230255-02 · Beschlussvorlage
Erstellung eines gesamtstädtischen Konzeptes zur wassersensitiven Stadtentwicklung in Bonn nach dem Prinzip der Schwammstadt – Präsentation des finalen Konzeptes
Kerndaten
- Nummer
- 230255-02
- Art
- Beschlussvorlage
- Veröffentlicht
- 02.04.2024
- Letzte Änderung
- 16.09.2026
Beratungsfolge
- Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Klima und Lokale Agenda Entscheidung federführend
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Beschlussvorlage öffentlich 230255-02 Die Oberbürgermeisterin Federführung: 67 Amt für Umwelt und Stadtgrün Dezernat: Dez. III Erstellung eines gesamtstädtischen Konzeptes zur wassersensitiven Stadtentwicklung in Bonn nach dem Prinzip der Schwammstadt – Präsentation des finalen Konzeptes Beratungsfolge Ausschuss für Umwelt, Klima und Lokale Agenda 16.04.2024 Entscheidung Beschlussvorschlag 1. Das vorliegende Schwammstadt-Konzept Bonn wird beschlossen. Die aufge- führten Zielsetzungen sind nach Möglichkeit bei allen raumwirksamen Vorha- ben zu berücksichtigen. 2. Die gelisteten Maßnahmen werden in jeweils ausgewiesener Federführung eigenverantwortlich durch die Fachämter umgesetzt. 3. Die Modellprojekte werden ebenfalls in jeweils ausgewiesener Federführung eigenverantwortlich durch die Fachämter weiterentwickelt und realisiert. 4. Über den Umsetzungsfortschritt des Schwammstadtkonzeptes wird im Rah- men der Berichterstattung zum integrierten Klimaanpassungskonzept regel- mäßig informiert. Begründung Mit dem Klimawandel prägen sich zunehmend Extreme aus. Starkregenereignisse und Überflutung einerseits, Phasen andauernder Trockenheit andererseits. Zur Vorsorge vor Starkregen und Hochwasser bestehen für Bonn bereits umfangreiche Grundlagen, sind Zuständigkeiten geregelt und Maßnahmen realisiert bzw. in Planung. Mit dem Konzept zur Schwammstadt wird nun ein umfassendes Werk für die – neben Starkregenvorsorge und Hochwasserschutz – relevante dritte Säule der wassersensitiven Stadtentwicklung vorgelegt. Bereits im August 2023 wurde der entsprechende Zwischenbericht präsentiert (DS 230255-01). In den einleitenden Kapiteln des Konzeptes werden die konkreten Ziele und die vor diesem Hintergrund zielführenden Bausteine der Schwammstadt Bonn beschrieben. Es wird verdeutlicht, dass die Absicht vor allem darin besteht anfallendes Niederschlagswasser zur Verdunstungskühlung zu nutzen oder zwischenzuspeichern. Eine Versickerung bis ins Grundwasser ist keinSeite 1 von 81 Seite 2 prioritäres Ziel der Schwammstadt. Die häufig schlechte Versickerungsfähigkeit der Bonner Böden stellt vor diesem Hintergrund kein Hemmnis dar - die überwiegend mittlere bis hohe nutzbare Feldkapazität jedoch eine solide Voraussetzung. Unter Feldkapazität versteht man die Wassermenge, die ein zunächst wassergesättigter Boden gegen die Schwerkraft noch einige Tage halten kann. Mit der im Kapitel Strategie aufgeführten Leitkarte steht nun auch für die Trockenheitsvorsorge ein gesamtstädtisches Planungshilfsmittel zur Verfügung, welches vergleichbar der Planungshinweiskarte Hitze oder der Starkregengefahrenkarte sowohl im Rahmen raumwirksamer Planungen berücksichtigt werden wird, als auch als Informationsquelle für die Öffentlichkeit dienen kann. Die Karte der Gelegenheitsfenster verdeutlicht, wie sich Schwammstadtbausteine bereits im „Huckepack“-Verfahren durch Integration in laufende Planungsprozesse sukzessive flächenwirksam realisieren lassen können. In diesem Sinne werden für alle drei kommunalen Handlungsradien – 1. kommunale Liegenschaften und Infrastrukturen, 2. Stadtentwicklung und Stadtplanung, 3. private Liegenschaften und Gebäude – Maßnahmen definiert, um künftige Gelegenheitsfenster für die Schwammstadt effektiver zu nutzen und daneben Aktivitäten im (privaten) Bestand zu fördern. Mit den ausgearbeiteten Modellprojekten wurden gemeinsam mit den relevanten Fachämtern fünf Ideenskizzen entwickelt, die beispielgebend wirken sollen und viele übertragbare Ansätze für vergleichbare Vorhaben beinhalten. Die Verwaltung beabsichtigt die vorliegenden Ideenskizzen weiterzuentwickeln und zu realisieren. Bei der weiteren Ausarbeitung der Planung können Änderungen notwendig werden, es wird jedoch darauf geachtet, gerade die Schwammstadt- Komponenten möglichst weitgehend umzusetzen. Die weitere Planung und Kalkulation von erforderlichen Finanzmitteln für die Umsetzung der Maßnahmen und Modellprojekte obliegt nach Beschlussfassung des Schwammstadt-Konzeptes den jeweils zuständigen Fachämtern. Die Verwaltung beabsichtigt dabei nach Möglichkeit Fördermittel zu nutzen, um den Einsatz von Haushaltsmitteln zu reduzieren. Zur externen Kommunikation und im Sinne der Verdeutlichung einer sich immer weiter ausprägenden Schwammstadt, ist eine fortschreibbare Projektkarte in Arbeit, welche auf der städtischen Homepage eingebunden werden soll. Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Erarbeitung des integrierten Klimaanpassungskonzeptes (DS230574), stellt das Schwammstadt-Konzept eine bereits realisierte Vorleistung für den Bereich der Trockenheitsvorsorge dar. In diesem Sinne sollen die Öffentlichkeitsarbeit und Berichterstattung zusammengeführt werden. Über den Umsetzungsfortschritt zur Schwammstadt wird somit im Rahmen des für Sommer 2024 geplanten Zwischenberichtes sowie des für Sommer 2025 geplanten finalen integrierten Klimaanpassungskonzeptes (KLAKi) informiert. Als Anschubfinanzierung zur Umsetzung von Maßnahmen aus dem KLAKi wurden für den Doppelhaushalt 2025/26 investive Mittel in Höhe von 300.000€ angemeldet; diese stehen auch anteilig für die Umsetzung des Schwammstadtkonzeptes als ein Aspekt der Klimaanpassung zur Verfügung. Nach Fertigstellung des KLAKi wird wie im Zielbeschluss zur Klimaanpassung (DS 231893) formuliert, eine regelmäßigeSeite 2 von 81 Seite 3 zweijährliche Berichterstattung folgen, welche alle Handlungsfelder der Klimaanpassung beinhaltet. Im April und Oktober 2024 wird eine Bürgerbeteiligung zur Erstellung des integrierten Klimaanpassungskonzeptes stattfinden (DS 232071). Vorgesehen ist auch hier die Einbindung der Trockenheitsvorsorge im Sinne der Schwammstadt als eine der bereits relevanten Klimawandelfolgen in Bonn. Finanzielle Auswirkungen: Produktgruppe 1403 Produktgruppenbe- zeichnung Umweltvorsorge, - planung Produkt 140301 Produktbezeichnung Umweltvorsorge,-planung Investive Kosten der Maßnahme Brutto Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen 300.000,00 556001403100 0. 781700 2025 Einzahlungen Investiver Finanzsaldo 300.000,00 Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten Brutto Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen / Aufwendungen Einzahlungen / Erträge Haushaltsbelastung jährlich Anlage/n 1 Endbericht Schwammstadtkonzept Bonn (öffentlich)Seite 3 von 81 CHWAMMSTADTONNSCHWAMM GESAMTSTÄDTISCHES KONZEPT ZUR KLIMAANPASSUNG IM RAHMEN DER STADT- UND FREIRAUMPLANUNG STADT BONNSeite 4 von 81 Impressum Auftragnehmerin: MUST Städtebau GmbH Maybachstraße 109 50670 Köln mail@must.eu www.must.eu Bearbeitung: Dr. Jan Benden Paula Erckmann Auftraggeberin: Bundesstadt Bonn Amt für Umwelt und Stadtgrün Klimaanpassung und -vorsorge (67-41) Berliner Platz 2 53111 Bonn Ansprechpartnerinnen: Jessica Löffler Dr. Britta Holbeck Inhalt 1. Anlass und Methodik 4 ZIELE UND BAUSTEINE 11 2. Ziele 12 2.1 Ziel 1: Hitzebelastung durch Verdunstung mindern! 14 2.2 Ziel 2: Stadtgrün gegen Trockenheit wappnen! 16 2.3 Ziel 3: Synergiepotenziale ausschöpfen! 18 3. Bausteine 20 3.1 Bausteine zur Verdunstungskühlung 21 3.2 Bausteine zur Speicherung von Regenwasser 46 STRATEGIE UND MASSNAHMEN 53 4. Ausgangslage 54 4.1 Rahmenbedingungen 55 4.2 Bisherige Projekte 73 4.3 Zusammenfassende Bewertung 78 5. Strategie 80 5.1 Leitkarte für die Schwammstadt Bonn 85 5.2 Gelegenheitsfenster für die Schwammstadt 93 6. Maßnahmen 96 6.1 Handlungsfeld 1: Kommunale Liegenschaften und Infrastrukturen 98 6.2 Handlungsfeld 2: Stadtentwicklung und Stadtplanung 105 6.3 Handlungsfeld 3: Private Liegenschaften und Gebäude 108 7. Modellprojekte 112 7.1 Alte Stadtgärtnerei 114 7.2 Freianlagen Karlschule 120 7.3 Rheingasse 126 7.4 Wasserspielplatz „Quasi“ 134 7.5 Offenlegung Endenicher Bach 140 8. Kommunikation 146 9. Fazit und Ausblick 150 Köln, 25. März 2024Seite 5 von 81 1. Anlass und Me- thodik Schwammstadt Bonn Anlass und Methodik 5 Die Bundesstadt Bonn zählt mit fast 330.000 Einwoh- ner*innen zu den zwanzig größten Städten der Bun- desrepublik Deutschland. Sie gehört zu den Metropol- regionen Rheinland und Rhein-Ruhr und liegt damit in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Euro- pas. Die Lage am Rhein und der vergleichsweise hohe Anteil an öffentlich zugänglichen Grünanlagen sind mitentscheidend für das Erscheinungsbild der Stadt. Bonn verzeichnet ein kontinuierliches Bevölkerungs- wachstum. Bis zum Jahr 2040 wird auf Grundlage der Bevölkerungsvorausberechnung mit einem Zuwachs von rund 12 Prozent gerechnet. Damit gehört Bonn zu den 11 kreisfreien Städten in NRW, die landesweit die höchsten Zuwächse aufweisen werden. Mit dem dyna- mischen Bevölkerungswachstum geht ein zunehmen- der Nutzungsdruck auf noch vorhandene Freiflächen einher. Gleichzeitig ergeben sich durch die nicht mehr ab- wendbaren Folgen des fortschreitenden Klimawandels besondere Herausforderungen und Anpassungsbe- darfe. Starkregen werden in Häufigkeit und Intensität zunehmen, ebenso wie Hitze- und Dürreperioden. Die Entstehung neuer Baugebiete sowie Nachverdichtun- gen im Bestand führen zu einer verstärkten Bodenver- siegelung, verbunden mit der Gefahr einer zunehmen- den Erwärmung und damit einer Verschlechterung des Mikroklimas. Der Verlust an versickerungs- und verdunstungsfähigen Flächen bewirkt eine negative Veränderung der natürlichen Wasserbilanz. Das Nie- derschlagswasser fließt schneller ab und steht nicht mehr für Rückhalt, Versickerung und Verdunstung zur Verfügung. Der zunehmende Oberflächenabfluss be- lastet die teilweise ohnehin schon hydraulisch ausge- lastete Kanalisation bzw. die Oberflächengewässer. Ebenso kommt es bei hohen sommerlichen Tempe- raturen immer häufiger zu einem Wassermangel. Die Hitzesommer 2003, 2015 und 2018 haben aufgezeigt, dass bei länger anhaltenden Hitzewellen eine natürli- che Bewässerung von Grünflächen und Stadtbäumen nicht mehr ausreichend ist. Durch die zukünftig zu erwartende negative Wasserbilanz in den Sommer- monaten