232238 · Bürgerantrag § 24 GO - Öffentlich
Bürgerantrag: Gedenktafel für Wilhelm Marx am Wohnhaus Reuterstraße 115 und Umbenennung eines Platzes im Bereich zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße
Kerndaten
- Nummer
- 232238
- Art
- Bürgerantrag § 24 GO - Öffentlich
- Veröffentlicht
- 30.11.2023
- Letzte Änderung
- 16.09.2026
Stand im Verfahren i
- Einreichung
- Terminierung
- Sitzung
Soweit erfasst. Das Ergebnis der Beratung ist in den Daten nicht enthalten. Das vollständige Verfahren →
Beratungsfolge
- Sitzung der Bezirksvertretung Bonn Entscheidung federführend
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Bürgerantrag § 24 GO - Öffentlich öffentlich 232238 Die Oberbürgermeisterin Federführung: Geschäftsbereich OB-2: Strategische Programmsteuerung Dezernat: Dez. OB Bürgerantrag: Gedenktafel für Wilhelm Marx am Wohnhaus Reuterstraße 115 und Umbenennung eines Platzes im Bereich zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße Beratungsfolge Bezirksvertretung Bonn 30.01.2024 Entscheidung Inhalt des Bürgerantrages Der Antrag hat folgenden Wortlaut: Ich stelle folgenden Bürgerantrag §24 GO: 1. am Wohnhaus Reuterstr. 115, 53113 Bonn des dort bis zu seinem Tod am 5. August 1946 lebenden mehrfachen Reichskanzlers Wilhelm Marx möge eine würdevolle Gedenk- und Erinnerungstafel angebracht werden. 2. Das Plätzchen zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner- Straße soll in Wilhelm-Marx-Platz umbenannt werden. Einzelheiten zur Begründung ergeben sich aus dem beigefügten Bürgerantrag. Anlage/n 1 Bürgerantrag - komplett (nichtöffentlich) 2 Bürgerantrag (öffentlich) 3 Anlage (öffentlich)Seite 1 von 3 Von: Gesendet: Montag, 27. November 2023 11:58 An: Dörner, Katja (Dez_OB) <katja.doerner@bonn.de>; Bürgerbüro Bonn <buergerbuero@Bonn.de>; vl_bezvst_bonn_bv-bonn <bezvst.bonn@bonn.de> Betreff: Re: Bürgerantrag § 24 GO: Gedenktafel für Wilhelm Marx an Reuterstr. 115, Straßenumbenennung Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren der Bezirksvertretung Bezirk Bonn, Ich stelle folgenden Bürgerantrag §24 GO: 1. am Wohnhaus Reuterstr. 115, 53113 Bonn des dort bis zu seinem Tod am 5. August 1946 lebenden mehrfachen Reichskanzlers Wilhelm Marx möge eine würdevolle Gedenk- und Erinnerungstafel angebracht werden. 2. Das Plätzchen zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße soll in Wilhelm-Marx-Platz umbenannt werden. Wilhelm Marx war einer der bedeutensten deutschen Persönlichkeiten und Politiker des 20. Jahrhunderts für das Rheinland, für Preußen und die Weimarer Republik, integer und in seiner Grundhaltung vorbildlich. Eine Ehrentafel fehlt. In der Wikipedia wird Marx, nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls bedeutenden Düsseldorfer Oberbürgermeister gleichen Namens, angemessen dargestellt: "Wilhelm Marx (* 15. Januar 1863 in Köln; † 5. August 1946 in Bonn) [...] In der Zeit des Nationalsozialismus verbrachte er zurückgezogen seinen Ruhestand. Er wohnte in Bonn in der Reuterstraße 115" (https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Marx). Heute (FAZ 27.11.2023, S.6) erinnert der Historiker Prof. Dr. Ulrich von Hehl in der F.A.Z. in einem Essay an diesen "vergessenen Nothelfer" (im Anhang). Ich fahre täglich mit dem Rad an diesem Haus vorbei und wundere mich seit langem, dass dort ein Hinweis auf diesen großen Bonner Bürger fehlt. Von Hehls letzter Satz in seinem heutigen Essay darf zu denken geben: "Lediglich eine unbedeutende Wohnstraße in seiner Vaterstadt Köln trägt seinen Namen, in Bonn, seinem Altersruhesitz, nicht einmal das." Daher beantrage ich über das Anbringen einer Gedenktafel am Haus Reuterstr. 