240267 · Mitteilungsvorlage
Bericht und Empfehlungen des Projektes „Aktive Erinnerungskultur“
Kerndaten
- Nummer
- 240267
- Art
- Mitteilungsvorlage
- Veröffentlicht
- 02.04.2024
- Letzte Änderung
- 16.09.2026
Beratungsfolge
- Sitzung des Kulturausschusses Aktuelle Informationen der Verwaltung
- Sitzung des Kulturausschusses Kenntnisnahme
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Mitteilungsvorlage öffentlich 240267 Die Oberbürgermeisterin Federführung: 41 Kulturamt Dezernat: Dez. IV Bericht und Empfehlungen des Projektes „Aktive Erinnerungskultur“ Beratungsfolge Kulturausschuss 09.04.2024 Aktuelle Informationen der Verwaltung Kulturausschuss 04.06.2024 Kenntnisnahme Mitteilung: 1) Projektbericht Das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ wurde durch den Landschaftsverband Rheinland (LVR) gefördert. Der Förderzeitraum umfasste den Zeitraum vom 01.01.2022 bis 31.03.2024. Die Projektlaufzeit wurde in der Zwischenzeit bis zum 31.07.2024 beim LVR verlängert. Für die Jahre 2022 und 2023 standen jeweils 20.000 EUR Sachmittel zur Verfügung. Für das Projekt hat die Stadt Bonn zwei halbe wissenschaftliche Stellen eingerichtet. Die Stellen konnten zum 01.02.2022 bzw. 01.03.2022 besetzt werden. Beide Stellen waren zunächst bis 31.12.2023 befristet und wurden in der Zwischenzeit bis zum 31.12.2024 verlängert. Eine halbe Stelle ist seit 01.01.2024 vakant. Das zweite Arbeitsverhältnis endet mit Ablauf des 30.04.2024. Während der Projektlaufzeit war die Stadt Bonn zudem in den Arbeitsgruppen im Kulturausschuss des Deutschen Städtetags zur kommunalen Erinnerungskultur sowie kolonialem Erbe vertreten. Das Ergebnis der ersten Arbeitsgruppe wurde in der Zwischenzeit als Positionspapier publiziert (Erinnern ist Zukunft. Demokratie stärken mit Erinnerungskultur. Positionspapier des Deutschen Städtetages, siehe Anlage.) In der Projektlaufzeit wurden neben der Erstellung eines Konzepts mit Handlungsempfehlung für eine dauerhafte Beschäftigung der Stadt Bonn mit dem Thema der Erinnerungskultur (Anlage) die folgenden Aktivitäten durchgeführt: a) Netzwerkarbeit • Netzwerkaufbau aus Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kulturinstitutionen & Stadtverwaltung 32 Expert*inneninterviews mit Leitfaden, weitere Gespräche zu Kooperationen, fachlicher Austausch, Vernetzung • Online-Umfrage, Bonn-macht-mit.de (Juni–Juli 2023): 68 Teilnehmende • Teilnahme an bundesweiten Treffen, Tagungen, Konferenzen: 9 Konferenzen • Vernetzung mit ähnlichen Stellen in Deutschland: 9 Gespräche (Dresden, Duisburg, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Potsdam, Regensburg, Stuttgart)Seite 1 von 84 Seite 2 b) Historische Recherche • 30 Einzelanfragen von Bürger*innen • Hintergrundrecherche zu 3 Ausstellungen • Hintergrundrecherche zur Erstellung einer Online-Umfrage • Hintergrundrecherche zur Erstellung eines Leitfadeninterviews • Straßennamen o 13 Kontextschilder zu Straßennamen o Erstellung eines Kriterienkatalogs zu Überprüfung o Erstellung einer Prioritätenliste o Überprüfung von 63 Straßennamen o 17 Handreichungen zu Straßennamen • Rechercheaufträge für weitere städtische Stellen c) Vermittlung • Dialogstation „Wie erinnern?“ o 7 Standorte (Stadthaus Foyer, Friedenskooperative, MIGRApolis, Botanischer Garten, Bezirksbibliothek Bad Godesberg, Jugendzentrum One World Café, Universitäts-und Landesbibliothek) o 7 Kooperationspartner*innen (außer den Standort-Kooperations- partner*innen: Verein für Heimatpflege & Heimatgeschichte Bad Godesberg (VHH)) o 6 Begleitveranstaltungen • Intervention im Stadtmuseum (ca. 80 Teilnehmende) o 4 Workshops o 7 Führungen • Postkoloniale Stadtrundgänge (ca. 120 Teilnehmende) o 5 öffentliche Stadtrundgänge auf Deutsch o 1 öffentlicher Stadtrundgang auf Englisch o 1 Stadtrundgang für Schulklassen • Podiumsdiskussionen (ca. 120 Teilnehmende) o 2 Podiumsdiskussionen mit 10 Podiumsgäste 2) Ergebnisse der Dialogformate: Bedarfe und Bedürfnisse Qualifizierte Interviews, Veranstaltungen und die Online-Umfrage haben zahlreiche Bedarfe der Zivilgesellschaft und Stadtverwaltung selbst ergeben. Alleine die Fokusthemen Kolonialismus und Nationalsozialismus haben die folgenden Empfehlungen ergeben: • Perspektiven von Rassismus negativ Betroffenen in den Fokus rücken • Vermittlungsformate wie postkoloniale Stadtrundgänge anbieten (in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen) • Grundlagenforschung zu Bonns kolonialer Geschichte (insbesondere der Bonner Republik) beauftragen, da nach wie vor viele Forschungslücken bestehen • Koloniale Kontinuitäten in der Bonner Gegenwart erforschen und vermitteln • Unterstützung von Bonner Institutionen bei ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit • Grab von Lothar von Trotha: o Konzept zur Kontextualisierung erarbeiten o OvaHerero und Name in den Umgang mit dem grab einbinden und ihre Perspektive ins Zentrum stellen o Einen kulturellen Jugendaustausch mit namibianischenSeite 2 von 84 Seite 3 Kooperationspartner*innen ins Leben rufen und gemeinsam eine Form des Gedenkens und Lernens für den Genozid als Gegengewicht zum Grab in Bonn entwerfen • Widerstand vor allem von Sinti*zze und Rom*nja und jüdischen Menschen erforschen und im städtischen Raum sichtbar machen • Bonner Orte der NS-Täterschaft erforschen und markieren • NS-Kontinuitäten wie fortbestehenden Antisemitismus, Rassismus und weitere ideologische Denkmuster erforschen und passende Vermittlungsformate entwickeln • Perspektive von Betroffenen der NS-Gewalt und ihren Nachkommen bei erinnerungskulturellen Diskussionen in den Fokus setzen • Erinnerungsorte der Zwangsarbeit kennzeichnen und mit Informationsveranstaltungen/ Vermittlungsformaten begleiten, da eine umfassende Aufarbeitung bisher nicht erfolgt ist • Hindenburg die Ehrenbürgerwürde entziehen, da er als Verfechter des Militarismus und Wegbereiter des Nationalsozialismus gilt. Neben den Themen, die dem Kolonialismus oder Nationalsozialismus zugeordnet werden können, haben die Befragten zusätzliche Aspekte genannt, die in einer städtischen Erinnerungskultur Berücksichtigung finden sollten: • Migrationsgeschichte • positive Momente der Geschichte • Jüdische Geschichte • Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja • Geschichte behinderter Menschen • Feministische Perspektiven • Queere Perspektiven 3) Empfehlungen Die Ergebnisse des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ haben den Bedarf für eine dauerhafte Befassung mit erinnerungskulturellen Themen aufgezeigt. Auf der anderen Seite fällt das Thema haushaltsrechtlich unter die Kategorie freiwillige Leistung. In der Liste der Verwaltung mit Konsolidierungsmaßnahmen für den Haushalt 2025/2026 ist aufgrund der aktuellen Haushaltssituation daher die Streichung einer Stelle im Bereich der Erinnerungskulturen vorgesehen. Für die Fortführung der Aufgaben steht somit künftig ausschließlich der Leiter des Zentrums für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen zur Verfügung. Die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen wird daher nur in kleinerem Umfang möglich sein. Durch Synergien und Kooperationen werden Vermittlungs- und Diskursangebote aber fortgesetzt. Unabhängig von der personellen Ausstattung ist jedoch ein jährliches Budget von mindestens 25.000 EUR notwendig, um Veranstaltungen durchführen und weitere Drittmittel einwerben zu können. Da erinnerungskulturelle Themen ei- nem starken Wandel und Konjunkturen unterworfen sind, ist mit immer wieder neuen Anfragen und Schwerpunktverlagerungen zu rechnen. Um auf diese Entwicklungen reagieren zu können, ist die temporäre Hinzuziehung von exter- nen Expert*innen notwendig. Demzufolge werden zusätzliche (Dritt-) Mittel auch für Werkverträge und Honorare benötigt. Anlage/nSeite 3 von 84 Seite 4 1 Konzept Aktive Erinnerungskultur (öffentlich) 2 positionspapier-erinnern-ist-zukunft-2023 (öffentlich)Seite 4 von 84 VERGANGENHEIT GEGENWART ZUKUNFT Wie kann eine aktive Erinnerungskultur in der Bundesstadt Bonn gelebt werden? Bundesstadt Bonn Kulturamt – Zentrum für Stadtgeschichte und ErinnerungskulturenSeite 5 von 84 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung........................................................................................................................................ 1 2 Darlegung der Arbeitsweise ........................................................................................................ 2 Beteiligungsformate .............................................................................................................. 2 Wissenschaftlich-historische Recherche ........................................................................... 3 Vermittlungsformate im Test................................................................................................ 4 3 Bedeutungen von Erinnerungskultur ......................................................................................... 4 4 Erinnerungsthemen in Bonn........................................................................................................ 6 Einordnung des Themas ...................................................................................................... 6 Ergebnisse der Beteiligungsformate .................................................................................. 6 Erinnerung an die Kolonialgeschichte................................................................................ 6 4.3.1 Einordnung des Themas ............................................................................................ 6 4.3.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ........................................................................ 7 4.3.3 Handlungsempfehlungen ........................................................................................... 9 Erinnerung an den Nationalsozialismus ............................................................................ 9 4.4.1 Einordnung des Themas ............................................................................................ 9 4.4.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 10 4.4.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 11 Weitere Themen .................................................................................................................. 12 4.5.1 Migrationsgeschichte ................................................................................................ 12 4.5.2 Exilkultur ..................................................................................................................... 13 4.5.3 Positive Momente in der Geschichte am Beispiel der Demokratiegeschichte 14 4.5.4 Jüdische Geschichte ................................................................................................ 15 4.5.5 Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja.................................................................. 16 4.5.6 Geschichte behinderter Menschen ........................................................................ 17 4.5.7 Feministische Perspektive auf Erinnerungskultur ................................................ 18 4.5.8 Queere Perspektive auf Erinnerungskultur ........................................................... 19Seite 6 von 84 4.5.9 Ernst Moritz Arndt ..................................................................................................... 20 4.5.10 Otto von Bismarck .................................................................................................. 21 5 Erinnerungsorte in Bonn ............................................................................................................ 22 Straßennamen als Erinnerungsorte ................................................................................. 23 5.1.1 Einordnung des Themas .......................................................................................... 23 5.1.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 26 5.1.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 27 Friedhöfe als Erinnerungsorte ........................................................................................... 28 5.2.1 Einordnung des Themas .......................................................................................... 28 5.2.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 30 5.2.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 30 6 Künftige Aufgaben im Themenbereich Erinnerungskultur .................................................... 31 Partizipations- und Vermittlungsformate.......................................................................... 