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232238 · Bürgerantrag § 24 GO - Öffentlich

Bürgerantrag: Gedenktafel für Wilhelm Marx am Wohnhaus Reuterstraße 115 und Umbenennung eines Platzes im Bereich zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße

Nummer
232238
Art
Bürgerantrag § 24 GO - Öffentlich
Veröffentlicht
30.11.2023
Letzte Änderung
16.09.2026
  1. Einreichung erledigt · 30.11.2023
  2. Terminierung erledigt
  3. Sitzung erledigt · zuletzt 09.04.2024

Soweit erfasst. Das Ergebnis der Beratung ist in den Daten nicht enthalten. Das vollständige Verfahren →

  1. Sitzung der Bezirksvertretung Bonn 09.04.2024 Entscheidung federführend
  1. Sammeldokument öffentlich pdf · 1,6 MB Öffnen ↗

Untergeordnet

  1. 232238-01 ST Bürgerantrag: Gedenktafel für Wilhelm Marx am Wohnhaus Reuterstraße 115 und Umbenennung eines Platzes im Bereich zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße
  2. 232238-02 Aufnahme Wilhelm Marx in die Benennungsliste

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Bürgerantrag § 24 GO - Öffentlich
öffentlich
232238
Die Oberbürgermeisterin
Federführung:
Geschäftsbereich OB-2: Strategische Programmsteuerung
Dezernat:
Dez. OB
Bürgerantrag: Gedenktafel für Wilhelm Marx am
Wohnhaus Reuterstraße 115 und Umbenennung
eines Platzes im Bereich zwischen Bonner Talweg,
Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße
Beratungsfolge
Bezirksvertretung Bonn 30.01.2024 Entscheidung
Inhalt des Bürgerantrages
Der Antrag hat folgenden Wortlaut:
Ich stelle folgenden Bürgerantrag §24 GO:
1. am Wohnhaus Reuterstr. 115, 53113 Bonn des dort bis zu seinem Tod am 5.
August 1946 lebenden mehrfachen Reichskanzlers Wilhelm Marx möge eine
würdevolle Gedenk- und Erinnerungstafel angebracht werden.
2. Das Plätzchen zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-
Straße soll in Wilhelm-Marx-Platz umbenannt werden.
Einzelheiten zur Begründung ergeben sich aus dem beigefügten Bürgerantrag.
Anlage/n
1 Bürgerantrag - komplett (nichtöffentlich)
2 Bürgerantrag (öffentlich)
3 Anlage (öffentlich)Seite 1 von 3
Von:
Gesendet: Montag, 27. November 2023 11:58
An: Dörner, Katja (Dez_OB) <katja.doerner@bonn.de>; Bürgerbüro Bonn <buergerbuero@Bonn.de>;
vl_bezvst_bonn_bv-bonn <bezvst.bonn@bonn.de>
Betreff: Re: Bürgerantrag § 24 GO: Gedenktafel für Wilhelm Marx an Reuterstr. 115,
Straßenumbenennung
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren der
Bezirksvertretung Bezirk Bonn,
Ich stelle folgenden Bürgerantrag §24 GO:
1. am Wohnhaus Reuterstr. 115, 53113 Bonn des dort bis zu seinem Tod am 5. August 1946
lebenden mehrfachen Reichskanzlers Wilhelm Marx möge eine würdevolle Gedenk- und
Erinnerungstafel angebracht werden.
2. Das Plätzchen zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße soll in
Wilhelm-Marx-Platz umbenannt werden.
Wilhelm Marx war einer der bedeutensten deutschen Persönlichkeiten und Politiker des 20.
Jahrhunderts für das Rheinland, für Preußen und die Weimarer Republik, integer und in seiner
Grundhaltung vorbildlich. Eine Ehrentafel fehlt. In der Wikipedia wird Marx, nicht zu
verwechseln mit dem ebenfalls bedeutenden Düsseldorfer Oberbürgermeister gleichen
Namens, angemessen dargestellt: "Wilhelm Marx (* 15. Januar 1863 in Köln; † 5. August
1946 in Bonn) [...] In der Zeit des Nationalsozialismus verbrachte er zurückgezogen seinen
Ruhestand. Er wohnte in Bonn in der Reuterstraße 115"
(https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Marx). Heute (FAZ 27.11.2023, S.6) erinnert der
Historiker Prof. Dr. Ulrich von Hehl in der F.A.Z. in einem Essay an diesen "vergessenen
Nothelfer" (im Anhang).
