.4 Gremien ...................................................................................................................... 36
Verankerung in der Stadtverwaltung ................................................................................ 36
6.2.1 Ergebnisse der Analyse von stadtinternen Arbeitsprozessen ........................... 36
6.2.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 37
6.2.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 37
Rahmenbedingungen ......................................................................................................... 37
6.3.1 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 38
6.3.2 Ausblick ...................................................................................................................... 38
7 Anhang ......................................................................................................................................... 39
Fotodokumentation „Wie erinnern?“ ................................................................................. 39
Priorisierung – Überprüfung der Benennung von Straßen und Plätzen in Bonn....... 40Seite 7 von 84
Kriterien Überprüfung Benennung von Straßen und Plätzen in Bonn ........................ 41
Vorlage Kennzeichnung historischer Gräber .................................................................. 42
Zu überprüfende Straßen- und Platznamen im Bonner Stadtraum, erhoben aus den
Beteiligungsformaten .......................................................................................................... 43
Weitere zu überprüfende erinnerungskulturelle Orte im Bonner Stadtraum, erhoben
aus den Beteiligungsformaten ........................................................................................... 44Seite 8 von 84
1
1 Einleitung
Die Erinnerungskultur prägt den städtischen Raum und zugleich prägen physisch erlebbare
Erinnerungsorte im Stadtraum die Art und Weise, wie wir uns erinnern. Erinnerungskultur,
städtischer Raum und kommunale Politik und Verwaltung sind deshalb untrennbar
miteinander verwoben. In der Bundesstadt Bonn wurden entscheidende Weichen für die
Etablierung der Demokratie in Deutschland gestellt. Nicht zuletzt deshalb kommt ihr eine
wichtige erinnerungskulturelle Rolle zu, deren Wirkung über die Stadtgrenzen hinausreicht.
Vor dem Hintergrund zunehmender extremistischer und populistischer Strömungen ist es
Aufgabe der Bonner Stadtgesellschaft, eine aktive und vielstimmige Erinnerungskultur zu
etablieren und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Denn diese schafft Zusammenhalt, stärkt
demokratische Werte, betont die Achtung der Menschenwürde und bildet so ein mächtiges
Instrument zur Verteidigung unserer Demokratie.1
Ziel des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“, im Rahmen dessen das vorliegende Konzept
erarbeitet wurde, ist es, Vorschläge für professionelle Strukturen innerhalb der
Stadtverwaltung zu schaffen, die die Entwicklung einer aktiven und vielstimmigen
Erinnerungskultur in Bonn von städtischer Seite ermöglichen. Das Projekt ist im Zentrum für
Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen des Kulturamtes der Bundesstadt Bonn
angesiedelt und startete im März 2022. Zwei Mitarbeiter*innen mit jeweils einer 50 %-Stelle
wurden für das Projekt eingestellt. Zusätzlich unterstützt der Landschaftsverband Rheinland
(LVR) das Projekt mit Projektgeldern in Höhe von jeweils 20.000 Euro für die Jahre 2022
sowie 2023 im Rahmen der „Regionalen Kulturförderung“. Der Förderzeitraum beläuft sich
auf die Zeit vom 01.01.2022 bis 31.03.2024 bzw. nach Verlängerung bis 31.07.2024.
Erinnerungskultur wird von Menschen gemacht und von deren Werten geprägt. Da sich die
Werte einer Gesellschaft und deren Perspektive auf die Vergangenheit ändern, befindet sich
die Erinnerungskultur in einem stetigen Aushandlungsprozess, der sich um die Frage dreht:
Wie und an welche geschichtlichen Ereignisse möchten wir erinnern? Das Projekt „Aktive
Erinnerungskultur“ versucht deshalb möglichst vielen Bonner*innen eine Teilhabe an diesem
kontinuierlichen Aushandlungsprozess zu ermöglichen.
Im Fokus des Projekts steht das kollektive, also das geteilte Gedächtnis der Bonner
Stadtgesellschaft. Ein geteiltes Gedächtnis manifestiert sich auf unterschiedlichen Wegen.
Eine herausragende Rolle spielen in diesem Zusammenhang physische erlebbare Orte im
Stadtraum wie beispielsweise Statuen und Mahnmäler, Platz- und Straßennamen aber auch
Grabstätten. Diese Orte sind Teil des Alltagslebens der Menschen in der Stadt und prägen
so das kollektive Gedächtnis entscheidend. Dies begründet die Schwerpunktsetzung des
Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ auf Erinnerungsorte im Stadtraum.
Die Mitarbeiter*innen des Projekts befanden sich knapp zwei Jahre lang in intensivem Dialog
mit Bonner*innen, um vorliegendes Konzept zu entwickeln. Die aus diesem Dialog
1 Siehe hierzu auch das Positionspapier des Deutschen Städtetags „Erinnern ist Zukunft. Demokratie
stärken mit Erinnerungskultur“, an dessen Erstellung die Bonner Sport- und Kulturdezernentin Dr.
Birgit Schneider-Bönninger und der Leiter des Zentrums für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen
Dr. Philipp Hoffmann beigetragen haben. Es ist online verfügbar unter:
https://www.staedtetag.de/files/dst/docs/Publikationen/Positionspapiere/2023/positionspapier-erinnern-
ist-zukunft-2023.pdf.Seite 9 von 84
2
gewonnenen Erkenntnisse, bilden eine wichtige Grundlage des vorliegenden Konzeptes.
Denn nur mit vielseitigen Stimmen aus der Stadtgesellschaft können erinnerungskulturelle
Strukturen entstehen, die zu den Bonner*innen und ihrer Stadt passen.
Die Gliederung des Konzepts ist eine künstliche Trennung, die einen strukturierten Überblick
gewährleisten soll. Viele Themen überschneiden sich und bedingen sich wechselseitig; in
der Praxis können sie nicht klar voneinander getrennt bearbeitet werden.
2 Darlegung der Arbeitsweise
Das vorliegende Konzept beruht auf zwei Kernelementen: Zum einen die
Beteiligungsformate, durch die Menschen in Bonn ihre Forderungen, Ideen und Wünsche für
die lokale Erinnerungslandschaft äußern konnten. Zum anderen die wissenschaftlich-
historische Recherche zu Bonner Erinnerungsorten, die als Grundlage für Beurteilungen und
Diskussionen in der Stadtgesellschaft dient.
Beteiligungsformate
Seit März 2022 bis September 2023 wurden im Projekt „Aktive Erinnerungskultur“
verschiedene Beteiligungsformate durchgeführt.
Dazu zählen (1.) Gespräche mit lokalen Akteur*innen. Es handelte sich hierbei um
zivilgesellschaftliche Vereine und Gruppen; Aktivist*innen; Wissenschaftler*innen;
Vertreter*innen Bonner Kulturinstitutionen; engagierte Einzelpersonen und Personen, die
sich mit einem Anliegen an die Stadt Bonn gewendet haben. Die bisherige Beschäftigung mit
erinnerungskulturellen Themen variierte genauso wie das jeweilige Schwerpunktthema
(darunter Heimatgeschichte, postkoloniale Themen, Migration, Friedensaktivismus,
Feminismus und viele mehr).
Hinzu kam (2.) eine Onlineumfrage auf Bonn-macht-mit.de, die auf interessierte
Einzelpersonen ausgereichtet war und zwischen Mai und Juli 2023 beantwortet werden
konnte. 68 Teilnehmer*innen nutzen diese Möglichkeit. Ein Teil der Grafiken in vorliegendem
Konzept sind auf Grundlage der Befragung entstanden. Sie sind nicht repräsentativ, sondern
geben ein Stimmungsbild einer interessierten Bevölkerungsgruppe wieder.
In der Dialogstation „Wie erinnern?“ (eine Wanderausstellung mit Mitmachtafeln) sowie in der
Intervention „Wie erinnern?“ in der Dauerausstellung des Stadtmuseums war (3.) Beteiligung
durch Mitmachtafeln möglich. In dieses Konzept fließen die Rückmeldungen, die die
Besuchenden auf den Tafeln hinterließen mit ein.
Schließlich konnte sich die Bonner Stadtgesellschaft auch (4.) bei diversen Veranstaltungen
einbringen. Neben Rückläufen auf Feedbackzetteln ist vor allem die „Mentimeter“-Befragung
bei einer Podiumsdiskussion im April 2023 zu nennen. Die Besuchende konnten über ihre
Smartphones am Online-Umfrage-Tool „Mentimeter“ teilnehmen und aktuelle Fragen zu
erinnerungskulturellen Themen beantworten. Die entstandenen Grafiken sind in dieses
Konzept eingefügt. Auch sie beruhen nicht auf einer repräsentativen Umfrage, sondern
geben ein Stimmungsbild der Besuchenden der Podiumsdiskussion wieder.
Ziel dieser Befragungen war es, die Bedarfe der Bonner Stadtgesellschaft zu ermitteln.
Welche Erinnerungsorte sind ihnen wichtig, welche fehlen? Welche Erinnerungsthemen
brauchen mehr/weniger Aufmerksamkeit? Und was sind die Forderungen, Wünsche undSeite 10 von 84
3
Anregungen für langfristige professionelle Strukturen für die Bearbeitung von
erinnerungskulturellen Themen?
Neben diesen aktiv gesteuerten Beteiligungsformaten, wurden ebenfalls Anregungen, die
das Projekt per Mail erreicht haben sowie Bürger*innenanträge und offene Briefe
ausgewertet, die – teilweise bereits vor Projektstart – an die Stadt Bonn gerichtet wurden.
Bei allen im Konzept wiedergegebenen Antworten aus den verschiedenen Dialogformaten
handelt es sich um Meinungen der teilnehmenden Personen. Die Formate waren barrierearm
nutzbar und richteten sich an eine breite und heterogene Zielgruppe. Die Meinungen
spiegeln sowohl Individual- als auch Gruppenmeinungen. Antworten aus dem
Beteiligungsprozess sind als solche gekennzeichnet und stehen singulär als
Meinungsäußerung der Beteiligten. Im Konzept werden diese neutral wiedergegeben. Eine
Einordnung durch das Projektteam findet sich in den jeweiligen Handlungsempfehlungen. Im
Rahmen einer sich an das Konzept anschließenden Priorisierung zu einem konkreten
Arbeitsprogramm hin sind diese Beiträge auf ihre Relevanz und Repräsentativität hin zu
überprüfen. Die Priorisierung und folgende Umsetzbarkeit sind entscheidend von den zur
Verfügung stehenden Ressourcen abhängig. Die Beiträge zeigen vor allem die Breite der
erinnerungskulturellen Themen in einer pluralen Stadt wie Bonn.
Wissenschaftlich-historische Recherche
Hauptaufgabe des Arbeitsbereichs wissenschaftlich-historische Recherchen war die
Recherche erinnerungskultureller Themen um die Basis für eine wissenschaftlich fundierte
Arbeit des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ zu legen. Hierzu zählen Recherchen zur Vor-
und Nachbereitung der Vermittlungsformate. Auch die Entwicklung und Durchführung der
Beteiligung- und Befragungsformate setzen Recherchetätigkeiten voraus. Um die Ergebnisse
der Beteiligungsformate auswerten zu können und in Konzeptform zu bringen, mussten
weitere Recherchen durchgeführt werden.
Des Weiteren waren Recherchetätigkeiten nötig, um auf Anfragen von Bürger*innen an die
Stadt Bonn zu erinnerungskulturellen Themen fundiert antworten zu können. Insgesamt
wurden ca. 30 Einzelanfragen bearbeitet.
Zudem wurden andere Ämter und Abteilungen, die sich mit erinnerungskulturellen Aufgaben
befassen, durch die Übernahme von Recherchetätigkeiten unterstützt. Hierzu zählt die
Recherche und Ausarbeitung für Kontextschilder zur Einordung von Platz- und
Straßenbenennung für das Bauordnungsamt (63), die Erarbeitung einer Texttafel für das Amt
für Umwelt und Stadtgrün (67), die Unterstützung des Amts für Presse, Protokoll und
Öffentlichkeitsarbeit (13) bei der Vorbereitung der Wiederanbringung der Gedenktafel für die
ermordeten Sinti und die Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Bonn.