ist es notwendig, den Bodenwasserspeicher aufzufüllen und Niederschlagswasser zu speichern, um in Trockenzeiten die Wasserversorgung der Grün- bereiche und Stadtbäume zu verbessern. Vor diesem Hintergrund ist eine nachhaltige Bewirtschaftung des Regenwassers am Ort des Niederschlages zielfüh- rend. Das Niederschlagswasser kann - direkt als ober- flächennahes pflanzenverfügbares Bodenwasser oder indirekt als Gießwasser für das urbane Grün - zur Er- höhung der Verdunstungsleistung und damit zur Ver- besserung des Stadtklimas beitragen. Zudem können durch eine Erhöhung der dezentralen Speicherkapa- zitäten und der Verdunstungsleistung hydraulische Spitzen bei Starkregenereignissen teilweise verringert werden. Wassersensitive Stadt Wie auch andere Großstädte steht Bonn vor der He- rausforderung, Strategien für eine klimaangepasste Stadt- und Freiraumplanung zu entwickeln und zu implementieren. Ziel ist es dabei, sich zu einer „was- sersensitiven Stadt“ weiterzuentwickeln, um in der Zukunft die Auswirkungen des Klimawandels abmil- dern zu können (siehe Abbildung 02). Insbesondere das Stadtgrün, die Gewässer und die Freiflächen sind dabei Schlüsselfaktoren und leisten einen wichtigen funktionalen wie auch gestalterischen Beitrag für die Erhaltung und Verbesserung der Lebens- und Aufent- haltsqualität für die Menschen in Bonn. Die Strategie einer „wassersensitiven Stadtentwick- lung“ in Bonn umfasst drei Handlungsstränge: 1. Hochwasservorsorge 2. Starkregenvorsorge 3. Hitze- und Trockenheitsvorsorge (Schwammstadt) Im Bereich der Hochwasservorsorge ist die Stadt Bonn bereits gut aufgestellt. In Folge der Jahrhun- derthochwasser 1993 und 1995 wurde ein Hochwas- serschutzkonzept für den Rhein erstellt, in dem Hoch- wasserschutzmaßnahmen erarbeitet und bis heute umgesetzt wurden. Das Tiefbauamt der Stadt Bonn übernimmt dabei die Planung und den Bau von Hoch- wasserschutzanlagen, die Feuerwehr koordiniert den Aufbau des Hochwasserschutzes im Ernstfall. Die Bezirksregierung Köln hat zudem für verschiedene Bonner Bäche die Überschwemmungsgebiete für ein 100-jährliches Hochwasser ermittelt und gesetz- lich festgesetzt. Diese dienen dem Erhalt natürlicher Rückhalteflächen, der Regelung des Hochwasserab- flusses, dem Erhalt der ökologischen Strukturen sowie der Verhinderung erosionsfördernder Eingriffe. Anlass und Methodik 01Seite 6 von 81 Schwammstadt Bonn Anlass und Methodik Schwammstadt Bonn Anlass und Methodik 6 7 Hochwasserschutz Starkregenvorsorge Hitze- und Trockenheitsvorsorge -C° -C° -C° -C° Auch das Thema der Starkregenvorsorge hat in den letzten Jahren in Bonn viel Aufmerksamkeit bekom- men. Rückstauendes Wasser aus dem Kanal, Über- flutungen aus Bächen und Flüssen, aber auch wild oberflächig abfließendes Wasser abseits der Auen- bereiche inmitten der Bebauung haben in den ver- gangenen Jahren an einigen Stellen im Bonner Stadt- gebiet Überflutungen von Grundstücken, Gebäuden und Verkehrsinfrastruktur verursacht. Zum Schutz vor Starkregen und Überschwemmungen hat die Stadt Bonn bereits viel getan. Mit zahlreichen Maß- nahmen im Bereich der öffentlichen Infrastruktur wurde durch das Tiefbauamt entsprechende Vorsor- ge getroffen oder Schritte dazu eingeleitet. Daneben konnten durch umfangreiche bauliche Schutzmaß- nahmen an den Bonner Bächen bereits Überflu- tungsrisiken verringert und somit mögliche Schäden reduziert werden. Darüber hinaus wurde das Infor- mationsangebot für die Eigenvorsorge durch die Er- stellung von Starkregengefahrenkarten erweitert. Diese stellen dar, wo im Stadtgebiet Gefahren durch Sturzfluten infolge von Starkregen (50-, 100-jährlich oder bei extremem Starkregen) entstehen können. Zur Vorbereitung einer verstärkten Hitze- und Tro- ckenheitsvorsorge wurden in der jüngeren Ver- gangenheit erste Untersuchungen durchgeführt, die sich mit den bereits heute erkennbaren und mit den zukünftig zu erwartenden Veränderungen des städtischen Mikroklimas beschäftigen (z.B. ZURES, MUTABOR etc.). Auf Basis dieser Erkenntnisse hat die Stadt Bonn 2022 beschlossen, zukunftsweisende Strategien für eine nachhaltige Bewirtschaftung des Niederschlagswassers als Baustein zur Hitze- und Trockenheitsvorsorge auszuarbeiten und zu imple- mentieren, um Bonn langfristig nach dem Prinzip der „Schwammstadt“ weiterzuentwickeln. Im Januar 2022 wurde hierzu der Haushaltsantrag „wassersen- sitive Stadt“ (DS 211387) beschlossen. Zudem wurden über den Doppelhaushalt 2021/2022 entsprechende Haushaltsmittel und über die Stellenplanfortschrei- bung eine Personalstelle in Teilzeit (50%) zur ver- waltungsseitigen Projektkoordination bereitgestellt. Die Stelle konnte zum 01.02.2022 im Amt für Umwelt und Stadtgrün (67-41) besetzt werden. Im Dezember 2022 wurde das Planungsbüro MUST mit der Erarbeitung des vorliegenden Schwamm- stadtkonzeptes für die Stadt Bonn beauftragt. Das in enger ämterübergreifender Abstimmung entwickelte Konzept widmet sich insbesondere der Trockenheits- und Hitzevorsorge und damit auch der Verbesserung des Stadtklimas und der Aufenthaltsqualität. Neben den in Bonn bereits konzeptionell bearbeiteten The- men der Starkregenvorsorge und des Hochwasser- schutzes werden durch das Schwammstadtkonzept Grundlagen für die dritte Säule im Rahmen der was- sersensitiven Stadt geschaffen. Dabei wird ange- strebt, nach Möglichkeit Synergien zwischen den verschiedenen Aspekten der Klimaanpassung in der räumlichen Planung zu nutzen und negative Wech- selwirkungen zu vermeiden. Projektaufbau und Methodik Das vorliegende Schwammstadtkonzept erläutert im ersten Abschnitt zunächst die Ziele einer Schwamm- stadt (Kapitel 2). Anschließend werden die einzelnen Bausteine einer Schwammstadt aufgezeigt, die im Rahmen der Planung und Realisierung von Projekten eingesetzt werden können (Kapitel 3). Im zweiten Abschnitt wird die Strategie der Schwamm- stadt für die Stadt Bonn konkretisiert. Da die Poten- ziale zur Klimaanpassung in einem engen Kontext mit den räumlichen Standorteigenschaften stehen, werden - aufbauend auf einer profunden Analyse der Ausgangssituation (Kapitel 4) in einer Leitkarte allge- meine Planungsziele für unterschiedliche Siedlungs- und Freiraumtypen sowie für ausgewählte Fokus- räume im Bonner Stadtgebiet formuliert (Kapitel 5.1). Zentrales Ziel dieses Planwerkes ist es, die Aspekte der räumlichen Klimaanpassung im Sinne der Schwamm- stadt zukünftig bei allen flächenrelevanten Entschei- dungen in Bonn frühzeitig und konsequent zu prüfen und möglichst zu berücksichtigen. Um die strategi- schen Klimaanpassungsziele zügig in die Praxis zu im- plementieren, sollen bereits heute alle Möglichkeiten zur Umsetzung von Schwammstadtelementen in lau- fenden Vorhaben genutzt werden. Das Konzept um- fasst daher eine weitere Karte, in der alle planerischen „Gelegenheitsfenster“ (öffentliche Bauvorhaben, Planverfahren etc.) für die potenzielle Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen im Zuge der Stadt- und Freiraumplanung dargestellt werden (Kapitel 5.2). Im nächsten Arbeitsschritt wurde in Abstimmung mit der Verwaltung ein umsetzungsorientierter und auf die spezifischen Eigenschaften der Stadt Bonn ausge- legter Maßnahmenkatalog erarbeitet (Kapitel 6). Die- ser beinhaltet Lösungsansätze für die Umsetzung der Schwammstadt und erstreckt sich dabei auf sämtliche Radien städtischer Einflussmöglichkeiten, welche die Stadt Bonn bei der Klimaanpassung mittelbar oder unmittelbar steuernd wahrnehmen kann. Darüber hi- naus wurden für fünf Standorte in Bonn Ideenskizzen für Modellprojekte erarbeitet (Kapitel 7). Die Entwürfe sollen Möglichkeiten einer räumlichen und gestalte- rischen Einbindung von Schwammstadtelementen in unterschiedlichen städtebaulichen Kontexten auf- zeigen. Zudem sollen sie praxisnahe und realistische Lösungsansätze zur Bewältigung von Umsetzungs- hemmnissen bei der Klimaanpassung und zur Minde- rung der Risiken adressieren. Nicht zuletzt enthält das Schwammstadtkonzept eine Kommunikationsstrategie. Zentrales Element des hier erläuterten Ansatzes bildet dabei eine gesamtstädti- sche interaktive Karte, in der bereits realisierte und im Sinne der Schwammstadt vorbildliche Projekte („good practice“) aufgeführt und sukzessive ergänzt werden, wodurch der Bonner Öffentlichkeit die fortschreiten- de Entwicklung verdeutlicht werden soll (Kapitel 8). Parallel zur fachlichen Erstellung des Schwammstadt- konzeptes fand (unter der Federführung des Amtes für Umwelt und Stadtgrün der Stadt Bonn) ein breiter Beteiligungsprozess statt. Neben einem kontinuierli- chen Informationsaustausch zwischen Auftraggeber und MUST traf im Rahmen des Projektes unter Mo- deration des Auftragsnehmers an insgesamt sechs Terminen eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe aus den relevanten Fachgebieten zusammen. Darüber hinaus wurden die Ergebnisse der Konzepterstellung und der Arbeitsgruppen an drei Terminen mit einer verwaltungsinternen Steuerungsgruppe abgestimmt, die sich u. a. aus leitenden Personen relevanter Äm- ter in der Bonner Stadtverwaltung zusammensetzte. Nicht zuletzt wurde im Projektverlauf eine gemein- same Ortsbesichtigung (Fahrradexkursion) durchge- führt sowie - insbesondere zu den 5 Modellprojekten - bilaterale Gespräche mit internen und externen Ex- pert*innen geführt. Im Rahmen der Konzepterstellung fand auch ein Aus- tausch mit den politischen Umwelt- und Planungs- sprecher*innen der Stadt Bonn statt, in dem die Teil- nehmenden frühzeitig über die Ziele und den Inhalt des Konzeptes sowie dessen Abgrenzung von den Aktivitäten zur Hochwasser- und Starkregenvorsor- ge in Bonn informiert wurden. Am 29. Juli 2023 wur- de der Zwischenbericht zum Schwammstadtkonzept dem Ausschuss für Umwelt, Klima und Lokale Agenda (AUKLA) vorgestellt. Die Abschlusspräsentation der Ergebnisse im AUKLA ist für April 2024 vorgesehen. Die Beteiligung der Bonner Öffentlichkeit zu Fragen der Hitze- und Trockenheitsvorsorge im Sinne der Schwammstadt soll im Rahmen des übergreifenden Beteiligungsprozesses zum integrierten Klimaanpas- sungskonzept der Stadt Bonn (ab 2024) stattfinden. In Abbildung 3 auf der folgenden Seite ist der Erarbei- tungs- und Beteiligungsprozess der Konzepterstel- lung dargestellt. 