Ich fahre täglich mit dem Rad an diesem Haus vorbei und wundere mich seit langem, dass
dort ein Hinweis auf diesen großen Bonner Bürger fehlt. Von Hehls letzter Satz in seinem
heutigen Essay darf zu denken geben: "Lediglich eine unbedeutende Wohnstraße in seiner
Vaterstadt Köln trägt seinen Namen, in Bonn, seinem Altersruhesitz, nicht einmal das."
Daher beantrage ich über das Anbringen einer Gedenktafel am Haus Reuterstr. 115 hinaus
zweitens die Umbenennung des Plätzchens zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und
Heinrich-Körner-Straße in Wilhelm-Marx-Platz - naheliegend, weil dieser Platz gegenüber
dem Wohnhaus Marx liegt; ferner passt der christliche Zentrumskanzler Marx zum
christlichen Zentrumsgewerkschafter und quasi Nachbarn in der Reuterstraße 153 Körner. Ein
Hindenburgplatz kommt ja nicht mehr in Frage...
Mit freundlichen GrüßenSeite 2 von 3
SeIte 6 · mONtAG, 27. NOVemBeR 2023 · NR. 276 Ereignisse und Gestalten FRANKFURteR ALLGemeINe ZeItUNG
Am 30. November 2023
jährt sich zum hunderts-
ten mal der tag, an dem
nach dem Sturz der gro-
ßen Koalition unter
Reichskanzler Gustav
Stresemann ein mann an die Spitze der
Regierung trat, den es nie nach der Kanz-
lerschaft gedrängt hatte: Wilhelm marx,
der Vorsitzende der katholischen Zen-
trumspartei, übernahm die Leitung eines
minderheitskabinetts, weil die zerstritte-
nen Parteien zu einer mehrheitsbildung
nicht in der Lage waren.
Im Augenblick höchster Gefahr für die
noch junge Republik glaubte der 1921
zum Senatspräsidenten am Berliner
Kammergericht ernannte Jurist, sich dem
Ruf des sozialdemokratischen Reichsprä-
sidenten Friedrich ebert nicht versagen
zu dürfen: Im Westen drohte nach der Be-
setzung des Ruhrgebiets durch Franzosen
und Belgier die Abtrennung des Rhein-
lands. Dessen Verbleib im Reichsverband
war marx, einem strikten Gegner jedwe-
der Separationsbestrebungen, ein Her-
zensanliegen. In der mitte und im Süden
Deutschlands wurde der Bestand des Rei-
ches durch schwere Verfassungskonflikte
mit Sachsen, thüringen und vor allem
Bayern infrage gestellt: Der Hitler-Putsch
vom 9. November lag erst wenige Wo-
chen zurück; die Haltung der Bayerischen
Staatsregierung und des von ihr „in
Pflicht genommenen“ bayerischen teils
der Reichswehr waren mehr als zweifel-
haft. Zu allem Überfluss hatten die wirt-
schaftliche Notlage des Reiches ihren
tief- und gleichzeitig die Hyperinflation
ihren Höhepunkt erreicht.
Die noch unter der Kanzlerschaft Stre-
semanns in Gang gesetzten maßnahmen
zur Stabilisierung der Währung drohten
zu scheitern. Unter diesen Umständen
sprang marx als „Nothelfer“ ein. er galt
zwar nicht als starke Führungspersön-
lichkeit, besaß aber in hohem maße die
Autorität des „ehrlichen maklers“, auf-
grund derer ihm schon 1921/22der Frak-
tions- und der Parteivorsitz des Zentrums
zugefallen waren, nachdem die Partei in-
nerhalb weniger Wochen vier ihrer füh-
renden Politiker verloren hatte.