31 6.1.1 Vermittlung ................................................................................................................. 32 6.1.2 Partizipation der Stadtgesellschaft ......................................................................... 33 6.1.3 Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen ........................................................... 34 6.1.4 Gremien ...................................................................................................................... 36 Verankerung in der Stadtverwaltung ................................................................................ 36 6.2.1 Ergebnisse der Analyse von stadtinternen Arbeitsprozessen ........................... 36 6.2.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate ...................................................................... 37 6.2.3 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 37 Rahmenbedingungen ......................................................................................................... 37 6.3.1 Handlungsempfehlungen ......................................................................................... 38 6.3.2 Ausblick ...................................................................................................................... 38 7 Anhang ......................................................................................................................................... 39 Fotodokumentation „Wie erinnern?“ ................................................................................. 39 Priorisierung – Überprüfung der Benennung von Straßen und Plätzen in Bonn....... 40Seite 7 von 84 Kriterien Überprüfung Benennung von Straßen und Plätzen in Bonn ........................ 41 Vorlage Kennzeichnung historischer Gräber .................................................................. 42 Zu überprüfende Straßen- und Platznamen im Bonner Stadtraum, erhoben aus den Beteiligungsformaten .......................................................................................................... 43 Weitere zu überprüfende erinnerungskulturelle Orte im Bonner Stadtraum, erhoben aus den Beteiligungsformaten ........................................................................................... 44Seite 8 von 84 1 1 Einleitung Die Erinnerungskultur prägt den städtischen Raum und zugleich prägen physisch erlebbare Erinnerungsorte im Stadtraum die Art und Weise, wie wir uns erinnern. Erinnerungskultur, städtischer Raum und kommunale Politik und Verwaltung sind deshalb untrennbar miteinander verwoben. In der Bundesstadt Bonn wurden entscheidende Weichen für die Etablierung der Demokratie in Deutschland gestellt. Nicht zuletzt deshalb kommt ihr eine wichtige erinnerungskulturelle Rolle zu, deren Wirkung über die Stadtgrenzen hinausreicht. Vor dem Hintergrund zunehmender extremistischer und populistischer Strömungen ist es Aufgabe der Bonner Stadtgesellschaft, eine aktive und vielstimmige Erinnerungskultur zu etablieren und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Denn diese schafft Zusammenhalt, stärkt demokratische Werte, betont die Achtung der Menschenwürde und bildet so ein mächtiges Instrument zur Verteidigung unserer Demokratie.1 Ziel des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“, im Rahmen dessen das vorliegende Konzept erarbeitet wurde, ist es, Vorschläge für professionelle Strukturen innerhalb der Stadtverwaltung zu schaffen, die die Entwicklung einer aktiven und vielstimmigen Erinnerungskultur in Bonn von städtischer Seite ermöglichen. Das Projekt ist im Zentrum für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen des Kulturamtes der Bundesstadt Bonn angesiedelt und startete im März 2022. Zwei Mitarbeiter*innen mit jeweils einer 50 %-Stelle wurden für das Projekt eingestellt. Zusätzlich unterstützt der Landschaftsverband Rheinland (LVR) das Projekt mit Projektgeldern in Höhe von jeweils 20.000 Euro für die Jahre 2022 sowie 2023 im Rahmen der „Regionalen Kulturförderung“. Der Förderzeitraum beläuft sich auf die Zeit vom 01.01.2022 bis 31.03.2024 bzw. nach Verlängerung bis 31.07.2024. Erinnerungskultur wird von Menschen gemacht und von deren Werten geprägt. Da sich die Werte einer Gesellschaft und deren Perspektive auf die Vergangenheit ändern, befindet sich die Erinnerungskultur in einem stetigen Aushandlungsprozess, der sich um die Frage dreht: Wie und an welche geschichtlichen Ereignisse möchten wir erinnern? Das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ versucht deshalb möglichst vielen Bonner*innen eine Teilhabe an diesem kontinuierlichen Aushandlungsprozess zu ermöglichen. Im Fokus des Projekts steht das kollektive, also das geteilte Gedächtnis der Bonner Stadtgesellschaft. Ein geteiltes Gedächtnis manifestiert sich auf unterschiedlichen Wegen. Eine herausragende Rolle spielen in diesem Zusammenhang physische erlebbare Orte im Stadtraum wie beispielsweise Statuen und Mahnmäler, Platz- und Straßennamen aber auch Grabstätten. Diese Orte sind Teil des Alltagslebens der Menschen in der Stadt und prägen so das kollektive Gedächtnis entscheidend. Dies begründet die Schwerpunktsetzung des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ auf Erinnerungsorte im Stadtraum. Die Mitarbeiter*innen des Projekts befanden sich knapp zwei Jahre lang in intensivem Dialog mit Bonner*innen, um vorliegendes Konzept zu entwickeln. Die aus diesem Dialog 1 Siehe hierzu auch das Positionspapier des Deutschen Städtetags „Erinnern ist Zukunft. Demokratie stärken mit Erinnerungskultur“, an dessen Erstellung die Bonner Sport- und Kulturdezernentin Dr. Birgit Schneider-Bönninger und der Leiter des Zentrums für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen Dr. Philipp Hoffmann beigetragen haben. Es ist online verfügbar unter: https://www.staedtetag.de/files/dst/docs/Publikationen/Positionspapiere/2023/positionspapier-erinnern- ist-zukunft-2023.pdf.Seite 9 von 84 2 gewonnenen Erkenntnisse, bilden eine wichtige Grundlage des vorliegenden Konzeptes. Denn nur mit vielseitigen Stimmen aus der Stadtgesellschaft können erinnerungskulturelle Strukturen entstehen, die zu den Bonner*innen und ihrer Stadt passen. Die Gliederung des Konzepts ist eine künstliche Trennung, die einen strukturierten Überblick gewährleisten soll. Viele Themen überschneiden sich und bedingen sich wechselseitig; in der Praxis können sie nicht klar voneinander getrennt bearbeitet werden. 2 Darlegung der Arbeitsweise Das vorliegende Konzept beruht auf zwei Kernelementen: Zum einen die Beteiligungsformate, durch die Menschen in Bonn ihre Forderungen, Ideen und Wünsche für die lokale Erinnerungslandschaft äußern konnten. Zum anderen die wissenschaftlich- historische Recherche zu Bonner Erinnerungsorten, die als Grundlage für Beurteilungen und Diskussionen in der Stadtgesellschaft dient. Beteiligungsformate Seit März 2022 bis September 2023 wurden im Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ verschiedene Beteiligungsformate durchgeführt. Dazu zählen (1.) Gespräche mit lokalen Akteur*innen. Es handelte sich hierbei um zivilgesellschaftliche Vereine und Gruppen; Aktivist*innen; Wissenschaftler*innen; Vertreter*innen Bonner Kulturinstitutionen; engagierte Einzelpersonen und Personen, die sich mit einem Anliegen an die Stadt Bonn gewendet haben. Die bisherige Beschäftigung mit erinnerungskulturellen Themen variierte genauso wie das jeweilige Schwerpunktthema (darunter Heimatgeschichte, postkoloniale Themen, Migration, Friedensaktivismus, Feminismus und viele mehr). Hinzu kam (2.) eine Onlineumfrage auf Bonn-macht-mit.de, die auf interessierte Einzelpersonen ausgereichtet war und zwischen Mai und Juli 2023 beantwortet werden konnte. 68 Teilnehmer*innen nutzen diese Möglichkeit. Ein Teil der Grafiken in vorliegendem Konzept sind auf Grundlage der Befragung entstanden. Sie sind nicht repräsentativ, sondern geben ein Stimmungsbild einer interessierten Bevölkerungsgruppe wieder. In der Dialogstation „Wie erinnern?“ (eine Wanderausstellung mit Mitmachtafeln) sowie in der Intervention „Wie erinnern?“ in der Dauerausstellung des Stadtmuseums war (3.) Beteiligung durch Mitmachtafeln möglich. In dieses Konzept fließen die Rückmeldungen, die die Besuchenden auf den Tafeln hinterließen mit ein. Schließlich konnte sich die Bonner Stadtgesellschaft auch (4.) bei diversen Veranstaltungen einbringen. Neben Rückläufen auf Feedbackzetteln ist vor allem die „Mentimeter“-Befragung bei einer Podiumsdiskussion im April 2023 zu nennen. Die Besuchende konnten über ihre Smartphones am Online-Umfrage-Tool „Mentimeter“ teilnehmen und aktuelle Fragen zu erinnerungskulturellen Themen beantworten. Die entstandenen Grafiken sind in dieses Konzept eingefügt. Auch sie beruhen nicht auf einer repräsentativen Umfrage, sondern geben ein Stimmungsbild der Besuchenden der Podiumsdiskussion wieder. Ziel dieser Befragungen war es, die Bedarfe der Bonner Stadtgesellschaft zu ermitteln. Welche Erinnerungsorte sind ihnen wichtig, welche fehlen? Welche Erinnerungsthemen brauchen mehr/weniger Aufmerksamkeit? Und was sind die Forderungen, Wünsche undSeite 10 von 84 3 Anregungen für langfristige professionelle Strukturen für die Bearbeitung von erinnerungskulturellen Themen? Neben diesen aktiv gesteuerten Beteiligungsformaten, wurden ebenfalls Anregungen, die das Projekt per Mail erreicht haben sowie Bürger*innenanträge und offene Briefe ausgewertet, die – teilweise bereits vor Projektstart – an die Stadt Bonn gerichtet wurden. Bei allen im Konzept wiedergegebenen Antworten aus den verschiedenen Dialogformaten handelt es sich um Meinungen der teilnehmenden Personen. Die Formate waren barrierearm nutzbar und richteten sich an eine breite und heterogene Zielgruppe. Die Meinungen spiegeln sowohl Individual- als auch Gruppenmeinungen. Antworten aus dem Beteiligungsprozess sind als solche gekennzeichnet und stehen singulär als Meinungsäußerung der Beteiligten. Im Konzept werden diese neutral wiedergegeben. Eine Einordnung durch das Projektteam findet sich in den jeweiligen Handlungsempfehlungen. Im Rahmen einer sich an das Konzept anschließenden Priorisierung zu einem konkreten Arbeitsprogramm hin sind diese Beiträge auf ihre Relevanz und Repräsentativität hin zu überprüfen. Die Priorisierung und folgende Umsetzbarkeit sind entscheidend von den zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängig. Die Beiträge zeigen vor allem die Breite der erinnerungskulturellen Themen in einer pluralen Stadt wie Bonn. Wissenschaftlich-historische Recherche Hauptaufgabe des Arbeitsbereichs wissenschaftlich-historische Recherchen war die Recherche erinnerungskultureller Themen um die Basis für eine wissenschaftlich fundierte Arbeit des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ zu legen. Hierzu zählen Recherchen zur Vor- und Nachbereitung der Vermittlungsformate. Auch die Entwicklung und Durchführung der Beteiligung- und Befragungsformate setzen Recherchetätigkeiten voraus. Um die Ergebnisse der Beteiligungsformate auswerten zu können und in Konzeptform zu bringen, mussten weitere Recherchen durchgeführt werden. Des Weiteren waren Recherchetätigkeiten nötig, um auf Anfragen von Bürger*innen an die Stadt Bonn zu erinnerungskulturellen Themen fundiert antworten zu können. Insgesamt wurden ca. 30 Einzelanfragen bearbeitet. Zudem wurden andere Ämter und Abteilungen, die sich mit erinnerungskulturellen Aufgaben befassen, durch die Übernahme von Recherchetätigkeiten unterstützt. Hierzu zählt die Recherche und Ausarbeitung für Kontextschilder zur Einordung von Platz- und Straßenbenennung für das Bauordnungsamt (63), die Erarbeitung einer Texttafel für das Amt für Umwelt und Stadtgrün (67), die Unterstützung des Amts für Presse, Protokoll und Öffentlichkeitsarbeit (13) bei der Vorbereitung der Wiederanbringung der Gedenktafel für die ermordeten Sinti und die Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Bonn. Ein weiterer Schwerpunkt des Arbeitsbereichs lag auf der Überprüfung der Platz- und Straßenbenennungen. Hierfür wurden zunächst Kriterien entwickelt, anhand derer die Platz- und Straßennamen überprüft werden. Anschließend wurde eine Priorisierungsliste erstellt, um die ca. 2300 vorhandenen Straßen- und Platznamen in einer sinnvollen Reihenfolge bearbeiten zu können. Anschließend wurden alle 63 Straßen und Plätze, die während der NS-Zeit be- oder umbenannt wurden, einer Kurzprüfung unterzogen und eine Shortlist bestehend aus 31 Straßen- und Platznamen erstellt. Zu diesen Straßen wurde mit der Erarbeitung von Handreichungen begonnen.Seite 11 von 84 4 Vermittlungsformate im Test Im Laufe der Projektlaufzeit wurden verschiedene Vermittlungsformate konzipiert und durchgeführt, um herauszufinden, welche Formate zur erinnerungskulturellen Landschaft in Bonn passen und welche nicht. Ziel der Formate war vor allem, mit den Initiativen und Akteur*innen in Bonn in den Dialog über Bedürfnisse und Bedarfe im Bereich der Erinnerungskultur zu treten. Die meisten Formate beinhalteten partizipatorische Elemente, wodurch Anregungen, Wünsche und Forderungen für das vorliegende Konzept erhoben werden konnten (siehe oben: Beteiligungsformate). Die Dialogstation „Wie erinnern?