02 Handlungsstränge der Klimaanpassung durch eine wassersensitive Stadtgestaltung in BonnSeite 7 von 81 Schwammstadt Bonn Anlass und Methodik Schwammstadt Bonn Anlass und Methodik 8 9 Ortsbesichtigungen Grundlagenermittlung und Analyse der Ist-Situation Positionsbestimmung Zieldefinition und Leitbild Kommunikationskonzept Modellprojekte Maßnahmenkatalog Karte: Betroffenheiten und Handlungserfordernisse Handlungsfeld 2: Stadtentwicklung und Stadtplanung „Den planerischen Rahmen für die Umsetzung der Schwammstadt setzen!“ Handlungsfeld 3: Private Liegenschaften und Gebäude „Private Akteur:innen zur Umsetzung der Schwammstadt motivieren!“ Karte: Zielvorstellung, Potenziale und Fokusräume Karte: Gelegenheitsfenster und Planungen Leitbild Wassersensitive Stadtentwicklung in Bonn Zielsystem Handlungsfeld 1: Kommunale Liegenschaften und Infrastrukturen „Mit gutem Vorbild vorangehen – Schwammstadt selber umsetzen!” Steckbriefe Steckbriefe Steckbriefe Karte: Good Practice SWOT-Analyse Modellprojekte Karte: Projekte Schwammstadt Bonn Grundlagenermittlung Beteiligung Abstimmung mit Auftraggeberin Arbeitsgruppe 1 Arbeitsgruppe 2 Expert*innen- gespräche Arbeitsgruppe 3 Steuerungsgruppe 2 Steuerungsgruppe 3 Arbeitsgruppe 5 + Steuerungsgruppe 4 Vorstellung der Ergebnisse Steuerungsgruppe 1 Kick-off Steuerungsgruppe Abgabe Zwischenbericht Vorstellung Zwischenbericht im politischen Ausschuss (AUKLA) Abgabe Endbericht Vorstellung Endbericht im politischen Ausschuss (AUKLA) April 2024 01/24 12/23 11/23 10/23 09/23 08/23 07/23 06/23 05/23 04/23 02/2303/23 Arbeitsgruppe 4 Fachgespräche Modellprojekte Arbeitsgruppe 3a Ortsbesichtigung Zeitplan und Meilensteine 03 ProjektablaufSeite 8 von 81 Ziele und Bausteine Ziele und Bausteine einer SchwammstadtSeite 9 von 81 2. Ziele Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt 13 Leitbild: Schwammstadt Entwicklung einer „Schwammstadt“ zur Abmilderung der Auswirkungen des Klimawandels und zum Erhalt der Lebens- und Aufenthaltsqualität. Ziel 1: Hitzebelastung durch Verdunstung mindern Gezielte Verdunstung von Regenwasser zur Kühlung des Stadtraums während Hitzeperioden. Ziel 3: Synergien ausschöpfen! Überflutungsschutz: Ergänzung zusätzlicher Rückhaltemöglichkeiten für Starkregenereignisse. Biodiversität: naturnahe artenreiche Gestaltung zur Schaffung von Lebensräumen für Flora und Fauna. Grundwasseranreicherung: Versickerung von überschüssigem (unbelasteten) Regenwasser in untere Bodenschichten. Stadtgestaltung: Nutzung des Regenwassers als gestalterisches Element im Stadtraum. Trinkwassereinsparung: Einspeisung des Regenwassers in Grauwasserkreisläufe. Klimaschutz: Ausschöpfung von Energieeinsparpotenzialen (z. B. Gebäudekühlung, Kläranlagen). Ziel 2: Stadtgrün gegen Trockenheit wappnen! Speicherung von Regenwasser zur Versorgung der Vegetation im Stadtraum während Trockenperioden. Ziele der Schwammstadt 04 Das Prinzip der „Schwammstadt“ sieht vor, das in urbanen Räumen anfallende Regenwasser lokal auf- zunehmen und für einen längeren Zeitraum zu spei- chern und zu nutzen, anstatt es über das Kanalnetz abzuleiten. Dadurch soll an erster Stelle das Stadt- klima verbessert und die Gesundheit des Stadtgrüns gefördert werden. Oberstes Ziel ist es, schonend mit der Ressource Wasser umzugehen, die Aufenthalts- qualität an heißen Tagen im urbanen Raum zu erhö- hen und somit einen Beitrag zu einer attraktiven und lebenswerten Stadt zu leisten. Es geht darum, den Stadtraum so zu gestalten, dass das Regenwasser länger an der Oberfläche bzw. im oberen Bodenbereich gehalten werden kann, um es anschließend zur Kühlung der Stadt nutzen zu kön- nen (Kapitel 2.1). Zu den Bausteinen der Schwamm- stadt gehören sowohl offene Wasserflächen (Seen, Teiche, Weiher, Bäche) als auch die Nutzung des Oberbodens als Speicherorgan mit Poren, die Wasser aufnehmen und über die Oberfläche und Vegetation wieder abgeben können. Während Dürreperioden nimmt die Verdunstungsleistung von Grünflächen jedoch ab, da nur das für Pflanzen oberflächennah verfügbare Wasser verdunstet und damit eine Kühl- leistung erbracht werden kann. Daher umfasst der Schwammstadt-Ansatz ergänzend auch die Spei- cherung von Regenwasser in offenen Wasserflächen oder in unter- bzw. oberirdischen Zwischenspeichern (Rigolen oder Zisternen), um so Trockenperioden zu überbrücken und die Wasserversorgung zur Bewäs- serung des Stadtgrüns sicherzustellen (Kapitel 2.2). Maßnahmen der Schwammstadt entfalten, in unter- schiedlichem Ausmaß, Synergien (Kapitel 2.3) für den Überflutungsschutz (durch die Verzögerung und Verminderung des Abflusses), für die Grundwas- seranreicherung (durch die Versickerung von über- schüssigem Wasser in den Untergrund), für den Res- sourcenschutz (durch das Einsparen von Trinkwasser und von Energie für die Wasseraufbereitung), für die Biodiversität (durch die Schaffung von Lebensräu- men für Flora und Fauna) sowie für den Klima- und Umweltschutz (durch das Binden von Schadstoffen). 05 Zielsystem der SchwammstadtSeite 10 von 81 Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt 14 15 -C° -C° -C° -C° 2.1 Ziel 1: Hitzebelastung durch Verdunstung mindern! Durch den anthropogenen Einfluss herrschen im Bonner Stadtraum modifizierte Klimabedingungen vor. Gründe hierfür sind insbesondere der hohe Ver- siegelungsgrad, dem ein geringer Anteil an Vegeta- tion und bewachsenem Boden gegenübersteht. Die Oberflächenvergrößerung durch Gebäude sowie Emissionen durch Verkehr, Industrie und Haushalte spielen ebenfalls eine Rolle. Im Vergleich zum weit- gehend natürlichen bzw. naturnahen, unbebauten Umland führen diese Effekte im Sommer zu höhe- ren Temperaturen und bioklimatischen Belastungen. Das Phänomen der Überwärmung kommt vor allem nachts zum Tragen und wird als „städtischer Wärme- inseleffekt“ bezeichnet. Die aktuelle Stadtklimaanalyse für die Stadt Bonn [1] zeigt für die vergangenen Jahrzehnte eine deutliche Zunahme an Sommertagen (>25°C) und an heißen Tagen (>30°C). Während im Bereich des Rheintales und des bebauten Stadtgebiets von Bonn in der Pe- riode 1961 – 1990 noch durchschnittlich 37 Sommer- tage und 7 heiße Tage pro Jahr registriert wurden, zählte man in der Klimaperiode von 1989 bis 2018 be- reits durchschnittlich 48 Sommertage bzw. 11 heiße Tage. Lediglich die Höhenlagen und damit Waldge- biete wie der Ennert und der Kottenforst verzeichnen rückblickend in den Analysen eine geringere Anzahl an Sommer- und Hitzetagen. Je nach zugrunde ge- legtem Klimawandelszenario wird die Zahl der Kenn- tage bis zum Ende des Jahrhunderts noch in starkem Maße zunehmen. Gemäß der derzeit vorliegenden Klimaprognosen kann für Bonn zwar eine Tendenz zukünftig gleich- bleibender bzw. leicht steigender Jahresniederschlä- ge abgeleitet werden. Für die Vegetation und den Bodenwasserhaushalt ist jedoch die jahreszeitliche Verteilung der Niederschläge entscheidend. In allen repräsentativen Konzentrationspfad Szenarien (RCP) ist eine Tendenz geringerer Niederschläge im Som- mer und leicht höherer Werte in den übrigen Mona- ten zu erkennen. In den vergangenen Jahrzehnten sind die mittleren Niederschläge im Sommer in Bonn bereits kontinuierlich zurückgegangen. Zudem fällt der Niederschlag im Sommer zunehmend als Stark- regen und kann so nicht infiltrieren. Außerdem füllen sich die Bodenvorräte in den Wintern häufig nicht mehr ausreichend. Es kann erwartet werden, dass sich dieser Trend in Zukunft fortsetzt. In Kombination mit hohen Temperaturen führt dies zu längeren Hit- ze- und Trockenperioden. Darunter leiden Mensch und Natur gleichermaßen. Um der sommerlichen Wärmebelastung in den dicht bebauten Gebieten der Stadt entgegenzuwirken, ist eine Verstärkung bzw. Aufrechterhaltung der Evapo- transpiration notwendig. Neben der Verschattung, der Kaltluftzufuhr und einer Oberflächengestal- tung mit geringer Erwärmung (Albedo) bildet die Verdunstungskühlung über gesammeltes Nieder- schlagswasser ein wichtiges Element zur Hitzemin- derung im Rahmen der Stadt- und Freiraumplanung. Die kühlende Wirkung des Regenwassers kann dabei auf unterschiedliche Weise genutzt werden. Hier las- sen sich drei Handlungsfelder unterscheiden: 1. Durch den Rückhalt von Regenwasser im Boden, in Wasserkörpern oder in Zwischen- speichern kann es dazu verwendet werden, das Stadtgrün zu bewässern, um somit während Hitzeperioden über Verdunstungsprozesse eine Kühlwirkung im öffentlichen Raum der Stadt zu erreichen. 2. In Verbindung mit einer Dach- oder Fassaden- begrünung kann das gesammelte Regenwasser sowohl die Verbesserung des Lokalklimas als auch die Kühlung von Gebäuden unterstüt- zen. Sofern die Wasserversorgung der Grün- elemente gewährleistet wird, entfalten diese nicht nur über die Verdunstung eine kühlende Wirkung auf die Umgebung, sondern sie ver- bessern durch ihre Dämmwirkung auch das Innenraumklima und reduzieren zudem den Kühlbedarf im Gebäude. 3. Nicht zuletzt kann das gespeicherte Regen- wasser in einem adiabaten Kühlsystem für Ge- bäude verwendet werden. Mittels einer Was- serpumpe werden dabei kontinuierlich mit dem Regenwasser Kühlpads befeuchtet, durch die mit Hilfe eines mechanischen Lüfters warme Außenluft gepresst wird. Die abgekühlte Luft wird dann anschließend in das Gebäude gelei- tet und verbessert dort das Innenraumklima. Die technischen Systeme zur adiabaten Nutzung des Wassers zur Gebäudekühlung werden in dem vorlie- genden Konzept nur am Rande betrachtet. Vielmehr liegt der Fokus vor allem auf den beiden erst genann- ten Lösungsansätzen, die im Sinne der Schwamm- stadt eine Kombination aus Maßnahmen zur Begrü- nung und Regenwasserspeicherung anstreben, um über eine Verdunstungskühlung (Evaporation und Transpiration) einen entscheidenden Beitrag für ein angenehmeres Lokalklima in der Stadt zu leisten. Die Unterschiede in der Verdunstungskühlleistung von Böden und Vegetation können sehr groß sein. Die entscheidenden Einflussgrößen für die Verduns- tung sind dabei zunächst der Windeinfluss, die Son- neneinstrahlung und die Luftfeuchtigkeit. Daneben ist die Art, die Größe und die Speicherfähigkeit der verdunstenden Fläche maßgebend für die Kühlleis- tung. Im Einzelfall bedingen die gegebenen Stand- ortfaktoren sowie die Wahl der passenden Bausteine den Beitrag zur Hitzeminderung: So verfügen bei- spielsweise Böden mit Grundwasseranschluss über eine kontinuierlich gute Kühlleistung während sie bei Böden mit geringer Wasserspeicherfähigkeit gegen Null tendiert. Sofern sie vital sind und ausreichend mit Wasser versorgt werden, entfalten vor allem gro- ße Bäume die größte Verdunstung. Dagegen ist die Verdunstungskühlleistung bei trockenresistenten