marx, 1863 in Köln als Sohn eines
Volksschulrektors geboren und in einem
streng katholischen elternhaus aufge-
wachsen, war durch Bismarcks Kultur-
kampf, wie übrigens auch der dreizehn
Jahre jüngere Konrad Adenauer, in das
Zentrum gleichsam hineingeboren. Als
junger Rechtsreferendar hatte er 1887
Ludwig Windthorsts berühmter Septen-
natsrede im Kölner Gürzenich beige-
wohnt und in seinem neun Jahre älteren
Kartellbruder Carl trimborn, seit 1894
Vorsitzender der Rheinischen Zentrums-
partei, seinen politischen Ziehvater ge-
funden. 1899 wurde marx in das Preußi-
sche Abgeordnetenhaus gewählt, seit
1910 gehörte er zugleich, als Doppel-
mandatar, dem Deutschen Reichstag an.
mit der ihm eigenen Gewissenhaftig-
keit nahm marx seine parlamentarischen
Verpflichtungen, die ihn oft wochenlang
von seiner Familie fernhielten, sehr ernst.
Sein besonderes Interesse galt Schul- und
erziehungsfragen; es führte ihn 1911 im
vorpolitischen Raum zur Gründung der
Katholischen Schulorganisation. Im Par-
lament blieb er jedoch ein mann des zwei-
ten Gliedes, bis der personelle engpass
des Zentrums ihn 1921 an die Spitze von
Fraktion und Partei katapultierte. Damit
rückte er in die erste Reihe jener, die bei
den häufigen Regierungskrisen nach Lö-
sungen suchen mussten.
Dass die Kanzlerschaft im Herbst 1923
(nach Constantin Fehrenbach und Joseph
Wirth) abermals einem Zentrumspoliti-
ker übertragen wurde, war kein Zufall. Im
Weimarer Parteienspektrum verkörperte
das Zentrum als einzige den typus der
Volkspartei. Seine Wählerschaft rekru-
tierte sich aus allen sozialen Schichten
des (katholischen) Bevölkerungsdrittels.
Daher musste das Zentrum den politi-
schen Kompromiss schon um des inner-
parteilichen Zusammenhalts wegen
praktizieren. es war gleichsam die gebo-
rene „Partei der mitte“, gleichermaßen
anschlussfähig nach (gemäßigt) rechts
wie links, sofern die Anerkennung der
Reichsverfassung nicht infrage stand.
Von den zwanzig meist kurzlebigen Re-
gierungen der „Weimarer lnstabilitätsre-
publik“ (Rudolf morsey) waren am ende
immerhin zehn von einen Zentrumspoli-
tiker geführt worden.
Bei der Übernahme der Kanzlerschaft
galt marx als die „gewinnende, versöhnli-
che Persönlichkeit, die man braucht,
wenn die streitenden Parteien keine
möglichkeit sehen, durch einen Sieg die
entscheidung herbeizuführen“, aber
„unter allen Umständen zu einer gütli-
chen einigung kommen“ müssten. Daher
wurde er noch drei weitere male, nämlich
1924/25,1926und 1927/28,mit der Kanz-
lerschaft betraut. Unter den Weimarer
Kanzlern war der Rheinländer derjenige
mit der längsten Amtszeit.
mit seinen ersten beiden minderheits-
kabinetten gelang es, mit beispiellos har-
ten Notverordnungen eine wertbeständi-
ge Goldmarkwährung einzuführen, den
Reichshaushalt nahezu auszubalancieren
und die Wirtschaft wiederzubeleben. mit
den frondierenden Regierungen in Dres-
den, erfurt und münchen kam es nach
geduldigen, beiderseits auf Gesichtswah-
rung bedachten Verhandlungen zu einer
einigung. Sichtlich beruhigend wirkte
die Person des neuen Reichskanzlers
auch auf die angespannte Situation an
Rhein und Ruhr.
