230727-001 ST · Stellungnahme der Verwaltung
BBB-Anfrage: Energieversorgung in Bonn
Kerndaten
- Nummer
- 230727-001 ST
- Art
- Stellungnahme der Verwaltung
- Veröffentlicht
- 25.04.2023
- Letzte Änderung
- 16.09.2026
Beratungsfolge
- Sitzung des Rates Kenntnisnahme
Dateien
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Stellungnahme der Verwaltung öffentlich 230727-001 ST Die Oberbürgermeisterin Federführung: Geschäftsbereich OB-1: Dezernats- und Verwaltungssteue- rung Dezernat: Dez. OB BBB-Anfrage: Energieversorgung in Bonn Beratungsfolge Rat 27.04.2023 Kenntnisnahme Inhalt der Stellungnahme: Die Große Anfrage DS 230727 wird nach Abstimmung mit der SWB GmbH wie folgt beantwortet: Aus welchen Energiequellen in welcher Menge speist sich der tatsächlich durch das Stromnetz an Endverbraucher in Bonn geleitete elektrische Strom und welche Anteile an dem sich daraus ergebenden Strommix stammen aus Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie und Verbrennung von Müll? Strom wird in Kraftwerken aus verschiedenen Energiequellen erzeugt (z. B. Erneuerbare Energien, Müllverbrennung, Gas) und über das Stromnetz an die Haushalte verteilt, wobei aus physikalischen Gründen der Strom zu den nächstgelegenen Stromverbrauchern im Stromnetz fließt. Nach der Stromerzeugung und der Einspeisung in das Stromnetz kann die elektrische Energie jedoch nicht mehr genau einem Kraftwerk oder einem bestimmten Energieträger zugeordnet werden. Bildlich wird das Stromnetz daher oftmals mit einem See und seinen Zu- und Abflüssen verglichen. Der See wird durch das Wasser unterschiedlicher Flüsse gespeist. Aus welchem Fluss das Wasser im See stammt, ist nicht mehr zu unterscheiden. Damit Verbraucher dennoch wissen, welchen Strommix sie beziehen, wurde das Instrument der Stromkennzeichnung eingeführt, das beim Stromlieferanten ansetzt. Demnach müssen alle Energieversorgungsunternehmen, die Strom an Endverbraucher liefern, Informationen über ihren Strommix offenlegen. Um einen Überblick über den Strommix zu bekommen, der von allen Bonner Endverbrauchern bezogen wird, müssten die Stromkennzeichnungen aller Stromlieferanten bekannt sein und „gemischt“ werden. Diese Daten der Stromverträge aller Bonner Endverbraucher liegen jedoch nicht vor. Eine Annäherung an die Fragestellung ermöglicht jedoch der Blick auf den Unternehmensmix der SWB. Die Stromkennzeichnung 2022 (auf Basis der Zahlen des Jahres 2021) weist für den Unternehmensmix der Gesamtstromlieferung der SWB Energie und Wasser einen Anteil von 11,9 % Erdgas und 88,1 % Erneuerbare Energien mit Herkunftsnachweis (nicht finanziert durch die EEG-Umlage) aus. Zum Vergleich: Der Strommix inSeite 1 von 4 Seite 2 Deutschland lag im Jahr 2022 laut Zahlen des Fraunhofer ISE bei 6,7 % Atomkraft, 9,3 % Erdgas, 33 % Kohle, 49,7 % Erneuerbare Energien und 1,3 % sonstige fossile Energieträger. Welcher Wirkungsgrad ist dem an die SWB-Endkunden tatsächlich gelieferten elektrischen Strom unter Berücksichtigung aller Verluste (z.B. durch Umspannung, Leitungswege etc.) ab der Energiequelle zuzuordnen? In allen öffentlichen Stromnetzen gehen einige Prozent der durchgeleiteten Energie u.a. an Transformatoren, Gleichrichtern, Wechselrichtern und Umrichtern, aber auch durch den elektrischen Widerstand oder Blindströmen verloren. Die Netzverluste können geringer sein, wenn Leistung – z.B. durch PV-Anlagen oder auch das Heizkraftwerk Nord der SWB – über kurze Distanzen in gut ausgebauten z.B. innerstädtischen Netzen übertragen wird. Sie sind höher bei