Baumarten wiederum sehr gering. Ähnlich different sieht es bei (fließenden oder stehenden) Gewässern aus. Vor allem tagsüber ist die kühlende Wirkung von Wasserflächen relevant und meist höher als die von offenen Grünflächen. Nachts dagegen, wenn die Umgebungstemperatur sinkt, geben die Wasserkör- per oft ihre Energie in Form von Wärme wieder ab. Im Sinne der Schwammstadt bedarf es verstärkter Anstrengungen, um Elemente mit hohem und mitt- lerem Verdunstungspotenzial im Bonner Stadtgebiet zu erhalten und zu erweitern bzw. vor Versiegelung zu schützen. Für ein angenehmes Mikroklima sind dabei vor allem möglichst viele und große Grünflä- chen mit Bäumen oder Vegetation sowie gleichzeitig ein möglichst natürlicher Wasserhaushalt in einem geeigneten Bodenaufbau anzustreben. In Bereichen mit hohen Raumnutzungskonkurrenzen sind darüber hinaus auch verstärkt die Potenziale zur Begrünung von Gebäuden auszuschöpfen. Für alle genannten Maßnahmen zur Verdunstungskühlung in der Stadt ist es von entscheidender Bedeutung, dass eine aus- reichende und kontinuierliche Versorgung mit Re- genwasser gewährleistet wird. Es müssen entspre- chend große Räume für den (temporären) Rückhalt von Niederschlagswasser bereitgestellt werden, um sicher zu stellen, dass ausreichend Wasser für die Verdunstungskühlung in Trockenperioden zur Ver- fügung steht.Seite 11 von 81 Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt 16 17 2.2 Ziel 2: Stadtgrün gegen Trockenheit wappnen! Die heißen Temperaturen und die abnehmenden Nie- derschlagsmengen in den Sommermonaten führen zu längeren und intensiveren Dürreperioden und zu einem erhöhten Wasserbedarf für das städtische Grün in Bonn. Im Sinne der Schwammstadt wird daher der Lösungsansatz verfolgt, das anfallende Regenwasser lokal zu speichern und für die Bewässerung während Trockenzeiten verfügbar zu machen. An erster Stelle steht hier das Ziel einer unmittelbaren Speicherung und Zirkulation des Niederschlagswassers im ober- flächennahen Bodenwasserspeicher. Die Fähigkeit des Bodens Wasser in Poren zu speichern, stellt einen wichtigen Faktor für die Versorgung der Vegetation mit Wasser bei längerer Trockenheit dar [2]. Die Spei- cherkapazität hängt stark von standörtlichen Faktoren wie dem Bodentyp und der Feldkapazität ab. Letztere beschreibt die Regenmenge, die der Boden gegen die Schwerkraft halten kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Vegetation nur einen Teil der Bodenwasser- menge nutzen kann, da ein gewisser Prozentsatz als „Totwasser“ gebunden und damit für die Versorgung der Pflanzen nicht verfügbar ist. Zieht man diesen An- teil ab, bekommt man den für Pflanzen durch den ka- pillaren Aufstieg verfügbaren Anteil des Bodenwasser- speichers, die „nutzbare Feldkapazität“. Bei beengten Platzverhältnissen oder bei ungünstigen Bodeneigenschaften kann das Speichervermögen für Regenwasser durch den Einsatz von Speicherkörpern erhöht werden. Dabei kann zum einen auf Speicherri- golen zurückgegriffen werden. Das Niederschlagswas- ser wird dabei über Versickerung oder über ein Rohr in einen geschlossenen Speicherkörper geleitet. Die Rigolen können aus grobkörnigen Schüttgütern wie Kies, Schotter und Lava oder aus festen Kunststoffele- menten hergestellt werden. Je nach Herstellungsart, können sie bei Bedarf auch überbaut werden. Das in den Rigolen gesammelte Wasser steigt über die Kapil- larkräfte ohne Pumpenergie nach oben und bewässert so die Vegetationsschicht. Bei Bedarf können auch stehende Gewässer (Teiche etc.) als Wasserquelle für die Speicherrigolen dienen. Überschüssiges Wasser aus dem Speicher kann – je nach Belastung - versickern und den Grundwasservorrat wieder auffüllen oder ge- drosselt dem Kanalnetz zugeführt werden. Das von Dächern oder von versiegelten Flächen abflie- ßende Regenwasser kann alternativ auch in unterirdi- schen Zisternen, in Regentonnen oder in Füllkörpern unterhalb von Gründächern gesammelt werden, um es in Trockenzeiten für eine manuelle Bewässerung ent- nehmen und nutzen zu können. Zur Reaktion auf das geringere Wasserdargebot auf- grund der Zunahme der Häufigkeit, Dauer und Intensi- tät von Dürreperioden stehen zusammenfassend zwei verschiedene Herangehensweisen zur Verfügung: die Erhöhung der Wasserverfügbarkeit und die Verringe- rung des Wasserbedarfs. Bei der Umsetzung dieser Strategien sollte stets berücksichtigt werden, dass nur die erste (durch die Verdunstungskühlung) Synergien für die Hitzeminderung (Ziel 1) birgt. Trotzdem macht der zu erwartende sommerliche Wassermangel auch die Verringerung des Wasserbedarfs erforderlich, z.B. durch den Einsatz wassereffizienterer grün-blauer In- frastrukturen. Wo innerhalb des Siedlungsraums eher die erste und wo die zweite Strategie zum Tragen kom- men sollte, muss stets auch aus der Perspektive der Hitzevorsorge evaluiert werden, um gezielt Räume mit hoher Hitzeempfindlichkeit besser schützen zu kön- nen. An Standorten mit einer geringeren Vulnerabilität gegenüber Hitze bietet sich hingegen der zweite An- satz der Trockenheitsvorsorge an. 06Seite 12 von 81 Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt Schwammstadt Bonn Ziele der Schwammstadt 18 19 +O +O -CO -CO -°C 2.3 Ziel 3: Synergiepotenziale ausschöpfen! Überflutungsschutz Durch die Ausnutzung der Spei- cherelemente der Schwammstadt können teilweise auch Abfluss- spitzen bei Starkregen gemindert werden. Insgesamt betrachtet, sind die Synergiepotenziale zur Überflutungsvorsorge jedoch beschränkt. Insbesondere bei extremen Überflutungen an Fließgewässern sowie bei außer- gewöhnlichen Oberflächenab- flüssen durch Starkregen stoßen die Anlagen schnell an ihre Gren- zen. Zur Bewältigung derartiger Ereignisse sind eher ein gezieltes Ableiten durch weniger empfind- liche Korridore (Notentwässe- rung) und das vorübergehende Zurückhalten auf größeren und weniger vulnerablen Retentions- flächen entscheidend. Biodiversität Infolge der Versiegelung verlieren Pflanzen und Tiere zunehmend an Lebensraum. Durch den Ausbau und die Aufwertung blau-grü- ner Infrastrukturen im Zuge der Schwammstadt können Lebens- grundlagen für diverse Tier- und Pflanzenarten im Bonner Stadt- raum geschaffen und somit die Biodiversität erhöht werden. Klei- ne Gewässer und deren struk- turreiche Uferbereiche bieten wichtige Lebensräume für viele Amphibien, Kaulquappen und Wasserinsekten. Urbane Grün- flächen, Bäume oder Gebäude- begrünungen bilden lebendige Standorte, an denen Vögel, Wild- bienen, Schmetterlinge und eine Vielzahl von Insekten Nahrung und Lebensraum finden. Grundwasseranreicherung Die Schwammstadt kann, zu- mindest teilweise, Synergien mit der Herstellung des natürlichen Bodenwasserhaushaltes entfal- ten. Zwar ist es oberstes Ziel der Schwammstadt, das Regenwasser an der Oberfläche oder im oberen Bodenbereich zu sammeln, um es wiederzuverwenden. Jedoch kann auch überschüssiges (mög- lichst unbelastetes) Wasser ver- sickert werden, um so den Grund- wasserspiegel anzureichern. Die Versickerungsmöglichkeiten sind jedoch angesichts der ungünsti- gen Bodenverhältnisse in Bonn begrenzt (siehe Kapitel 4.1). Zu- dem ist im Einzelfall jeweils die Behandlungsbedürftigkeit des Wassers sowie die Altlastenge- fährdung am Standort zu prüfen. Stadtgestaltung Wasser im Stadtraum bildet ein Element urbaner Quali- tät, das neben seiner Funktion als Trink- und Nutzwasser den Stadtraum gliedern, strukturie- ren und beleben kann. Die Schaf- fung erleb- und wahrnehmbarer Schwammstadtelemente kann die Aufenthaltsqualität und das Stadtbild von Bonn auch gestal- terisch noch weiter aufwerten. Öffentliche Wasser- und Grün- flächen erfüllen vielfältige Auf- gaben, so auch für die Erholung und Gesundheit des Menschen. Für die Akzeptanz in der Bonner Bevölkerung und die Erlebbarkeit ist es wichtig, dass neben funk- tionalen Ansprüchen immer auch auf die Ästhetik und die gelun- gene Einbettung der Schwamm- stadtbausteine in die Umgebung geachtet wird. Zusätzlich kann die Kombination mit bespielbaren Elementen (Regenwasserspiel- plätze, Brunnenanlagen, Fontä- nenfelder etc.) die Attraktivität des Stadtraumes erhöhen. Klimaschutz Bäume, Grünflächen, Feucht- gebiete und Böden können zum Teil Kohlenstoffdioxid (CO2) so- wie verschiedene Luftschadstof- fe aufnehmen und damit einen wichtigen Beitrag zum Klima- schutz und zur Luftreinhaltung in Bonn leisten. Je mehr dieser Ele- mente es im Stadtraum gibt, desto mehr CO2 und Feinstäube können folglich gebunden werden. Das Vermögen der Grünelemente, Schadstoffe aus der Luft zu filtern, hängt jedoch stark von der jeweili- gen Art des Grüns ab. Durch verschiedene Maßnahmen der Schwammstadt kann darüber hinaus Energie eingespart wer- den. Zum einen wirkt sich z.B. eine Gebäudebegrünung positiv auf das Innenraumklima aus und min- dert den Kühl- und Heizenergie- bedarf, zum anderen kann durch die Bereitstellung von Regenwas- ser aus Zisternen Energie, die für die Aufbereitung und den Trans- port von Trinkwasser anfällt, ein- gespart werden. Trinkwassereinsparung Durch die Verwendung des Re- genwassers als Brauchwasser können auch Wasserressourcen geschont werden. So können durch die Wiederverwendung des gesammelten Wassers zur Bewäs- serung oder zur Brauchwasser- nutzung (z.B. für Reinigungszwe- cke, Waschmaschinen oder für die Toilettenspülung) Trinkwasserres- sourcen eingespart sowie Kanäle und Kläranlagen entlastet werden. Da bei der Brauchwassernutzung in Gebäuden in den meisten Fäl- len auf eine Wasserversorgung mit Trinkwasser nicht verzichtet werden kann, müssen die Lei- tungsinstallationen jedoch häufig doppelt geführt werden, was mit einem höheren Erstellungsauf- wand verbunden ist. Darüber hin- aus muss ein Speicher geschaffen werden, um einen kurzzeitigen Spitzenbedarf abzudecken. Es ist daher jeweils im Einzelfall zu prüfen, ob die haustechnische Nutzung von Regenwasser ökolo- gisch und ökonomisch sinnvoll ist.Seite 13 von 81 3. Bausteine Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 21 -C° -C° -C° Gewässer -C°-C° Gründächer -C° -C° -C° Feuchtbiotope -C° -C° -C° Grünfassaden -C° -C° Grüngleise -C° -C° Wasserdächer -C° -C° Verdunstungsbeete -C° -C° -C° Blühwiesen -C° -C° -C° Bewegtes Wasser -C° -C° StraßenbäumeVerdunstungsfähige Beläge -C° -C° -C° Grünes Stadtmobiliar -C° -C° Bausteine der Schwammstadt 07 Kühlen über Wasser 3.1 Bausteine zur Verdunstungskühlung Sowohl Gewässer, als auch offenliegende Böden