Die unter Stresemann aufgekomme-
nen „Versackungsgerüchte“ verstumm-
ten, und mit einsetzender wirtschaftli-
cher erholung lösten sich auch die mit
französischer Hilfe operierenden Separa-
tistenbünde auf. Zum Jahresende 1924
den und hatte ihm von innerparteilichen
Kritikern den Vorwurf eingetragen, sei-
nem Kurs untreu geworden zu sein. Auch
schritt der Zerfall der Partei in partikula-
re Interessengruppen fort. Der Appell an
die alten Zentrumsideale des allgemei-
nen Staatswohls und des einvernehmli-
chen Interessenausgleichs verfing nicht
mehr. Im Streit um die Reform der Beam-
tenbesoldung kam es ende 1927zu hefti-
gen Auseinandersetzungen mit dem Ge-
werkschaftsflügel der Partei, bei denen
sich namentlich Adam Stegerwald zu
persönlichen Angriffen auf marx hinrei-
ßen ließ. Das untergrub die Stellung des
Reichskanzlers und Parteivorsitzenden
und bestärkte marx gerade auch in Ver-
bindung mit dem gleichzeitigen Schei-
tern des Reichsschulgesetzes in dem ent-
schluss, sich von seinen politischen Äm-
tern zurückzuziehen.
Ohne Zweifel wurde sein Rückzug
durch eine langwierige erkrankung be-
fördert. er trägt aber auch alle Anzeichen
der Resignation, zumal er ein ergebnis
gravierender innerparteilicher Gewichts-
verschiebungen im Zentrum war. marx
hatte sie als Verfechter der „reinen, von
keinerlei Standes- und persönlichen Inte-
ressen getrübten Zentrumsidee“ nicht
aufhalten können. es ist bezeichnend,
dass das Zentrum seinen Auseinanderfall
nur durch die Wahl eines über den Partei-
flügeln stehenden Geistlichen, des trie-
rer Prälaten Ludwig Kaas, glaubte ver-
hindern zu können.
Nach dem Rückzug aus
der politischen Verant-
wortung wurde es rasch
ruhig um Wilhelm
marx. Bis 1932 gehörte
er noch als einfacher
Abgeordneter dem Reichstag an. 1933
zog er nach Bonn und lebte zurückgezo-
gen, von den Nazis in maßen schikaniert.
Der Kreis seiner politischen Freunde
lichtete sich. ,,mein Name“, schrieb er
1936, ,,wirkt überall abschreckend.“ er
wunderte sich über die Konjunktur-
schreiber, die sich hingebungsvoll an den
„Novemberverbrechern“ abarbeiteten.
Den totalen Zusammenbruch 1945 er-
lebte er ebenso erschüttert wie erleich-
tert. Hochbetagt konnte er sich zwar am
politischen Wiederaufbau nicht mehr be-
teiligen, trat aber der neu gegründeten
CDU bei, die manche traditionen der al-
ten Zentrumspartei fortführte. marx
starb am 5. August 1946 und wurde auf
dem Kölner Friedhof melaten begraben.
Das historische Urteil über Wilhelm
marx fällt verhalten aus. Alle seriösen
zeitgenössischen Kommentare rühmten
seine charakterlichen Qualitäten, seine
Uneigennützigkeit, ehrlichkeit und Ver-
lässlichkeit. Doch ebenso wurden seine
Grenzen betont: ,,kolossal anständig“,
aber „kein Führer und ganz gewiss nicht
bedeutend“, wie Carl Heinrich Becker ver-
breitete Urteile zugespitzt hat.
In der tat war marx kein ehrgeiziger
„machtpolitiker“. er empfand sich eige-
nem Bekunden nach eher als pflichtge-
treuer Verwalter seiner politischen Äm-
ter, als dass er die damit gegebenen
möglichkeiten dynamisch genutzt hätte.