Ein weiterer Schwerpunkt des Arbeitsbereichs lag auf der Überprüfung der Platz- und
Straßenbenennungen. Hierfür wurden zunächst Kriterien entwickelt, anhand derer die Platz-
und Straßennamen überprüft werden. Anschließend wurde eine Priorisierungsliste erstellt,
um die ca. 2300 vorhandenen Straßen- und Platznamen in einer sinnvollen Reihenfolge
bearbeiten zu können. Anschließend wurden alle 63 Straßen und Plätze, die während der
NS-Zeit be- oder umbenannt wurden, einer Kurzprüfung unterzogen und eine Shortlist
bestehend aus 31 Straßen- und Platznamen erstellt. Zu diesen Straßen wurde mit der
Erarbeitung von Handreichungen begonnen.Seite 11 von 84
4
Vermittlungsformate im Test
Im Laufe der Projektlaufzeit wurden verschiedene Vermittlungsformate konzipiert und
durchgeführt, um herauszufinden, welche Formate zur erinnerungskulturellen Landschaft in
Bonn passen und welche nicht. Ziel der Formate war vor allem, mit den Initiativen und
Akteur*innen in Bonn in den Dialog über Bedürfnisse und Bedarfe im Bereich der
Erinnerungskultur zu treten. Die meisten Formate beinhalteten partizipatorische Elemente,
wodurch Anregungen, Wünsche und Forderungen für das vorliegende Konzept erhoben
werden konnten (siehe oben: Beteiligungsformate).
Die Dialogstation „Wie erinnern?“ (siehe Fotodokumentation der Dialogstation, Anhang 7.1)
war das größte und umfassendste Vermittlungsformat: Eine Ausstellung, die aktuell in Bonn
diskutierte erinnerungskulturelle Themen fokussiert, war an sieben Standorten in Bonn zu
sehen und wurde von Veranstaltungen begleitet. Zu den Vermittlungsformaten zählen
außerdem zwei Podiumsdiskussionen, sieben postkoloniale Stadtrundgänge mit der Initiative
„Bonn Postkolonial“, die Intervention „Wie erinnern?“ im Stadtmuseum mit vier Workshops
und sieben Führungen. Zudem waren 10.000 Euro der Projektgelder für die Umsetzung einer
künstlerischen Intervention vorgesehen. Diese 10.000 Euro wurden genutzt, um die
Kunstausstellung „Counter Thoughts. Counter Images - Eine künstlerische
Auseinandersetzung mit Bonns kolonialen Spuren von Cheryl McIntosh“ umzusetzen. Die
Ausstellung wird vom 1. März bis Donnerstag, 28. März 2024 im Ernst-Moritz-Arndt-Haus zu
sehen sein.
Eine weitere künstlerische Intervention im Windeckbunker durch den Künstler Ulrich Wagner
konnte aus baulichen und nutzungsrechtlichen Gründen nicht realisiert werden.
3 Bedeutungen von Erinnerungskultur
Erinnerungskultur kann als ein fortwährender gesellschaftlicher Aushandlungsprozess zu
den Fragen „An welche geschichtlichen Ereignisse möchten wir warum und auf welche Art
und Weise erinnern? Und was sagen sie uns über unsere Gegenwart?“ verstanden werden.
Angelehnt an Max Czollek ist es zentrale Aufgabe der Erinnerungskultur zu versuchen, die
Gegenwart so einzurichten, dass aus der Vergangenheit gelernt werden kann. Zudem dient
sie als wichtiges Instrument der Selbstkritik.2 Dabei geht es nicht um ein Erinnern auf der
individuellen Ebene an meist persönliche Ereignisse, sondern um die kollektive – also
geteilte – Erinnerung einer Gruppe. Im Falle des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ handelt
es sich bei dieser Gruppe um die Bonner Stadtgesellschaft.
Erinnerungskultur kann etliche Ausprägungen haben und zeigt sich in diversen Bereichen.
So manifestiert sich Erinnerungskultur in Erzählungen, Veranstaltungen, Büchern,
Schulunterricht, Orten und vielem mehr. Fokus des Projektes sind Erinnerungsorte im
Bonner Stadtraum, die einen Bezug zum Nationalsozialismus und/oder Kolonialismus
aufweisen.3 Diese physisch erlebbaren Erinnerungsorte im Stadtraum spielen für eine
Stadtgesellschaft eine entscheidende Rolle, da sie Teil des Alltags sind.
2 Siehe hierzu u. a.: Czollek, Max: Versöhnungstheater. München 2023.
3 Diese Fokussierung erfolgte aufgrund der Vielzahl der Themen aus arbeitsökonomischen Gründen
durch eine Auswertung der vorliegenden Bürger*innenanträge, Anträge/Anfragen aus der Bonner
Politik sowie einzelnen Anfragen aus der Bürgerschaft. Das Konzept zeigt, dass dieSeite 12 von 84
5
Grafik: Eingaben zu „Ihr Stichwort zu Erinnerungskultur“ bei der Veranstaltung „Wie erinnern? Erstes
Dialogforum zu Erinnerungskultur in Bonn“ am 26. April 2023.4
erinnerungskulturelle Themenvielfalt wesentlich größer ist, Erinnerungskultur aber zeitlichen Trends
und Konjunkturen unterworfen ist.
4 Die Umfrage wurde während der Veranstaltung mithilfe des Online-Umfrage-Tools „Mentimeter“
durchgeführt. Von den etwa 90 Besuchenden haben pro Frage rund 20 Personen über ihre
Smartphones teilgenommen.Seite 13 von 84
6
4 Erinnerungsthemen in Bonn
Einordnung des Themas
Erinnerungskulturelle Themen umfassen ein breites Spektrum. Diese Themen sind nicht
statisch, sondern ändern sich stetig. Sie sind zeitlichen Trends unterworfen und spiegeln die
jeweiligen gesellschaftlichen Debatten wieder. Die hier aufgeführten Themen sind deshalb
nicht als Ausschlussliste zu verstehen, weitere Themen können hinzukommen. Die
aufgeführten Themen sind zudem nicht scharf voneinander abgrenzbar, sondern gehen
ineinander über.
Ergebnisse der Beteiligungsformate
Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de
Für 93 Prozent der Teilnehmenden der Online-Umfrage sind erinnerungskulturelle Themen
„sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ (siehe Grafik). Die lokalen Akteur*innen, mit denen zum
Zwecke der Datenerhebung Gespräche geführt wurden, sind alle im sehr heterogenen Feld
der Erinnerungskultur tätig. Für sie haben erinnerungskulturelle Themen eine große
Bedeutung und sind wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. In der Online-Umfrage gaben 65
Prozent der Befragten an, dass ihnen erinnerungskulturelle Themen „sehr wichtig“ seien (für
28 Prozent sind sie „eher wichtig“, siehe Grafik). Vielen Teilnehmende der Online-Umfrage
ist es wichtig, erinnerungskulturelle Fragen zu behandeln, um aus der Vergangenheit zu
lernen, geschichtliche Ereignisse nicht zu vergessen und weil vor allem die
Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ihre Verantwortung sei. Einige finden diese
Themen auch wichtig, weil sie zu einem Verständnis der Gegenwart führen. Ebenso gilt
Erinnerungskultur für sie als identitätsstiftend als Stadtgesellschaft und Individuum.
Erinnerung an die Kolonialgeschichte
4.3.1 Einordnung des Themas
Die Kolonialgeschichte Deutschlands wurde lange Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis
verdrängt. Im Jahr 1990 wurde erstmals eine Anfrage einer Bürgerin an die Stadt Bonn zu
65%
28%
2% 1% 1% 3%
Wie wichtig sind Ihnen erinnerungskulturelle
Themen?
Sehr wichtig Eher wichtig Keine Angabe
Eher unwichtig sehr unwichtig UnentschiedenSeite 14 von 84
7
einem kolonialen Thema gestellt. Es handelte sich um die Kritik an der Benennung der Karl-
Peters-Straße.5 Doch erst in den letzten zehn Jahren gewinnt die Auseinandersetzung mit
der kolonialen Vergangenheit Deutschlands im öffentlichen Diskurs an Bedeutung. Diese
Auseinandersetzung ist von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, da der Kolonialismus bis
heute die kulturellen, sozialen, ökonomischen und Wissens soziologischen Bereiche unserer
Gesellschaft prägt.
In Bonn wird vor allem der Umgang mit dem Grab des Kolonialverbrechers Lothar von
Trothas und der rassistischen Darstellung eines Schwarzen Menschen in der Bonngasse 18
diskutiert. Eine wichtige Arbeit zu Bonner Orten mit kolonialer Vergangenheit hat die
zivilgesellschaftliche Initiative „Bonn Postkolonial“ geleistet, die postkoloniale
Stadtrundgänge anbieten und zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
eine Broschüre veröffentlichte.6 Viele Orte mit kolonialen Verstrickungen in Bonn sind im
kollektiven Gedächtnis nicht verankert. Zudem bestehen Forschungslücken zur kolonialen
Vergangenheit Bonns.
4.3.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate
Viele Befragte nehmen die postkolonialen Spuren in Bonn als bedeutendes, aktuelles und
bisher zu wenig beleuchtetes Thema wahr. Ein wichtiges und dringendes Anliegen im
Themenfeld der postkolonialen Spuren ist das Grab von Lothar von Trotha.
Der Umgang mit dem Grab von Lothar von Trotha beschäftigt die Bonner Stadtgesellschaft
schon seit einiger Zeit. Diverse Forderungen zur kritischen Einordnung des Grabs wurden
seither geäußert. Schon in den Jahren 2008, 2012 und 2020 wurden entsprechende Anträge
im Stadtrat, im Kulturausschuss und in der Bezirksvertretung Bonn diskutiert. Im Jahr 2020
richtete die Initiative "Bonn postkolonial" einen offenen Brief an die Stadt, der sich mit diesem
Thema auseinandersetzte.7 Ebenfalls im Jahr 2020 beschloss die Bezirksvertretung Bonn,
auf dem Gelände des Poppelsdorfer Friedhofs eine Informationstafel zu errichten, die über
die Verbrechen von Lothar von Trotha informieren soll.8
Befragte aus den Beteiligungsformaten äußerten ihr Befremden darüber, dass an dem Grab
keinerlei Erklärung oder Einordnung der Person von Trothas vorhanden ist. Es besteht der
Wunsch nach einer angemessenen Einbettung des Grabs in den historischen Kontext. Viele
wünschen sich dabei eine enge Zusammenarbeit mit OvaHerero und Nama. Diese
Einbettung solle über das reine Weitergeben von Informationen hinausgehen und könnte zu
einem Denkmal für die Opfer des Völkermords werden. Einige Befragte wiesen auf die
räumliche Nähe zum Kriegerdenkmal "Unseren Helden" hin. Sie betrachten eine
Neugestaltung des Bereichs als Chance, um beide Orte in einen Dialog zu bringen. Es gibt
jedoch auch Bedenken, dass das Grab durch eine Einbettung vor Ort zu einem Wallfahrtsort
5 1995 wurde die Straße schließlich aufgrund eines Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in
Yalovastraße umbenannt.
6 Die Broschüre kann hier abgerufen werden:
https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Brosch%C3%BCre_Postkoloniale_Stadtfuehrung.pdf
7 https://decolonize-bonn.de/offener-brief-an-die-stadt-bonn/
8 https://www.bonn.sitzung-online.de/vo020?VOLFDNR=6755&refresh=false 201156 – Antrag. Ein
kurzer Hinweis zur kritischen Einordnung Trothas wurde in den Schaukästen an den Eingängen des
Friedhofs wurde 2021 angebracht. Siehe ebenfalls Antrag (Nr. 1211453) der Fraktion DIE LINKE aus
2012 https://bonn-archiv.sitzung-online.de/public/vo020?VOLFDNR=1092603&refresh=false.Seite 15 von 84
8
für Befürworter*innen von Lothar von Trothas Taten werden könnte, weshalb ein alternativer
Standort für die Kontextualisierung bevorzugt wird.
Es wurde angeregt, ein Denkmal für die im Genozid ermordeten OvaHerero und Nama für
eine größere Sichtbarkeit im Stadtzentrum zu platzieren. Aus Gründen der Nachhaltigkeit,
der Verantwortungsübernahme und des gegenseitigen Verständnisses haben Befragte
vorgeschlagen, dass das Denkmal im Rahmen eines kulturellen Austausches zwischen
Jugendlichen in Bonn und Namibia gestaltet werden könne. Die Stadt erhielt außerdem eine
Anfrage, eine künstlerische Performance am Grab von Lothar von Trotha durchzuführen, die
an den Genozid erinnern und der Opfer gedenken wollte. Diese konnte nicht realisiert
werden, da aufgrund der kurzfristigen Antragstellung noch kein ämterübergreifendes
Konzept zum Thema Erinnerungskultur auf Bonner Friedhöfen erarbeitet werden konnte.