“ (siehe Fotodokumentation der Dialogstation, Anhang 7.1) war das größte und umfassendste Vermittlungsformat: Eine Ausstellung, die aktuell in Bonn diskutierte erinnerungskulturelle Themen fokussiert, war an sieben Standorten in Bonn zu sehen und wurde von Veranstaltungen begleitet. Zu den Vermittlungsformaten zählen außerdem zwei Podiumsdiskussionen, sieben postkoloniale Stadtrundgänge mit der Initiative „Bonn Postkolonial“, die Intervention „Wie erinnern?“ im Stadtmuseum mit vier Workshops und sieben Führungen. Zudem waren 10.000 Euro der Projektgelder für die Umsetzung einer künstlerischen Intervention vorgesehen. Diese 10.000 Euro wurden genutzt, um die Kunstausstellung „Counter Thoughts. Counter Images - Eine künstlerische Auseinandersetzung mit Bonns kolonialen Spuren von Cheryl McIntosh“ umzusetzen. Die Ausstellung wird vom 1. März bis Donnerstag, 28. März 2024 im Ernst-Moritz-Arndt-Haus zu sehen sein. Eine weitere künstlerische Intervention im Windeckbunker durch den Künstler Ulrich Wagner konnte aus baulichen und nutzungsrechtlichen Gründen nicht realisiert werden. 3 Bedeutungen von Erinnerungskultur Erinnerungskultur kann als ein fortwährender gesellschaftlicher Aushandlungsprozess zu den Fragen „An welche geschichtlichen Ereignisse möchten wir warum und auf welche Art und Weise erinnern? Und was sagen sie uns über unsere Gegenwart?“ verstanden werden. Angelehnt an Max Czollek ist es zentrale Aufgabe der Erinnerungskultur zu versuchen, die Gegenwart so einzurichten, dass aus der Vergangenheit gelernt werden kann. Zudem dient sie als wichtiges Instrument der Selbstkritik.2 Dabei geht es nicht um ein Erinnern auf der individuellen Ebene an meist persönliche Ereignisse, sondern um die kollektive – also geteilte – Erinnerung einer Gruppe. Im Falle des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ handelt es sich bei dieser Gruppe um die Bonner Stadtgesellschaft. Erinnerungskultur kann etliche Ausprägungen haben und zeigt sich in diversen Bereichen. So manifestiert sich Erinnerungskultur in Erzählungen, Veranstaltungen, Büchern, Schulunterricht, Orten und vielem mehr. Fokus des Projektes sind Erinnerungsorte im Bonner Stadtraum, die einen Bezug zum Nationalsozialismus und/oder Kolonialismus aufweisen.3 Diese physisch erlebbaren Erinnerungsorte im Stadtraum spielen für eine Stadtgesellschaft eine entscheidende Rolle, da sie Teil des Alltags sind. 2 Siehe hierzu u. a.: Czollek, Max: Versöhnungstheater. München 2023. 3 Diese Fokussierung erfolgte aufgrund der Vielzahl der Themen aus arbeitsökonomischen Gründen durch eine Auswertung der vorliegenden Bürger*innenanträge, Anträge/Anfragen aus der Bonner Politik sowie einzelnen Anfragen aus der Bürgerschaft. Das Konzept zeigt, dass dieSeite 12 von 84 5 Grafik: Eingaben zu „Ihr Stichwort zu Erinnerungskultur“ bei der Veranstaltung „Wie erinnern? Erstes Dialogforum zu Erinnerungskultur in Bonn“ am 26. April 2023.4 erinnerungskulturelle Themenvielfalt wesentlich größer ist, Erinnerungskultur aber zeitlichen Trends und Konjunkturen unterworfen ist. 4 Die Umfrage wurde während der Veranstaltung mithilfe des Online-Umfrage-Tools „Mentimeter“ durchgeführt. Von den etwa 90 Besuchenden haben pro Frage rund 20 Personen über ihre Smartphones teilgenommen.Seite 13 von 84 6 4 Erinnerungsthemen in Bonn Einordnung des Themas Erinnerungskulturelle Themen umfassen ein breites Spektrum. Diese Themen sind nicht statisch, sondern ändern sich stetig. Sie sind zeitlichen Trends unterworfen und spiegeln die jeweiligen gesellschaftlichen Debatten wieder. Die hier aufgeführten Themen sind deshalb nicht als Ausschlussliste zu verstehen, weitere Themen können hinzukommen. Die aufgeführten Themen sind zudem nicht scharf voneinander abgrenzbar, sondern gehen ineinander über. Ergebnisse der Beteiligungsformate Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de Für 93 Prozent der Teilnehmenden der Online-Umfrage sind erinnerungskulturelle Themen „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ (siehe Grafik). Die lokalen Akteur*innen, mit denen zum Zwecke der Datenerhebung Gespräche geführt wurden, sind alle im sehr heterogenen Feld der Erinnerungskultur tätig. Für sie haben erinnerungskulturelle Themen eine große Bedeutung und sind wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. In der Online-Umfrage gaben 65 Prozent der Befragten an, dass ihnen erinnerungskulturelle Themen „sehr wichtig“ seien (für 28 Prozent sind sie „eher wichtig“, siehe Grafik). Vielen Teilnehmende der Online-Umfrage ist es wichtig, erinnerungskulturelle Fragen zu behandeln, um aus der Vergangenheit zu lernen, geschichtliche Ereignisse nicht zu vergessen und weil vor allem die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ihre Verantwortung sei. Einige finden diese Themen auch wichtig, weil sie zu einem Verständnis der Gegenwart führen. Ebenso gilt Erinnerungskultur für sie als identitätsstiftend als Stadtgesellschaft und Individuum. Erinnerung an die Kolonialgeschichte 4.3.1 Einordnung des Themas Die Kolonialgeschichte Deutschlands wurde lange Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Im Jahr 1990 wurde erstmals eine Anfrage einer Bürgerin an die Stadt Bonn zu 65% 28% 2% 1% 1% 3% Wie wichtig sind Ihnen erinnerungskulturelle Themen? Sehr wichtig Eher wichtig Keine Angabe Eher unwichtig sehr unwichtig UnentschiedenSeite 14 von 84 7 einem kolonialen Thema gestellt. Es handelte sich um die Kritik an der Benennung der Karl- Peters-Straße.5 Doch erst in den letzten zehn Jahren gewinnt die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands im öffentlichen Diskurs an Bedeutung. Diese Auseinandersetzung ist von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, da der Kolonialismus bis heute die kulturellen, sozialen, ökonomischen und Wissens soziologischen Bereiche unserer Gesellschaft prägt. In Bonn wird vor allem der Umgang mit dem Grab des Kolonialverbrechers Lothar von Trothas und der rassistischen Darstellung eines Schwarzen Menschen in der Bonngasse 18 diskutiert. Eine wichtige Arbeit zu Bonner Orten mit kolonialer Vergangenheit hat die zivilgesellschaftliche Initiative „Bonn Postkolonial“ geleistet, die postkoloniale Stadtrundgänge anbieten und zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) eine Broschüre veröffentlichte.6 Viele Orte mit kolonialen Verstrickungen in Bonn sind im kollektiven Gedächtnis nicht verankert. Zudem bestehen Forschungslücken zur kolonialen Vergangenheit Bonns. 4.3.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate Viele Befragte nehmen die postkolonialen Spuren in Bonn als bedeutendes, aktuelles und bisher zu wenig beleuchtetes Thema wahr. Ein wichtiges und dringendes Anliegen im Themenfeld der postkolonialen Spuren ist das Grab von Lothar von Trotha. Der Umgang mit dem Grab von Lothar von Trotha beschäftigt die Bonner Stadtgesellschaft schon seit einiger Zeit. Diverse Forderungen zur kritischen Einordnung des Grabs wurden seither geäußert. Schon in den Jahren 2008, 2012 und 2020 wurden entsprechende Anträge im Stadtrat, im Kulturausschuss und in der Bezirksvertretung Bonn diskutiert. Im Jahr 2020 richtete die Initiative "Bonn postkolonial" einen offenen Brief an die Stadt, der sich mit diesem Thema auseinandersetzte.7 Ebenfalls im Jahr 2020 beschloss die Bezirksvertretung Bonn, auf dem Gelände des Poppelsdorfer Friedhofs eine Informationstafel zu errichten, die über die Verbrechen von Lothar von Trotha informieren soll.8 Befragte aus den Beteiligungsformaten äußerten ihr Befremden darüber, dass an dem Grab keinerlei Erklärung oder Einordnung der Person von Trothas vorhanden ist. Es besteht der Wunsch nach einer angemessenen Einbettung des Grabs in den historischen Kontext. Viele wünschen sich dabei eine enge Zusammenarbeit mit OvaHerero und Nama. Diese Einbettung solle über das reine Weitergeben von Informationen hinausgehen und könnte zu einem Denkmal für die Opfer des Völkermords werden. Einige Befragte wiesen auf die räumliche Nähe zum Kriegerdenkmal "Unseren Helden" hin. Sie betrachten eine Neugestaltung des Bereichs als Chance, um beide Orte in einen Dialog zu bringen. Es gibt jedoch auch Bedenken, dass das Grab durch eine Einbettung vor Ort zu einem Wallfahrtsort 5 1995 wurde die Straße schließlich aufgrund eines Antrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in Yalovastraße umbenannt. 6 Die Broschüre kann hier abgerufen werden: https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Brosch%C3%BCre_Postkoloniale_Stadtfuehrung.pdf 7 https://decolonize-bonn.de/offener-brief-an-die-stadt-bonn/ 8 https://www.bonn.sitzung-online.de/vo020?VOLFDNR=6755&refresh=false 201156 – Antrag. Ein kurzer Hinweis zur kritischen Einordnung Trothas wurde in den Schaukästen an den Eingängen des Friedhofs wurde 2021 angebracht. Siehe ebenfalls Antrag (Nr. 1211453) der Fraktion DIE LINKE aus 2012 https://bonn-archiv.sitzung-online.de/public/vo020?VOLFDNR=1092603&refresh=false.Seite 15 von 84 8 für Befürworter*innen von Lothar von Trothas Taten werden könnte, weshalb ein alternativer Standort für die Kontextualisierung bevorzugt wird. Es wurde angeregt, ein Denkmal für die im Genozid ermordeten OvaHerero und Nama für eine größere Sichtbarkeit im Stadtzentrum zu platzieren. Aus Gründen der Nachhaltigkeit, der Verantwortungsübernahme und des gegenseitigen Verständnisses haben Befragte vorgeschlagen, dass das Denkmal im Rahmen eines kulturellen Austausches zwischen Jugendlichen in Bonn und Namibia gestaltet werden könne. Die Stadt erhielt außerdem eine Anfrage, eine künstlerische Performance am Grab von Lothar von Trotha durchzuführen, die an den Genozid erinnern und der Opfer gedenken wollte. Diese konnte nicht realisiert werden, da aufgrund der kurzfristigen Antragstellung noch kein ämterübergreifendes Konzept zum Thema Erinnerungskultur auf Bonner Friedhöfen erarbeitet werden konnte. Eine 9. Klasse einer Bonner Gesamtschule hat sich mit dem Grab auseinandergesetzt und sieht es als notwendig an, eine Informationstafel am Grab anzubringen. Die Schüler*innen haben eigene Textvorschläge für eine solche Tafel erarbeitet. Diese kennzeichnen Trothas Verhalten gegenüber den OvaHerero als „Verbrechen“, „qualvoll“ und „schlimm“. Dass sich die Stadt Bonn zwar einerseits klar von den Taten distanzieren, jedoch ein aktiver Umgang der Thematik und konkrete Maßnahmen für den Umgang mit dem Grab von Trothas sowie dem Genozid an den OvaHerero und Nama in der Wahrnehmung der Befragten nur zögerlich erfolgt, wurde in den Beteiligungsformaten negativ bewertet. Die Befragten nannten außer dem Grab von Lothar von Trotha noch zahlreiche weitere Bonner Orte und Themen, über die ihrer Meinung nach kritisch diskutiert werden sollte. Darunter fallen koloniale Objekte und Ordnungsstrukturen in Bonner Sammlungen (beispielsweise des Botanischen Gartens, der universitären Altamerika-Sammlung oder der medizinischen Sammlung der Universität); die kolonialen Verstrickungen der Universität in Bonn (unter anderem ersichtlich an Biografien wie Ferdinand Wohltmann, Max Koernicke und Alexander Pflüger); die Aktivitäten der Bonner Ortsgruppe der Deutschen Kolonialgesellschaft; Völkerschauen und Kolonialausstellungen in Bonn; postkoloniale Strukturen in der Entwicklungszusammenarbeit (darunter Institutionen mit Sitz in Bonn) sowie Kolonialprofiteur*innen, die sich Bad Godesberg als Altersruhe- oder Sommersitz ausgewählt haben (darunter Lothar von Trotha, Gerhard Rohlfs, Karl von der Heydt). Darüber hinaus wird gefordert, sich kritisch mit Konrad Adenauers Befürwortung der Rückgewinnung von Kolonien auseinanderzusetzen und entsprechende Orte wie die Konrad-Adenauer-Allee zu hinterfragen. In die öffentliche Diskussion ist außerdem die Figur und der Schriftzug am Haus in der Bonngasse 18 geraten, in der sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert eine sogenannte Kolonialwarenhandlung befand. Die Figur zeigt eine rassistische Darstellung einer Schwarzen Person. Der Schriftzug beinhaltet eine kolonialrassistische und abwertende Fremdbezeichnung („Im Mohren“). Während manche sich für eine Entfernung der Figur aussprechen und andere eine deutlich sichtbare Kontextualisierung wünschen, sprechen sich wiederum andere dafür aus, dass die Figur bleibt, weil eine Entfernung „Geschichtsvergessenheit“ bedeuten würde. Dieses Haus befindet sich nicht in städtischem Besitz, sondern gehört dem Verein Beethoven-Haus-Bonn. Der Eigentümer des Hauses befürwortet und unterstützt eine kritische Auseinandersetzung mit der Fassadengestaltung und organisiert deshalb bspw. Diskussionsveranstaltungen. Auf einer Tafel, die am Haus angebracht ist, wird die Geschichte des Hauses und die Fassadengestaltung aus heutigerSeite 16 von 84 9 Perspektive erläutert. Im letzten Absatz ist ein klares Bekenntnis zur kritischen Aufarbeitung formuliert: „Wir fühlen uns vor diesem Hintergrund und aktuellen Diskussionen bestärkt und verpflichtet, Beiträge zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Historie dieses Hauses und mit allen Formen von Diskriminierung und strukturellem Rassismus in Geschichte und Gegenwart zu leisten.