Aber ohne Rücksicht auf eigene Interes-
sen besaß er in der ausweglosen Situa-
tion des 30. November 1923 den mut,
für einschneidende, aber als notwendig
erkannte maßnahmen die Verantwor-
tung zu übernehmen. Ähnlich bei den
Reparationsverhandlungen auf der Lon-
doner Konferenz im August 1924, wo
der deutsche erfolg nicht zuletzt seinem
Auftreten zu verdanken war. Die „Vossi-
sche Zeitung“ nannte seine außenpoliti-
sche Leistung die eigentliche „Überra-
schung auch für seine Freunde“. Seine
„Geradlinigkeit, ehrlichkeit und Vor-
nehmheit“ hätten sich als die „wirk-
samsten Waffen [erwiesen], die
Deutschland im Spiel der diplomati-
schen Kräfte einzusetzen hatte“.
marx’ Verhalten entsprach seiner ma-
xime, dass „ethische Politik stets auch die
richtige Politik ist“. So hielt er es in
einem erinnerungsbericht nach Ab-
schluss der Londoner Verhandlungen
fest. Ob ihm bei der Niederschrift be-
wusst war, dass auch „richtige Politik“
niemals unschuldig ist, und sei es im Ge-
wand des Kölner Witzes, den er in Lon-
don so erfolgreich eingesetzt hatte?
Wie immer auch, marx zählt nicht zu
jenen großen Staatsmännern Weimars,
die wie Friedrich ebert oder Gustav Stre-
semann dem historischen Gedächtnis prä-
sent sind. Dies widerspräche auch seinem
Selbstverständnis. Denn bescheiden und
tief religiös, wie er war, und darin eine sin-
guläre erscheinung unter den Politikern
seiner Zeit, sah er sich weniger als han-
delndes Individuum denn als Repräsen-
tant der Zentrumsidee. Sein Denken
kreiste um Begriffe wie „Gemeinwohl“
und „Dienen für die gute Sache“; für per-
sönliche Profilierungsbedürfnisse oder
taktische Spielereien blieb da kein Raum.
mit dieser Haltung verkörpert er in
vielleicht idealtypischer Weise die Stär-
ken und Schwächen eines von christli-
chen Grundsätzen bestimmten Politikers.
In dieser prinzipiellen, religiös und ver-
antwortungsethisch motivierten Bereit-
schaft zur Pflichterfüllung in einem Um-
feld von Realitätsverdrängung, Leiden-
schaftlichkeit und Verantwortungsscheu
ist der maßstab für die Beurteilung seines
politischen Wirkens zu sehen.
Heute ist marx weithin vergessen. Le-
diglich eine unbedeutende Wohnstraße
in seiner Vaterstadt Köln trägt seinen Na-
men, in Bonn, seinem Altersruhesitz,
nicht einmal das.
◆ ◆ ◆
Der Verfasser lehrte von 1992 bis 2013
Neuere und Neueste Geschichte an der
Universität Leipzig.
schrieb der mit Lob sonst eher zurückhal-
tende Kölner Oberbürgermeister Konrad
Adenauer seinem Parteifreund: ,,Ich
kann mir nicht vorstellen, was aus uns ge-
worden wäre, wenn die Politik Ihres Vor-
gängers weiter fortgeführt worden wäre.
Ihrer klugen einwirkung und Ihrem un-
entwegten Festhalten an dem als richtig
erkannten ist es wohl in erster Linie zu-
zuschreiben, dass unsere Lage heute ver-
hältnismäßig gut ist.“
Nach der Reichstagswahl vom 4. mai
1924, die den radikalen Parteien auf der
Linken und Rechten einen erheblichen
Zuwachs ihrer macht beschert hatte, wur-
de marx ein weiteres mal mit der Bildung
eines minderheitskabinetts beauftragt.
Zuvor hatten die Deutschnationalen allen
ernstes den kaiserlichen Großadmiral
Alfred von tirpitz als Kanzlerkandidaten
präsentiert. Im Zentrum der Regierungs-
arbeit standen diesmal außenpolitische
Fragen, namentlich die Neuregelung der
deutschen Reparationsverpflichtungen.
mit dem Dawesplan lag eine entschei-
dungsgrundlage vor, die von der Reichsre-
gierung aber an die Wiederherstellung der
Reichshoheit auch über die besetzten Ge-
biete gekoppelt wurde. Auf der Londoner
Konferenz im August 1924 stand am ende
zäher Verhandlungen ein entscheidender
Durchbruch, den der britische Botschafter
Lord D’Abernon vor allem marx’ Auftre-
ten zuschrieb, der auf die Konferenzteil-
nehmer viel vertrauenerweckender ge-
wirkt habe als Stresemann.