Eine 9. Klasse einer Bonner Gesamtschule hat sich mit dem Grab auseinandergesetzt und
sieht es als notwendig an, eine Informationstafel am Grab anzubringen. Die Schüler*innen
haben eigene Textvorschläge für eine solche Tafel erarbeitet. Diese kennzeichnen Trothas
Verhalten gegenüber den OvaHerero als „Verbrechen“, „qualvoll“ und „schlimm“. Dass sich
die Stadt Bonn zwar einerseits klar von den Taten distanzieren, jedoch ein aktiver Umgang
der Thematik und konkrete Maßnahmen für den Umgang mit dem Grab von Trothas sowie
dem Genozid an den OvaHerero und Nama in der Wahrnehmung der Befragten nur
zögerlich erfolgt, wurde in den Beteiligungsformaten negativ bewertet.
Die Befragten nannten außer dem Grab von Lothar von Trotha noch zahlreiche weitere
Bonner Orte und Themen, über die ihrer Meinung nach kritisch diskutiert werden sollte.
Darunter fallen koloniale Objekte und Ordnungsstrukturen in Bonner Sammlungen
(beispielsweise des Botanischen Gartens, der universitären Altamerika-Sammlung oder der
medizinischen Sammlung der Universität); die kolonialen Verstrickungen der Universität in
Bonn (unter anderem ersichtlich an Biografien wie Ferdinand Wohltmann, Max Koernicke
und Alexander Pflüger); die Aktivitäten der Bonner Ortsgruppe der Deutschen
Kolonialgesellschaft; Völkerschauen und Kolonialausstellungen in Bonn; postkoloniale
Strukturen in der Entwicklungszusammenarbeit (darunter Institutionen mit Sitz in Bonn)
sowie Kolonialprofiteur*innen, die sich Bad Godesberg als Altersruhe- oder Sommersitz
ausgewählt haben (darunter Lothar von Trotha, Gerhard Rohlfs, Karl von der Heydt).
Darüber hinaus wird gefordert, sich kritisch mit Konrad Adenauers Befürwortung der
Rückgewinnung von Kolonien auseinanderzusetzen und entsprechende Orte wie die
Konrad-Adenauer-Allee zu hinterfragen.
In die öffentliche Diskussion ist außerdem die Figur und der Schriftzug am Haus in der
Bonngasse 18 geraten, in der sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert eine sogenannte
Kolonialwarenhandlung befand. Die Figur zeigt eine rassistische Darstellung einer
Schwarzen Person. Der Schriftzug beinhaltet eine kolonialrassistische und abwertende
Fremdbezeichnung („Im Mohren“). Während manche sich für eine Entfernung der Figur
aussprechen und andere eine deutlich sichtbare Kontextualisierung wünschen, sprechen
sich wiederum andere dafür aus, dass die Figur bleibt, weil eine Entfernung
„Geschichtsvergessenheit“ bedeuten würde. Dieses Haus befindet sich nicht in städtischem
Besitz, sondern gehört dem Verein Beethoven-Haus-Bonn. Der Eigentümer des Hauses
befürwortet und unterstützt eine kritische Auseinandersetzung mit der Fassadengestaltung
und organisiert deshalb bspw. Diskussionsveranstaltungen. Auf einer Tafel, die am Haus
angebracht ist, wird die Geschichte des Hauses und die Fassadengestaltung aus heutigerSeite 16 von 84
9
Perspektive erläutert. Im letzten Absatz ist ein klares Bekenntnis zur kritischen Aufarbeitung
formuliert: „Wir fühlen uns vor diesem Hintergrund und aktuellen Diskussionen bestärkt und
verpflichtet, Beiträge zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Historie dieses Hauses
und mit allen Formen von Diskriminierung und strukturellem Rassismus in Geschichte und
Gegenwart zu leisten.“
Wichtig sei den Befragten eine Dekolonisierung des Stadtraums (und der Gesellschaft als
Ganzes), weil der Kolonialismus nicht nur an Orten, sondern auch im Denken Spuren
hinterlassen habe. Folgen des Kolonialismus seien demnach eine Überheblichkeit und
Arroganz des Westens, genauso wie politische und kulturelle Vorstellungen, die sich bis
heute halten. Geht es also um eine Verhandlung der kolonialen Orte in Bonn, solle
klargemacht werden, dass es nicht um einen Angriff auf historische Einzelpersonen geht,
sondern um die Diskussion und Bewusstwerdung der (immateriellen) kolonialen
Kontinuitäten in der Gegenwart. Ein Thema im Feld des Kolonialismus sei auch die Trauma-
Bewältigung von historischen Wunden.
4.3.3 Handlungsempfehlungen
• Perspektiven von Rassismus negativ Betroffenen in den Fokus rücken.
• Vermittlungsformate wie postkoloniale Stadtrundgänge anbieten (in Zusammenarbeit mit
zivilgesellschaftlichen Akteur*innen).
• Grundlagenforschung zu Bonns kolonialer Geschichte (insbesondere der Bonner
Republik) beauftragen, da nach wie vor viele Forschungslücken bestehen.
• Koloniale Kontinuitäten in der Bonner Gegenwart erforschen und vermitteln.
• Unterstützung von Bonner Institutionen bei ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der
kolonialen Vergangenheit.
• Grab von Lothar von Trotha:
o Konzept zur Kontextualisierung erarbeiten.
o OvaHerero und Nama in den Umgang mit dem Grab einbinden und ihre
Perspektive ins Zentrum stellen.
o Einen kulturellen Jugendaustausch mit namibianischen
Kooperationspartner*innen ins Leben rufen und gemeinsam eine Form des
Gedenkens und Lernens für den Genozid als Gegengewicht zum Grab in Bonn
entwerfen.
Erinnerung an den Nationalsozialismus
4.4.1 Einordnung des Themas
Seit Ende der 1970er Jahre steht die Erinnerung an den Nationalsozialismus im Zentrum der
Deutschen Erinnerungskultur. Die Erinnerungsarbeit an diese Zeit ist keineswegs vollendet,
sondern steht vor aktuellen Herausforderungen. Wie kann erinnert werden, wenn die
wichtige Methode der Zeitzeug*innen Gespräche wegfällt? Wie lässt sich eine Ritualisierung
und damit Erstarrung der Erinnerung an die NS-Zeit vermeiden? Wie können Kontinuitäten
sichtbar gemacht werden? Welche Perspektiven müssen stärker mit einbezogen werden?
Und welche Forschungslücken gilt es aufzuarbeiten?
Erinnerungskulturelle Praktiken in Bezug auf die NS-Zeit müssen ständig hinterfragt und
kritisch überprüft werden. Es gilt eine Ritualisierung und Abstrahierung zu vermeiden. ZudemSeite 17 von 84
10
müssen neue Forschungserkenntnisse integriert werden und veraltete Narrative sichtbar
gemacht werden.
Auf städtischer Seite ist die Gedenkstätte/NS-Dokumentationszentrum (41-22)
schwerpunktmäßig mit der Erinnerungsarbeit an den Nationalsozialismus beauftragt.
4.4.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate
Zentrales Thema in Bezug auf den Nationalsozialismus sind Zwangsarbeiter*innen in Bonn. 9
Derzeit sind manche Erinnerungsorte an Zwangsarbeiter*innen gekennzeichnet10, viele
weitere Spuren lassen sich im Stadtgebiet finden.11 Befragte nannten in diesem Kontext ein
Kriegsgefangenenlager (Stammlager VI G) auf dem heutigen Gelände des
Bundesministeriums der Verteidigung (Duisdorf), ein Lager für Zwangsarbeiter*innen an der
Weststraße (Bad Godesberg), den Steinbruch am Finkenberg (Limperich) und die
Jutespinnerei in Beuel. Wegen der fehlenden Kennzeichnungen der Orte und dem dürftigen
Gedenken der Zwangsarbeiter*innen wünschen sich die Befragten, dass das Thema mehr
Raum in der städtischen Erinnerungskultur erhält und die katastrophalen Bedingungen der
Zwangsarbeit gezeigt werden.
Einige Befragte bemängelten, dass Bonner Widerstandskämpfer*innen in der städtischen
Erinnerungskultur nicht genug Beachtung geschenkt werde.12 Sie wünschen sich, dass
Personen wie Walter Markov, Nikolaus Wasser und Fritz Faust sowie Edelweißpiraten aus
dem Siebengebirge mehr Raum in der städtischen Erinnerungskultur erhalten. Ebenfalls zu
erforschen sei Widerstand von Juden und Jüdinnen sowie Sinti*zze und Rom*nja in Bonn.
Ihr Widerstand könnte genau wie der von Deserteuren13 als Positivbeispiel hervorgehoben
werden, so die Befragten.
Gleichzeitig wurde aber auch angemerkt, dass Orte von NS-Täterschaft in Bonn
unterrepräsentiert seien und dass diese sichtbarer gemacht werden sollten.
Ebenfalls wichtig und derzeit zu wenig präsent ist den Befragten das Erinnern an
Zwangssterilisation und Euthanasiemorde im Nationalsozialismus. An der LVR-Klinik in Bonn
wurden sowohl Zwangssterilisation als auch Euthanasiemorde getätigt; der
9 Die Fraktion Bündnis 90 / DIE GRÜNEN in der Bezirksvertretung Bad Godesberg hat im Oktober
2022 in einem Antrag gefordert, eine Gedenk- und Erinnerungstafel auf das einstige Lager an der
Weststraße anzubringen. Daraufhin wurde das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ mit der Entwicklung
eines Gesamtkonzeptes zum Umgang mit der Erinnerung an Zwangsarbeiter*innen in der Stadt Bonn
betraut. Im April 2023 hat der Rat beschlossen, dass unabhängig davon eine Gedenktafel beim Lager
an der Weststraße angebracht werden soll. Siehe ALLRIS (www.bonn.sitzung-online.de), Nummer DS
221912.
10 Zu nennen sind hier beispielsweise der Gedenkstein für Zwangsarbeiter*innen auf dem Friedhof
Platanenweg in Bonn-Beuel; eine Stele zum Gedenken an „Sowjetbürger“ auf dem Duisdorfer
Friedhof, eine Gedenktafel am ehemaligen Stammlager IV G in Duisdorf und ein Gedenkstein für
hingerichtete Zwangsarbeiter am Finkenberg, Bonn-Limperich.
11 Das Projekt „Bonner Leerstellen“ zeigt einige dieser Spuren auf. Es ist ein Projekt der
Geschichtswissenschaften der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität-Bonn unter der Leitung von
Prof. Dr. Katja Makhotina. https://bonnerleerstellen.net/.
12 Einige Bonner Persönlichkeiten, die sich dem NS-Regime widersetzt haben, finden sich hier:
https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung-lernen/gegensatz-zum-nationalsozialismus.php
13 Hier wurde auf das Denkmal für die unbekannten Deserteure verwiesen, das wegen eines
politischen Beschlusses nicht in Bonn aufgestellt werden durfte und deshalb am 01.09.1989 nur zwei
Stunden auf dem Bonner Friedensplatz enthüllt wurde. Siehe: http://www.deserteur-
denkmal.de/deserteur-denkmal_geschichte-denkmal-bonn.html.Seite 18 von 84
11
Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit
der Geschichte des Provinzialverbandes und der eigenen Geschichte auseinandergesetzt
und wichtige Beiträge für die Erinnerungskultur geleistet.14 Die Arbeiten des LVR im Bereich
der Euthanasiemorde und Zwangssterilisationen können als Positivbeispiel für andere Orte
dienen. Konkret wird eine Gedenkplakette am ehemaligen Gesundheitsamts gefordert. Den
Befragten ist wichtig, weitere Orte zu identifizieren und die grausame Geschichte der als
„Rassenhygiene“ bezeichneten Gewalt und Morde zu verdeutlichen.
Ein weiteres Anliegen, das an das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ herangetragen wurde,
ist die Ehrenbürgerwürde von Paul von Hindenburg. Nachdem bereits vor Projektbeginn
beschlossen wurde, dass die Hindenburgallee und der Hindenburgplatz umbenannt werden
(heute: Elisabeth-Selbert-Allee und Loki-Schmidt-Platz), bleibt die Ehrenbürgerwürde, die
von Initiativen und Einzelpersonen kritisiert wird. Es sei „absurd“, dass die Allee und der
Platz bereits umbenannt wurden und die Ehrenbürgerwürde noch besteht. Die Ehrung von
Hindenburg sei „ein Fall von demokratiegefährdender Geschichtsvergessenheit“ und Bonn
dürfe „einem solchen Mann nicht länger ein ehrendes Andenken widmen“, so ein
Bürgerantrag aus 2020. Es wird auf Berlin verwiesen. Dort hat die Stadt 2020 Hindenburg
die Ehrenbürgerwürde entzogen und ihn von der Ehrenbürgerliste gestrichen.