“ Wichtig sei den Befragten eine Dekolonisierung des Stadtraums (und der Gesellschaft als Ganzes), weil der Kolonialismus nicht nur an Orten, sondern auch im Denken Spuren hinterlassen habe. Folgen des Kolonialismus seien demnach eine Überheblichkeit und Arroganz des Westens, genauso wie politische und kulturelle Vorstellungen, die sich bis heute halten. Geht es also um eine Verhandlung der kolonialen Orte in Bonn, solle klargemacht werden, dass es nicht um einen Angriff auf historische Einzelpersonen geht, sondern um die Diskussion und Bewusstwerdung der (immateriellen) kolonialen Kontinuitäten in der Gegenwart. Ein Thema im Feld des Kolonialismus sei auch die Trauma- Bewältigung von historischen Wunden. 4.3.3 Handlungsempfehlungen • Perspektiven von Rassismus negativ Betroffenen in den Fokus rücken. • Vermittlungsformate wie postkoloniale Stadtrundgänge anbieten (in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen). • Grundlagenforschung zu Bonns kolonialer Geschichte (insbesondere der Bonner Republik) beauftragen, da nach wie vor viele Forschungslücken bestehen. • Koloniale Kontinuitäten in der Bonner Gegenwart erforschen und vermitteln. • Unterstützung von Bonner Institutionen bei ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit. • Grab von Lothar von Trotha: o Konzept zur Kontextualisierung erarbeiten. o OvaHerero und Nama in den Umgang mit dem Grab einbinden und ihre Perspektive ins Zentrum stellen. o Einen kulturellen Jugendaustausch mit namibianischen Kooperationspartner*innen ins Leben rufen und gemeinsam eine Form des Gedenkens und Lernens für den Genozid als Gegengewicht zum Grab in Bonn entwerfen. Erinnerung an den Nationalsozialismus 4.4.1 Einordnung des Themas Seit Ende der 1970er Jahre steht die Erinnerung an den Nationalsozialismus im Zentrum der Deutschen Erinnerungskultur. Die Erinnerungsarbeit an diese Zeit ist keineswegs vollendet, sondern steht vor aktuellen Herausforderungen. Wie kann erinnert werden, wenn die wichtige Methode der Zeitzeug*innen Gespräche wegfällt? Wie lässt sich eine Ritualisierung und damit Erstarrung der Erinnerung an die NS-Zeit vermeiden? Wie können Kontinuitäten sichtbar gemacht werden? Welche Perspektiven müssen stärker mit einbezogen werden? Und welche Forschungslücken gilt es aufzuarbeiten? Erinnerungskulturelle Praktiken in Bezug auf die NS-Zeit müssen ständig hinterfragt und kritisch überprüft werden. Es gilt eine Ritualisierung und Abstrahierung zu vermeiden. ZudemSeite 17 von 84 10 müssen neue Forschungserkenntnisse integriert werden und veraltete Narrative sichtbar gemacht werden. Auf städtischer Seite ist die Gedenkstätte/NS-Dokumentationszentrum (41-22) schwerpunktmäßig mit der Erinnerungsarbeit an den Nationalsozialismus beauftragt. 4.4.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate Zentrales Thema in Bezug auf den Nationalsozialismus sind Zwangsarbeiter*innen in Bonn. 9 Derzeit sind manche Erinnerungsorte an Zwangsarbeiter*innen gekennzeichnet10, viele weitere Spuren lassen sich im Stadtgebiet finden.11 Befragte nannten in diesem Kontext ein Kriegsgefangenenlager (Stammlager VI G) auf dem heutigen Gelände des Bundesministeriums der Verteidigung (Duisdorf), ein Lager für Zwangsarbeiter*innen an der Weststraße (Bad Godesberg), den Steinbruch am Finkenberg (Limperich) und die Jutespinnerei in Beuel. Wegen der fehlenden Kennzeichnungen der Orte und dem dürftigen Gedenken der Zwangsarbeiter*innen wünschen sich die Befragten, dass das Thema mehr Raum in der städtischen Erinnerungskultur erhält und die katastrophalen Bedingungen der Zwangsarbeit gezeigt werden. Einige Befragte bemängelten, dass Bonner Widerstandskämpfer*innen in der städtischen Erinnerungskultur nicht genug Beachtung geschenkt werde.12 Sie wünschen sich, dass Personen wie Walter Markov, Nikolaus Wasser und Fritz Faust sowie Edelweißpiraten aus dem Siebengebirge mehr Raum in der städtischen Erinnerungskultur erhalten. Ebenfalls zu erforschen sei Widerstand von Juden und Jüdinnen sowie Sinti*zze und Rom*nja in Bonn. Ihr Widerstand könnte genau wie der von Deserteuren13 als Positivbeispiel hervorgehoben werden, so die Befragten. Gleichzeitig wurde aber auch angemerkt, dass Orte von NS-Täterschaft in Bonn unterrepräsentiert seien und dass diese sichtbarer gemacht werden sollten. Ebenfalls wichtig und derzeit zu wenig präsent ist den Befragten das Erinnern an Zwangssterilisation und Euthanasiemorde im Nationalsozialismus. An der LVR-Klinik in Bonn wurden sowohl Zwangssterilisation als auch Euthanasiemorde getätigt; der 9 Die Fraktion Bündnis 90 / DIE GRÜNEN in der Bezirksvertretung Bad Godesberg hat im Oktober 2022 in einem Antrag gefordert, eine Gedenk- und Erinnerungstafel auf das einstige Lager an der Weststraße anzubringen. Daraufhin wurde das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ mit der Entwicklung eines Gesamtkonzeptes zum Umgang mit der Erinnerung an Zwangsarbeiter*innen in der Stadt Bonn betraut. Im April 2023 hat der Rat beschlossen, dass unabhängig davon eine Gedenktafel beim Lager an der Weststraße angebracht werden soll. Siehe ALLRIS (www.bonn.sitzung-online.de), Nummer DS 221912. 10 Zu nennen sind hier beispielsweise der Gedenkstein für Zwangsarbeiter*innen auf dem Friedhof Platanenweg in Bonn-Beuel; eine Stele zum Gedenken an „Sowjetbürger“ auf dem Duisdorfer Friedhof, eine Gedenktafel am ehemaligen Stammlager IV G in Duisdorf und ein Gedenkstein für hingerichtete Zwangsarbeiter am Finkenberg, Bonn-Limperich. 11 Das Projekt „Bonner Leerstellen“ zeigt einige dieser Spuren auf. Es ist ein Projekt der Geschichtswissenschaften der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität-Bonn unter der Leitung von Prof. Dr. Katja Makhotina. https://bonnerleerstellen.net/. 12 Einige Bonner Persönlichkeiten, die sich dem NS-Regime widersetzt haben, finden sich hier: https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung-lernen/gegensatz-zum-nationalsozialismus.php 13 Hier wurde auf das Denkmal für die unbekannten Deserteure verwiesen, das wegen eines politischen Beschlusses nicht in Bonn aufgestellt werden durfte und deshalb am 01.09.1989 nur zwei Stunden auf dem Bonner Friedensplatz enthüllt wurde. Siehe: http://www.deserteur- denkmal.de/deserteur-denkmal_geschichte-denkmal-bonn.html.Seite 18 von 84 11 Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit der Geschichte des Provinzialverbandes und der eigenen Geschichte auseinandergesetzt und wichtige Beiträge für die Erinnerungskultur geleistet.14 Die Arbeiten des LVR im Bereich der Euthanasiemorde und Zwangssterilisationen können als Positivbeispiel für andere Orte dienen. Konkret wird eine Gedenkplakette am ehemaligen Gesundheitsamts gefordert. Den Befragten ist wichtig, weitere Orte zu identifizieren und die grausame Geschichte der als „Rassenhygiene“ bezeichneten Gewalt und Morde zu verdeutlichen. Ein weiteres Anliegen, das an das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ herangetragen wurde, ist die Ehrenbürgerwürde von Paul von Hindenburg. Nachdem bereits vor Projektbeginn beschlossen wurde, dass die Hindenburgallee und der Hindenburgplatz umbenannt werden (heute: Elisabeth-Selbert-Allee und Loki-Schmidt-Platz), bleibt die Ehrenbürgerwürde, die von Initiativen und Einzelpersonen kritisiert wird. Es sei „absurd“, dass die Allee und der Platz bereits umbenannt wurden und die Ehrenbürgerwürde noch besteht. Die Ehrung von Hindenburg sei „ein Fall von demokratiegefährdender Geschichtsvergessenheit“ und Bonn dürfe „einem solchen Mann nicht länger ein ehrendes Andenken widmen“, so ein Bürgerantrag aus 2020. Es wird auf Berlin verwiesen. Dort hat die Stadt 2020 Hindenburg die Ehrenbürgerwürde entzogen und ihn von der Ehrenbürgerliste gestrichen. Ein Thema, dem laut einiger Befragter in der städtischen Erinnerungskultur in Bonn zu wenig Aufmerksamkeit und Bedeutung entgegengebracht wird, ist das Gedenken an die Verfolgung und Ermordung von Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus. Vor allem junge Menschen sollten erreicht und über die Verbrechen der Nationalsozialist*innen gegenüber Sinti*zze und Rom*nja aufgeklärt werden. Bei Gedenkveranstaltungen und anderen erinnerungskulturellen Formaten sei es unumgänglich, Sinti*zze und Rom*nja gleichberechtigt in Vorbereitung und Umsetzung miteinzubinden. Befragte fordern außerdem eine umfassende Recherche zu Kontinuitäten nach 1945. Es müsse erforscht werden, wie Gericht, Stadtverwaltung, Polizei und Feuerwehr in den Nachkriegsjahren aufgestellt war und welche Personen aus der NS-Vergangenheit in der Gründungsphase der Bonner Republik noch aktiv waren. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig hoben viele Befragte als gelungene Erinnerungsorte hervor.15 4.4.3 Handlungsempfehlungen • Widerstand vor allem von Sinti*zze und Rom*nja und jüdischen Menschen erforschen und im städtischen Raum sichtbar machen. • Bonner Orte der NS-Täterschaft erforschen und markieren. 14 Auf dem Gelände der LVR-Klinik befinden sich ein Gedenkstein für die Opfer von Zwangssterilisation und Ermordung im Nationalsozialismus sowie eine Gedenkstele für die Opfer der Euthanasiemorde an Kindern. Das Psychiatrie Museum "Verrückte Zeiten" der LVR-Klinik hat eine Broschüre zum Thema Zwangssterilisation veröffentlicht: Venza-Tillmanns, Josephine da (2017): „…ist unfruchtbar zu machen“. Zum Thema Zwangssterilisation aus einigen Krankenakten der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bonn und der Hertz’schen Privatklinik. Psychiatrie-Museum Ver- rückte Zeiten im Haus 15 der LVR-Klinik Bonn. Bonn. 15 Zu Stolpersteinen in Bonn, vgl.: https://www.bonn.de/themen-entdecken/bildung- lernen/stolpersteine.php.Seite 19 von 84 12 • NS-Kontinuitäten wie fortbestehenden Antisemitismus, Rassismus und weitere ideologische Denkmuster erforschen und passende Vermittlungsformate entwickeln. • Bestehende Gedenkveranstaltungen an die NS-Zeit in Bonn überprüfen und aus ihrer starren, ritualisierten Form lösen. • Perspektive von Betroffenen der NS-Gewalt und ihren Nachkommen bei erinnerungskulturellen Diskussionen in den Fokus setzen. • Erinnerungsorte der Zwangsarbeit kennzeichnen und mit Informationsveranstaltungen/Vermittlungsformaten begleiten, da eine umfassende Aufarbeitung bisher nicht erfolgt ist. • Hindenburg die Ehrenbürgerwürde entziehen, da er als Verfechter des Militarismus und Wegbereiter des Nationalsozialismus gilt. Zudem wurde die Kritik an einer Ehrung Hindenburgs in Bonn schon ausgiebig im Kontext der Straßennamen diskutiert und mehrere deutsche Städte haben sich für die Entziehung der Ehrenbürgerwürde entschieden. Weitere Themen Neben den Themen, die dem Kolonialismus oder Nationalsozialismus zugeordnet werden können, haben die Befragten zusätzliche Aspekte genannt, die in einer städtischen Erinnerungskultur Berücksichtigung finden sollten. 4.5.1 Migrationsgeschichte 4.5.1.1 Einordnung des Themas 29,3 Prozent der Bonner*innen besaßen entweder selbst nicht von Geburt an die deutsche Staatsangehörigkeit oder mindestens eins ihrer Elternteile wurde nach 1945 ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren. Bonn ist also eine postmigrantische Gesellschaft. Erinnerungsorte der Migrationsgeschichte gibt es jedoch kaum und die Perspektiven von Migrant*innen und ihren Nachkommen bleiben nach wie vor häufig unberücksichtigt. Für eine Einwanderungsstadtgesellschaft ist jedoch von zentraler Bedeutung, Migration als Teil der eigenen Geschichte zu begreifen und zu erinnern. Mit dem Amt für Integration und Vielfalt verfügt die Stadt Bonn über eine auch in Fragen zur Erinnerungskultur spezialisierte Einrichtung. Das Fachwissen und die Netzwerke der Kolleg*innen waren in der Projektlaufzeit hilfreich. Eine systematische Verknüpfung des allgemeinen Bereichs Erinnerungskultur und dem Fach- und Spezialwissen der Kolleg*innen des Amtes für Integration und Vielfalt ist für die zukünftige Entwicklung des Bereichs „Aktive Erinnerungskultur“ wichtig. Nur durch eine synergetische Zusammenarbeit kann eine breite Teilhabe ermöglicht und Erinnerungskonflikte im Vorfeld erkannt und dialogisch geklärt werden. 