Jedenfalls gelang es mit Kölner Witz,
wie marx festhielt, dem französischen
ministerpräsidenten Édouard Herriot die
Zusage einer schrittweisen Räumung des
Ruhrgebiets abzuringen. Kein Zweifel,
dass marx sich im ersten Dreivierteljahr
seiner Kanzlerschaft nicht allein als
„Helfer in der Not“, sondern als „mann
der Stunde“ erwiesen hatte.
es folgte ein Jahr des missvergnügens.
Die Koalition zerbrach am Dauerstreit
mit der DVP über eine einseitige erweite-
rung des Kabinetts nach rechts. marx
lehnte diesen Versuch schon aus außen-
politischen Gründen ab und versuchte
den Vorstoß der DVP durch die gleichzei-
tige einbeziehung der Sozialdemokraten
zu neutralisieren. Dies scheiterte wiede-
rum an der Obstruktionspolitik von
DNVP und DVP. So blieb nur der Rück-
tritt, den marx ungeachtet der unerfreuli-
chen Begleitumstände mit Gelassenheit
nahm, war er sich doch bewusst, ,,dem
Vaterlande durch sachliche Arbeit“ ge-
dient zu haben. Aus seinem christlich
grundierten Pflichtbewusstsein ließ er
sich jedoch breitschlagen, für die Lösung
der gleichzeitig in Preußen ausgebroche-
nen Regierungskrise zur Verfügung zu
stehen. Dort hatte die DVP aus ähnlichen
Gründen wie im Reich das Kabinett des
sozialdemokratischen ministerpräsiden-
ten Otto Braun zu Fall gebracht. Aller-
dings scheiterte marx’ Versuch, aus SPD,
Zentrum und DDP eine Regierung zu bil-
den, an der fehlenden Zustimmung des
Landtages.
Im Frühjahr 1925 kam es nach
dem tod Friedrich eberts zu
einer neuen Phase der politi-
schen Auseinandersetzung. Die
erste Volkswahl eines Reichs-
präsidenten brachte im ersten
Wahlgang lediglich das erwartete Kräfte-
messen der Parteien. Für den entschei-
denden zweiten Wahlgang am 16. April
1925 ließ marx sich, wenngleich mit „in-
nerem Widerstreben“, als Kompromiss-
kandidat des von SPD, Zentrum und DDP
gebildeten „Volksblocks“ aufstellen. Die
Kandidatur trug alle Züge der Verlegen-
heit, war marx seiner ganzen erschei-
nung nach doch das genaue Gegenteil
eines „Volkshelden“. Aber er schien
durch seine Redlichkeit und demokrati-
sche Gesinnung ein Kandidat zu sein, der
ungeachtet seiner katholischen Prägung
Wähler von der linken bis zur rechten
mitte ansprechen konnte.
Da die KPD an der Kandidatur von
ernst thälmann festhielt, musste die
entscheidung zwischen marx und dem
Kandidaten des „Reichsblocks“ fallen.
Deutschnationale und Rechtsliberale
präsentierten in Gestalt von Generalfeld-
marschall Paul von Hindenburg einen
Überraschungskandidaten, der als über-
zeugter monarchist und unpolitischer mi-
litär für das untergegangene Kaiserreich
stand. Schon das hätte ihn für das höchs-
te republikanische Staatsamt disqualifi-
zieren müssen. Im Wahlkampf wurde
überdies der konfessionelle Gegensatz
bemüht: Hier der „ultramontane muster-
katholik“ marx im Bündnis mit dem
„gottlosen Sozialismus“, dort der „ge-
treue eckhart“ Hindenburg als Hüter der
besten traditionen des protestantischen
Kaiserreichs.