Überlastung langer Leitungen, wenn beispielsweise Windstrom von der Nordseeküste in die Verbrauchszentren in NRW transportiert wird. Im Stromverteilnetz der BonnNetz GmbH lagen die gesamten Netzverluste im Jahr 2022 bei 2,7%. Die jeweiligen spezifischen Wirkungsgrade von der Energiequelle (Primärenergieeinsatz der Erzeugungsanlage) bis zum Endkunden können nicht beziffert werden, da diese individuell von der jeweiligen Erzeugungsanlage abhängig sind. Welcher Anteil der eingesetzten Primärenergie steht nach finaler Umwandlung von an Wärmepumpen, E-Fahrzeugen und anderen der Klimawende dienenden elektrischen "Verbrauchern" gelieferter Endenergie bei den SWB-Kunden als Nutzenergie zur Verfügung und welchem Wirkungsgrad entspricht dies? Diese Fragestellung kann nicht speziell für SWB-Kunden, sondern nur allgemein beantwortet werden. Beispielsweise bedarf es bei einem Elektrofahrzeug für eine Reichweite von 100 Kilometern im Schnitt 12 Kilowattstunden (kWh) für den Antrieb. Für diese Fahrleistung müssen insgesamt 17,6 kWh Ökostrom produziert werden. Abzüglich Netz- und Ladeverlusten verbleiben somit die erforderlichen 12 kWh für die Reichweite von 100 Kilometern, was einem Wirkungsgrad von ca. 68 % entspricht. Zum Vergleich: Bei einem Wasserstoffauto müssen für die benötigten 12 kWh für 100-km-Reichweite 44 kWh Ökostrom produziert werden. Der Wirkungsgrad liegt hier abzüglich der Verluste bei Netz, H2-Elektrolyse, Speicher und Tanksäule bei rund 27 %. Der genannte Wirkungsgrad von der Energieerzeugung bis zur Fahrleistung beim Elektroauto darf jedoch nicht mit dem Wirkungsgrad eines Elektromotors verwechselt werden, der rund 80 % der ihm zugeführten Energie in Bewegung umsetzt und im Umkehrschluss nur 20 % der Energie an die Umwelt abgibt.Seite 2 von 4 Seite 3 Auch Wärmepumpen sind bei passenden Randbedingungen sehr effizient und können einen wichtigen Beitrag für das Gelingen der Wärmewende leisten. Sie nutzen die Wärme aus der Umgebungsluft, dem Grundwasser oder dem Erdreich und heizen damit das Gebäude – nach dem Prinzip eines Kühlschranks, nur umgekehrt. Die Effizienz einer Wärmepumpe wird mit der Jahresarbeitszahl angegeben. Sie beschreibt, wie viele Einheiten Wärme die Heizung im Jahresdurchschnitt mit einer eingesetzten Einheit Energie gewinnt. Je nach Wärmequelle und Temperaturhub produzieren Wärmepumpenanlagen aus 1 kWh Strom rund 3 bis 5 kWh Nutzwärme. Das bedeutet, dass der Wirkungsgrad – gerechnet auf die eingesetzte Kilowattstunde Strom bei 300 – 500% liegt. Je mehr Strom aus erneuerbaren Energien eingesetzt wird, desto klimafreundlicher wird jede Wärmepumpe. Auch eine Photovoltaikanlage kann unter guten Bedingungen klimafreundlichen Strom für die Wärmepumpe liefern. Wie sieht unter Zugrundelegung des tatsächlichen Strommixes in den Bonner Netzen und der Wirkungsgrade die CO2-Bilanz aller der Klimawende dienenden elektrischen Verbraucher aus? Die CO2-Bilanz von elektrischen Verbrauchern hängt vom eingesetzten Energieträgermix bzw. der Stromkennzeichnung ab. D.h. Elektroautos sind so umweltfreundlich und CO2-arm wie der Strom ist, mit dem sie fahren. Und auch die CO2-Bilanz von Wärmepumpen hängt davon ab, mit welchem Energieträgermix sie betrieben werden. Die Stromkennzeichnung des Unternehmensmix der SWB Energie und Wasser weist CO2-Emissionen von 86 g/kWh aus. Wählt der Kunde ein Ökostromprodukt der SWB, so stammt der Strom zu 100 % aus erneuerbaren Energien. Für den Strommix in Deutschland liegen die CO2-Emissionen bei 350 g/kWh. Ist das Bonner Stromnetz