4.5.1.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate Die Befragten erachteten die Geschichte der koreanischen Gastarbeiter*innen in Bonn wie auch das Anwerbeabkommen mit der Türkei und die deutsch-türkische Geschichte als bedeutsam. In Bezug auf derzeitigen Rassismus wurde die Erinnerung an Amed Ahmad, der 2018 aufgrund eines Brandes in der Justizvollzugsanstalt Kleve verstorben ist, ebenfalls als wichtig erachtet. Auch das Gedenken an den rassistischen Anschlag in Hanau im Jahr 2020 wurde als bedeutend für die lokale Erinnerungskultur angesehen.Seite 20 von 84 13 4.5.1.3 Handlungsempfehlungen • Meinungen, Forderungen und Ideen zur Migrationsgeschichte in Bonn fehlten bei der Datenerhebung für dieses Konzept. Diese Lücke gilt es zu schließen und Perspektiven vor allem von migrantischen Selbstorganisationen müssen eingeholt werden. • Die Zusammenarbeit mit dem Amt für Integration und Vielfalt ist zu systematisieren. In einer synergetischen Arbeitsweise können die Kolleg*innen mit ihren Netzwerken in die Communities und ihrem Fach- und Spezialwissen entscheidend für die Integration migrantischer Communities in die Erinnerungskultur fungieren. • Vermittlungsformate zur Geschichte der Gastarbeit in Bonn sollen gemeinsam mit ehemaligen Gastarbeiter*innen und ihren Nachkommen entworfen und durchgeführt werden. Ihre Erfahrungen und Expertisen sollen im Zentrum stehen. • Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das Kriterium des Rassismus zu beachten. • Partizipatorische Vermittlungsformate und Denkmäler sollten erarbeitet werden.16 4.5.2 Exilkultur 4.5.2.1 Einordnung des Themas Exilkultur und die Auseinandersetzung mit Exilgeschichte sowie Flucht und Vertreibung stellt eine universelle Erfahrung dar. Damit bildet der Bereich der Exilkultur ein wichtiges und global anschlussfähiges Element der Erinnerungskultur. In der Auseinandersetzung mit Exilkunst und Exilkultur werden Solidarität, Fairness, Toleranz und Verantwortungsbewusstsein geschürt sowie Demokratie als Lebensform begriffen. Die universelle Erinnerung an Flucht, Exil und Vertreibung sowie differente Demokratieerfahrungen verlangen nach einem besonderen Fokus bei der Vermittlung von demokratischen Werten und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Hier liegt eine besondere Verpflichtung für die postmigrantische Gesellschaft im vielfältigen Einwanderungsland Deutschland. Mit dem Projekt „Forum Exilkultur“, der Übernahme der Sammlung Milein Cosman in 2022 sowie der Vorbereitung der Schenkung der Sammlung Memoria hat die Stadt Bonn bereits erste Schritte für eine stärkere Schwerpunktsetzung in diesem Bereich unternommen. Mit der Ausrichtung der „Tage des Exils“ in Zusammenarbeit mit der Körber Stiftung in 2024 sowie mehreren Ausstellungen zum Themenkomplex Exilkunst, Flucht und Vertreibung wird der Weg der Auseinandersetzung mit diesem Bereich der Erinnerungskultur weiter gestärkt. 4.5.2.2 Handlungsempfehlungen • Ein systematischer intergenerationeller und interdisziplinärer Austausch, in dem u. a. die Auseinandersetzung mit Exilkunst und Demokratie immer wieder aufs Neue partizipativ erarbeitet werden. • Darstellung von Positivbeispielen, Wechselwirkungen und dem stetigen Wandel der (Stadt-) Gesellschaft. • Universelle Flucht- und Vertreibungsgeschichte als integrative Kraft nutzen und im Bewusstsein der Menschen verankern. 16 Beispiel: Jungbusch Denkmal (visit-mannheim.de)Seite 21 von 84 14 • Strukturen für eine dauerhafte und öffentlich wirksame Auseinandersetzung schaffen, Orte des Dialogs und des gemeinsamen Lernens anhand Exilkunst und -Geschichte initiieren. 4.5.3 Positive Momente in der Geschichte am Beispiel der Demokratiegeschichte 4.5.3.1 Einordnung des Themas Ein weiteres wichtiges Themengebiet der Erinnerungskultur ist die Demokratiegeschichte. Ihr Potential liegt in der Darstellung von Positivbeispielen aus der Vergangenheit, die Orientierung für die Zukunft bieten. Zugleich müssen jedoch auch Anfeindungen der Demokratie und antidemokratische Entwicklungen dargestellt und hinterfragt werden. Eine unkritische Darstellung der Bundesrepublik Deutschland als Erfolgsgeschichte sollte vermieden werden. 50 Jahre lang wurde die Bundesrepublik Deutschland von Bonn aus regiert. Bonn bietet deshalb zahlreiche Anknüpfungspunkte für die erinnerungskulturelle Auseinandersetzung mit der Demokratiegeschichte. Seit 01.03.2023 koordiniert und kommuniziert ein „Demokratiebeauftragter“ bei der Stadt Bonn das Fokus-Thema Demokratie. Der Demokratiebeauftragte initiiert und bündelt die Aktivitäten der städtischen Institute sowie externer Kultur-Akteure und der Zivilgesellschaft. Eine wichtige Aufgabe ist die konkrete Ausarbeitung und Bündelung von interdisziplinären Projekten und Formaten, sowie die fortgesetzte Recherche zu Stakeholdern, die Entwicklung neuer wissenschaftlicher Fragestellungen und Diskursansätze, sowie Erstellung von Konzepten und Texten. Die Stadt Bonn ist Mitglied des neugegründeten „Netzwerkes Verfassungsstädte Weimar – Frankfurt a.M. – Bonn. Ziel des Netzwerkes ist es, sich zur verbindenden Demokratiegeschichte, ihrer Erforschung und Vermittlung zu bekennen und Projekte der historisch-politischen Bildung zu entwickeln. Dazu wird sich das Netzwerk künftig mindestens einmal jährlich im Forum Verfassungsstädte treffen. Die Aktivitäten des Netzwerkes werden von der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte (GEDG) mit Sitz in Weimar koordiniert und z.T. finanziert. Das Zentrum für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen ist eine wichtige Säule im Netzwerk der Verfassungsstädte und eng mit den Aufgaben des Demokratiebeauftragten verwoben. 4.5.3.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate Viele Befragte wünschen sich mehr Erinnerungsorte, die an positive Momente in der Geschichte erinnern. Oftmals wird hier die Bonner Republik angeführt, deren Demokratiegeschichte hervorgehoben und durch Orte erinnert und gefeiert werden solle. Die Unterzeichnung des Grundgesetzes 1949 in Bonn und Frauen, wie Elisabeth Selbert, die am Grundgesetz gearbeitet haben, sollten mehr gewürdigt werden. Zu den positiven Momenten werden aber auch die Revolution von 1848/49, die Errungenschaften der 1968er-Bewegung und der Frauenrechtsbewegung gezählt. Zudem sollten die großen Friedensdemonstrationen der 1980er Jahre auf der Hofgartenwiese betont werden, beispielsweise durch einen Erinnerungsort vor Ort, so die Befragten. Die Demokratiegeschichte wurde immer wieder als positives Beispiel in der Geschichte beschrieben, ohne eine unreflektierte Betrachtung des Themas zu fordern. Dabei lenkten viele Befragte den Fokus auf Positivbeispiele der Geschichte, die in der öffentlichenSeite 22 von 84 15 Wahrnehmung von vielen negativen Themen überlagert würden. Manche Befragte spiegelten, dass ihnen „der negative Touch“ des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ nicht gefalle. Sie äußerten, dass auch der Kolonialismus seine positiven Aspekte habe. Geschichte solle nicht nur einseitig dargestellt werden, sondern alle Seiten, auch die positiven Seiten sollen beleuchtet werden. Mit Bewertungen solle man vorsichtig umgehen, da sie sich im Laufe der Zeit immer wieder ändern, so die Befragten. Gerade wenn problematische Orte aus dem Stadtraum entfernt würden, müssen die Orte mit Hoffnung, Positivbeispielen und Erfolgsgeschichten gefüllt werden, so einige Befragte. Sie befürchten, dass die Stadt künftig neutrale, unbedeutende Straßennamen wähle und das Stadtbild nur noch „aus Amselstraßen und Gänseblümchenwegen“ bestünde. 4.5.3.3 Handlungsempfehlungen • Unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Einordnung des Themas widersprechen wir der Forderung, Kolonialgeschichte positiv darzustellen und sehen den Handlungsauftrag darin, mehr Wissen und Sensibilität über Kolonialgeschichte zu verbreiten. • Leitfiguren der Geschichte können mehr in die erinnerungskulturelle Landschaft in Bonn einbezogen werden, hierbei gilt es jedoch einen Personenkult zu vermeiden. • Demokratische Errungenschaft der Bundesrepublik sollen gewürdigt werden, dabei ist jedoch ein unreflektiertes Feiern der Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte zu vermeiden, da auch koloniale und NS-Kontinuitäten nicht unsichtbar gemacht werden dürfen. • Grundsätzlich umfasst der Bereich der Erinnerungskultur nicht nur die kollektive Erinnerung an Krisen, Kriege und Morde, also negative Ereignisse. Es existiert selbstverständlich auch die Erinnerung an positive Ereignisse. Die Entscheidung, ob Ereignisse als positiv oder negativ wahrgenommen werden, bzw. welche Teilaspekte für die individuelle Wertung entscheidend sind, ist Teil des gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Es besteht jedoch auch die Gefahr einer positiven Umdeutung im Sinne einer (politischen) Instrumentalisierung und entgegen des kollektiven Gedächtnisses. Einer solchen Instrumentalisierung muss im Sinne einer pluralistischen Erinnerungskultur durch Aufklärung und historisch-wissenschaftliche Recherche entgegengewirkt werden. 4.5.4 Jüdische Geschichte 4.5.4.1 Einordnung des Themas Die jüdische Geschichte ist ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte. Die jüdische Gemeinschaft soll dabei nicht ausschließlich als Opfer auf Grund der Shoah dargestellt werden. Vielmehr sollte es Ziel einer lebendigen Erinnerungskultur sein, auch von der Vielfalt jüdischen Lebens in Bonn vor und nach der Shoah zu erzählen. Zudem soll herausgestellt werden, wie Jüd*innen diese Stadt mitgeprägt haben. Zugleich muss jedoch auch der Antisemitismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen und Kontinuitäten thematisiert werden. Der Rat der Stadt Bonn hat mit Beschluss vom 28. Juni 2021 die Verwaltung beauftragt, weitere Planungen für einen Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS- Dokumentationszentrum auf das Gelände des ehemaligen Klosters Endenich herbeizuführen. Architekten und Fachplaner sind seitdem mit den Vorbereitungen befasst,Seite 23 von 84 16 die Kolleg*innen der Gedenkstätte erarbeiten zudem ein neues didaktisches wie erinnerungskulturelles Konzept für diesen neuen Ort. Dabei wird auf die erfolgreiche didaktische Arbeit der vergangenen Jahrzehnte aufgebaut und diese anhand neuester Forschungen fortentwickelt. Die Erforschung der Internierung von Jüd*innen im Kloster Endenich hat belegt, dass es sich bei der „Lagergemeinschaft Kapellenweg“ um ein Ghettolager handelte. Einzelne Gebäudeteile des Klosterkomplexes bestehen noch weitgehend in ihrem ursprünglichen Bauzustand bzw. wurden so wiederaufgebaut. Somit ist mit dem dort 1941/42 betriebenen Ghettolager ein authentischer Bonner Erinnerungsort vorhanden, an dem die Unterbringung der Gedenkstätte als auch die durch sie betriebene Dauerausstellung gut und nachhaltig verortet sind. Das Ghettolager war Teil des Vernichtungsprozesses, den die nationalsozialistische Politik gegenüber den deutschen und europäischen Jüd*innen in Gang setzte. Damit ist es ein einzigartiger Erinnerungsort, das die eliminatorisch-antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten verkörpert. Dies zu thematisieren und einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen, ist zentraler Auftrag der Bonner Gedenkstätte am neuen Standort. 4.5.4.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten In den Befragungen wurde das Thema der jüdischen Geschichte oft nur im Zusammenhang mit der Shoah genannt. In den Gesprächen, in denen es darüber hinaus angesprochen wurde, haben Befragte die 1000-jährige jüdische Geschichte Bonns erwähnt und sich dafür ausgesprochen, dass ehemalige jüdische Geschäfte und Schulen in Erinnerung gehalten und als solche gekennzeichnet werden sollten. In Bezug auf Erinnerungsorte galten jüdische Friedhöfe und die Kennzeichnung von ehemaligen Standorten Bonner Synagogen als wichtig. Zudem müsse Erinnerungskultur einen Bogen zur Gegenwart spannen und müsse Antisemitismus und Vorurteile abbauen. Nicht zuletzt geht es auch darum jüdisches Leben heute in Bonn möglich zu machen, wozu auch koschere Lebensmittelläden und koschere Restaurants zählen, die derzeit nicht existieren. 