Am Wahlabend zeigte sich, dass die
Spekulation des Reichsblocks auf „das
deutsche Gemüt“ aufgegangen war. Hin-
denburg hatte mit einem Vorsprung von
900.000Stimmen die Wahl für sich ent-
scheiden können. Den Ausschlag hatte
die (katholische) Bayerische Volkspartei
gegeben, die sich in ihrem „pathologi-
schen Sozialistenwahn“ nicht einmal
durch den Furor Borussiae abschrecken
ließ. Für theodor Wolff, den Chefredak-
teur des „Berliner tageblatts“, der seine
„Beschämung . . . über die politische Un-
reife so vieler millionen“ nicht verhehlte,
war die „Wahl eine Intelligenzprüfung“,
bei der „ungefähr die Hälfte des deut-
schen Volkes . . . durchgefallen“ war. Be-
denkt man die Rolle Hindenburgs
1932/33, muss man den Ausgang der
Wahl zu den tragischen Vorgängen der
Weimarer Republik zählen.
marx nahm auch diese Niederlage ge-
lassen hin, schrieb sie, wie alles in seinem
Leben, einem höheren Willen zu, zeigte
aber durch seinen Beitritt zum „Reichs-
banner Schwarz-Rot-Gold“, dass er sich
an der Seite derer sah, die die Geschicke
Deutschlands ohne inneren Vorbehalt
auf der Grundlage der Weimarer Reichs-
verfassung gestalten wollten. Vom Rück-
zug ins Privatleben sah er ab, weil politi-
sche Freunde ihm versicherten, dass er
noch gebraucht werde.
Nach Bildung seines dritten minder-
heitskabinetts im Jahr 1926 verfing sich
marx alsbald im Gestrüpp des innenpoli-
tischen Klein-Klein. Sein tagebuchseuf-
zer: „Nun hat man den Dummen wieder
gefunden!“ verrät einiges über seine Illu-
sionslosigkeit, aber auch über seine
Schwäche, Nein zu sagen, wenn sein ein-
satz für die „gute Sache“ gefordert wurde.
ein Streit über die enteignung der Fürs-
ten legte abermals die unüberbrückbaren
Gräben zwischen den Parteien offen. Das
neuerliche Abdriften der SPD nach links
bereitete marx Sorge. Zwar gelangen ihm
noch die Aufnahme Deutschlands in den
Völkerbund und die entlassung des
sphinxhaften Chefs der Reichswehr,
Hans von Seeckt. Dann zwangen heftige
Attacken des SPD-Abgeordneten Philipp
Scheidemann gegen die heimliche Zu-
sammenarbeit von Reichswehr und Roter
Armee die Regierung zum Rücktritt.
Selbst marx hielt nun den Weg zur Bil-
dung einer großen Koalition für blo-
ckiert. Dennoch folgte er nur ungern der
Aufforderung des Reichspräsidenten,
nunmehr ein mehrheitskabinett der „bür-
gerlichen Parteien“ unter einschluss der
DNVP zu bilden. Um seinen Kurs der
mitte abzusichern, verpflichtete er die
Deutschnationalen auf eigens aufgestell-
te Richtlinien wie Fortführung der bishe-
rigen Außenpolitik, treue zur Reichsver-
fassung sowie die Verabschiedung eines
Reichsschulgesetzes, das ihm besonders
am Herzen lag. Ausgerechnet an Letzte-
rem zerbrach im Februar 1928 die Koali-
tion, ironischerweise aber nicht durch
Obstruktion der DNVP, sondern der DVP.
marx’ viertes Kabinett war im Zen-
trum nur widerwillig mitgetragen wor-
Ein vergessener Nothelfer
er hatte sich nie um politische Ämter gedrängt, und doch war der Zentrumspolitiker
Wilhelm marx eine verdienstvolle Persönlichkeit der Weimarer Republik.
Der viermalige Reichskanzler lebte und handelte nach einer maxime, die aktueller
nicht sein könnte: ethische Politik sei stets die richtige.
Von Professor Dr. Ulrich von Hehl
Wacht am Rhein: Französische Soldaten im Jahr 1923 auf der dem Deutschen Eck in Koblenz gegenüberliegenden Festung Ehrenbreitstein
Foto Bayerische Staatsbibliothek/Archiv Heinrich Hoffmann/bpk
Reichskanzler Wilhelm Marx (1863 bis 1946) während einer (undatierten)
Rundfunkansprache Foto akg
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Datenstand: 02.11.2026, 20:38 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de