115 hinaus zweitens die Umbenennung des Plätzchens zwischen Bonner Talweg, Reuterstraße und Heinrich-Körner-Straße in Wilhelm-Marx-Platz - naheliegend, weil dieser Platz gegenüber dem Wohnhaus Marx liegt; ferner passt der christliche Zentrumskanzler Marx zum christlichen Zentrumsgewerkschafter und quasi Nachbarn in der Reuterstraße 153 Körner. Ein Hindenburgplatz kommt ja nicht mehr in Frage... Mit freundlichen GrüßenSeite 2 von 3 SeIte 6 · mONtAG, 27. NOVemBeR 2023 · NR. 276 Ereignisse und Gestalten FRANKFURteR ALLGemeINe ZeItUNG Am 30. November 2023 jährt sich zum hunderts- ten mal der tag, an dem nach dem Sturz der gro- ßen Koalition unter Reichskanzler Gustav Stresemann ein mann an die Spitze der Regierung trat, den es nie nach der Kanz- lerschaft gedrängt hatte: Wilhelm marx, der Vorsitzende der katholischen Zen- trumspartei, übernahm die Leitung eines minderheitskabinetts, weil die zerstritte- nen Parteien zu einer mehrheitsbildung nicht in der Lage waren. Im Augenblick höchster Gefahr für die noch junge Republik glaubte der 1921 zum Senatspräsidenten am Berliner Kammergericht ernannte Jurist, sich dem Ruf des sozialdemokratischen Reichsprä- sidenten Friedrich ebert nicht versagen zu dürfen: Im Westen drohte nach der Be- setzung des Ruhrgebiets durch Franzosen und Belgier die Abtrennung des Rhein- lands. Dessen Verbleib im Reichsverband war marx, einem strikten Gegner jedwe- der Separationsbestrebungen, ein Her- zensanliegen. In der mitte und im Süden Deutschlands wurde der Bestand des Rei- ches durch schwere Verfassungskonflikte mit Sachsen, thüringen und vor allem Bayern infrage gestellt: Der Hitler-Putsch vom 9. November lag erst wenige Wo- chen zurück; die Haltung der Bayerischen Staatsregierung und des von ihr „in Pflicht genommenen“ bayerischen teils der Reichswehr waren mehr als zweifel- haft. Zu allem Überfluss hatten die wirt- schaftliche Notlage des Reiches ihren tief- und gleichzeitig die Hyperinflation ihren Höhepunkt erreicht. Die noch unter der Kanzlerschaft Stre- semanns in Gang gesetzten maßnahmen zur Stabilisierung der Währung drohten zu scheitern. Unter diesen Umständen sprang marx als „Nothelfer“ ein. er galt zwar nicht als starke Führungspersön- lichkeit, besaß aber in hohem maße die Autorität des „ehrlichen maklers“, auf- grund derer ihm schon 1921/22der Frak- tions- und der Parteivorsitz des Zentrums zugefallen waren, nachdem die Partei in- nerhalb weniger Wochen vier ihrer füh- renden Politiker verloren hatte. marx, 1863 in Köln als Sohn eines Volksschulrektors geboren und in einem streng katholischen elternhaus aufge- wachsen, war durch Bismarcks Kultur- kampf, wie übrigens auch der dreizehn Jahre jüngere Konrad Adenauer, in das Zentrum gleichsam hineingeboren. Als junger Rechtsreferendar hatte er 1887 Ludwig Windthorsts berühmter Septen- natsrede im Kölner Gürzenich beige- wohnt und in seinem neun Jahre älteren Kartellbruder Carl trimborn, seit 1894 Vorsitzender der Rheinischen Zentrums- partei, seinen politischen Ziehvater ge- funden. 