in der Lage, ausreichend Strom für alle im Rahmen der Klimaneutralität 2035 erforderlichen Elektrifizierungen zu transportieren oder muss dieses erweitert werden und wenn ja, mit welcher Zeitdauer und welchen Kosten ist hierbei zu rechnen? Das Stromnetz im alten Bonner Stadtgebiet verfügt auf Grund der Historie als ehemalige Bundeshauptstadt teilweise über überdurchschnittliche Kapazitäten. In den ehemals von der RWE übernommenen Stromnetze in den Ortsteilen Beuel und Bad Godesberg sind die Netzstrukturen technisch anders aufgebaut, was bedeutet, dass sich die Redundanz des Netzes weniger ausgeprägt darstellt. Zu Erreichung der Klimaschutzziele wird es erforderlich sein, einen erheblichen Anteil der derzeit durch fossile Energieträger auf dem Wärmesektor eingesetzten Energie zu elektrifizieren. Nach aktuellen Hochrechnungen bedeutet dies im Bereich des Wärmesektors eine Vervielfachung der Netzkapazitäten um den Faktor von etwa dem Zwei- bis Dreifachen des aktuellen Netzes. Hinzu kommt eine Erhöhung der Kapazitäten im Bereich der E-Mobilität, die aktuell noch nicht valideSeite 3 von 4 Seite 4 abgeschätzt werden kann. Insgesamt bedeutet das, dass in das Stromverteilnetz auf dem Stadtgebiet von Bonn im erheblichen Maße investiert werden muss. Die genauen Kosten sowie ein realistischer Zeitrahmen werden aktuell durch den Netzbetreiber ermittelt. Wie gedenkt die Oberbürgermeisterin dem - offenbar durch Unzulänglichkeiten bei den Stadtwerken - stockenden Ausbau von Photovoltaikanlagen in Bonn abzuhelfen? Vor dem Hintergrund des voranschreitenden Klimawandels aber auch der Versorgungssicherheit ist es mehr denn je geboten, die Energieversorgung CO2-neutral zu gestalten. Ein entscheidender Beitrag auf den Weg dorthin ist der konsequente Ausbau der Erneuerbaren Energien, zu dem sich die Bundesstadt Bonn und auch die Stadtwerke Bonn bekennen. Das größte Erneuerbare-Energien-Potenzial in Bonn hat die Photovoltaik, die damit auch ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität ist. Der notwendige PV-Zubau ist ein Kraftakt und kann nur gelingen, wenn alle Akteure (Politik, Verwaltung, Stadtwerk, Gesellschaft, Fachhandwerk etc.) ihren Beitrag hierzu leisten. Dabei ist die Nachfrage nach der Solarenergie so hoch wie nie. Hohe Energiepreise und der Krieg von Russland gegen die Ukraine steigern das Interesse an unabhängigen Energielösungen mit Solaranlagen. Die Stadtwerke und das Fachhandwerk verzeichnen daher seit Wochen und Monaten eine extrem hohe Nachfrage. Diese erfreulich hohe Nachfrage nach der Photovoltaik stößt an einigen Stellen jedoch an Systemgrenzen und kann teils nicht im ausreichenden Maße befriedigt werden. Auch wenn es vereinzelt inzwischen Entspannung gibt, steht die PV-Branche nach wie vor aufgrund globaler Lieferengpässe bei vielen Komponenten (u.a. PV-Module und Wechselrichter) sowie des Fachkräftemangels im Handwerk (u.a. Dachdeckern und Elektrikern) vor großen Herausforderungen. Als kommunaler Energieversorger sind sich die Stadtwerke Bonn ihrer Rolle beim Ausbau der Photovoltaik bewusst und werden weiterhin ihren relevanten Beitrag leisten. Die enorme Nachfrage bei privaten und gewerblichen Kunden kann jedoch nicht allein von den SWB bedient werden. Vielmehr ist hier das gesamte Handwerk gefordert, um das Ziel der Klimaneutralität 2035 der Stadt Bonn zu erreichen. Anlage/n KeineSeite 4 von 4
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bonn.social/@biz ↗Datenstand: 03.11.2026, 12:09 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de