4.5.4.3 Handlungsempfehlungen • Perspektiven jüdischer Bonner*innen ins Zentrum erinnerungskultureller Arbeit rücken. • Orte jüdischer Kultur und deren Geschichte in Bonn sichtbar machen. • Opfernarrative vermeiden. • Zusätzliche Bildungsformate zum Thema Antisemitismus anstoßen. • Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das Kriterium des Antisemitismus zu beachten. 4.5.5 Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja 4.5.5.1 Einordnung des Themas Sinti und Roma leben seit mehr als 600 Jahren in Deutschland. Ihre Geschichte ist von Verfolgung und Diskriminierung geprägt. Nach 1945 wurde der Völkermord an den Sinti*zze und Rom*nja geleugnet. Der Völkermord an Sinti*zze und Rom*nja wurde erst 1982 offiziell anerkannt. Weder der Genozid während der NS-Zeit noch die anhaltende anschließende Diskriminierung wurden umfassend aufgearbeitet. Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja sowie Unkenntnis über ihre Geschichte ist nach wie vor weit verbreitet. In den 30er Jahren lebten rund 100 Sinti in Bonn. Nur etwa die Hälfte überlebte die NS-Zeit. 2022 wurdenSeite 24 von 84 17 erstmals 4 Stolpersteine für Sinti in Bonn verlegt. Seit 1999 findet sich am Bonner Hauptbahnhof eine Gedenktafel an die deportierten Bonner Sinti. 2016 wurde diese entfernt und 2023 erneut angebracht. 4.5.5.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten Wie oben schon geschildert, fordern die Befragten mehr Aufmerksamkeit in der städtischen Erinnerungskultur für das Gedenken an die Verfolgung und Ermordung von Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus. Sie fordern außerdem, dass Vermittlungsformate für Jugendliche und junge Erwachsene konzipiert werden, um über die Geschichte von Sinti*zze und Rom*nja aufzuklären. Doch auch die Geschichte nach 1945 sollte in den Fokus rücken. Hier geht es um eine Anerkennung und Wertschätzung für die Bürgerrechtsbewegung und die Selbstorganisation von Sinti*zze und Rom*nja in den 1970er Jahren. Als Ergänzung zur Tafel für ermordete Bonner Sinti im Nationalsozialismus auf dem Bahnhofsvorplatz sollte ein Gedenktag in Bonn eingeführt werden, so die Befragten. 4.5.5.3 Handlungsempfehlungen • Perspektiven von Sinti*zze und Rom*nja ins Zentrum erinnerungskultureller Arbeit rücken. • Zusätzliche Bildungsformate zum Thema Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja anstoßen. • Entwicklung von erinnerungskulturellen Formaten zur Tafel für ermordete Sinti*zze in enger Zusammenarbeit mit Selbstorganisationen. • Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das Kriterium des Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja zu beachten. 4.5.6 Geschichte behinderter Menschen 4.5.6.1 Einordnung des Themas Die Geschichte behinderter Menschen ist in ihrer Vielfalt kaum erforscht. Ausnahmen bildet die NS-Vergangenheit, insbesondere die Euthanasiemorde. Auf dem Gelände der LVR-Klinik befinden sich ein Gedenkstein für die Opfer von Zwangssterilisation und Ermordung im Nationalsozialismus sowie eine Gedenkstele für die Opfer der Euthanasiemorde an Kindern. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit seiner Geschichte und insbesondere die des Rheinischen Provinzialverbands befasst, auch mit den Themen „Euthanasie" und Zwangssterilisierungen im Rheinland.17 Vor dem Landeshaus in Köln-Deutz erinnert das Denkmal der „Grauen Busse“ in Köln-Deutz an die Opfer der „Aktion T4“, bei der mehr als 70.000 Menschen ermordet wurden. Darüber hinaus fehlen hingegen weitere Erinnerungsorte, die an die Leistungen behinderter Menschen erinnern. 17 Vgl. die Online-Angebote des LVR; https://www.lvr.de/de/nav_main/derlvr/geschichte/der_lvr_stellt_sich_seiner_geschichte/inhaltsseite_3 35.jsp sowie https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/euthanasie%22- und-zwangssterilisierungen-im-rheinland-1933–1945/DE-2086/lido/57d1351705eaa2.40921674Seite 25 von 84 18 4.5.6.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten Die Befragten gaben an, dass sie die Gedenkorte auf dem Gelände der LVR-Klinik als wichtig erachten. Allerdings sollten sie mit Veranstaltungen und Vermittlungsformate begleitet werden. Wenn es um die Geschichte von behinderten Menschen gehe, bestehe außerdem eine Forschungslücke, die es zu schließen gilt. 4.5.6.3 Handlungsempfehlungen • Meinungen, Forderungen und Ideen zur Geschichte behinderter Menschen in Bonn fehlten bei der Datenerhebung für dieses Konzept. Diese Lücke gilt es zu schließen und entsprechende Perspektiven müssen eingeholt werden. • Erinnerungskulturelle Formate aller Thema sollten barrierearm gestaltet werden, um möglichst vielen Menschen Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen. • Bestehende Vorarbeiten anderer Institutionen in Bonn, etwa die des LVR, können in Kooperationen ausgebaut werden und mit anderen Orten vernetzt werden. Auf diese Weise werden Zusammenhänge sichtbar und Ereignisse werden nicht als singulär wahrgenommen. • Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das Kriterium des Ableismus gegen behinderte Menschen zu beachten. 4.5.7 Feministische Perspektive auf Erinnerungskultur 4.5.7.1 Einordnung des Themas Frauen sind in der Erinnerungskultur nach wie vor unterrepräsentiert, da das Gedenken häufig traditionelle Ansichten und Perspektiven weitergibt. Feministische „Memory Studies“ nehmen überlieferte Daten und Fakten kritisch in den Blick und fragen nach Ein- und Ausschlüssen. Neben den Feiern einzelner Frauen, werden so auch Strukturen, die Handlungsspielräume ermöglichten oder verschlossen, beleuchtet. Das Projekt „FrauenOrte NRW“ wird im Frühjahr 2024 mit Stelen und Gedenktafeln in Bonn ausgedehnt.18 Das Haus der FrauenGeschichte Bonn und die Gleichstellungsstelle der Stadt Bonn hatten sich erfolgreich für das Projekt FrauenOrte NRW des FrauenRats NRW beworben. Bei der Umsetzung war auch das Stadtmuseum Bonn involviert. Die Arbeit des Hauses der Frauengeschichte e. V. hat zudem in den vergangenen Jahren durch zahlreiche vielbeachtete Ausstellungen und Publikationen wichtige Beiträge für die feministische Erinnerungskultur geleistet. Zudem besteht in Bonn mit dem 1981 gegründeten Frauenmuseum das international erste Museum seiner Art. 4.5.7.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten Befragte äußerten den Wunsch nach einer feministischen Perspektive, die sämtliche Bereiche der Erinnerungskultur durchdringen sollte. Ein erster Schritt in diese Richtung könnte die Schaffung eines umfassenden Kriterienkatalogs sein, anhand dessen die Ehrung von historischen Persönlichkeiten bewertet wird. Dieser Katalog sollte nicht nur rassistische und antisemitische Einstellungen berücksichtigen, sondern auch sexistische und misogyn geprägte Ansichten prüfen. 18 Vgl. https://intranet.bonn.de/pressemitteilungen/februar-2024/grosses-wirken-sichtbar-machen- bonn-bekommt-vier-frauenorte-nrw.php sowie https://www.bonn.de/bonner-frauenorte.Seite 26 von 84 19 Darüber hinaus wurde angemerkt, dass es nach wie vor an umfassender Forschung zur geschlechtsspezifischen Betroffenheit während der Zeit des Nationalsozialismus mangelt, sowie an einer Analyse der Auswirkungen dieser Zeit auf die Wissensbestände der Frauenbewegung. Frauen seien auch in der aktuellen Erinnerungskultur, sei es in Straßennamen oder anderen Erinnerungsorten, weiterhin unterrepräsentiert. Dies spiegele die bestehenden Machtverhältnisse wider, steht jedoch im Widerspruch zu einer Gesellschaft, die Gleichberechtigung anstrebt und sollte daher schnell geändert werden. Konkret sollte in der städtischen Erinnerungskultur eine verstärkte Aufmerksamkeit auf die Errungenschaften von Frauen wie Johanna Kinkel, Johanna Elberskirchen, Gräfin Maria von Linden, Klara Marie Faßbinder und Berta Lungstras gelegt werden. 4.5.7.3 Handlungsempfehlungen • Forschungen zu feministischer Erinnerungskultur beauftragen. • Das Projekt befürwortet das derzeitige Bonner Vorgehen bei Straßenumbenennungen, dass vorrangig Frauen als Namensgeberinnen für Straßen gewählt werden. • Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist das Kriterium der Misogynie zu beachten. • Frauen aus der Bonner Geschichte sollten einen größeren Platz in der städtischen Erinnerungskultur erhalten. • Bei der Erarbeitung von erinnerungskulturellen Formaten soll eine feministische Perspektive beachtet werden. 4.5.8 Queere Perspektive auf Erinnerungskultur 4.5.8.1 Einordnung des Themas Die Geschichte queerer Menschen ist in Bonns Erinnerungskultur bislang nahezu unsichtbar. Doch die Verankerung queerer Geschichte in der städtischen Erinnerungskultur kann ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen und die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt unterstützen. Bundesweit fordern Aktivist*innen, dass die Errungenschaften im Kampf gegen Queerfeindlichkeit stärker gewürdigt werden sollen. Zudem sollten strukturelle Probleme benannt und kritisch beleuchtet werden. Es existiert keine Institution in Bonn, die sich systematisch mit queerer Geschichte auseinandersetzt. In der Vergangenheit wurde erfolgreich mit dem Kölner Centrum für Schwule Geschichte 1981 e. V. zusammengearbeitet, wodurch jedoch nur ein Teilaspekt abgedeckt werden kann. 4.5.8.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten Derzeit gebe es zu wenige Erinnerungsorte, die an die queere Geschichte Bonns erinnern. Beispielsweise sollte die lesbische Feministin Johanna Elberskirchen mehr gewürdigt werden. Auch die Gründung der ersten Frauenverbindung „Verein studierender Frauen Hilaritas Bonn“ im Jahr 1899 ist in diesem Kontext hervorzuheben. Die Befragten gaben an, dass queere Geschichte greifbar und für alle Menschen in Bonn zugänglich gemacht werden solle. 4.5.8.3 Handlungsempfehlungen • Forschungen zur queeren Geschichte beauftragen.Seite 27 von 84 20 • Bei der Überprüfung von Ehrungen von Personen im öffentlichen Raum ist die Kriterien der Queerfeindlichkeit zu beachten. • Entwicklung und Durchführung von Vermittlungsformaten, die verschiedene Aspekte queerer Geschichte zeigen. 4.5.9 Ernst Moritz Arndt 4.5.9.1 Einordnung des Themas Ernst Moritz Arndt (*1769 in Groß Schoritz; † 29. Januar 1860 in Bonn) war ein deutscher nationalistischer und demokratischer Schriftsteller, Historiker und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. 1818 wurde er Professor für Geschichte an der neu gegründeten Universität in Bonn. Er setzte sich unter anderem für die Abschaffung der Leibeigenschaft und für die Pressefreiheit ein. Zugleich beinhalten zahlreiche seiner Schriften jedoch antisemitisches und nationales Gedankengut. Während der NS-Zeit wurde Arndt auch aufgrund dieser Inhalte gefeiert und deutschlandweit mit zahlreichen Straßen- und Institutsbenennungen geehrt. In Bonn wurden während der NS-Zeit bspw. eine Straße und das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (besser bekannt als EMA) nach ihm benannt. Nach 1945 setzte sich die Verehrung zunächst ungebrochen fort. In den letzten Jahren wird Arndt zunehmend als ambivalente Person gesehen. Eine kritiklose Verehrung wird mittlerweile als problematisch eingestuft. Mehrere Institutionen (bspw. Uni Greifswald, Ernst-Moritz-Arndt Kirche Berlin) und Straßen wurden deshalb umbenannt. Die Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft in Garz auf Rügen hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie eine zeitgenössische und kritische Rezeption des Werkes von Ernst Moritz Arndt aussehen kann. In der Vergangenheit gab es eine rege Zusammenarbeit zwischen der Stadt Bonn und der Gesellschaft. So war in den 1990er und 2000er Jahren auch Vertreter der Stadt Bonn im Vorstand der Gesellschaft vertreten. Eine Wiederbelebung und Intensivierung dieser Zusammenarbeit könnte für Bonn neue Impulse für eine zeitgemäße Auseinandersetzung ermöglichen. 4.5.9.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten Ein Bürgerantrag von 2021 fordert, dass die Stadt die „umfassende Ehrung Ernst Moritz Arndts […] kritisch reflektieren sollte“. Der Antrag verweist auf „nationalistische, antisemitische und frankophobe Ressentiments, die es aufzuarbeiten gilt“ und schlägt vor, eine Hinweistafel bei der Arndt-Statue am Alten Zoll anzubringen. Befragte befürworteten eine Hinweistafel und sagten, dass Ernst Moritz Arndt und die zahlreichen Orte, die in Bonn an ihn erinnern19, nicht einseitig, sondern in seiner Ambivalenz dargestellt werden sollten. 4.5.9.3 Handlungsempfehlungen • Konzept zum Umgang mit den Erinnerungsorten an Ernst Moritz Arndt entwerfen, insbesondere zu den Straßenbenennungen und zu Benennungen von Institutionen und Gebäuden. 19 Folgende Orte in Bonn erinnern an Ernst Moritz Arndt: Arndtstraße, An der Arndtruhe, Arndtplatz, Am Arndtplatz, Ernst-Moritz-Arndt-Straße, Ernst-Moritz-Arndt-Haus (Dependance des Stadtmuseums Bonn), Erst-Moritz-Arndt-Gymnasium, Ernst-Moritz-Arndt-Denkmal.Seite 28 von 84 21 • Kooperation mit der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft (Garz/Rügen) zu zeitgenössischer Rezeption und Umgang mit der Person Arndts. 