1899 wurde marx in das Preußi- sche Abgeordnetenhaus gewählt, seit 1910 gehörte er zugleich, als Doppel- mandatar, dem Deutschen Reichstag an. mit der ihm eigenen Gewissenhaftig- keit nahm marx seine parlamentarischen Verpflichtungen, die ihn oft wochenlang von seiner Familie fernhielten, sehr ernst. Sein besonderes Interesse galt Schul- und erziehungsfragen; es führte ihn 1911 im vorpolitischen Raum zur Gründung der Katholischen Schulorganisation. Im Par- lament blieb er jedoch ein mann des zwei- ten Gliedes, bis der personelle engpass des Zentrums ihn 1921 an die Spitze von Fraktion und Partei katapultierte. Damit rückte er in die erste Reihe jener, die bei den häufigen Regierungskrisen nach Lö- sungen suchen mussten. Dass die Kanzlerschaft im Herbst 1923 (nach Constantin Fehrenbach und Joseph Wirth) abermals einem Zentrumspoliti- ker übertragen wurde, war kein Zufall. Im Weimarer Parteienspektrum verkörperte das Zentrum als einzige den typus der Volkspartei. Seine Wählerschaft rekru- tierte sich aus allen sozialen Schichten des (katholischen) Bevölkerungsdrittels. Daher musste das Zentrum den politi- schen Kompromiss schon um des inner- parteilichen Zusammenhalts wegen praktizieren. es war gleichsam die gebo- rene „Partei der mitte“, gleichermaßen anschlussfähig nach (gemäßigt) rechts wie links, sofern die Anerkennung der Reichsverfassung nicht infrage stand. Von den zwanzig meist kurzlebigen Re- gierungen der „Weimarer lnstabilitätsre- publik“ (Rudolf morsey) waren am ende immerhin zehn von einen Zentrumspoli- tiker geführt worden. Bei der Übernahme der Kanzlerschaft galt marx als die „gewinnende, versöhnli- che Persönlichkeit, die man braucht, wenn die streitenden Parteien keine möglichkeit sehen, durch einen Sieg die entscheidung herbeizuführen“, aber „unter allen Umständen zu einer gütli- chen einigung kommen“ müssten. Daher wurde er noch drei weitere male, nämlich 1924/25,1926und 1927/28,mit der Kanz- lerschaft betraut. Unter den Weimarer Kanzlern war der Rheinländer derjenige mit der längsten Amtszeit. mit seinen ersten beiden minderheits- kabinetten gelang es, mit beispiellos har- ten Notverordnungen eine wertbeständi- ge Goldmarkwährung einzuführen, den Reichshaushalt nahezu auszubalancieren und die Wirtschaft wiederzubeleben. mit den frondierenden Regierungen in Dres- den, erfurt und münchen kam es nach geduldigen, beiderseits auf Gesichtswah- rung bedachten Verhandlungen zu einer einigung. Sichtlich beruhigend wirkte die Person des neuen Reichskanzlers auch auf die angespannte Situation an Rhein und Ruhr. Die unter Stresemann aufgekomme- nen „Versackungsgerüchte“ verstumm- ten, und mit einsetzender wirtschaftli- cher erholung lösten sich auch die mit französischer Hilfe operierenden Separa- tistenbünde auf. Zum Jahresende 1924 den und hatte ihm von innerparteilichen Kritikern den Vorwurf eingetragen, sei- nem Kurs untreu geworden zu sein. Auch schritt der Zerfall der Partei in partikula- re Interessengruppen fort. Der Appell an die alten Zentrumsideale des allgemei- nen Staatswohls und des einvernehmli- chen Interessenausgleichs verfing nicht mehr. Im Streit um