Ein Thema, dem laut einiger Befragter in der städtischen Erinnerungskultur in Bonn zu wenig
Aufmerksamkeit und Bedeutung entgegengebracht wird, ist das Gedenken an die Verfolgung
und Ermordung von Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus. Vor allem junge
Menschen sollten erreicht und über die Verbrechen der Nationalsozialist*innen gegenüber
Sinti*zze und Rom*nja aufgeklärt werden. Bei Gedenkveranstaltungen und anderen
erinnerungskulturellen Formaten sei es unumgänglich, Sinti*zze und Rom*nja
gleichberechtigt in Vorbereitung und Umsetzung miteinzubinden.
Befragte fordern außerdem eine umfassende Recherche zu Kontinuitäten nach 1945. Es
müsse erforscht werden, wie Gericht, Stadtverwaltung, Polizei und Feuerwehr in den
Nachkriegsjahren aufgestellt war und welche Personen aus der NS-Vergangenheit in der
Gründungsphase der Bonner Republik noch aktiv waren.
Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig hoben viele Befragte als gelungene
Erinnerungsorte hervor.15
4.4.3 Handlungsempfehlungen
• Widerstand vor allem von Sinti*zze und Rom*nja und jüdischen Menschen erforschen
und im städtischen Raum sichtbar machen.
• Bonner Orte der NS-Täterschaft erforschen und markieren.
14 Auf dem Gelände der LVR-Klinik befinden sich ein Gedenkstein für die Opfer von
Zwangssterilisation und Ermordung im Nationalsozialismus sowie eine Gedenkstele für die Opfer der
Euthanasiemorde an Kindern. Das Psychiatrie Museum "Verrückte Zeiten" der LVR-Klinik hat eine
Broschüre zum Thema Zwangssterilisation veröffentlicht: Venza-Tillmanns, Josephine da (2017):
„…ist unfruchtbar zu machen“. Zum Thema Zwangssterilisation aus einigen Krankenakten der
Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bonn und der Hertz’schen Privatklinik. Psychiatrie-Museum Ver-
rückte Zeiten im Haus 15 der LVR-Klinik Bonn. Bonn.
15 Zu Stolpersteinen in Bonn, vgl.: https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung-
lernen/stolpersteine.php.Seite 19 von 84
12
• NS-Kontinuitäten wie fortbestehenden Antisemitismus, Rassismus und weitere
ideologische Denkmuster erforschen und passende Vermittlungsformate entwickeln.
• Bestehende Gedenkveranstaltungen an die NS-Zeit in Bonn überprüfen und aus ihrer
starren, ritualisierten Form lösen.
• Perspektive von Betroffenen der NS-Gewalt und ihren Nachkommen bei
erinnerungskulturellen Diskussionen in den Fokus setzen.
• Erinnerungsorte der Zwangsarbeit kennzeichnen und mit
Informationsveranstaltungen/Vermittlungsformaten begleiten, da eine umfassende
Aufarbeitung bisher nicht erfolgt ist.
• Hindenburg die Ehrenbürgerwürde entziehen, da er als Verfechter des Militarismus
und Wegbereiter des Nationalsozialismus gilt. Zudem wurde die Kritik an einer
Ehrung Hindenburgs in Bonn schon ausgiebig im Kontext der Straßennamen
diskutiert und mehrere deutsche Städte haben sich für die Entziehung der
Ehrenbürgerwürde entschieden.
Weitere Themen
Neben den Themen, die dem Kolonialismus oder Nationalsozialismus zugeordnet werden
können, haben die Befragten zusätzliche Aspekte genannt, die in einer städtischen
Erinnerungskultur Berücksichtigung finden sollten.
4.5.1 Migrationsgeschichte
4.5.1.1 Einordnung des Themas
29,3 Prozent der Bonner*innen besaßen entweder selbst nicht von Geburt an die deutsche
Staatsangehörigkeit oder mindestens eins ihrer Elternteile wurde nach 1945 ohne deutsche
Staatsangehörigkeit geboren. Bonn ist also eine postmigrantische Gesellschaft.
Erinnerungsorte der Migrationsgeschichte gibt es jedoch kaum und die Perspektiven von
Migrant*innen und ihren Nachkommen bleiben nach wie vor häufig unberücksichtigt. Für eine
Einwanderungsstadtgesellschaft ist jedoch von zentraler Bedeutung, Migration als Teil der
eigenen Geschichte zu begreifen und zu erinnern.
Mit dem Amt für Integration und Vielfalt verfügt die Stadt Bonn über eine auch in Fragen zur
Erinnerungskultur spezialisierte Einrichtung. Das Fachwissen und die Netzwerke der
Kolleg*innen waren in der Projektlaufzeit hilfreich. Eine systematische Verknüpfung des
allgemeinen Bereichs Erinnerungskultur und dem Fach- und Spezialwissen der Kolleg*innen
des Amtes für Integration und Vielfalt ist für die zukünftige Entwicklung des Bereichs „Aktive
Erinnerungskultur“ wichtig. Nur durch eine synergetische Zusammenarbeit kann eine breite
Teilhabe ermöglicht und Erinnerungskonflikte im Vorfeld erkannt und dialogisch geklärt
werden.
4.5.1.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate
Die Befragten erachteten die Geschichte der koreanischen Gastarbeiter*innen in Bonn wie
auch das Anwerbeabkommen mit der Türkei und die deutsch-türkische Geschichte als
bedeutsam.
In Bezug auf derzeitigen Rassismus wurde die Erinnerung an Amed Ahmad, der 2018
aufgrund eines Brandes in der Justizvollzugsanstalt Kleve verstorben ist, ebenfalls als
wichtig erachtet. Auch das Gedenken an den rassistischen Anschlag in Hanau im Jahr 2020
wurde als bedeutend für die lokale Erinnerungskultur angesehen.Seite 20 von 84
13
4.5.1.3 Handlungsempfehlungen
• Meinungen, Forderungen und Ideen zur Migrationsgeschichte in Bonn fehlten bei der
Datenerhebung für dieses Konzept. Diese Lücke gilt es zu schließen und
Perspektiven vor allem von migrantischen Selbstorganisationen müssen eingeholt
werden.
• Die Zusammenarbeit mit dem Amt für Integration und Vielfalt ist zu systematisieren.
In einer synergetischen Arbeitsweise können die Kolleg*innen mit ihren Netzwerken
in die Communities und ihrem Fach- und Spezialwissen entscheidend für die
Integration migrantischer Communities in die Erinnerungskultur fungieren.
• Vermittlungsformate zur Geschichte der Gastarbeit in Bonn sollen gemeinsam mit
ehemaligen Gastarbeiter*innen und ihren Nachkommen entworfen und durchgeführt
werden. Ihre Erfahrungen und Expertisen sollen im Zentrum stehen.
• Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das
Kriterium des Rassismus zu beachten.
• Partizipatorische Vermittlungsformate und Denkmäler sollten erarbeitet werden.16
4.5.2 Exilkultur
4.5.2.1 Einordnung des Themas
Exilkultur und die Auseinandersetzung mit Exilgeschichte sowie Flucht und Vertreibung stellt
eine universelle Erfahrung dar. Damit bildet der Bereich der Exilkultur ein wichtiges und
global anschlussfähiges Element der Erinnerungskultur. In der Auseinandersetzung mit
Exilkunst und Exilkultur werden Solidarität, Fairness, Toleranz und
Verantwortungsbewusstsein geschürt sowie Demokratie als Lebensform begriffen. Die
universelle Erinnerung an Flucht, Exil und Vertreibung sowie differente
Demokratieerfahrungen verlangen nach einem besonderen Fokus bei der Vermittlung von
demokratischen Werten und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Hier liegt eine besondere
Verpflichtung für die postmigrantische Gesellschaft im vielfältigen Einwanderungsland
Deutschland. Mit dem Projekt „Forum Exilkultur“, der Übernahme der Sammlung Milein
Cosman in 2022 sowie der Vorbereitung der Schenkung der Sammlung Memoria hat die
Stadt Bonn bereits erste Schritte für eine stärkere Schwerpunktsetzung in diesem Bereich
unternommen. Mit der Ausrichtung der „Tage des Exils“ in Zusammenarbeit mit der Körber
Stiftung in 2024 sowie mehreren Ausstellungen zum Themenkomplex Exilkunst, Flucht und
Vertreibung wird der Weg der Auseinandersetzung mit diesem Bereich der Erinnerungskultur
weiter gestärkt.
4.5.2.2 Handlungsempfehlungen
• Ein systematischer intergenerationeller und interdisziplinärer Austausch, in dem u. a.
die Auseinandersetzung mit Exilkunst und Demokratie immer wieder aufs Neue
partizipativ erarbeitet werden.
• Darstellung von Positivbeispielen, Wechselwirkungen und dem stetigen Wandel der
(Stadt-) Gesellschaft.
• Universelle Flucht- und Vertreibungsgeschichte als integrative Kraft nutzen und im
Bewusstsein der Menschen verankern.
16 Beispiel: Jungbusch Denkmal (visit-mannheim.de)Seite 21 von 84
14
• Strukturen für eine dauerhafte und öffentlich wirksame Auseinandersetzung schaffen,
Orte des Dialogs und des gemeinsamen Lernens anhand Exilkunst und -Geschichte
initiieren.
4.5.3 Positive Momente in der Geschichte am Beispiel der Demokratiegeschichte
4.5.3.1 Einordnung des Themas
Ein weiteres wichtiges Themengebiet der Erinnerungskultur ist die Demokratiegeschichte. Ihr
Potential liegt in der Darstellung von Positivbeispielen aus der Vergangenheit, die
Orientierung für die Zukunft bieten. Zugleich müssen jedoch auch Anfeindungen der
Demokratie und antidemokratische Entwicklungen dargestellt und hinterfragt werden. Eine
unkritische Darstellung der Bundesrepublik Deutschland als Erfolgsgeschichte sollte
vermieden werden. 50 Jahre lang wurde die Bundesrepublik Deutschland von Bonn aus
regiert. Bonn bietet deshalb zahlreiche Anknüpfungspunkte für die erinnerungskulturelle
Auseinandersetzung mit der Demokratiegeschichte.
Seit 01.03.2023 koordiniert und kommuniziert ein „Demokratiebeauftragter“ bei der Stadt
Bonn das Fokus-Thema Demokratie. Der Demokratiebeauftragte initiiert und bündelt die
Aktivitäten der städtischen Institute sowie externer Kultur-Akteure und der Zivilgesellschaft.
Eine wichtige Aufgabe ist die konkrete Ausarbeitung und Bündelung von interdisziplinären
Projekten und Formaten, sowie die fortgesetzte Recherche zu Stakeholdern, die Entwicklung
neuer wissenschaftlicher Fragestellungen und Diskursansätze, sowie Erstellung von
Konzepten und Texten.
Die Stadt Bonn ist Mitglied des neugegründeten „Netzwerkes Verfassungsstädte Weimar –
Frankfurt a.M. – Bonn. Ziel des Netzwerkes ist es, sich zur verbindenden
Demokratiegeschichte, ihrer Erforschung und Vermittlung zu bekennen und Projekte der
historisch-politischen Bildung zu entwickeln. Dazu wird sich das Netzwerk künftig mindestens
einmal jährlich im Forum Verfassungsstädte treffen. Die Aktivitäten des Netzwerkes werden
von der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte (GEDG) mit Sitz in Weimar
koordiniert und z.T. finanziert.
Das Zentrum für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen ist eine wichtige Säule im
Netzwerk der Verfassungsstädte und eng mit den Aufgaben des Demokratiebeauftragten
verwoben.
4.5.3.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate
Viele Befragte wünschen sich mehr Erinnerungsorte, die an positive Momente in der
Geschichte erinnern. Oftmals wird hier die Bonner Republik angeführt, deren
Demokratiegeschichte hervorgehoben und durch Orte erinnert und gefeiert werden solle. Die
Unterzeichnung des Grundgesetzes 1949 in Bonn und Frauen, wie Elisabeth Selbert, die am
Grundgesetz gearbeitet haben, sollten mehr gewürdigt werden. Zu den positiven Momenten
werden aber auch die Revolution von 1848/49, die Errungenschaften der 1968er-Bewegung
und der Frauenrechtsbewegung gezählt. Zudem sollten die großen Friedensdemonstrationen
der 1980er Jahre auf der Hofgartenwiese betont werden, beispielsweise durch einen
Erinnerungsort vor Ort, so die Befragten.