4.5.10 Otto von Bismarck 4.5.10.1 Einordnung des Themas Otto von Bismarck, Preußischer Ministerpräsident (1862‒1890) und Reichskanzler des Deutschen Reiches (1871‒1890), ist eine umstrittene Figur der deutschen Geschichte. Heute gilt er als einer der Wegbereiter des deutschen Kolonialismus. Auch seine Rolle in anderen Bereichen wie etwa der Umgang mit Sozialisten und Katholiken steht in der Kritik. Zudem wird ihm eine antidemokratische Haltung zugeschrieben. Zu Lebzeiten wurde er jedoch verehrt. Nach seinem Tod nahm diese Verehrung kultische Züge an. In Deutschland werden rund 700 Bismarck-Denkmäler geplant und mindestens 500 realisiert. Eine besondere Form des Bismarck-Denkmals stellen die Bismarcktürme dar. In Deutschland entstanden 183 Türme. Erhalten sind bis heute 145. Auch in Bonn gibt es zwei Bismarcktürme. Ein Turm befindet sich am Heimkehrerweg in der Rheinaue, ein weiterer auf der Wacholderhöhe an der Elisabethstraße in Bad Godesberg. Zudem wurden die Bonner Straßen Bismarckstraße, Bismarckallee und Am Bismarckturm nach Otto von Bismarck benannt. 4.5.10.2 Ergebnisse aus den Beteiligungsformaten Befragte kritisierten die bevorstehende Sanierung des Bismarckturms auf der Wacholderhöhe ohne die gleichzeitige Planung einer kritischen Einordung durch eine erklärende Tafel, die zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Bauwerk und auch Bismarck selbst anregen solle. Schülerinnen und Schüler aus der in der Nachbarschaft liegenden des Aloisiuskollegs erklärten sich bereit „in Absprache mit unterschiedlichen Gremien zu diskutieren, inwiefern das Anbringen einer solchen Info-/ oder Gedenktafel möglich ist und im Hinblick auf deren Expertise auch einen schriftlichen Beitrag einzureichen“. 4.5.10.3 Handlungsempfehlungen Die Bereitschaft des Aloisiuskollegs zu einer Aufarbeitung sollte aufgegriffen und unterstützt werden. In Zusammenarbeit mit Schulklassen könnte so eine erklärende Tafel erstellt werden, die an beiden Bismarcktürmen angebracht werden soll.20 20 Kontakt: Simon Wettig, StR a.P. i. E., ALOISIUSKOLLEG, -privates Gymnasium-, Elisabethstraße 18 | 53177 Bonn.Seite 29 von 84 22 5 Erinnerungsorte in Bonn Das kollektive, also das geteilte Gedächtnis einer Stadtgesellschaft manifestiert sich in physisch erlebbaren Erinnerungsorten im Stadtraum wie bspw. Straßen- und Platznamen, Mahnmälern, Denkmälern, Hinweisschildern, Statuen und Friedhöfen. Sie zeigen, wen oder was die Stadtgesellschaft für erinnerungswürdig hält. Zudem haben sie einen großen Einfluss auf den Alltag der Stadtbewohner*innen, da es Orte sind, mit denen Bonner*innen täglich konfrontiert werden. Erinnerungsorte sind immer eingebettet in einen größeren Kontext von Erinnerungskultur und können nicht losgelöst von diesem betrachtet werden. Zwei Kategorien von Erinnerungsorten haben sich als besonders wichtig erwiesen und werden im folgenden einzeln dargestellt: Straßennamen und Friedhöfe. Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de Für die Mehrheit der Teilnehmenden der Online-Umfrage sind Erinnerungsorte im Stadtraum „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ (siehe Grafik). Sie sehen den Mehrwert der Erinnerungsorte darin, Anregungen und Impulse zu setzen, die zur Reflektion und zum Nachdenken anregen. Diese Orte machen die Geschichte greifbarer und erlebbarer, so die Befragten. Einige Teilnehmende wünschen sich jedoch eine wissenschaftliche und exaktere Ausarbeitung dieser Erinnerungsorte im Stadtraum. 57% 37% 0% 2% 1% 3% Wie wichtig sind Ihnen Erinnerungsorte im Stadtraum? Sehr wichtig Eher wichtig Keine Angaben Eher unwichtig Sehr unwichtig UnentschiedenSeite 30 von 84 23 Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de Wie die Grafik verdeutlicht, sind für die Teilnehmenden der Online-Umfrage Gedenktafeln und Hinweisschilder, Denkmäler und Platz-/Straßennamen wichtige Erinnerungsorte. Bei der Frage nach gelungenen Erinnerungsorten im Bonner Stadtraum gaben die Befragten die Stolpersteine wegen ihrer Zugänglichkeit und alltäglichen Konfrontation mit der Geschichte, als auch das Bücherverbrennungsdenkmal am Alten Rathaus an (Vgl. https://www.bonn.de/themen- entdecken/bildung-lernen/buecherverbrennung.php). Als Positivbeispiel galten auch der Alte Friedhof sowie die vielen Erinnerungsorte für Beethoven. Bei der Frage nach Erinnerungsorten, die kritisch hinterfragt werden sollten, wurden das Grab von Lothar von Trotha, Erinnerungsorte für Ernst Moritz Arndt, die Bismarck-Türme und kriegsverherrlichende Straßennamen und Denkmäler genannt. Straßennamen als Erinnerungsorte 5.1.1 Einordnung des Themas Platz- und Straßennamen sind mehr als nur räumliche Orientierungshilfen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Politisierung des öffentlichen Raums. Seitdem werden Straßen und Plätze nach Persönlichkeiten, Orten und Ereignissen, die als erinnerungswürdig gelten, benannt. Sie bieten also nicht nur eine räumliche, sondern auch eine kulturelle Orientierung. Als Symbole der Wertschätzung und Ehrung zeigen sie, welche Menschen, Orte und Ereignisse die Gesellschaft als vorbildhaft und damit sinn- und identitätsstiftend ansieht oder ansehen soll. Platz- und Straßennamen sind 0 10 20 30 40 50 60 70 Welche Erinnerungsorte im Stadtraum sind Ihnen wichtig?Seite 31 von 84 24 also Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Stadtgesellschaft und prägen die städtische Erinnerungskultur. In den letzten Jahren kam es bundesweit in vielen Städten, in der Bürgerschaft und in politischen Gremien zu Diskussionen über Platz- und Straßennamen, die aus heutiger Sicht Anlass für eine kritische Auseinandersetzung geben. Auch der Deutsche Städtetag befasste sich mit der Benennung von Plätzen und Straßen und veröffentlichte 2021 eine Handreichung.21 Der Umgang mit Diskussionen um Platz- und Straßenbenennungen ist unterschiedlich. Festgehalten werden kann jedoch, dass Umbenennungen häufig auf Empfehlungen von Expertenkommissionen vorgenommen werden. Grundlegend ist zudem die Ermöglichung einer transparenten Diskussion vor Ort. Dies wird beispielsweise durch die Einrichtung von Bürgerforen ermöglicht. Die Entscheidung über die Benennung von Straßen und Plätzen obliegt letztendlich den politisch Verantwortlichen. 5.1.1.1 Bestandsaufnahme und Darstellung des aktuellen Bearbeitungsstands Angestoßen durch zivilgesellschaftliches Engagement wurden in Bonn bereits mehrere Straßen aufgrund von belastenden Bezügen zum Kolonialismus und NS-Regime umbenannt.22 Zudem wurden Straßennamen mit Kontextschildern zu kritischen Einordnung versehen.23 Die Organisation dieser Kontextualisierungen und Umbenennungen obliegt der Verwaltungs- und Beitragsabteilung (63-1) des Bauordnungsamts (63). Zu weiteren Platz- und Straßennamen liegen Anträge von Bürger*innen vor. Der Bürger*innenausschuss beschloss im Jahr 2019 die Umbenennung aller NS-belasteten Straßennamen. Mit der Einrichtung des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ durch den Ratsbeschluss vom 01.09.2020 wurde dieser Beschluss erweitert. Alle Straßennamen sollen demzufolge auf belastete Bezüge zu Gewalt, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus geprüft werden, die sich beispielweise in historischen Phänomenen und Gewaltherrschaften wie Kolonialismus bzw. Postkolonialismus oder Nationalsozialismus zeigen. Im Bonn gibt – Stand 2022 – 2242 Straßen und Plätze. Um diese systematisch überprüfen zu können, wurde im Rahmen des Projekts „Aktive Erinnerungskultur“ eine Prioritätenliste erstellt (siehe Anhang 7.2). Zudem wurde ein Kriterienkatalog (siehe Anhang 7.3) erarbeitet, nach dem für jeden Straßen- oder Platznamen aktuell 21 Deutscher Städtetag (2021): Straßennamen im Fokus einer veränderten Wertediskussion. Handreichung des Deutschen Städtetages zur Aufstellung eines Kriterienkataloges zur Straßenbenennung. Online verfügbar unter: https://www.staedtetag.de/publikationen/weitere-publikationen/2021/handreichung-strassennamen. 22 Karl-Petersstraße (benannt 1938 nach dem Kolonialverbrecher Karl Peters, umbenannt 1996 in Yalovastraße), Walter-Flex-Straße (benannt 1938 nach dem nationalistischen Kriegslyriker Walter Flex, umbenannt 2017 in Genscherallee), Hindenburgplatz (benannt 1931 nach Paul von Beneckendorf und von Hindenburg, der als Wegbereiter des Faschismus in Deutschland gilt, umbenannt 2021 in Loki-Schmidt-Platz), Hindenburgallee (benannt 1937 nach Paul von Beneckendorf und von Hindenburg, der als Wegbereiter des Faschismus in Deutschland gilt, umbenannt 2022 in Elisabeth-Selbert-Allee). 23 Die 1937 nach der Schlacht von Langemark bekannte Langemarckstraße wurde 1997 beispielsweise mit einem Kontextschild versehen, das die Benennung kritisch einordnet.Seite 32 von 84 25 Handreichungen erstellt werden. Diese Handreichungen beinhalten eine kurze Darstellung und Einordung zu den Hintergründen der Benennungen und listen zudem Quellenmaterial auf. Sie sollen als Grundlage dienen, um eine Diskussion über den Umgang mit den entsprechenden Benennungen führen zu können. Alle 63 Straßennamen, die während der NS-Zeit be- oder umbenannt wurden, wurden einer Kurzprüfung unterzogen. 32 Straßennamen wurden in der Folge für eine genauere Überprüfung ausgewählt. Zu 17 Straßennamen liegen Handreichungen vor. Für die Erarbeitung einer Handreichung muss mit einem Aufwand von ca. 15 Arbeitsstunden gerechnet werden. Die Erarbeitung der Handreichung setzt eine Grundlagenrecherche vor raus, für die, neben einer Literaturrecherche, Quellen aus verschiedenen Archiven angefragt und ausgewertet werden müssen. Zudem muss der Umgang mit dem zu überprüfenden Straßennamen in anderen Städten untersucht werden. Die Erarbeitung solcher Handreichungen ist deshalb nicht neben dem Tagesgeschäft zu stemmen.24 5.1.1.2 Umgang mit Platz- und Straßenbenennungen Die Handreichung des Deutschen Städtetags legt fest, dass einer Umbenennung von Plätzen und Straßen ein sorgfältiger Abwägungsprozess vorausgehen muss. Der Anspruch eine Erinnerungskultur zu etablieren, die demokratische Grundprinzipien unterstützt und Diskriminierungsfreiheit anstrebt, muss gefolgt werden. Zugleich muss der Aufwand der Anwohner*innen bei einer Umbenennung sowie die Auswirkungen auf das „kommunikative Alltagsgedächtnis“ miteinbezogen werden. Umbenennung ist nur eine von verschiedenen Möglichkeiten. Das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ hat innerhalb verschiedener Beteiligungsformate nach den Wünschen der Bonner Bürger*innen zum Umgang mit strittigen Straßen- und Platzbenennungen gefragt, die im Folgenden dargestellt werden. 24 Das Vorgehen anderer Städte ist unterschiedlich. In Freiburg wurden, so wie es auch für Bonn vorgesehen ist, alle Straßen- und Platzbenennungen überprüft. Hierfür wurde ein Historiker angestellt und ein Gremium aus 9 Personen gebildet. Dieses tagte insgesamt 18-mal. Die Überprüfung dauerte 3 Jahre (2013 bis 16). Andere Städte wie bspw. Offenburg, Hannover, Bremerhaven, Mainz, Münster, Oldenburg und Uelzen konzentrierten sich auf Bezüge zur nationalsozialistischen Zeit. Die Dauer der Überprüfungen betrug zwischen 2 und 5 Jahren. Aktuell werden in mehreren Städten Überprüfungsverfahren durchgeführt. In Köln verfassen bspw. 4 Historiker*innen ehrenamtlich Gutachten zu Straßennamen. Diese greifen auf eine umfassende Grundlagenrecherche von NS-Dokumentation und dem Historischen Archiv der Stadt Köln zurück. Innerhalb von 1,5 Jahren sind so bislang 20 Gutachten entstanden.Seite 33 von 84 26 5.1.