die Reform der Beam- tenbesoldung kam es ende 1927zu hefti- gen Auseinandersetzungen mit dem Ge- werkschaftsflügel der Partei, bei denen sich namentlich Adam Stegerwald zu persönlichen Angriffen auf marx hinrei- ßen ließ. Das untergrub die Stellung des Reichskanzlers und Parteivorsitzenden und bestärkte marx gerade auch in Ver- bindung mit dem gleichzeitigen Schei- tern des Reichsschulgesetzes in dem ent- schluss, sich von seinen politischen Äm- tern zurückzuziehen. Ohne Zweifel wurde sein Rückzug durch eine langwierige erkrankung be- fördert. er trägt aber auch alle Anzeichen der Resignation, zumal er ein ergebnis gravierender innerparteilicher Gewichts- verschiebungen im Zentrum war. marx hatte sie als Verfechter der „reinen, von keinerlei Standes- und persönlichen Inte- ressen getrübten Zentrumsidee“ nicht aufhalten können. es ist bezeichnend, dass das Zentrum seinen Auseinanderfall nur durch die Wahl eines über den Partei- flügeln stehenden Geistlichen, des trie- rer Prälaten Ludwig Kaas, glaubte ver- hindern zu können. Nach dem Rückzug aus der politischen Verant- wortung wurde es rasch ruhig um Wilhelm marx. Bis 1932 gehörte er noch als einfacher Abgeordneter dem Reichstag an. 1933 zog er nach Bonn und lebte zurückgezo- gen, von den Nazis in maßen schikaniert. Der Kreis seiner politischen Freunde lichtete sich. ,,mein Name“, schrieb er 1936, ,,wirkt überall abschreckend.“ er wunderte sich über die Konjunktur- schreiber, die sich hingebungsvoll an den „Novemberverbrechern“ abarbeiteten. Den totalen Zusammenbruch 1945 er- lebte er ebenso erschüttert wie erleich- tert. Hochbetagt konnte er sich zwar am politischen Wiederaufbau nicht mehr be- teiligen, trat aber der neu gegründeten CDU bei, die manche traditionen der al- ten Zentrumspartei fortführte. marx starb am 5. August 1946 und wurde auf dem Kölner Friedhof melaten begraben. Das historische Urteil über Wilhelm marx fällt verhalten aus. Alle seriösen zeitgenössischen Kommentare rühmten seine charakterlichen Qualitäten, seine Uneigennützigkeit, ehrlichkeit und Ver- lässlichkeit. Doch ebenso wurden seine Grenzen betont: ,,kolossal anständig“, aber „kein Führer und ganz gewiss nicht bedeutend“, wie Carl Heinrich Becker ver- breitete Urteile zugespitzt hat. In der tat war marx kein ehrgeiziger „machtpolitiker“. er empfand sich eige- nem Bekunden nach eher als pflichtge- treuer Verwalter seiner politischen Äm- ter, als dass er die damit gegebenen möglichkeiten dynamisch genutzt hätte. Aber ohne Rücksicht auf eigene Interes- sen besaß er in der ausweglosen Situa- tion des 30. November 1923 den mut, für einschneidende, aber als notwendig erkannte maßnahmen die Verantwor- tung zu übernehmen. Ähnlich bei den Reparationsverhandlungen auf der Lon- doner Konferenz im August 1924, wo der deutsche erfolg nicht zuletzt seinem Auftreten zu verdanken war. Die „Vossi- sche Zeitung“ nannte seine außenpoliti- sche Leistung die eigentliche „Überra- schung auch für seine Freunde“. Seine „Geradlinigkeit, ehrlichkeit und Vor- nehmheit“ hätten sich als die „wirk- samsten Waffen [erwiesen], die Deutschland im Spiel der diplomati- schen Kräfte einzusetzen hatte“. marx’ Verhalten entsprach seiner ma- xime, dass „ethische Politik stets auch die richtige Politik ist“. So hielt er