Die Demokratiegeschichte wurde immer wieder als positives Beispiel in der Geschichte
beschrieben, ohne eine unreflektierte Betrachtung des Themas zu fordern. Dabei lenkten
viele Befragte den Fokus auf Positivbeispiele der Geschichte, die in der öffentlichenSeite 22 von 84
15
Wahrnehmung von vielen negativen Themen überlagert würden. Manche Befragte
spiegelten, dass ihnen „der negative Touch“ des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ nicht
gefalle. Sie äußerten, dass auch der Kolonialismus seine positiven Aspekte habe.
Geschichte solle nicht nur einseitig dargestellt werden, sondern alle Seiten, auch die
positiven Seiten sollen beleuchtet werden. Mit Bewertungen solle man vorsichtig umgehen,
da sie sich im Laufe der Zeit immer wieder ändern, so die Befragten.
Gerade wenn problematische Orte aus dem Stadtraum entfernt würden, müssen die Orte mit
Hoffnung, Positivbeispielen und Erfolgsgeschichten gefüllt werden, so einige Befragte. Sie
befürchten, dass die Stadt künftig neutrale, unbedeutende Straßennamen wähle und das
Stadtbild nur noch „aus Amselstraßen und Gänseblümchenwegen“ bestünde.
4.5.3.3 Handlungsempfehlungen
• Unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Einordnung des Themas
widersprechen wir der Forderung, Kolonialgeschichte positiv darzustellen und sehen
den Handlungsauftrag darin, mehr Wissen und Sensibilität über Kolonialgeschichte
zu verbreiten.
• Leitfiguren der Geschichte können mehr in die erinnerungskulturelle Landschaft in
Bonn einbezogen werden, hierbei gilt es jedoch einen Personenkult zu vermeiden.
• Demokratische Errungenschaft der Bundesrepublik sollen gewürdigt werden, dabei
ist jedoch ein unreflektiertes Feiern der Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte zu
vermeiden, da auch koloniale und NS-Kontinuitäten nicht unsichtbar gemacht werden
dürfen.
• Grundsätzlich umfasst der Bereich der Erinnerungskultur nicht nur die kollektive
Erinnerung an Krisen, Kriege und Morde, also negative Ereignisse. Es existiert
selbstverständlich auch die Erinnerung an positive Ereignisse. Die Entscheidung, ob
Ereignisse als positiv oder negativ wahrgenommen werden, bzw. welche Teilaspekte
für die individuelle Wertung entscheidend sind, ist Teil des gesellschaftlichen
Aushandlungsprozesses. Es besteht jedoch auch die Gefahr einer positiven
Umdeutung im Sinne einer (politischen) Instrumentalisierung und entgegen des
kollektiven Gedächtnisses. Einer solchen Instrumentalisierung muss im Sinne einer
pluralistischen Erinnerungskultur durch Aufklärung und historisch-wissenschaftliche
Recherche entgegengewirkt werden.
4.5.4 Jüdische Geschichte
4.5.4.1 Einordnung des Themas
Die jüdische Geschichte ist ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte. Die jüdische
Gemeinschaft soll dabei nicht ausschließlich als Opfer auf Grund der Shoah dargestellt
werden. Vielmehr sollte es Ziel einer lebendigen Erinnerungskultur sein, auch von der Vielfalt
jüdischen Lebens in Bonn vor und nach der Shoah zu erzählen. Zudem soll herausgestellt
werden, wie Jüd*innen diese Stadt mitgeprägt haben. Zugleich muss jedoch auch der
Antisemitismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und Kontinuitäten thematisiert
werden.
Der Rat der Stadt Bonn hat mit Beschluss vom 28. Juni 2021 die Verwaltung beauftragt,
weitere Planungen für einen Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS-
Dokumentationszentrum auf das Gelände des ehemaligen Klosters Endenich
herbeizuführen. Architekten und Fachplaner sind seitdem mit den Vorbereitungen befasst,Seite 23 von 84
16
die Kolleg*innen der Gedenkstätte erarbeiten zudem ein neues didaktisches wie
erinnerungskulturelles Konzept für diesen neuen Ort. Dabei wird auf die erfolgreiche
didaktische Arbeit der vergangenen Jahrzehnte aufgebaut und diese anhand neuester
Forschungen fortentwickelt. Die Erforschung der Internierung von Jüd*innen im Kloster
Endenich hat belegt, dass es sich bei der „Lagergemeinschaft Kapellenweg“ um ein
Ghettolager handelte. Einzelne Gebäudeteile des Klosterkomplexes bestehen noch
weitgehend in ihrem ursprünglichen Bauzustand bzw. wurden so wiederaufgebaut. Somit ist
mit dem dort 1941/42 betriebenen Ghettolager ein authentischer Bonner Erinnerungsort
vorhanden, an dem die Unterbringung der Gedenkstätte als auch die durch sie betriebene
Dauerausstellung gut und nachhaltig verortet sind.
Das Ghettolager war Teil des Vernichtungsprozesses, den die nationalsozialistische Politik
gegenüber den deutschen und europäischen Jüd*innen in Gang setzte. Damit ist es ein
einzigartiger Erinnerungsort, das die eliminatorisch-antisemitische Ideologie der
Nationalsozialisten verkörpert. Dies zu thematisieren und einer breiten Öffentlichkeit nahe zu
bringen, ist zentraler Auftrag der Bonner Gedenkstätte am neuen Standort.
4.5.4.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
In den Befragungen wurde das Thema der jüdischen Geschichte oft nur im Zusammenhang
mit der Shoah genannt. In den Gesprächen, in denen es darüber hinaus angesprochen
wurde, haben Befragte die 1000-jährige jüdische Geschichte Bonns erwähnt und sich dafür
ausgesprochen, dass ehemalige jüdische Geschäfte und Schulen in Erinnerung gehalten
und als solche gekennzeichnet werden sollten. In Bezug auf Erinnerungsorte galten jüdische
Friedhöfe und die Kennzeichnung von ehemaligen Standorten Bonner Synagogen als
wichtig. Zudem müsse Erinnerungskultur einen Bogen zur Gegenwart spannen und müsse
Antisemitismus und Vorurteile abbauen. Nicht zuletzt geht es auch darum jüdisches Leben
heute in Bonn möglich zu machen, wozu auch koschere Lebensmittelläden und koschere
Restaurants zählen, die derzeit nicht existieren.
4.5.4.3 Handlungsempfehlungen
• Perspektiven jüdischer Bonner*innen ins Zentrum erinnerungskultureller Arbeit
rücken.
• Orte jüdischer Kultur und deren Geschichte in Bonn sichtbar machen.
• Opfernarrative vermeiden.
• Zusätzliche Bildungsformate zum Thema Antisemitismus anstoßen.
• Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das
Kriterium des Antisemitismus zu beachten.
4.5.5 Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja
4.5.5.1 Einordnung des Themas
Sinti und Roma leben seit mehr als 600 Jahren in Deutschland. Ihre Geschichte ist von
Verfolgung und Diskriminierung geprägt. Nach 1945 wurde der Völkermord an den Sinti*zze
und Rom*nja geleugnet. Der Völkermord an Sinti*zze und Rom*nja wurde erst 1982 offiziell
anerkannt. Weder der Genozid während der NS-Zeit noch die anhaltende anschließende
Diskriminierung wurden umfassend aufgearbeitet. Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja
sowie Unkenntnis über ihre Geschichte ist nach wie vor weit verbreitet. In den 30er Jahren
lebten rund 100 Sinti in Bonn. Nur etwa die Hälfte überlebte die NS-Zeit. 2022 wurdenSeite 24 von 84
17
erstmals 4 Stolpersteine für Sinti in Bonn verlegt. Seit 1999 findet sich am Bonner
Hauptbahnhof eine Gedenktafel an die deportierten Bonner Sinti. 2016 wurde diese entfernt
und 2023 erneut angebracht.
4.5.5.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
Wie oben schon geschildert, fordern die Befragten mehr Aufmerksamkeit in der städtischen
Erinnerungskultur für das Gedenken an die Verfolgung und Ermordung von Sinti*zze und
Rom*nja im Nationalsozialismus. Sie fordern außerdem, dass Vermittlungsformate für
Jugendliche und junge Erwachsene konzipiert werden, um über die Geschichte von Sinti*zze
und Rom*nja aufzuklären. Doch auch die Geschichte nach 1945 sollte in den Fokus rücken.
Hier geht es um eine Anerkennung und Wertschätzung für die Bürgerrechtsbewegung und
die Selbstorganisation von Sinti*zze und Rom*nja in den 1970er Jahren. Als Ergänzung zur
Tafel für ermordete Bonner Sinti im Nationalsozialismus auf dem Bahnhofsvorplatz sollte ein
Gedenktag in Bonn eingeführt werden, so die Befragten.
4.5.5.3 Handlungsempfehlungen
• Perspektiven von Sinti*zze und Rom*nja ins Zentrum erinnerungskultureller Arbeit
rücken.
• Zusätzliche Bildungsformate zum Thema Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja
anstoßen.
• Entwicklung von erinnerungskulturellen Formaten zur Tafel für ermordete Sinti*zze in
enger Zusammenarbeit mit Selbstorganisationen.
• Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das
Kriterium des Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja zu beachten.
4.5.6 Geschichte behinderter Menschen
4.5.6.1 Einordnung des Themas
Die Geschichte behinderter Menschen ist in ihrer Vielfalt kaum erforscht. Ausnahmen bildet
die NS-Vergangenheit, insbesondere die Euthanasiemorde. Auf dem Gelände der LVR-Klinik
befinden sich ein Gedenkstein für die Opfer von Zwangssterilisation und Ermordung im
Nationalsozialismus sowie eine Gedenkstele für die Opfer der Euthanasiemorde an Kindern.
Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv
mit seiner Geschichte und insbesondere die des Rheinischen Provinzialverbands befasst,
auch mit den Themen „Euthanasie" und Zwangssterilisierungen im Rheinland.17 Vor dem
Landeshaus in Köln-Deutz erinnert das Denkmal der „Grauen Busse“ in Köln-Deutz an die
Opfer der „Aktion T4“, bei der mehr als 70.000 Menschen ermordet wurden.
Darüber hinaus fehlen hingegen weitere Erinnerungsorte, die an die Leistungen behinderter
Menschen erinnern.
17 Vgl. die Online-Angebote des LVR;
https://www.lvr.de/de/nav_main/derlvr/geschichte/der_lvr_stellt_sich_seiner_geschichte/inhaltsseite_3
35.jsp sowie https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/euthanasie%22-
und-zwangssterilisierungen-im-rheinland-1933–1945/DE-2086/lido/57d1351705eaa2.40921674Seite 25 von 84
18
4.5.6.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
Die Befragten gaben an, dass sie die Gedenkorte auf dem Gelände der LVR-Klinik als
wichtig erachten. Allerdings sollten sie mit Veranstaltungen und Vermittlungsformate
begleitet werden. Wenn es um die Geschichte von behinderten Menschen gehe, bestehe
außerdem eine Forschungslücke, die es zu schließen gilt.
4.5.6.3 Handlungsempfehlungen
• Meinungen, Forderungen und Ideen zur Geschichte behinderter Menschen in Bonn
fehlten bei der Datenerhebung für dieses Konzept. Diese Lücke gilt es zu schließen
und entsprechende Perspektiven müssen eingeholt werden.
• Erinnerungskulturelle Formate aller Thema sollten barrierearm gestaltet werden, um
möglichst vielen Menschen Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen.
• Bestehende Vorarbeiten anderer Institutionen in Bonn, etwa die des LVR, können in
Kooperationen ausgebaut werden und mit anderen Orten vernetzt werden. Auf diese
Weise werden Zusammenhänge sichtbar und Ereignisse werden nicht als singulär
wahrgenommen.
• Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das
Kriterium des Ableismus gegen behinderte Menschen zu beachten.
4.5.7 Feministische Perspektive auf Erinnerungskultur
4.5.7.1 Einordnung des Themas
Frauen sind in der Erinnerungskultur nach wie vor unterrepräsentiert, da das Gedenken
häufig traditionelle Ansichten und Perspektiven weitergibt. Feministische „Memory Studies“
nehmen überlieferte Daten und Fakten kritisch in den Blick und fragen nach Ein- und
Ausschlüssen. Neben den Feiern einzelner Frauen, werden so auch Strukturen, die
Handlungsspielräume ermöglichten oder verschlossen, beleuchtet. Das Projekt „FrauenOrte
NRW“ wird im Frühjahr 2024 mit Stelen und Gedenktafeln in Bonn ausgedehnt.18 Das Haus
der FrauenGeschichte Bonn und die Gleichstellungsstelle der Stadt Bonn hatten sich
erfolgreich für das Projekt FrauenOrte NRW des FrauenRats NRW beworben. Bei der
Umsetzung war auch das Stadtmuseum Bonn involviert. Die Arbeit des Hauses der
Frauengeschichte e. V. hat zudem in den vergangenen Jahren durch zahlreiche
vielbeachtete Ausstellungen und Publikationen wichtige Beiträge für die feministische
Erinnerungskultur geleistet. Zudem besteht in Bonn mit dem 1981 gegründeten
Frauenmuseum das international erste Museum seiner Art.