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate Grafik: Antworten aus der Online-Umfrage auf Bonn-macht-mit.de Die Teilnehmenden der Online-Umfrage wünschen sich Hinweisschilder und QR-Codes, weil sie zu einer kritischen und vertieften Auseinandersetzung mit den Themen animieren. Viele waren der Meinung, dass es bei extremen Fällen auch zu Umbenennungen von Straßen oder Entfernungen von Denkmälern kommen sollte, dies jedoch vorher gut geprüft werden müsse. Die Sorge besteht jedoch für einige der Befragten, dass ein Umbenennen oder Entfernen zum Vergessen führen könnte, ein unkommentiertes Stehenlassen jedoch zum Reproduzieren des Gedankenguts. In den Gesprächen mit den lokalen Akteur*innen wurde deutlich, dass der Umgang mit einem Straßennamen stark kontextabhängig ist und jeweils individuell entschieden werden müsse. Je nach Kontext sollte diskutiert werden, ob die Straße umbenannt, kommentiert oder belassen werden sollten. Viele Befragte betonten, dass sie Erklärungen, Bewusstmachung und Diskussionen rund um Straßennamen begrüßen und diese in den meisten Fällen einer Umbenennung bevorzugen. Viele Befragte schätzen die Zusatzschilder unter den Straßennamen. Sie befürworten auch die Idee eines QR-Codes am Straßennamen, der eine umfassende Online- Informationsquelle zur Hintergrundgeschichte der Straßenbenennung bereitstellen könnte. Sie verdeutlichten aber, dass dieser QR-Code stets durch eine kurze Erläuterung vor Ort ergänzt werden sollte. Als Beispiel für ein solches Vorgehen kann das Projekt „Straßennamen in der Diskussion“ der Stadt Tübingen dienen.25 Eine 25 Vgl. https://www.tuebingen.de/strassennamen-in-der-kritik.Seite 34 von 84 27 Expert*innenkommission untersucht anhand verschiedener Kriterien kritische Straßennamen. Neben Vorschlägen zur Umbenennung wurden auch Straßennamen lokalisiert, die diskussionswürdig sind. In der Projektbeschreibung heißt es dazu: „Straßennamen, die nicht umbenannt werden sollen, deren Namensgeber_innen aber von der Kommission als diskussionswürdig erachtet werden, sollen dennoch weiterhin im Stadtbild sichtbar sein. Zu diesem Zweck wurde in die Pfosten der betreffenden Straßenschilder symbolisch ein Knoten „geknüpft“. Er weist prägnant darauf hin, dass hier etwas zur Diskussion steht. Über einen QR-Code gelangen Interessierte zur ausführlichen Kommentierung des Straßennamens.“26 Auf diese Weise wird die Stadtgesellschaft auf die Diskussionswürdigkeit des Namens hingewiesen und kann aktiv an einem Meinungsfindungsprozess teilnehmen. Im Falle von Straßenumbenennungen sollten bevorzugt weibliche Namen gewählt werden. Es sollten zudem Namen aus dem gleichen Kontext gewählt werden wie zuvor, um Geschichte an diesem Ort weiterhin besprechen und diskutieren zu können. Beispielweise könnte eine*n NS-Täterin mit eine*n NS-Widerstandskämpfer*in ersetzt werden, sodass deutlich wird, welcher Person eine Ehrung zukommt. Des Weiteren brachten Befragte ihre Besorgnis zum Ausdruck, dass zu viele Straßenumbenennungen dazu führen könnten, dass die Geschichte getilgt oder ausradiert werde. Sie warnten davor, die Geschichte unsichtbar zu machen, indem Straßen mit positiven unhistorischen Namen bestückt werden. Vielmehr sollten Straßennamen bestehen bleiben, um Geschichte erklärbar und diskutierbar zu machen. In die Kriterien zur Straßennamenbewertung müsse neben der Person/dem Ereignis/dem Ort, nach dem die Straße benannt ist, auch der Benennungskontext berücksichtigt werden. 5.1.3 Handlungsempfehlungen • Fortführung der systematischen Aufarbeitung der Platz- und Straßenbenennungen auf Grundlage des entwickelten Kriterienkatalogs. • Hierfür müssen die nötigen zeitlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, indem ein*e Historiker*in, der*die ausschließlich für die Aufarbeitung der Straßennamen zuständig ist, eingestellt wird. Alternativ kann auch der Auftrag zur Aufarbeitung über Honorarverträge erteilt werden. • Entwicklung und Durchführung von Vermittlungsformaten zur Darstellung der Ergebnisse der Aufarbeitung. • Entwicklung von Kontextualisierungsmöglichkeiten. • Einrichtung eines Gremiums, das Platz- und Straßennamen diskutiert und Empfehlungen zur Umbenennung oder Kontextualisierung an die Politik ausspricht. Dieses Gremium muss Expert*innen, die von der jeweiligen Diskriminierungsform betroffen sind, einschließen. • Wenn eine Umbenennung stattfindet, müssen am Ort der Umbenennung (und darüber hinaus) Vermittlungsformate entwickelt werden, die über den alten und den neuen Namen informieren und warum die Umbenennung stattgefunden hat. 26 Ebd.Seite 35 von 84 28 Wenn eine Umbenennung stattfindet, soll der neue Namen einen Bezug zur alten Benennung aufweisen, damit Geschichte nicht unsichtbar gemacht wird.27 • Entwicklung von Formaten, die vorbildhafte Benennungen von Platz- und Straßennamen in den Fokus rücken. • Zukünftig sollten Straßen und Plätze vorrangig nach Personen benannt werden, denen bislang wenig Platz in der Erinnerungskultur eingeräumt wurde. Friedhöfe als Erinnerungsorte 5.2.1 Einordnung des Themas Friedhöfe sind als Orte der letzten Ruhe verstorbener Menschen Erinnerungs- und Gedenkorte, die zur Trauerbewältigung und Vergegenwärtigung vergangener Generationen genutzt werden.28 Sie dienen jedoch nicht nur der individuellen Erinnerung, sondern sind auch Teil des kollektiven Gedächtnissens und Lernorte. Dies zeigen beispielsweise die Einrichtung von Ehren- und historischen Gräbern und die Aufstellung von Gedenksteinen.29 Auch kulturelle Veranstaltungen, wie Feierlichkeiten zum Gedenken an wichtige historische Personen oder auch die Durchführung von Friedhofsführungen unterstreichen ihren Charakter als Teil des kollektiven Gedächtnisses. Aktuell lässt sich ein Wandel in der Trauerkultur feststellen, der Friedhöfe vor die Herausforderung stellt, auf diesen Wandel zu antworten. Erinnerungsorte, die sich auf vielen Deutschen Friedhöfen finden und diskutiert werden, sind Denkmäler an die beiden Weltkriege. Oft werden ausschließlich Soldaten geehrt und andere Kriegsopfer ausgeblendet. Zudem wird der Tod im Krieg als Heldentod glorifiziert. Diese Art des Gedenkens wird heute als problematisch eingeordnet. Anders verhält es sich mit den Opfergräbern von Krieg und faschistischer Gewalt. Es handelt sich hierbei beispielsweise um Gräber von Zwangsarbeiter*innen und ihren Kindern, zivilen Opfern, Soldaten der ehemaligen Feinde und deutsche Soldaten. Auch diese Gräbergruppe sind wichtige Erinnerungsorte. 5.2.1.1 Bestandaufnahme und Darstellung des aktuellen Bearbeitungsstands In Bonn gibt es 40 Friedhöfe. Die Pflege und Verwaltung der Friedhöfe obliegt der Abteilung Planung, Bau, Pflege Friedhöfe (67-13) des Amtes für Umwelt und Stadtgrün (67). Mehrere Anfragen von Bürger*innen beziehen sich auf den Umgang mit Erinnerungsorten auf Bonner Friedhöfen. 27 Beispielweise sollten Straßennamen von Menschen, die das koloniale System unterstützt hatten durch Namen von Menschen ersetz werden, die Widerstand gegen koloniale Strukturen leisteten. 28 2020 ist auf Empfehlung der Deutschen UNESCO-Kommission die „Deutsche Friedhofskultur“ in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Siehe hierzu: Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (2023): Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe. Online verfügbar unter: IKE_Verzeichnis_2023_web.pdf (unesco.de). 29 Zum Denkmalschutz auf Friedhöfen siehe auch: LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland (2019): Friedhöfe unter Denkmalschutz: Erhaltung – Anforderungen – Perspektiven. Online verfügbar unter: Friedhöfe unter Denkmalschutz: Erhaltung – Anforderungen – Perspektiven (lvr.de).Seite 36 von 84 29 5.2.1.1.1 Grab Lothar von Trotha Der Umgang mit der Grabstätte Lothar von Trothas im denkmalgeschützten Bereich auf dem Poppelsdorfer Friedhof wird bereits seit einiger Zeit diskutiert. Der Generalleutnant Lothar von Trotha löste den Genozid an OvaHerero und Nama in der Kolonie Deutsch- Südwestafrika aus. Aktuell findet sich am Grab oder in der Nähe keine Hinweise auf die Kriegsverbrechen von Trothas. Es liegen mehrere Anfragen von Bürger*innen vor, die eine kritische Auseinandersetzung mit der Grabstätte fordern. Am Grab selbst finden immer wieder Aktionen ohne Beteiligung der Stadt Bonn statt. 5.2.1.1.2 Ehrenmahl auf dem Poppelsdorfer Friedhof Das Ehrenmahl, das die Skulptur eines sterbenden deutschen Soldaten und die Aufschrift „UNSEREN HELDEN 1914–1918 1939–1945“ trägt, kann als Glorifizierung des Tods im Krieg eingeordnet werden. Zugleich werden andere Kriegsopfer ausgeblendet. Ein Antrag fordert die Umwidmung des Denkmals für die „Opfer der Gewaltherrschaft“, da „dieses Denkmal […] nicht repräsentativ für unsere Gesellschaft [ist]. Es ist vielmehr unzeitgemäß naiv, nationalistisch und europafeindlich.“ 5.2.1.1.3 Kennzeichnung historischer Gräber Es befinden sich 3.100 historische, denkmalgeschützte und Ehrengrabstellen auf Bonner Friedhöfen. Ehrengrabstellen werden nach dem Tode eines Ehrenbürgers der Bundesstadt Bonn von dieser angeboten. Die Bundesstadt Bonn beteiligt sich an der Bestattungsfeier und die Grabstätten werden auf Dauer kostenlos von der Stadt gepflegt. Eine nachträgliche Ernennung zum Ehrengrab, wurde zwar in der Vergangenheit durchgeführt, ist aber nicht vorgesehen.30 Grabstätten, die aus stadthistorischen, denkmalpflegerischen oder künstlerischen Gründen erhaltenswert sind, werden als „historische Gräber“ eingestuft. Die Bundesstadt Bonn ist berechtigt, historische Gräber nach Ablauf der Ruhefrist bzw. nach Erlöschen des Nutzungsrechtes zu übernehmen. Auch diese Grabstätten werden von der Bundesstadt Bonn erhalten und gepflegt.31 Ehrengrabstellen und historische Gräber sind aktuell nicht einheitlich gekennzeichnet. Am Beispiel der Grabstätte Wilhelmy arbeitete das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ eine Vorlage aus (siehe Anhang 7.4), wie historische Gräber zukünftig gekennzeichnet werden können. 5.2.1.1.4 Gräber von Zwangsarbeiter*innen und ihren Kindern Wichtige Erinnerungsorte an Zwangsarbeiter*innen und ihre Kinder finden sich auch auf Bonner Friedhöfen. Auf dem Bonner Nordfriedhof befindet sich ein Feld von 94 Gräbern in denen sowjetische und weitere osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und Kriegsgefangenen sowie deren Kinder bestattet wurden. Auf dem Beueler Friedhof am Platanenweg findet sich die Grabstätten von 40 Frauen und Männern sowie 20 Kindern aus Osteuropa, die zwischen 1943 und 1945 in Beuel 30 § 34 Abs. 1 der Friedhofssatzung der Stadt Bonn 31 § 34 Abs. 2 der Friedhofssatzung der Stadt Bonn.Seite 37 von 84 30 starben. Im Jahr 2016 wurde auf Initiative der Beueler Initiative gegen Fremdenhass eine Stele zum Gedenken an die verstorbenen Zwangsarbeiter*innen und ihre Kinder aufgestellt. Auf Grund eines Bürger*innen Antrags beschloss die Bezirksvertretung Bad Godesberg, das Projekt „Aktive Erinnerungskultur“ mit der Ausarbeitung eines Konzepts zum Gedenken an Zwangsarbeiter*innen zu beauftragen.32 5.2.2 Ergebnisse der Beteiligungsformate Ein zentrales und dringliches Anliegen der Befragten in Bezug auf die Bonner Friedhöfe ist das bereits angesprochene Grab von Lothar von Trotha (siehe Kapitel Erinnerung an die Kolonialgeschichte). Ein weiteres wichtiges Anliegen in Bonn ist derzeit der Umgang mit Ehrungen von Soldaten verschiedener Kriege. Denkmäler wie das Kriegerdenkmal „Unseren Helden“ auf dem Poppelsdorfer Friedhof stehen in der Kritik.33 Es wird als nationalistisch, militaristisch und europafeindlich kritisiert. Ein Bürgerantrag aus dem Jahr 2021 legt nahe, dass das Denkmal in ein „Denkmal für die Opfer der Gewaltherrschaft“ umgewidmet werden solle. Andere Befragte fordern eine Kontextualisierung oder Infragestellung der Kriegerdenkmäler, um zu verdeutlichen, dass die Motive, für die die Soldaten gestorben sind, heute als verwerflich angesehen werden. 5.2.3 Handlungsempfehlungen • Entwicklung eines ämterübergreifenden Rahmenkonzepts, das Möglichkeiten und Grenzen erinnerungskultureller Aktionen auf Bonner Friedhöfen festsetzt. • Entwicklung und Durchführung von Diskussionsformaten zum Grab Lothar von Trothas mit dem Ziel einen adäquaten Umgang mit der Grabstätte zu finden. • Aufstellung einer Liste aller Ehrenmäler in Bonn sowie die Entwicklung und Durchführung von Diskussionsformaten mit dem Ziel einen adäquaten Umgang mit Ehrenmälern zu finden. • Kennzeichnung weiterer historischer Gräber, um die Sichtbarkeit der Stadtgeschichte auf den Friedhöfen zu stärken. • Integration der Grabstätten von Zwangsarbeiter*innen und ihren Kindern in das Konzept zum Gedenken an Zwangsarbeiter*innen in Bonn. • Das Zentrum für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen hat bereits begonnen mit der Friedhofsverwaltung ein Konzept für eine digitale Erinnerungsplattform zu erarbeiten. Dies soll fortgeführt werden. 32 Der Bürgerantrag (DS 221875) wurde in der Sitzung der Bezirksvertretung Bad Godesberg am 18.01.2023 in veränderter Form beschlossen (DS 190460). 33 Weitere Kriegerdenkmäler befinden sich auf dem Alten Friedhof Bonn (für den Deutsch- Französischen Krieg 1870/71); auf dem Friedhof Bonn-Beuel (für den 1. und 2. Weltkrieg); auf dem Bad Godesberger Burgfriedhof (eine Kriegsgräberstätte, 1. Weltkrieg); auf dem Zentral-Friedhof in Bad Godesberg (Kriegsgräberstätte, 1. und 2. Weltkrieg). Kriegerdenkmäler finden sich auch außerhalb von Friedhöfen, beispielsweise das Kriegerdenkmal Bonn-Kessenich; zwei Kriegerdenkmäler im Baumschulwäldchen (je für den 1. und 2. Weltkrieg); ein Kriegerdenk
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bonn.social/@biz ↗Datenstand: 02.11.2026, 21:26 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de