es in einem erinnerungsbericht nach Ab- schluss der Londoner Verhandlungen fest. Ob ihm bei der Niederschrift be- wusst war, dass auch „richtige Politik“ niemals unschuldig ist, und sei es im Ge- wand des Kölner Witzes, den er in Lon- don so erfolgreich eingesetzt hatte? Wie immer auch, marx zählt nicht zu jenen großen Staatsmännern Weimars, die wie Friedrich ebert oder Gustav Stre- semann dem historischen Gedächtnis prä- sent sind. Dies widerspräche auch seinem Selbstverständnis. Denn bescheiden und tief religiös, wie er war, und darin eine sin- guläre erscheinung unter den Politikern seiner Zeit, sah er sich weniger als han- delndes Individuum denn als Repräsen- tant der Zentrumsidee. Sein Denken kreiste um Begriffe wie „Gemeinwohl“ und „Dienen für die gute Sache“; für per- sönliche Profilierungsbedürfnisse oder taktische Spielereien blieb da kein Raum. mit dieser Haltung verkörpert er in vielleicht idealtypischer Weise die Stär- ken und Schwächen eines von christli- chen Grundsätzen bestimmten Politikers. In dieser prinzipiellen, religiös und ver- antwortungsethisch motivierten Bereit- schaft zur Pflichterfüllung in einem Um- feld von Realitätsverdrängung, Leiden- schaftlichkeit und Verantwortungsscheu ist der maßstab für die Beurteilung seines politischen Wirkens zu sehen. Heute ist marx weithin vergessen. Le- diglich eine unbedeutende Wohnstraße in seiner Vaterstadt Köln trägt seinen Na- men, in Bonn, seinem Altersruhesitz, nicht einmal das. ◆ ◆ ◆ Der Verfasser lehrte von 1992 bis 2013 Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Leipzig. schrieb der mit Lob sonst eher zurückhal- tende Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer seinem Parteifreund: ,,Ich kann mir nicht vorstellen, was aus uns ge- worden wäre, wenn die Politik Ihres Vor- gängers weiter fortgeführt worden wäre. Ihrer klugen einwirkung und Ihrem un- entwegten Festhalten an dem als richtig erkannten ist es wohl in erster Linie zu- zuschreiben, dass unsere Lage heute ver- hältnismäßig gut ist.“ Nach der Reichstagswahl vom 4. mai 1924, die den radikalen Parteien auf der Linken und Rechten einen erheblichen Zuwachs ihrer macht beschert hatte, wur- de marx ein weiteres mal mit der Bildung eines minderheitskabinetts beauftragt. Zuvor hatten die Deutschnationalen allen ernstes den kaiserlichen Großadmiral Alfred von tirpitz als Kanzlerkandidaten präsentiert. Im Zentrum der Regierungs- arbeit standen diesmal außenpolitische Fragen, namentlich die Neuregelung der deutschen Reparationsverpflichtungen. mit dem Dawesplan lag eine entschei- dungsgrundlage vor, die von der Reichsre- gierung aber an die Wiederherstellung der Reichshoheit auch über die besetzten Ge- biete gekoppelt wurde. Auf der Londoner Konferenz im August 1924 stand am ende zäher Verhandlungen ein entscheidender Durchbruch, den der britische Botschafter Lord D’Abernon vor allem marx’ Auftre- ten zuschrieb, der auf die Konferenzteil- nehmer viel vertrauenerweckender ge- wirkt habe als Stresemann. Jedenfalls gelang es mit Kölner Witz, wie marx festhielt, dem französischen ministerpräsidenten Édouard Herriot die Zusage einer schrittweisen Räumung des Ruhrgebiets abzuringen. Kein Zweifel, dass marx sich im ersten Dreivierteljahr seiner Kanzlerschaft nicht allein als „Helfer in der Not“, sondern als „mann der Stunde“ erwiesen hatte. es folgte ein Jahr des missvergnügens. Die Koalition zerbrach am Dauerstreit mit der DVP über eine einseitige erweite- rung des Kabinetts nach rechts. marx lehnte diesen Versuch schon aus außen- politischen Gründen ab und versuchte den Vorstoß der DVP durch die gleichzei- tige einbeziehung der Sozialdemokraten zu neutralisieren. Dies scheiterte wiede- rum an der Obstruktionspolitik von DNVP und DVP. So blieb nur der Rück- tritt, den marx ungeachtet der unerfreuli- chen Begleitumstände mit Gelassenheit nahm, war er sich doch bewusst, ,,dem Vaterlande durch sachliche Arbeit“ ge- dient zu haben. Aus seinem christlich grundierten Pflichtbewusstsein ließ er sich jedoch breitschlagen, für die Lösung der gleichzeitig in Preußen ausgebroche- nen Regierungskrise zur Verfügung zu stehen. Dort hatte die DVP aus ähnlichen Gründen wie im Reich das Kabinett des sozialdemokratischen ministerpräsiden- ten Otto Braun zu Fall gebracht. Aller- dings scheiterte marx’ Versuch, aus SPD, Zentrum und DDP eine Regierung zu bil- den, an der fehlenden Zustimmung des Landtages. Im Frühjahr 1925 kam es nach dem tod Friedrich eberts zu einer neuen Phase der politi- schen Auseinandersetzung. Die erste Volkswahl eines Reichs- präsidenten brachte im ersten Wahlgang lediglich das erwartete Kräfte- messen der Parteien. Für den entschei- denden zweiten Wahlgang am 16. April 1925 ließ marx sich, wenngleich mit „in- nerem Widerstreben“, als Kompromiss- kandidat des von SPD, Zentrum und DDP gebildeten „Volksblocks“ aufstellen. Die Kandidatur trug alle Züge der Verlegen- heit, war marx seiner ganzen erschei- nung nach doch das genaue Gegenteil eines „Volkshelden“. Aber er schien durch seine Redlichkeit und demokrati- sche Gesinnung ein Kandidat zu sein, der ungeachtet seiner katholischen Prägung Wähler von der linken bis zur rechten mitte ansprechen konnte. Da die KPD an der Kandidatur von ernst thälmann festhielt, musste die entscheidung zwischen marx und dem Kandidaten des „Reichsblocks“ fallen. Deutschnationale und Rechtsliberale präsentierten in Gestalt von Generalfeld- marschall Paul von Hindenburg einen Überraschungskandidaten, der als über- zeugter monarchist und unpolitischer mi- litär für das untergegangene Kaiserreich stand. Schon das hätte ihn für das höchs- te republikanische Staatsamt disqualifi- zieren müssen. Im Wahlkampf wurde überdies der konfessionelle Gegensatz bemüht: Hier der „ultramontane muster- katholik“ marx im Bündnis mit dem „gottlosen Sozialismus“, dort der „ge- treue eckhart“ Hindenburg als Hüter der besten traditionen des protestantischen Kaiserreichs. Am Wahlabend zeigte sich, dass die Spekulation des Reichsblocks auf „das deutsche Gemüt“ aufgegangen war. Hin- denburg hatte mit einem Vorsprung von 900.000Stimmen die Wahl für sich ent- scheiden können. Den Ausschlag hatte die (katholische) Bayerische Volkspartei gegeben, die sich in ihrem „pathologi- schen Sozialistenwahn“ nicht einmal durch den Furor Borussiae abschrecken ließ. Für theodor Wolff, den Chefredak- teur des „Berliner tageblatts“, der seine „Beschämung . . . über die politische Un- reife so vieler millionen“ nicht verhehlte, war die „Wahl eine Intelligenzprüfung“, bei der „ungefähr die