4.5.7.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
Befragte äußerten den Wunsch nach einer feministischen Perspektive, die sämtliche
Bereiche der Erinnerungskultur durchdringen sollte. Ein erster Schritt in diese Richtung
könnte die Schaffung eines umfassenden Kriterienkatalogs sein, anhand dessen die Ehrung
von historischen Persönlichkeiten bewertet wird. Dieser Katalog sollte nicht nur rassistische
und antisemitische Einstellungen berücksichtigen, sondern auch sexistische und misogyn
geprägte Ansichten prüfen.
18 Vgl. https://intranet.bonn.de/pressemitteilungen/februar-2024/grosses-wirken-sichtbar-machen-
bonn-bekommt-vier-frauenorte-nrw.php sowie https://www.bonn.de/bonner-frauenorte.Seite 26 von 84
19
Darüber hinaus wurde angemerkt, dass es nach wie vor an umfassender Forschung zur
geschlechtsspezifischen Betroffenheit während der Zeit des Nationalsozialismus mangelt,
sowie an einer Analyse der Auswirkungen dieser Zeit auf die Wissensbestände der
Frauenbewegung. Frauen seien auch in der aktuellen Erinnerungskultur, sei es in
Straßennamen oder anderen Erinnerungsorten, weiterhin unterrepräsentiert. Dies spiegele
die bestehenden Machtverhältnisse wider, steht jedoch im Widerspruch zu einer
Gesellschaft, die Gleichberechtigung anstrebt und sollte daher schnell geändert werden.
Konkret sollte in der städtischen Erinnerungskultur eine verstärkte Aufmerksamkeit auf die
Errungenschaften von Frauen wie Johanna Kinkel, Johanna Elberskirchen, Gräfin Maria von
Linden, Klara Marie Faßbinder und Berta Lungstras gelegt werden.
4.5.7.3 Handlungsempfehlungen
• Forschungen zu feministischer Erinnerungskultur beauftragen.
• Das Projekt befürwortet das derzeitige Bonner Vorgehen bei
Straßenumbenennungen, dass vorrangig Frauen als Namensgeberinnen für Straßen
gewählt werden.
• Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das
Kriterium der Misogynie zu beachten.
• Frauen aus der Bonner Geschichte sollten einen größeren Platz in der städtischen
Erinnerungskultur erhalten.
• Bei der Erarbeitung von erinnerungskulturellen Formaten soll eine feministische
Perspektive beachtet werden.
4.5.8 Queere Perspektive auf Erinnerungskultur
4.5.8.1 Einordnung des Themas
Die Geschichte queerer Menschen ist in Bonns Erinnerungskultur bislang nahezu unsichtbar.
Doch die Verankerung queerer Geschichte in der städtischen Erinnerungskultur kann ein
Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen und die Anerkennung sexueller und
geschlechtlicher Vielfalt unterstützen. Bundesweit fordern Aktivist*innen, dass die
Errungenschaften im Kampf gegen Queerfeindlichkeit stärker gewürdigt werden sollen.
Zudem sollten strukturelle Probleme benannt und kritisch beleuchtet werden. Es existiert
keine Institution in Bonn, die sich systematisch mit queerer Geschichte auseinandersetzt. In
der Vergangenheit wurde erfolgreich mit dem Kölner Centrum für Schwule Geschichte 1981
e. V. zusammengearbeitet, wodurch jedoch nur ein Teilaspekt abgedeckt werden kann.
4.5.8.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
Derzeit gebe es zu wenige Erinnerungsorte, die an die queere Geschichte Bonns erinnern.
Beispielsweise sollte die lesbische Feministin Johanna Elberskirchen mehr gewürdigt
werden. Auch die Gründung der ersten Frauenverbindung „Verein studierender Frauen
Hilaritas Bonn“ im Jahr 1899 ist in diesem Kontext hervorzuheben. Die Befragten gaben an,
dass queere Geschichte greifbar und für alle Menschen in Bonn zugänglich gemacht werden
solle.
4.5.8.3 Handlungsempfehlungen
• Forschungen zur queeren Geschichte beauftragen.Seite 27 von 84
20
• Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist die
Kriterien der Queerfeindlichkeit zu beachten.
• Entwicklung und Durchführung von Vermittlungsformaten, die verschiedene Aspekte
queerer Geschichte zeigen.
4.5.9 Ernst Moritz Arndt
4.5.9.1 Einordnung des Themas
Ernst Moritz Arndt (*1769 in Groß Schoritz; † 29. Januar 1860 in Bonn) war ein
deutscher nationalistischer und demokratischer Schriftsteller, Historiker und
Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. 1818 wurde er Professor für
Geschichte an der neu gegründeten Universität in Bonn. Er setzte sich unter anderem
für die Abschaffung der Leibeigenschaft und für die Pressefreiheit ein. Zugleich
beinhalten zahlreiche seiner Schriften jedoch antisemitisches und nationales
Gedankengut. Während der NS-Zeit wurde Arndt auch aufgrund dieser Inhalte gefeiert
und deutschlandweit mit zahlreichen Straßen- und Institutsbenennungen geehrt. In Bonn
wurden während der NS-Zeit bspw. eine Straße und das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium
(besser bekannt als EMA) nach ihm benannt. Nach 1945 setzte sich die Verehrung
zunächst ungebrochen fort. In den letzten Jahren wird Arndt zunehmend als ambivalente
Person gesehen. Eine kritiklose Verehrung wird mittlerweile als problematisch
eingestuft. Mehrere Institutionen (bspw. Uni Greifswald, Ernst-Moritz-Arndt Kirche Berlin)
und Straßen wurden deshalb umbenannt.
Die Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft in Garz auf Rügen hat in den vergangenen Jahren
gezeigt, wie eine zeitgenössische und kritische Rezeption des Werkes von Ernst Moritz
Arndt aussehen kann. In der Vergangenheit gab es eine rege Zusammenarbeit zwischen
der Stadt Bonn und der Gesellschaft. So war in den 1990er und 2000er Jahren auch
Vertreter der Stadt Bonn im Vorstand der Gesellschaft vertreten. Eine Wiederbelebung
und Intensivierung dieser Zusammenarbeit könnte für Bonn neue Impulse für eine
zeitgemäße Auseinandersetzung ermöglichen.
4.5.9.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
Ein Bürgerantrag von 2021 fordert, dass die Stadt die „umfassende Ehrung Ernst Moritz
Arndts […] kritisch reflektieren sollte“. Der Antrag verweist auf „nationalistische,
antisemitische und frankophobe Ressentiments, die es aufzuarbeiten gilt“ und schlägt
vor, eine Hinweistafel bei der Arndt-Statue am Alten Zoll anzubringen. Befragte
befürworteten eine Hinweistafel und sagten, dass Ernst Moritz Arndt und die zahlreichen
Orte, die in Bonn an ihn erinnern19, nicht einseitig, sondern in seiner Ambivalenz
dargestellt werden sollten.
4.5.9.3 Handlungsempfehlungen
• Konzept zum Umgang mit den Erinnerungsorten an Ernst Moritz Arndt entwerfen,
insbesondere zu den Straßenbenennungen und zu Benennungen von Institutionen
und Gebäuden.
19 Folgende Orte in Bonn erinnern an Ernst Moritz Arndt: Arndtstraße, An der Arndtruhe, Arndtplatz,
Am Arndtplatz, Ernst-Moritz-Arndt-Straße, Ernst-Moritz-Arndt-Haus (Dependance des Stadtmuseums
Bonn), Erst-Moritz-Arndt-Gymnasium, Ernst-Moritz-Arndt-Denkmal.Seite 28 von 84
21
• Kooperation mit der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft (Garz/Rügen) zu
zeitgenössischer Rezeption und Umgang mit der Person Arndts.
4.5.10 Otto von Bismarck
4.5.10.1 Einordnung des Themas
Otto von Bismarck, Preußischer Ministerpräsident (1862‒1890) und Reichskanzler des
Deutschen Reiches (1871‒1890), ist eine umstrittene Figur der deutschen Geschichte.
Heute gilt er als einer der Wegbereiter des deutschen Kolonialismus. Auch seine Rolle in
anderen Bereichen wie etwa der Umgang mit Sozialisten und Katholiken steht in der
Kritik. Zudem wird ihm eine antidemokratische Haltung zugeschrieben.
Zu Lebzeiten wurde er jedoch verehrt. Nach seinem Tod nahm diese Verehrung
kultische Züge an. In Deutschland werden rund 700 Bismarck-Denkmäler geplant und
mindestens 500 realisiert. Eine besondere Form des Bismarck-Denkmals stellen die
Bismarcktürme dar. In Deutschland entstanden 183 Türme. Erhalten sind bis heute 145.
Auch in Bonn gibt es zwei Bismarcktürme. Ein Turm befindet sich am Heimkehrerweg in
der Rheinaue, ein weiterer auf der Wacholderhöhe an der Elisabethstraße in Bad
Godesberg. Zudem wurden die Bonner Straßen Bismarckstraße, Bismarckallee und Am
Bismarckturm nach Otto von Bismarck benannt.
4.5.10.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten
Befragte kritisierten die bevorstehende Sanierung des Bismarckturms auf der
Wacholderhöhe ohne die gleichzeitige Planung einer kritischen Einordung durch eine
erklärende Tafel, die zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Bauwerk und auch
Bismarck selbst anregen solle. Schülerinnen und Schüler aus der in der Nachbarschaft
liegenden des Aloisiuskollegs erklärten sich bereit „in Absprache mit unterschiedlichen
Gremien zu diskutieren, inwiefern das Anbringen einer solchen Info-/ oder Gedenktafel
möglich ist und im Hinblick auf deren Expertise auch einen schriftlichen Beitrag
einzureichen“.
4.5.10.3 Handlungsempfehlungen
Die Bereitschaft des Aloisiuskollegs zu einer Aufarbeitung sollte aufgegriffen und
unterstützt werden. In Zusammenarbeit mit Schulklassen könnte so eine erklärende
Tafel erstellt werden, die an beiden Bismarcktürmen angebracht werden soll.20
20 Kontakt: Simon Wettig, StR a.P. i. E., ALOISIUSKOLLEG, -privates Gymnasium-, Elisabethstraße
18 | 53177 Bonn.Seite 29 von 84
22
5 Erinnerungsorte in Bonn
Das kollektive, also das geteilte Gedächtnis einer Stadtgesellschaft manifestiert sich in
physisch erlebbaren Erinnerungsorten im Stadtraum wie bspw. Straßen- und
Platznamen, Mahnmälern, Denkmälern, Hinweisschildern, Statuen und Friedhöfen. Sie
zeigen, wen oder was die Stadtgesellschaft für erinnerungswürdig hält. Zudem haben
sie einen großen Einfluss auf den Alltag der Stadtbewohner*innen, da es Orte sind, mit
denen Bonner*innen täglich konfrontiert werden. Erinnerungsorte sind immer eingebettet
in einen größeren Kontext von Erinnerungskultur und können nicht losgelöst von diesem
betrachtet werden. Zwei Kategorien von Erinnerungsorten haben sich als besonders
wichtig erwiesen und werden im folgenden einzeln dargestellt: Straßennamen und
Friedhöfe.
Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de
Für die Mehrheit der Teilnehmenden der Online-Umfrage sind Erinnerungsorte im
Stadtraum „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ (siehe Grafik). Sie sehen den Mehrwert der
Erinnerungsorte darin, Anregungen und Impulse zu setzen, die zur Reflektion und zum
Nachdenken anregen. Diese Orte machen die Geschichte greifbarer und erlebbarer, so
die Befragten. Einige Teilnehmende wünschen sich jedoch eine wissenschaftliche und
exaktere Ausarbeitung dieser Erinnerungsorte im Stadtraum.
57%
37%
0%
2% 1%
3%
Wie wichtig sind Ihnen Erinnerungsorte im Stadtraum?
Sehr wichtig Eher wichtig Keine Angaben Eher unwichtig Sehr unwichtig UnentschiedenSeite 30 von 84
23
Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de
Wie die Grafik verdeutlicht, sind für die Teilnehmenden der Online-Umfrage
Gedenktafeln und Hinweisschilder, Denkmäler und Platz-/Straßennamen wichtige
Erinnerungsorte. Bei der Frage nach gelungenen Erinnerungsorten im Bonner
Stadtraum gaben die Befragten die Stolpersteine wegen ihrer Zugänglichkeit und
alltäglichen Konfrontation mit der Geschichte, als auch das
Bücherverbrennungsdenkmal am Alten Rathaus an (Vgl. https://www.bonn.de/themen-
entdecken/bildung-lernen/buecherverbrennung.php). Als Positivbeispiel galten auch der
Alte Friedhof sowie die vielen Erinnerungsorte für Beethoven. Bei der Frage nach
Erinnerungsorten, die kritisch hinterfragt werden sollten, wurden das Grab von Lothar
von Trotha, Erinnerungsorte für Ernst Moritz Arndt, die Bismarck-Türme und
kriegsverherrlichende Straßennamen und Denkmäler genannt.
Straßennamen als Erinnerungsorte
5.1.1 Einordnung des Themas
Platz- und Straßennamen sind mehr als nur räumliche Orientierungshilfen. Zu Beginn
des 19. Jahrhunderts begann die Politisierung des öffentlichen Raums. Seitdem werden
Straßen und Plätze nach Persönlichkeiten, Orten und Ereignissen, die als
erinnerungswürdig gelten, benannt. Sie bieten also nicht nur eine räumliche, sondern
auch eine kulturelle Orientierung. Als Symbole der Wertschätzung und Ehrung zeigen
sie, welche Menschen, Orte und Ereignisse die Gesellschaft als vorbildhaft und damit
sinn- und identitätsstiftend ansieht oder ansehen soll. Platz- und Straßennamen sind
0
10
20
30
40
50
60
70
Welche Erinnerungsorte im Stadtraum sind Ihnen wichtig?Seite 31 von 84
24
also Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Stadtgesellschaft und prägen die
städtische Erinnerungskultur.
In den letzten Jahren kam es bundesweit in vielen Städten, in der Bürgerschaft und in
politischen Gremien zu Diskussionen über Platz- und Straßennamen, die aus heutiger
Sicht Anlass für eine kritische Auseinandersetzung geben. Auch der Deutsche Städtetag
befasste sich mit der Benennung von Plätzen und Straßen und veröffentlichte 2021 eine
Handreichung.21 Der Umgang mit Diskussionen um Platz- und Straßenbenennungen ist
unterschiedlich. Festgehalten werden kann jedoch, dass Umbenennungen häufig auf
Empfehlungen von Expertenkommissionen vorgenommen werden. Grundlegend ist
zudem die Ermöglichung einer transparenten Diskussion vor Ort. Dies wird
beispielsweise durch die Einrichtung von Bürgerforen ermöglicht. Die Entscheidung über
die Benennung von Straßen und Plätzen obliegt letztendlich den politisch
Verantwortlichen.
5.1.1.1 Bestandsaufnahme und Darstellung des aktuellen Bearbeitungsstands
Angestoßen durch zivilgesellschaftliches Engagement wurden in Bonn bereits mehrere
Straßen aufgrund von belastenden Bezügen zum Kolonialismus und NS-Regime
umbenannt.22 Zudem wurden Straßennamen mit Kontextschildern zu kritischen
Einordnung versehen.23 Die Organisation dieser Kontextualisierungen und
Umbenennungen obliegt der Verwaltungs- und Beitragsabteilung (63-1) des
Bauordnungsamts (63).
Zu weiteren Platz- und Straßennamen liegen Anträge von Bürger*innen vor. Der
Bürger*innenausschuss beschloss im Jahr 2019 die Umbenennung aller NS-belasteten
Straßennamen. Mit der Einrichtung des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ durch den
Ratsbeschluss vom 01.09.2020 wurde dieser Beschluss erweitert. Alle Straßennamen
sollen demzufolge auf belastete Bezüge zu Gewalt, Diskriminierung,
Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus geprüft werden, die sich beispielweise in
historischen Phänomenen und Gewaltherrschaften wie Kolonialismus bzw.
Postkolonialismus oder Nationalsozialismus zeigen.
Im Bonn gibt – Stand 2022 – 2242 Straßen und Plätze. Um diese systematisch
überprüfen zu können, wurde im Rahmen des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ eine
Prioritätenliste erstellt (siehe Anhang 7.2). Zudem wurde ein Kriterienkatalog (siehe
Anhang 7.3) erarbeitet, nach dem für jeden Straßen- oder Platznamen aktuell
21 Deutscher Städtetag (2021): Straßennamen im Fokus einer
veränderten Wertediskussion. Handreichung des Deutschen Städtetages zur Aufstellung eines
Kriterienkataloges zur Straßenbenennung. Online verfügbar unter:
https://www.staedtetag.de/publikationen/weitere-publikationen/2021/handreichung-strassennamen.
22 Karl-Petersstraße (benannt 1938 nach dem Kolonialverbrecher Karl Peters, umbenannt 1996 in
Yalovastraße), Walter-Flex-Straße (benannt 1938 nach dem nationalistischen Kriegslyriker Walter
Flex, umbenannt 2017 in Genscherallee), Hindenburgplatz (benannt 1931 nach Paul von
Beneckendorf und von Hindenburg, der als Wegbereiter des Faschismus in Deutschland gilt,
umbenannt 2021 in Loki-Schmidt-Platz), Hindenburgallee (benannt 1937 nach Paul von Beneckendorf
und von Hindenburg, der als Wegbereiter des Faschismus in Deutschland gilt, umbenannt 2022 in
Elisabeth-Selbert-Allee).
23 Die 1937 nach der Schlacht von Langemark bekannte Langemarckstraße wurde 1997
beispielsweise mit einem Kontextschild versehen, das die Benennung kritisch einordnet.Seite 32 von 84
25
Handreichungen erstellt werden. Diese Handreichungen beinhalten eine kurze
Darstellung und Einordung zu den Hintergründen der Benennungen und listen zudem
Quellenmaterial auf. Sie sollen als Grundlage dienen, um eine Diskussion über den
Umgang mit den entsprechenden Benennungen führen zu können.
Alle 63 Straßennamen, die während der NS-Zeit be- oder umbenannt wurden, wurden
einer Kurzprüfung unterzogen. 32 Straßennamen wurden in der Folge für eine genauere
Überprüfung ausgewählt. Zu 17 Straßennamen liegen Handreichungen vor. Für die
Erarbeitung einer Handreichung muss mit einem Aufwand von ca. 15 Arbeitsstunden
gerechnet werden. Die Erarbeitung der Handreichung setzt eine Grundlagenrecherche
vor raus, für die, neben einer Literaturrecherche, Quellen aus verschiedenen Archiven
angefragt und ausgewertet werden müssen. Zudem muss der Umgang mit dem zu
überprüfenden Straßennamen in anderen Städten untersucht werden. Die Erarbeitung
solcher Handreichungen ist deshalb nicht neben dem Tagesgeschäft zu stemmen.24
5.1.1.2 Umgang mit Platz- und Straßenbenennungen
Die Handreichung des Deutschen Städtetags legt fest, dass einer Umbenennung von
Plätzen und Straßen ein sorgfältiger Abwägungsprozess vorausgehen muss. Der
Anspruch eine Erinnerungskultur zu etablieren, die demokratische Grundprinzipien
unterstützt und Diskriminierungsfreiheit anstrebt, muss gefolgt werden. Zugleich muss
der Aufwand der Anwohner*innen bei einer Umbenennung sowie die Auswirkungen auf
das „kommunikative Alltagsgedächtnis“ miteinbezogen werden. Umbenennung ist nur
eine von verschiedenen Möglichkeiten.
Das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ hat innerhalb verschiedener Beteiligungsformate
nach den Wünschen der Bonner Bürger*innen zum Umgang mit strittigen Straßen- und
Platzbenennungen gefragt, die im Folgenden dargestellt werden.
24 Das Vorgehen anderer Städte ist unterschiedlich. In Freiburg wurden, so wie es auch für Bonn
vorgesehen ist, alle Straßen- und Platzbenennungen überprüft. Hierfür wurde ein Historiker angestellt
und ein Gremium aus 9 Personen gebildet. Dieses tagte insgesamt 18-mal. Die Überprüfung dauerte
3 Jahre (2013 bis 16). Andere Städte wie bspw. Offenburg, Hannover, Bremerhaven, Mainz, Münster,
Oldenburg und Uelzen konzentrierten sich auf Bezüge zur nationalsozialistischen Zeit. Die Dauer der
Überprüfungen betrug zwischen 2 und 5 Jahren.
Aktuell werden in mehreren Städten Überprüfungsverfahren durchgeführt. In Köln verfassen bspw. 4
Historiker*innen ehrenamtlich Gutachten zu Straßennamen. Diese greifen auf eine umfassende
Grundlagenrecherche von NS-Dokumentation und dem Historischen Archiv der Stadt Köln zurück.
Innerhalb von 1,5 Jahren sind so bislang 20 Gutachten entstanden.Seite 33 von 84
26
5.1.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate
Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de
Die Teilnehmenden der Online-Umfrage wünschen sich Hinweisschilder und QR-Codes,
weil sie zu einer kritischen und vertieften Auseinandersetzung mit den Themen
animieren. Viele waren der Meinung, dass es bei extremen Fällen auch zu
Umbenennungen von Straßen oder Entfernungen von Denkmälern kommen sollte, dies
jedoch vorher gut geprüft werden müsse. Die Sorge besteht jedoch für einige der
Befragten, dass ein Umbenennen oder Entfernen zum Vergessen führen könnte, ein
unkommentiertes Stehenlassen jedoch zum Reproduzieren des Gedankenguts.
In den Gesprächen mit den lokalen Akteur*innen wurde deutlich, dass der Umgang mit
einem Straßennamen stark kontextabhängig ist und jeweils individuell entschieden
werden müsse. Je nach Kontext sollte diskutiert werden, ob die Straße umbenannt,
kommentiert oder belassen werden sollten. Viele Befragte betonten, dass sie
Erklärungen, Bewusstmachung und Diskussionen rund um Straßennamen begrüßen
und diese in den meisten Fällen einer Umbenennung bevorzugen.
Viele Befragte schätzen die Zusatzschilder unter den Straßennamen. Sie befürworten
auch die Idee eines QR-Codes am Straßennamen, der eine umfassende Online-
Informationsquelle zur Hintergrundgeschichte der Straßenbenennung bereitstellen
könnte. Sie verdeutlichten aber, dass dieser QR-Code stets durch eine kurze
Erläuterung vor Ort ergänzt werden sollte. Als Beispiel für ein solches Vorgehen kann
das Projekt „Straßennamen in der Diskussion“ der Stadt Tübingen dienen.25 Eine
25 Vgl. https://www.tuebingen.de/strassennamen-in-der-kritik.Seite 34 von 84
27
Expert*innenkommission untersucht anhand verschiedener Kriterien kritische
Straßennamen. Neben Vorschlägen zur Umbenennung wurden auch Straßennamen
lokalisiert, die diskussionswürdig sind. In der Projektbeschreibung heißt es dazu:
„Straßennamen, die nicht umbenannt werden sollen, deren Namensgeber_innen aber
von der Kommission als diskussionswürdig erachtet werden, sollen dennoch weiterhin
im Stadtbild sichtbar sein. Zu diesem Zweck wurde in die Pfosten der betreffenden
Straßenschilder symbolisch ein Knoten „geknüpft“. Er weist prägnant darauf hin, dass
hier etwas zur Diskussion steht. Über einen QR-Code gelangen Interessierte zur
ausführlichen Kommentierung des Straßennamens.“26 Auf diese Weise wird die
Stadtgesellschaft auf die Diskussionswürdigkeit des Namens hingewiesen und kann
aktiv an einem Meinungsfindungsprozess teilnehmen.
Im Falle von Straßenumbenennungen sollten bevorzugt weibliche Namen gewählt
werden. Es sollten zudem Namen aus dem gleichen Kontext gewählt werden wie zuvor,
um Geschichte an diesem Ort weiterhin besprechen und diskutieren zu können.
Beispielweise könnte eine*n NS-Täterin mit eine*n NS-Widerstandskämpfer*in ersetzt
werden, sodass deutlich wird, welcher Person eine Ehrung zukommt.