Hälfte des deut- schen Volkes . . . durchgefallen“ war. Be- denkt man die Rolle Hindenburgs 1932/33, muss man den Ausgang der Wahl zu den tragischen Vorgängen der Weimarer Republik zählen. marx nahm auch diese Niederlage ge- lassen hin, schrieb sie, wie alles in seinem Leben, einem höheren Willen zu, zeigte aber durch seinen Beitritt zum „Reichs- banner Schwarz-Rot-Gold“, dass er sich an der Seite derer sah, die die Geschicke Deutschlands ohne inneren Vorbehalt auf der Grundlage der Weimarer Reichs- verfassung gestalten wollten. Vom Rück- zug ins Privatleben sah er ab, weil politi- sche Freunde ihm versicherten, dass er noch gebraucht werde. Nach Bildung seines dritten minder- heitskabinetts im Jahr 1926 verfing sich marx alsbald im Gestrüpp des innenpoli- tischen Klein-Klein. Sein tagebuchseuf- zer: „Nun hat man den Dummen wieder gefunden!“ verrät einiges über seine Illu- sionslosigkeit, aber auch über seine Schwäche, Nein zu sagen, wenn sein ein- satz für die „gute Sache“ gefordert wurde. ein Streit über die enteignung der Fürs- ten legte abermals die unüberbrückbaren Gräben zwischen den Parteien offen. Das neuerliche Abdriften der SPD nach links bereitete marx Sorge. Zwar gelangen ihm noch die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund und die entlassung des sphinxhaften Chefs der Reichswehr, Hans von Seeckt. Dann zwangen heftige Attacken des SPD-Abgeordneten Philipp Scheidemann gegen die heimliche Zu- sammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee die Regierung zum Rücktritt. Selbst marx hielt nun den Weg zur Bil- dung einer großen Koalition für blo- ckiert. Dennoch folgte er nur ungern der Aufforderung des Reichspräsidenten, nunmehr ein mehrheitskabinett der „bür- gerlichen Parteien“ unter einschluss der DNVP zu bilden. Um seinen Kurs der mitte abzusichern, verpflichtete er die Deutschnationalen auf eigens aufgestell- te Richtlinien wie Fortführung der bishe- rigen Außenpolitik, treue zur Reichsver- fassung sowie die Verabschiedung eines Reichsschulgesetzes, das ihm besonders am Herzen lag. Ausgerechnet an Letzte- rem zerbrach im Februar 1928 die Koali- tion, ironischerweise aber nicht durch Obstruktion der DNVP, sondern der DVP. marx’ viertes Kabinett war im Zen- trum nur widerwillig mitgetragen wor- Ein vergessener Nothelfer er hatte sich nie um politische Ämter gedrängt, und doch war der Zentrumspolitiker Wilhelm marx eine verdienstvolle Persönlichkeit der Weimarer Republik. Der viermalige Reichskanzler lebte und handelte nach einer maxime, die aktueller nicht sein könnte: ethische Politik sei stets die richtige. Von Professor Dr. Ulrich von Hehl Wacht am Rhein: Französische Soldaten im Jahr 1923 auf der dem Deutschen Eck in Koblenz gegenüberliegenden Festung Ehrenbreitstein Foto Bayerische Staatsbibliothek/Archiv Heinrich Hoffmann/bpk Reichskanzler Wilhelm Marx (1863 bis 1946) während einer (undatierten) Rundfunkansprache Foto akg © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt vom Dieses Dokument ist lizenziert für Universität Bonn,, u664488336644n.. Alle Rechte vorbehalten.. © F..A..Z.. Frankfurter Allgemeine Zeitung ((FAZ)).. Download vom 2277..1111..22002233 1100::3333 von www..faz--biblionet..de..Seite 3 von 3
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