Des Weiteren brachten Befragte ihre Besorgnis zum Ausdruck, dass zu viele
Straßenumbenennungen dazu führen könnten, dass die Geschichte getilgt oder
ausradiert werde. Sie warnten davor, die Geschichte unsichtbar zu machen, indem
Straßen mit positiven unhistorischen Namen bestückt werden. Vielmehr sollten
Straßennamen bestehen bleiben, um Geschichte erklärbar und diskutierbar zu machen.
In die Kriterien zur Straßennamenbewertung müsse neben der Person/dem
Ereignis/dem Ort, nach dem die Straße benannt ist, auch der Benennungskontext
berücksichtigt werden.
5.1.3 Handlungsempfehlungen
• Fortführung der systematischen Aufarbeitung der Platz- und Straßenbenennungen
auf Grundlage des entwickelten Kriterienkatalogs.
• Hierfür müssen die nötigen zeitlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden,
indem ein*e Historiker*in, der*die ausschließlich für die Aufarbeitung der
Straßennamen zuständig ist, eingestellt wird. Alternativ kann auch der Auftrag zur
Aufarbeitung über Honorarverträge erteilt werden.
• Entwicklung und Durchführung von Vermittlungsformaten zur Darstellung der
Ergebnisse der Aufarbeitung.
• Entwicklung von Kontextualisierungsmöglichkeiten.
• Einrichtung eines Gremiums, das Platz- und Straßennamen diskutiert und
Empfehlungen zur Umbenennung oder Kontextualisierung an die Politik ausspricht.
Dieses Gremium muss Expert*innen, die von der jeweiligen Diskriminierungsform
betroffen sind, einschließen.
• Wenn eine Umbenennung stattfindet, müssen am Ort der Umbenennung (und
darüber hinaus) Vermittlungsformate entwickelt werden, die über den alten und den
neuen Namen informieren und warum die Umbenennung stattgefunden hat.
26 Ebd.Seite 35 von 84
28
Wenn eine Umbenennung stattfindet, soll der neue Namen einen Bezug zur alten
Benennung aufweisen, damit Geschichte nicht unsichtbar gemacht wird.27
• Entwicklung von Formaten, die vorbildhafte Benennungen von Platz- und
Straßennamen in den Fokus rücken.
• Zukünftig sollten Straßen und Plätze vorrangig nach Personen benannt werden,
denen bislang wenig Platz in der Erinnerungskultur eingeräumt wurde.
Friedhöfe als Erinnerungsorte
5.2.1 Einordnung des Themas
Friedhöfe sind als Orte der letzten Ruhe verstorbener Menschen Erinnerungs- und
Gedenkorte, die zur Trauerbewältigung und Vergegenwärtigung vergangener
Generationen genutzt werden.28 Sie dienen jedoch nicht nur der individuellen
Erinnerung, sondern sind auch Teil des kollektiven Gedächtnissens und Lernorte. Dies
zeigen beispielsweise die Einrichtung von Ehren- und historischen Gräbern und die
Aufstellung von Gedenksteinen.29 Auch kulturelle Veranstaltungen, wie Feierlichkeiten
zum Gedenken an wichtige historische Personen oder auch die Durchführung von
Friedhofsführungen unterstreichen ihren Charakter als Teil des kollektiven
Gedächtnisses. Aktuell lässt sich ein Wandel in der Trauerkultur feststellen, der
Friedhöfe vor die Herausforderung stellt, auf diesen Wandel zu antworten.
Erinnerungsorte, die sich auf vielen Deutschen Friedhöfen finden und diskutiert werden,
sind Denkmäler an die beiden Weltkriege. Oft werden ausschließlich Soldaten geehrt
und andere Kriegsopfer ausgeblendet. Zudem wird der Tod im Krieg als Heldentod
glorifiziert. Diese Art des Gedenkens wird heute als problematisch eingeordnet.
Anders verhält es sich mit den Opfergräbern von Krieg und faschistischer Gewalt. Es
handelt sich hierbei beispielsweise um Gräber von Zwangsarbeiter*innen und ihren
Kindern, zivilen Opfern, Soldaten der ehemaligen Feinde und deutsche Soldaten. Auch
diese Gräbergruppe sind wichtige Erinnerungsorte.
5.2.1.1 Bestandaufnahme und Darstellung des aktuellen Bearbeitungsstands
In Bonn gibt es 40 Friedhöfe. Die Pflege und Verwaltung der Friedhöfe obliegt der
Abteilung Planung, Bau, Pflege Friedhöfe (67-13) des Amtes für Umwelt und Stadtgrün
(67).
Mehrere Anfragen von Bürger*innen beziehen sich auf den Umgang mit
Erinnerungsorten auf Bonner Friedhöfen.
27 Beispielweise sollten Straßennamen von Menschen, die das koloniale System unterstützt hatten
durch Namen von Menschen ersetz werden, die Widerstand gegen koloniale Strukturen leisteten.
28 2020 ist auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission die „Deutsche Friedhofskultur“ in
das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Siehe hierzu:
Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (2023): Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe.
Online verfügbar unter: IKE_Verzeichnis_2023_web.pdf (unesco.de).
29 Zum Denkmalschutz auf Friedhöfen siehe auch: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (2019):
Friedhöfe unter Denkmalschutz:
Erhaltung – Anforderungen – Perspektiven. Online verfügbar unter: Friedhöfe unter Denkmalschutz:
Erhaltung – Anforderungen – Perspektiven (lvr.de).Seite 36 von 84
29
5.2.1.1.1 Grab Lothar von Trotha
Der Umgang mit der Grabstätte Lothar von Trothas im denkmalgeschützten Bereich auf
dem Poppelsdorfer Friedhof wird bereits seit einiger Zeit diskutiert. Der Generalleutnant
Lothar von Trotha löste den Genozid an OvaHerero und Nama in der Kolonie Deutsch-
Südwestafrika aus. Aktuell findet sich am Grab oder in der Nähe keine Hinweise auf die
Kriegsverbrechen von Trothas. Es liegen mehrere Anfragen von Bürger*innen vor, die
eine kritische Auseinandersetzung mit der Grabstätte fordern. Am Grab selbst finden
immer wieder Aktionen ohne Beteiligung der Stadt Bonn statt.
5.2.1.1.2 Ehrenmahl auf dem Poppelsdorfer Friedhof
Das Ehrenmahl, das die Skulptur eines sterbenden deutschen Soldaten und die
Aufschrift „UNSEREN HELDEN 1914–1918 1939–1945“ trägt, kann als Glorifizierung
des Tods im Krieg eingeordnet werden. Zugleich werden andere Kriegsopfer
ausgeblendet. Ein Antrag fordert die Umwidmung des Denkmals für die „Opfer der
Gewaltherrschaft“, da „dieses Denkmal […] nicht repräsentativ für unsere
Gesellschaft [ist]. Es ist vielmehr unzeitgemäß naiv, nationalistisch und
europafeindlich.“
5.2.1.1.3 Kennzeichnung historischer Gräber
Es befinden sich 3.100 historische, denkmalgeschützte und Ehrengrabstellen auf
Bonner Friedhöfen. Ehrengrabstellen werden nach dem Tode eines Ehrenbürgers der
Bundesstadt Bonn von dieser angeboten. Die Bundesstadt Bonn beteiligt sich an der
Bestattungsfeier und die Grabstätten werden auf Dauer kostenlos von der Stadt
gepflegt. Eine nachträgliche Ernennung zum Ehrengrab, wurde zwar in der
Vergangenheit durchgeführt, ist aber nicht vorgesehen.30 Grabstätten, die aus
stadthistorischen, denkmalpflegerischen oder künstlerischen Gründen erhaltenswert
sind, werden als „historische Gräber“ eingestuft. Die Bundesstadt Bonn ist berechtigt,
historische Gräber nach Ablauf der Ruhefrist bzw. nach Erlöschen des Nutzungsrechtes
zu übernehmen. Auch diese Grabstätten werden von der Bundesstadt Bonn erhalten
und gepflegt.31
Ehrengrabstellen und historische Gräber sind aktuell nicht einheitlich gekennzeichnet.
Am Beispiel der Grabstätte Wilhelmy arbeitete das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“
eine Vorlage aus (siehe Anhang 7.4), wie historische Gräber zukünftig gekennzeichnet
werden können.
5.2.1.1.4 Gräber von Zwangsarbeiter*innen und ihren Kindern
Wichtige Erinnerungsorte an Zwangsarbeiter*innen und ihre Kinder finden sich auch auf
Bonner Friedhöfen. Auf dem Bonner Nordfriedhof befindet sich ein Feld von 94 Gräbern
in denen sowjetische und weitere osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und
Kriegsgefangenen sowie deren Kinder bestattet wurden.
Auf dem Beueler Friedhof am Platanenweg findet sich die Grabstätten von 40 Frauen
und Männern sowie 20 Kindern aus Osteuropa, die zwischen 1943 und 1945 in Beuel
30 § 34 Abs. 1 der Friedhofssatzung der Stadt Bonn
31 § 34 Abs. 2 der Friedhofssatzung der Stadt Bonn.Seite 37 von 84
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starben. Im Jahr 2016 wurde auf Initiative der Beueler Initiative gegen Fremdenhass
eine Stele zum Gedenken an die verstorbenen Zwangsarbeiter*innen und ihre Kinder
aufgestellt.
Auf Grund eines Bürger*innen Antrags beschloss die Bezirksvertretung Bad Godesberg,
das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ mit der Ausarbeitung eines Konzepts zum
Gedenken an Zwangsarbeiter*innen zu beauftragen.32
5.2.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate
Ein zentrales und dringliches Anliegen der Befragten in Bezug auf die Bonner Friedhöfe
ist das bereits angesprochene Grab von Lothar von Trotha (siehe Kapitel Erinnerung an
die Kolonialgeschichte). Ein weiteres wichtiges Anliegen in Bonn ist derzeit der Umgang
mit Ehrungen von Soldaten verschiedener Kriege. Denkmäler wie das Kriegerdenkmal
„Unseren Helden“ auf dem Poppelsdorfer Friedhof stehen in der Kritik.33 Es wird als
nationalistisch, militaristisch und europafeindlich kritisiert. Ein Bürgerantrag aus dem
Jahr 2021 legt nahe, dass das Denkmal in ein „Denkmal für die Opfer der
Gewaltherrschaft“ umgewidmet werden solle. Andere Befragte fordern eine
Kontextualisierung oder Infragestellung der Kriegerdenkmäler, um zu verdeutlichen,
dass die Motive, für die die Soldaten gestorben sind, heute als verwerflich angesehen
werden.
5.2.3 Handlungsempfehlungen
• Entwicklung eines ämterübergreifenden Rahmenkonzepts, das Möglichkeiten und
Grenzen erinnerungskultureller Aktionen auf Bonner Friedhöfen festsetzt.
• Entwicklung und Durchführung von Diskussionsformaten zum Grab Lothar von
Trothas mit dem Ziel einen adäquaten Umgang mit der Grabstätte zu finden.
• Aufstellung einer Liste aller Ehrenmäler in Bonn sowie die Entwicklung und
Durchführung von Diskussionsformaten mit dem Ziel einen adäquaten Umgang mit
Ehrenmälern zu finden.
• Kennzeichnung weiterer historischer Gräber, um die Sichtbarkeit der Stadtgeschichte
auf den Friedhöfen zu stärken.
• Integration der Grabstätten von Zwangsarbeiter*innen und ihren Kindern in das
Konzept zum Gedenken an Zwangsarbeiter*innen in Bonn.
• Das Zentrum für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen hat bereits begonnen mit
der Friedhofsverwaltung ein Konzept für eine digitale Erinnerungsplattform zu
erarbeiten. Dies soll fortgeführt werden.
32 Der Bürgerantrag (DS 221875) wurde in der Sitzung der Bezirksvertretung Bad Godesberg am
18.01.2023 in veränderter Form beschlossen (DS 190460).
33 Weitere Kriegerdenkmäler befinden sich auf dem Alten Friedhof Bonn (für den Deutsch-
Französischen Krieg 1870/71); auf dem Friedhof Bonn-Beuel (für den 1. und 2. Weltkrieg); auf dem
Bad Godesberger Burgfriedhof (eine Kriegsgräberstätte, 1. Weltkrieg); auf dem Zentral-Friedhof in
Bad Godesberg (Kriegsgräberstätte, 1. und 2. Weltkrieg). Kriegerdenkmäler finden sich auch
außerhalb von Friedhöfen, beispielsweise das Kriegerdenkmal Bonn-Kessenich; zwei
Kriegerdenkmäler im Baumschulwäldchen (je für den 1. und 2. Weltkrieg); ein Kriegerdenk

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Datenstand: 02.11.2026, 21:26 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de