sowie Pflanzen verdunsten unter dem Einfluss von Wärmeeeinstrahlung Wasser. Dadurch kühlen sie die Umgebungsluft und haben so einen Einfluss auf das städtische Mikroklima. Maßgebliche Einflussgrößen der Kühlleistung sind dabei die Größe der verduns- tungsfähigen Oberfläche (diese ist beispielsweise bei einem Laubbaum mit großem Blattvolumen deutlich größer als bei einer kurz gemähten Rasenfläche), die verfügbare Wassermenge sowie die Intensität der Wärmestrahlung. Während die Versickerung von Re- genwasser in der Praxis bereits eine etablierte Ziel- größe der Regenwasserbewirtschaftung geworden ist, wird die Verdunstung (als zweite wichtige Säule des naturnahen Wasserkreislaufes) bisher nur wenig thematisiert und oftmals als Verlustgröße dargestellt. In den letzten Jahren hat die Relevanz der Verduns- tung und ihrer Kühlleistung in der Forschung [3] und in der Praxis jedoch an Bedeutung gewonnen: So zum Beispiel hat die DWA 2022 das Merkblatt M 102-4 („Wasserhaushaltsbilanz für die Bewirtschaftung des Niederschlagswassers“) [4] veröffentlicht. In Ergän- zung zum Arbeitsblatt DWA-A 100 („Leitlinien der integralen Siedlungsentwässerung“) [5] fordert die- ses Merkblatt für neu erschlossene Siedlungsgebiete eine zielgerichtete Anwendung alternativer Entwäs- serungsverfahren mit Versickerung und einer Förde- rung der Verdunstung durch einen hinreichend gro- ßen Grünflächenanteil. In den folgenden Steckbriefen werden die verschie- denen Bausteine zur Verdunstungskühlung näher erläutert und ihr jeweiliger Beitrag zu den Zielen der Schwammstadt verglichen. Die Bewertung basiert dabei auf einer metaanalytischen Literaturrecherche und einer allgemeinen gutachterlichen Einschätzung. Grundsätzlich lassen sich die Bausteine danach unter- scheiden, ob die Verdunstungskühlung unmittelbar über offene Wasserflächen oder über die Vegetation im Stadtraum bzw. auf Gebäuden erzeugt wird: Kühlen über Vegetation Kühlen über BauwerksgrünSeite 14 von 81 -C° -C° -C° Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 22 23 GEWÄSSER Bonn ist eine Stadt am Wasser. Insbesondere der Rhein und die Sieg prägen mit ihren Uferbereichen das Bonner Gewässer- und Freiraumsystem. Neben den beiden Flüssen wird das Stadtgebiet zudem von zahlreichen Bachläufen durchzogen. Darüber hin- aus befinden sich im Stadtgebiet zahlreiche offene, künstlich angelegte Wasserflächen wie Teiche, Wei- her oder Becken, die ebenfalls einen wichtigen Bei- trag zur Verdunstungskühlung in der Stadt leisten. Die Wasserkörper sind in der Regel dauerhaft mit Wasser gefüllt. Manche stehenden Gewässer, wie beispielsweise der Dornheckensee im Ennert sind naturnah gestaltet, andere wie z.B. die Rheinauen- seen sind eher landschaftsarchitektonisch ausge- führt. Die kleinen Fließgewässer in Bonn, wie z.B. der Mehlemer Bach, sind dagegen insbesondere im urbanen Raum meist naturfern eingefasst und an zahlreichen Stellen verrohrt. Welche Standorte sind geeignet? Die Schaffung bzw. der Ausbau von Wasserflächen ist mit einem vergleichsweise hohen Flächenbedarf verbunden. Potenziale im Bonner Stadtgebiet bieten sich in städtische Parkanlagen oder auf größeren öf- fentlichen Plätzen. Im kleineren Maßstab ist die Anla- ge von Teichen in privaten Gärten denkbar. Auch bie- ten sich an manchen Stellen Möglichkeiten verrohrte Bäche freizulegen und zu renaturieren. Allerdings sind die Potentiale hierfür begrenzt. Was ist zu beachten? Die stehenden Wasserflächen in Bonn werden mit zugeführtem Re- genwasser gespeist. Im Jahresmittel tritt zwar eine ungefähr ausgeglichene Wasserbilanz auf, allerdings kann der monatliche Wasserstand auf Grund von Verdunstung und Trockenperioden stark schwanken. Bei Bedarf kann zusätzlich mit Regenwasser aus Zis- ternen oder Rückhaltekörpern im Stadtraum nach- gespeist werden. Um ein zu starkes Absinken des Wasserpegels oder Austrocknen zu vermeiden sind die Wasserflächen in der Regel abgedichtet. Je nach System ist zudem ein Überlauf in eine Mulde zur Ver- sickerung, in ein Oberflächengewässer oder in den Kanal vorzusehen. Um ein Kippen des Gewässers zu verhindern, muss ein ausreichendes Umwälzen sicher gestellt sein. Dies kann über natürliche Verfahren, durch die Aus- bildung von Flach- und Tiefenwasserbereichen sowie natürlichen Bodenfiltern hergestellt werden, aber auch durch technische Verfahren mittels Pumpen und Filteranlagen unterstützt werden. Ist das Ge- wässer für den Menschen zugänglich und beispiels- weise als Schwimm- oder Badeteich vorgesehen, sind zusätzliche Maßnahmen gegen die Ertrinkungs- gefahr und entsprechende Hygienemaßnahmen zu treffen. Die häufig thematisierte Problematik durch Mücken (insb. im Umfeld von Wohnnutzungen), wel- che die Wasserfläche als Ort für die Eiablage nutzen, reguliert sich in der Regel bei größeren Gewässern durch die Ansiedlung von Fressfeinden auf natürli- che Weise. 08 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Wasserflächen und Fließgewässer bieten in der Regel eine hohe Aufenthaltsqualität und sind attraktive Orte der Naherholung. Je nach Ausführung bieten sie für die Stadtbewohner zudem die Möglichkeit einer direkten Abkühlung. Ressourcen- und Klimaschutz Durch die dezentrale Einspeisung, Speicherung und Verdunstung von Regenwasser in Wasserkörpern können Energieaufwände für die Ableitung und Reinigung des Wassers reduziert werden. Abflussminderung Wenn schwankende Wasserpegel toleriert und entsprechende Zusatzvolumen für die Retention vorgehalten bzw. neu geschaf- fen werden, können die Wasserkörper als effektive Rückhalteele- mente bei Starkregenereignissen eingesetzt werden. Biodiversität Wasserkörper sind Lebensräume für Tiere und Pflanzen und leis- ten so einen Beitrag zur Biodiversität. Die Bonner Bäche bilden darüber hinaus wichtige lineare Elemente für den Biotopverbund. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Die Wasserfläche gibt Wasser über Evaporation an die Umge- bung ab, entzieht der Luft dabei Wärme und erzeugt somit den Effekt der Verdunstungskühlung. Grundsätzlich erzeugt ein großer Wasserkörper eine größere kühlende Wirkung, als viele kleine Wasserkörper mit insgesamt dem gleichen Volumen. Al- lerdings kann die Kühlwirkung mit mehreren dezentralen Was- serflächen auf ein größeres Gebiet verteilt werden. Zudem ist die Kühlwirkung von Wasserflächen am effektivsten, wenn diese quer zur Hauptwindrichtung ausgerichtet sind. Es ist allerdings zu beachten, dass der Wasserkörper die Energie der Sonnenein- strahlung speichert und langsamer wieder abkühlt als der natür- liche Boden. Somit kann sich der kühlende Effekt der Wasserflä- che in der nächtlichen Situation umkehren. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien Weiterführende Literatur – Hinweise zur Planung und Bauaus- führung von Teichanlagen finden sich in den Richtlinien für Planung, Bau und Instandhaltung von priva- ten Schwimm- und Badeteichen der FLL (2017). – Hinweise zur Auswahl und Aus- legung der Abdichtung gibt die DWA-Richtlinie M 512 (2012) 09 10 11Seite 15 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 24 25 FEUCHTBIOTOPE Feuchtbiotope stellen eine gute Möglichkeit dar, Temperaturen zu senken. Es handelt sich dabei um wassergesättigte Vegetationsflächen (Teiche, Feuchtwiesen, Moore). Derartige vegetative Feucht- gebiete kombinieren eine dauerfeuchte Substrat- zone mit einer besonders verdunstungsstarken Bepflanzung. Feuchtbiotope können als bauliche ge- fasste oder naturnah gestaltete Flächen zum Einsatz kommen, auch schwimmende Vegetationssysteme sind möglich. Welche Standorte sind geeignet? Baulich gefasste wassergesättigte Vegetationsbeete sind durch ihren vergleichsweise geringen Raumbe- darf für den Einsatz im öffentlichen Stadtraum geeig- net. Naturnah gestaltete Feuchtgrünflächen können in öffentlichen Grünflächen, wie z.B. im Lengsdorfer Kreuzbergpark, sowie an den Uferzonen von be- stehenden oder neu geplanten Teichen, Weihern oder Kanälen angelegt werden. Dort, wo sich Uferzo- nen von Wasserflächen nicht bepflanzen lassen oder eine Bepflanzung aus gestalterischen Gründen nicht gewünscht ist, lassen sich schwimmende Konstruk- tionen auf tieferen Gewässerzonen integrieren. Auch im Hof- und Gartenbereich privater Grund- stücke stellen kleine Feuchtbiotope oder bepflanzte Gartenteiche eine Möglichkeit dar, Temperaturen lo- kal zu senken. Im Außenbereich der Stadt bietet sich die Mög- lichkeit, durch den Erhalt und durch eine Renatu- rierung von Moor- und Feuchtflächen die Was- serspeicherung und die verdunstungskühlende Wirkung großräumig zu fördern. Gleichzeitig ist hier ein umfassendes Wasserma- nagement erforderlich, um diese Gebiete vor sommerlichen Tro- ckenschäden zu bewahren. Was ist zu beachten? Für die Bepflanzung von Feuchtgrünflächen kom- men ausschließlich Pflanzen in Frage, die eine hohe Bodenfeuchte und Staunässe tolerieren. Hierzu zäh- len vor allem Röhrichtpflanzen wie Schilfrohr oder Sumpf-Schwertlilie. Um eine dauerhafte Sättigung mit Wasser sicherzu- stellen, müssen die Biotope gedichtet ausgebildet und bei Bedarf mit Wasser – vorzugsweise Regen- wasser aus Zisternen – nachgespeist werden. Im Ein- zelfall kann auch geprüft werden, ob unter Umstän- den Oberflächenabflüsse benachbarter Flächen zugeleitet werden können oder ob eine Überleitung von Wasser aus naheliegenden Oberflächengewäs- sern möglich ist. Beim Einsatz an der Uferzone offener Gewässer, muss die Schwankung des Wasserstandes auf cir- ca +/- 15 Zentimeter begrenzt werden, um ein Tro- ckenfallen oder ein Überstauen der Vegetation über längere Zeiträume zu vermeiden. Für stärker schwankende Wasserpegel kommen schwimmende Vegetationsinseln in Frage. Diese kombinieren einen Auftriebskörper und einen Vegetationsträger, der von der Bepflanzung durchwachsen wird, sodass ihre Wurzeln frei im Wasser hängen. So sind die an der Oberfläche treibenden Vegetationsbestände stets optimal mit Wasser versorgt und unabhängig von Schwankungen des Wasserstandes. -C° -C° -C° 12 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Die Bepflanzung von Uferbereichen kann gezielt zur Gestaltung und Zonierung von Wasserflächen in der Stadt eingesetzt werden. Dauerfeuchte Vegetationsbeete können als attraktives stadtge- stalterisches Element für Straßen- und Platzräume dienen. Ressourcen- und Klimaschutz Feuchtiotope binden und speichern Kohlenstoff und können, je nach Größe, als Treibhausgassenken für den Klimaschutz eine wichtige Rolle spielen. Abflussminderung Feuchtgrünflächen sind nur begrenzt in der Lage, einen Beitrag zum Regenrückhalt zu leisten, da die eingesetzte Vegetation nur geringfügig resistent gegenüber Schwankungen des Wasser- standes ist. Eine Ausnahme bilden schwimmende Systeme. Biodiversität Insbesondere in den vegetationsbestandenen Uferzonen von Gewässern finden zahlreiche Tierarten ihren Lebensraum. Zu- dem erhöhen die Biotope die natürlichen Selbstreinigungskräfte und sorgen für eine verbesserte Wasserqualität. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Durch die Bepflanzung mit geeigneter Vegetation lässt sich die Kühlleistung von Wasserflächen erheblich erhöhen, da so die rei- ne Evaporation (Verdunstung über die Wasseroberfläche) durch Transpiration (Verdunstung über die Pflanzenoberfläche) er- gänzt wird. Hinzu kommt, dass hierfür in der Regel Arten feuchter Standorte eingesetzt werden, die nicht darauf angewiesen sind mit einer knappen Verfügbarkeit von Wasser umgehen zu müs- sen. Anders als beispielsweise viele Baumarten schließen diese Pflanzen ihre Spaltöffnung bei hohen Temperaturen und starker Sonneneinstrahlung nicht. Sie verdunsten dauerhaft Wasser, also auch in heißen Mittagsstunden und sogar bei Nacht und kühlen somit die Umgebungsluft. Hinzu kommt, dass Bepflanzung die Wasserfläche teilweise verschattet, sodass sich diese weniger stark aufheizt und es nicht zur nächtlichen Wärmeabstrahlung kommt. Bei der Pflanzenauswahl und Pflege ist allerdings darauf zu achten, dass keine Arten überhandnehmen, welche die Was- seroberfläche zu stark abdecken (z.B. Teichrosen) und so wieder- um die Evaporation schmälern können. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien 13 15 14 16Seite 16 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 26 27 WASSERDÄCHER Eine Sonderform der verdunstungsfähigen Was- serflächen stellen Wasserdächer („blue roofs“) dar. Dabei wird Regenwasser temporär oder permanent offen auf der Flachdächern größerer Bauwerke (z.B. Tiefgaragen, Schulen, Verwaltungsgebäude etc.) an- gestaut. Die Wasserfläche kann die gesamte Dach- fläche bedecken und durch die Attika des Gebäudes gefasst sein, oder aber nur auf Teilen der Dachflä- chen angelegt und beispielsweise als Teich als Ge- staltungselement von begehbaren Gründächern eingesetzt werden. . Welche Standorte sind geeignet? Da Wasserdächer keinen eigenen zusätzlichen Flä- chenverbrauch generieren, sondern die bereits be- stehende versiegelte Fläche des Bauwerks nutzen, eigenen sie sich insbesondere für Siedlungsbereiche mit knappen Raumreserven wie die dichten Innen- stadtbereiche Bonns oder die Ortsteilzentren Bad Godesberg und Beuel. Im Rahmen von Neubauvor- haben lassen sich die Wasserbecken dabei beson- ders gut auf Tiefgaragen oder auf großen Bauwerken mit Flachdach integrieren. Voraussetzung ist durch das hohe Gewicht stets eine entsprechende Bausta- tik. Was ist zu beachten? Für die Nutzung von Wasserdächern zum kon- trolllierten Rückhalt von Regenwasser kommen ausschließlich Flachdächer ohne nennenswertes Gefälle in Frage. Im Gegensatz zu reinen Retentions- dächern, kommt es bei Wasserdächern im Sinne der Schwammstadt zu einem (in der Höhe variierenden) dauerhaften Anstau von Was- ser. Nur so kann das Dach – im Sinne der Schwammstadt –eine Kühlfunktion erbringen. Die Herstellungs- und Unterhaltungskosten für Wasserrdächer sind relativ gering. Allerdings muss die Dachabdichtung eines Wasserdaches in beson- derem Maße leistungsstark gegenüber drückendem Wasser ausgeführt sein. Hinzu kommen baustati- sche Belange, die durch das zusätzliche Gewicht der Wasserfläche entstehen. Eine zehn Zentimeter hohe Wasserfläche verursacht dabei bereits ein zusätzli- ches Gewicht von 100kg/m2. Das Wasserdach muss für den Fall extremer Nieder- schlagsereignisse mit einem Überlauf in das Kanal- system oder in eine nahegelegene Versickerungsflä- che versehen werden. Unter Umständen ist im Zuge eines Neubaus auch eine Einspeisung des gesam- melten Wassers in eine Zisterne bzw. in den Grau- wasserkreislauf (z.B. für die Toilettenspülung) eines Gebäudes denkbar. -C° -C° 17 Weiterführende Literatur – Blue Roofs - LID SWM Planning and Design Guide – Rooftop Detention (Blue Roof) - Massachusetts Clean Water Toolkit by Massachusetts Department of Environmental Protection (MASS- DEP) Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Auf begehbaren Dächern können Wasserflächen als gestalteri- sches Element integriert werden und so die Aufenthaltsqualität steigern. Sind sie für die Öffentlichkeit zugänglich, dienen sie zu- gleich als direkte Möglichkeit der Abkühlung an heißen Tagen. Ressourcen- und Klimaschutz Durch die Verdunstung von Regenwasser über das Dach können Energieaufwände für die Ableitung und Reinigung reduziert wer- den. Durch die kühlende bzw. isolierende Wirkung des Daches wird der Energiebedarf für die Gebäudekühlung minimiert. Abflussminderung Als zusätzliche Speichervolumen in der Stadt haben Wasserdächer ein Potenzial zur Unterstützung des Regenrückhalts. Optimal ist der Einsatz intelligenter Systeme, welche die Wettervorhersage berück- sichtigen und bei anstehendem Regen die Dachfläche leeren. Biodiversität Ein Wasserdach in seiner reinen Form entfaltet nur wenige Syn- ergien mit dem Erhalt bzw. mit dem Ausbau der Biodiversität. In Kombination mit Vegetationselementen können jedoch attrakti- ve Lebensräume für Flora und Fauna geschaffen werden. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Außenraum Kühlleistung Innenraum Die Kühlfunktion von Wasserdächern bezieht sich vorrangig auf das Innenraumklima, da sich die Dachfläche weniger stark auf- heizt. Jedoch kann durch die Evaporation auch ein kühlender Effekt auf die Umgebungsluft erzielt werden, welcher je nach Höhe und Anordnung der Dachfläche das städtische Mikroklima beeinflussen kann. Um eine kontinuierliche Verdunstungsrate und damit Kühlleistung sicherzustellen, muss das Dach dauerhaft mit Wasser gefüllt sein, sodass unter Umständen ein Nachspei- sen – vorzugsweise mit Regenwasser aus Zisternen – notwendig sein kann. Wie bei den Gewässern (siehe oben) auch, ist die Kühlleistung am effektivsten, wenn die Wasserfläche quer zur Hauptwindrichtung ausgerichtet ist. Durch die zumeist geringe Einstauhöhe bei Wasserdächern ist hier allerdings die nächtliche Abstrahlung der tagsüber absorbierten Strahlungswärme be- sonders relevant und muss beim Einsatz von Wassertdächern als kühlender Baustein im Sinne der Schwammstadt berücksichtigt und im Einzelfall bewertet werden. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien gering hoch 18 20 19 21Seite 17 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 28 29 BEWEGTES WASSER Bewegte Wasserelemente haben insbesondere an heißen Sommertagen eine hohen Verdunstungsver- lust. Im Sinne der Schwammstadt ist das ein positiver Effekt, da dies mit der Abkühlung der Umgebungs- luft verbunden ist. An vielen Stellen im Bonner Stadt- gebiet wurden auf vielfältige Weise Elemente mit bewegtem Wasser in den Stadtraum integriert, die neben ihrer stadtgestalterischen Funktion einen wichtigen Beitrag zur Kühlung der Stadt liefern. Hier- zu zählen zum einen klassische Stadtbrunnen wie beispielsweise am Neutor, am Chlodwigplatz und im Rosengarten. Hinzu kommen Wasserspiele und Fon- tänenfelder wie z.B. am Budafok-Park, an der Bun- deskunsthalle, am Frankenbad oder am Telekom-Fo- rum. Insgesamt verfügt die Stadt Bonn über rund 100 bewegte Wasserelemente im gesamten Stadtgebiet. Bislang werden diese fast ausschließlich mit Trink- wasserreserven gespeist. Im Zuge der Schwamm- stadtinitiative wäre es denkbar, vermehrt auch gering verschmutztes Regenwasser (z.B. von Dachflächen) zu Kühlzwecken über Brunnen und Wasserspiele einzusetzen. Welche Standorte sind geeignet? Für weitere Elemente mit bewegtem Wassers kom- men zahlreiche Standorte im Bonner Stadtraum in Frage. Zerstäuber- oder Fontänenfelder sind vor al- lem sinnvolle Ergänzungen der Flächennutzung von Stadtplätzen, da diese so ausgebildet werden kön- nen, dass sie im ausgeschalteten Zustand befahrbar sind. Brunnen können in diversen Formen und Grö- ßen gestaltet werden, sodass sie sich für die Integra- tion in Innenhöfen, Straßenräumen sowie auf stark frequentierten Plätzen und Parks gleichermaßen eignen. Be- sonders zu berücksichtigen ist der Einsatz von bewegtem Wasser auch bei der Spiel- platzplanung. Was ist zu beachten? Die hohen Verdunstungsverluste von Wasserspie- len und Brunnen an heißen Tagen machen ein kon- tinuierliches Nachspeisen notwendig. Als alternative zu Trinkwasser sollte hierfür im Optimalfall gespei- chertes Regen- oder Oberflächenwasser zum Ein- satz kommen. Die erforderlichen Maßnahmen zur Aufbereitung und Behandlung des Wassers hängen von Einsatzweise und -bereich ab und müssen bei Planungsvorhaben mit dem zuständigen Gesund- heitsamt geklärt werden. Wenn die zu planende Anlage keine Nutzung durch Kinder vorsieht, kann grundsätzlich aufgefangenes Regenwasser verwen- det werden. Sofern jedoch Kinder Zugang zum Was- ser haben (z.B. an Wasserspielplätzen) , werden die Anforderungen an die Wasserqualität bislang noch so hoch gesetzt, dass nur Trinkwasser eingesetzt werden darf, welches in einem Kreislauf gehalten und immer wieder gereinigt und aufbereitet wird. In Pilotprojekten für Regenwasserspielplätze in Ham- burg (Neugraben-Fischbek), Solingen (Bismarck- platz) und Nienhausen (Revierpark) wird über eine entsprechende Beschilderung auf die Nutzung von Niederschlagswasser hingewiesen. -C° -C° -C° 22 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Brunnen, Wasserspiele oder Fontänenfelder im öffentlichen Raum können die städtebauliche Gestaltung und dadurch die Aufenthaltsqualität deutlich verbessern. Häufig sind sie beliebte Anziehungspunkte einer Stadt. Ressourcen- und Klimaschutz Im Falle der Verwendung von Regenwasser können Energieauf- wände für die Ableitung und Reinigung des Wassers reduziert werden. Andererseits entsteht ein zusätzlicher Energiebedarf für die Aufbereitung und Bewegung des Wassers Abflussminderung Bewegte Wasserelemente haben nur ein geringes Potenzial für Regenrückhalt und Abflussminderung. Je nach Ausgestaltung stel- len Brunnenbecken kleine bis mittelgroße Speicherkörper dar, in denen begrenzt zusätzliches Wasser zurückgehalten werden kann. Biodiversität Bewegte Wasserelemente leisten in der Regel kaum einen Bei- trag zur Biodiversität in der Stadt. Eventuell können sie Vögeln und Insekten in Hitzeperioden als Flüssigkeitsquelle dienen. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Wenn warme Luft über Wasserflächen streicht, verdunstet das Wasser. Dabei wird der Luft Wärme entzogen und es wird fühlbar kühler. Dieser Effekt der Verdunstungskühlung ist bei bewegtem Wasser noch deutlich höher, als bei stehenden Wasserflächen, da die verdunstungsfähige Oberfläche durch die Bewegung vergrö- ßert wird. Lokal lässt sich das Mikroklima durch den über die Stadt verteilten Einsatz von Brunnen, Wasserspielen, Zerstäubern oder Fontänenfelder somit deutlich verbessern. Am höchsten ist der Effekt in Räumen mit geringem Luftmassenaustausch – wie etwa auf kleinen Stadtplätzen oder in engen Innenhöfen. Unter Be- rücksichtigung entsprechender Hygienemaßnahmen kann das Wasser durch die Bonner Stadtbevölkerung auch zur direkten Abkühlung an heißen Sommertagen genutzt werden, z.B. durch eine aktive spielerische Nutzung oder eine direkte Interaktion mit dem Wasser. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien 23 25 24 26 Weiterführende Literatur – Leitfaden Naturerfahrungsräume in Großstädten des Bundesamt für Naturschutz (2020) – Artikel „Brunnen und Wasserspie- le - Funktion, Nutzung und Pflege“ von Katrin Korth in Stadt+Grün 8/2017Seite 18 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 30 31 VERDUNSTUNGSFÄHIGE BELÄGE Trotz des im Vergleich zu anderen Städten hohen Grünanteils ist die natürlichen Geländeoberfläche in Bonn an vielen Stellen stark versiegelt. Bauwer- ke, Verkehrsflächen, Versorgungsinfrastrukturen und eine starke Bodenvererdichtung schränken die natürlichen Funktionen des Bodens vielerorts im Stadtgebiet ein. Eine Verbesserung kann durch eine schrittweise (Teil-)Entsiegelung von Flächen erreicht werden. Sofern eine komplette Begrünung als Ra- sen- oder Wiesenfläche nicht möglich ist, sollte an geeigneten Stellen zumindest der Einsatz wasser- durchlässiger und somit verdunstungsfähiger Ober- flächenmaterialien angestrebt werden. Dabei bieten sich viele Beläge mit unterschiedlicher Durchlässig- keit an. Hierzu zählen beispielsweise Schotterrasen, Rasengittersteine, Rasenfugenpflaster, Betonpflas- tersteine mit Drainfugen oder poriger Beton. Welche Standorte sind geeignet? Der Einsatz wasserdurchlässiger beziehungsweise poröser Beläge ist grundsätzlich an vielen Stellen innerhalb des Siedlungsraumes möglich. Durch das breite Angebot an Materialien ist eine entsprechen- de Gestaltung nahezu auf all denjenigen Verkehrs- flächen (Wege, Hofflächen, Wohnstraßen, Stellplät- ze und Plätze) umsetzbar, die nur in geringem Maße durch den Autoverkehr bzw. andere Funktionen (Markt, Veranstaltungen etc.) genutzt werden. Im Sinne der Schwammstadt sind Teilentsiegelungs- maßnahmen vor allem dort wirkungsvoll, wo eine geringe Evapotranspiration stattfindet. Dies betrifft vorrangig die dichten Zentrumsbereiche Bonns, so- wie die großflächig versiegelten Gewerbegebiete. Was ist zu beachten? Grundsätzlich ist bei jedem pla- nerischen Vorhaben die Notwen- digkeit und das Ausmaß einer Versiegelung zu prü- fen und diese auf ein Minimum zu beschränken. Die Wahl des Befestigungsbelags hängt maßgeblich von der Flächennutzung und der damit verbundenen Frequentierunug und Verkehrslast ab. Das Material sollte stets so gewählt werden, dass der größtmög- liche Entsiegelungsgrad bei Sicherstellung der ver- kehrstechnischen Belange hergestellt werden kann. Bodenbeläge mit einer erhöhten Wasserdurchläs- sigkeit können zudem nur dort eingesetzt werden, wo ein ausreichender Grundwasserabstand gege- ben ist, sodass es bei Niederschlägen nicht zum An- stau von Regenwasser kommt. Außerdem ist dort, wo direkt ins Erdreich versickert werden soll, der Einsatz von Streusalz zu vermeiden. Je nach Oberflächen- material kann zudem ein zusätzlicher Unterhaltungs- aufwand entstehen, da unter Umständen Mäharbei- ten notwendig sind oder die Oberflächen gereinigt werden müssen, um ein Zusetzen mit Feinpartikeln zu vermeiden. Nicht zuletzt müssen, insbesondere bei rauen Oberflächen, die Belange der Barrierefrei- heit berücksichtigt werden. -C° -C° -C° Weiterführende Literatur – Detaillierte Hinweise gibt das FGSV Merkblatt für versickerungsfähige Verkehrsflächen. 27 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Die enorme Vielfalt an wasserdurchlässigen Belägen bietet einen großen Gestaltungsspielraum und kann unter Umständen zu qualitätvollen Freiräumen und Verkehrsflächen beitragen (z.B. in Hofflächen oder Wohnstraßen). Ressourcen- und Klimaschutz Durch die teilweise Versickerung und Verdunstung von Regen- wasser über wasserdurchlässige Beläge können Energieaufwän- de für die Ableitung und Reinigung des Wassers reduziert wer- den. Abflussminderung Wasserdurchlässige Beläge fördern die Versickerung und Ver- dunstung von Regenwasser und können so den Oberflächenab- fluss mindern. Biodiversität Der Beitrag wasserdurchlässiger Oberflächenmaterialien zur Biodiversität in der Stadt ist vergleichsweise gering. Allerdings wird durch die Entsiegelung der Luftwasserhaushalt des Bodens stark verbessert und so das Bodenleben reaktiviert. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Die Kühlleistung von wasserdurchlässigen Belägen ist im Ver- gleich zu offenen Wasserflächen oder dichter Vegetation als gering einzuschätzen. Dennoch kann die Integration von teilent- siegelten Flächen eine deutliche Verbesserung gegenüber voll- versiegelten Asphalt- oder Betonflächen erzielen. Die Kühlleis- tung hängt maßgeblich von der Verdunstungsleistung des Belags ab und wird vorrangig durch den Öffnungsgrad der Oberfläche bestimmt. Grundsätzlich gilt: Je größer die vegetationsbestan- denen Zwischenräume, desto höher die Verdunstungsleistung und damit der kühlende Effekt auf das Mikroklima. Während der Großteil der bestehenden Systeme vor allem die Versickerung von Regenwasser zum Ziel hat, rückt in jüngerer Vergangenheit ver- mehrt die Verdunstungsrate von wasserdurchlässigen Belägen in den Fokus. So wird aktuell an verdunstungsstarkten Pflaster- steinen geforscht, die das Regenwasser in feinen Poren speichern und bei Sonneneinstrahlung wieder an die Umgebungsluft abge- ben. Derartige Systeme können zukünftig eine große Relevanz für die Belange der Schwammstadt erhalten. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien 28 29 30 31Seite 19 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 32 33 BLÜHWIESEN Die Stadt Bonn engagiert sich bereits seit langer Zeit mit dem Bonner Wiesenprogramm für mehr biologi- sche Vielfalt in der Stadt. Auf rund 63 Hektar im Stadt- gebiet gibt es heute extensiv gepflegte Blühwiesen, die mit heimischen Gräsern und Stauden bewach- sen sind. Dabei bieten unterschiedliche Saatgutmi- schungen einen enormen Gestaltungsspielraum, von dezentem Blumenrasen bis hin zu hochwüchsigen Blühwiesen. Aufgrund Ihrer höheren Verdunstungs- leistung sowie ihrer Trockenheitsresistenz bilden die Blühwiesen und -streifen einen wichtigen Baustein für die Entwicklung der Schwammstadt Bonn. Welche Standorte sind geeignet? Die artenreichen Wildblumenwiesen, Staudenbeete oder kleinere Blühstreifen lassen sich an zahlreichen öffentlichen und privaten Standorten etablieren. Ge- eignet sind beispielsweise straßenbegleitende Grün- streifen, Verkehrsinseln, wenig genutzte Restflächen in Gewerbegebieten, in Nachkriegssiedlungen, auf Schulhöfen oder an Bürostandorten. Auch die Integ- ration in öffentliche Park und Freiflächen ist möglich und wird seitens der Stadt Bonn bereits verfolgt. Hier muss allerdings darauf geachtet werden, dass aus- reichend Flächen vorhanden bleiben, die durch die Stadtbevölkerung intensiv genutzt werden können (z.B. für Sport und Erholung). Im Zuge des sich wandelnden Bestattungswesens bieten sich vermehrt auch brachgefallene Grabfel- der und Friedhofsflächen für die Anlage von Blüh- wiesen an. So wurden auf dem Bonner Südfriedhof 5.000 Quadratmeter ungenutzte Rasenflächen in Blühwiesen umgewandelt. Auch auf anderen Bonner Friedhöfen können zukünftig auf ungenutzten Flächen artenreiche Wiesen entstehen. Was ist zu beachten? Vor der Aussaat einer Wiese muss die Fläche ent- sprechend vorbereitet werden. Hierbei empfiehlt es sich den Boden zunächst zu lockern. Damit die Kräu- ter langfristig stabil wachsen und sich gegenüber un- erwünschter Wildkräuter durchsetzen können, dür- fen die Standorte in der Regel nicht zu nährstoffreich sein. Somit eignen sich auch sehr steinige Unter- gründe für die Einsaat, zu nährstoffreiche Böden können vorab mit Hilfe von Kalkschotter abgemagert werden. Die Aussaat erfolgt in der Regel im Frühjahr, dabei sollten artenreiche und regionale Saatgutmi- schungen zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu einer akkurat gestutzten Rasenflä- che fällt der Pflegeaufwand für eine Blühwiese deut- lich geringer aus. In der Regel sind ein bis zwei Mäh- gänge pro Jahr ausreichend. Grundsätzlich muss vor allem bei straßenbegleitenden Wiesen auf eine Wuchshöhe geachtet werden, die der Verkehrssi- cherheit entspricht. -C° -C° -C° 32 Weiterführende Literatur – Handlungsanleitung zum Anlegen und zur Pflege von Blühwiesen im Siedlungsgebiet (Leader-Projekt „Lebens- inseln, Landschaftspflegeverein „Zschopau-/Flöhatal e.V.“) – Artenreiche Grünflächen - Handreichung zur Anlage und Pflege artenreicher Grünflächen an Straßen, Wegen und Plätzen (MELUND Schleswig-Holstein) Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Der enorme Blütenreichtum von Frühjahr bis Herbst trägt zur optischen Aufwertung des öffentlichen Stadtraums bei. Zudem können grade für Schulen und Kitas auch Lehr- und Lernelemen- te des Naturerlebens integriert werden. Ressourcen- und Klimaschutz Gräser und Stauden binden in geringem Maße CO2 aus der Um- gebungsluft in ihrem Wurzelraum, sowie Fein- und Schafstoffe in ihrem Blattwerk. Durch die Versickerung werden Energieaufwän- de für die zentrale Regenwasserbewirtschaftung vermieden. Abflussminderung Wiesenflächen leisten in der Regel einen Beitrag zur Abflussmin- derung. Im Gegensatz zu versiegelten Flächen können Teile des anfallendes Regenwassers in der Fläche versickern und verduns- ten. Biodiversität Die artenreichen Wiesen bilden wichtige Lebensräume und Nah- rungsquellen für Pflanzen, Insekten, Kleintiere und Vögel. Zudem können sie gezielt als Trittsteinbiotope der Artenvernetzung und des Artenaustausches im Bonner Stadtgebiet eingesetzt werden. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Artenreiche und hoch wachsende Wildblumenwiesen, Stauden oder Blühstreifen verfügen über einen größeren Strukturreich- tum und eine größere Vegetationsoberfläche als regelmäßig gemähte Rasenflächen. Damit einher geht eine höhere Verduns- tungsleistung und somit ein größeres Potenzial zur Verbesserung des Kleinklimas im Sinne der Schwammstadt. Da die Wiesenflächen grundsätzlich tiefer wurzeln als einfache Rasenflächen sind sie resistenter gegen Trockenheit, länger in der Lage Wasser zu verdunsten und erhitzen sich nicht so schnell. In der Regel handelt es sich allerdings um Vegetationsarten, die auf heiße und trockene Extremstandorte spezialisiert sind, so- dass die Verdunstungsleistung und damit auch das Potenzial zur Kühlung deutlich geringer ausfällt als beispielsweise bei Arten dauerfeuchter Standorte. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien 33 35 34 36Seite 20 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 34 35 VERDUNSTUNGSBEETE Insbesondere in den stärker verdichteten Berei- chen der Stadt Bonn bietet sich die Integration ver- dunstungsfähiger Pflanzbeete in den Stadtraum an. Grundsätzlich ist zwischen Hoch- und Tiefbeeten zu unterscheiden. Erstere stehen auf der Oberfläche der Stadt auf, die Substrat- und Vegetationsschicht liegt über der eigentlichen Geländekante, letzte- re sind in den Boden eingelassen, das Substrat liegt unterhalb der regulären Geländekante oder schließt mit dieser ab. Die Randgestaltung der Beete kann von baulichen Einfassungen bis hin zu eher naturnah gestalteten Rändern variieren. Im Einzelfall können auch mobile Beete zum Einsatz kommen, die tempo- rär aufgestellt und kurzfristig platziert und umgesetzt werden können. Für eine dauerhaft hohe Verduns- tungsleistung der Vegetation ist eine kontinuierliche Verfügbarkeit von Wasser Voraussetzung. Welche Standorte sind geeignet? Verdunstungsbeete haben, insbesondere unterir- disch, einen geringeren Raumbedarf als Bäume und lassen sich daher gut in enge Straßenräume oder Stadtplätze integrieren. Durch die Mobilitätswen- de und die damit verbundene langfristige Reduzie- rung von Fahrspuren und Stellplätzen ergeben sich zukünftig vermehrt Potenzialräume für zusätzliche straßenbegleitende Verdunstungsbeete. Die Bee- te können zudem als gestalterisches Element für öffentliche Plätze oder im Umfeld von Sport- und Spielflächen eingesetzt werden. Auch beengte Hof- flächen eignen sich für die nachträgliche Begrünung durch Verdunstungsbeete. Was ist zu beachten? Verdunstungsbeete können als geschlossene, vollständig ab- gedichtete Systeme ausgeführt sein, sodass zuge- führtes Wasser darin zurückgehalten wird und der Vegetation zur Verfügung steht. Der Einstau kann in diesem Fall durch natürliche Baustoffe wie Lehm oder Ton, oder aber durch den Einsatz von Kunst- stoffabdichtungen realisiert werden. In diesem Fall ist eine Bepflanzung zu wählen, die Staunässe to- leriert sowie ein Notüberlauf in den Kanal vorzuse- hen. Alternativ können offenen Verdunstungsbeete eingesetzt werden, bei denen zugeführtes Wasser über ein sickerfähiges Substrat in den Boden abge- leitet wird. Voraussetzung ist ein ausreichend hoher Durchlässigkeitsbeiwert (kf-Wert) des Untergrun- des, um Staunässe zu vermeiden. Im Sinne der Schwammstadt ist eine Bewässerung der Vegetation mit Regenwasser vorzusehen. Dies kann über ein intelligentes Bewässerungssystem aus Regenwasserzisternen erfolgen oder aber durch ein direktes Einleiten von Regenwasser aus wenig be- lasteten angrenzenden Flächen (Gehwege, Dach- flächen). Hierbei sollte ein Bepflanzung gewählt werden, die mögliche Schadstoffeinträge aus den umliegenden befestigten Flächen toleriert. Der Ein- trag von größeren Schadstoffmengen und Streusalz von stärker befahrenen Verkehrsflächen ist zu ver- meiden, um die langfristige Vitalität der Vegetation nicht zu gefährden. Unter Umständen ist der Einsatz von vorgeschalteten Filterbeeten oder technischen Anlagen zur Regenwasserbehandlung zu prüfen. -C° -C°37 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Verdunstungsbeete lassen einen enormen Gestaltungsspielraum zu und sind daher optimal geeignet, um Plätze und Straßenräume zu zonieren und durch vielfältige Bepflanzung ein ansprechendes Element der Stadtgestaltung zu werden. Ressourcen- und Klimaschutz Die Vegetation der Verdunstungsbeete filtert Schad- und Fein- stoffe aus der Umgebungsluft, eine starke Durchwurzelung und ein hoher Humusanteil der Beete sorgen für eine hohe Reini- gungsleistung und CO2-Speicherung in den Systemen. Durch den Rückhalt von Regenwasser werden Energieaufwände für die Ableitung und Aufbereitung von Regenwasser gespart. Abflussminderung Bei entsprechender Dimensionierung oder einer Kombination mit zusätzlichen Rückhaltemulden oder Speicherrigolen kann ein ergänzendes Volumen zum Rückhalt bei Regenereignissen ge- schaffen werden. Biodiversität Besonders naturnahe, arten- und strukturreiche Bepflanzungen leisten einen Beitrag zur biodiversitätsfördernden Durchgrünung von Städten. Beete können so wichtige Lebensräume für Pflan- zen und Futterquellen für Insekten darstellen. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Wie bei jeder Form der Vegetation wird auch bei der Anlage von Verdunstungsbeeten der städtische Wärmeinseleffekt durch die Verdunstungsleistung der Begrünung reduziert. Die küh- lende Wirkung ist dabei abhängig vom Volumen und der Ver- dunstungsleistung der eingesetzten Vegetation. Großwüchsige, schilfartigen Pflanzen (Röhrichtpflanzen) wie Schilfrohr entfalten eine besonders hohe Verdunstungsleistung. Entscheidend für die Kühlleistung ist die Verfügbarkeit von Wasser. Daher ist eine möglichst gute Wasserversorgung - im Sinne des Ressourcen- schutzes vorzugsweise mit gespeichertem Regenwasser - sicher- zustellen. Dies kann über eine aktive Bewässerung in Trockenpe- rioden (über Zisternen oder Baumtankstellen) geschehen oder in Kombination mit gezielten Abkopplungs- und Zuleitungsmaß- nahmen an Dachflächen und auf Platz- und Gehwegflächen. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien 38 39 40 41 Weiterführende Literatur – Planungshilfe für eine dezentrale Straßenentwässerung (Senatsver- waltung für Mobilität, Verkehr, Kli- maschutz und Umwelt, Berlin 2018) – Toolbox „BlueGreenStreets“ (RES:Z Hafencity University, 2022) – Green Streets Handbook (United States Enviromental Protection Agency, 2021)Seite 21 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 36 37 STRASSENBÄUME -C° -C° Bonn verfügt über ca. 30.000 Straßenbäume. Diese stellen eine sehr effektive Maßnahme dar, um durch Verdunstungskühlung aber auch zusätzlich durch Schattenwurf, Schadstofffilterung und nicht zuletzt ihre gestalterische Wirkung der wachsenden klimati- schen Belastungssituation für die Stadtbevölkerung entgegenzuwirken. Die Standortbedingungen von Straßenbäumen unterscheiden sich allerdings deut- lich von denen in Grünflächen oder im Wald. Um ihren Funktionen außerhalb ihrer natürlichen Standorte nachkommen zu können, sind sie in der Regel auf zu- sätzliche Fürsorge angewiesen. Im Hinblick auf die Schwammstadt gilt es, die Stand- ortbedingungen der Straßenbäumen in Bonn weiter zu optimieren und bei Neupflanzungen Arten und Baum- gruben zu verwenden, die besser an das sich ändern- de Klima (insb. Trockenheit und Hitze) angepasst sind. Durch diese Maßnahmen soll nachhaltig die Funk- tionsfähigkeit des Baumbestandes in Bonn gesichert werden. Welche Standorte sind geeignet? Das Bonner Stadtbaumkonzept von 2023 [6] hat die- jenigen Straßen und Ortsteile identifiziert, in denen ein erhöhter oder vorrangiger Bedarf an Straßenbäumen besteht. Bei zukünftigen Kanalbau- oder sonstigen Straßenumgestaltungen sollte dort stets die Möglich- keit zur Integration von Baumpflanzungen geprüft wer- den. Voraussetzung ist, dass der Straßenquerschnitt ausreichend breit ist (Belichtung) und dass keine an- deren Belange einer Baumpflanzung entgegenstehen (z.B. Leitungen, Parkraumdruck, konkurrierende Ge- hölze auf angrenzenden Flächen etc.). Was ist zu beachten? Die starke Verdichtung und Ver- siegelung von städtischen Böden und damit die Hemmung von Durchwurzelung und Gasaustausch erschweren Bäumen das Überleben und setzen ihre Leistungsfähigkeit, ihre Vitalität und das grundsätzlich erreichbare Lebensalter herab. Da- her sollte bei der Neupflanzung von Bäumen neben der Wahl von geeigneten Arten und Sorten auf eine fachlich korrekt hergestellte Pflanzgrube und ein ge- eignetes, gut durchwurzelbares Pflanzsubstrat gesetzt werden. Die FLL empfiehlt bei der Neuanlage einen minimalen Wurzelraum von 12 m3. Für langfristig vita- le Baumstandorte ist zudem eine ausreichende Ver- sorgung mit Wasser notwendig, dies bedeutet eine Bewässerung bis zum zehnten Standjahr des Bau- mes. Im Sinne der Schwammstadt sollte Regenwas- ser von Dachflächen, Gehwegen oder anderen wenig verschmutzten Oberflächen direkt dem Baum zu- geführt werden. Auch eine Reinigung und Einleitung von stärker verschmutzen Oberflächenwasser durch natürliche oder technische Filteranlagen ist möglich. Außerdem kann die Bewässerung in längeren Tro- ckenphasen über die Speicherung von Regenwasser in Zisternen sichergestellt werden. Allerdings ist auch Staunässe dringend zu vermeiden und das Abführen des überschüssigen Wassers durch Versickern in ge- eigneten Böden/Substraten oder Überläufe sicher- zustellen. Wenn die vorhandenen Böden den Stand- ortanforderungen des Baumes nicht gerecht werden, können technisch hergestellte Baumrigolensysteme an geeigneten Stellen einen Beitrag zur Optimierung des Baumstandortes leisten. 42 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Bäume steigern die Aufenthaltsqualität und sind mit ihrer saiso- nalen Abwechslung ein zentrales Element der Stadtgestaltung. Sie stellen einen natürlichen Lärmschutz dar und spenden an hei- ßen Tagen Schatten. Ressourcen- und Klimaschutz Im Prozess der Photosynthese nehmen Bäume Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf, wandeln ihn in Sauerstoff um und leisten so einen Beitrag zum Klimaschutz. Außerdem binden sie Schad- und Feinstoffe aus der Umgebungsluft. Abflussminderung Mit ihrem enormen Blattvolumen, dem Stamm- und Wurzelbe- reich bilden Bäume einen natürlichen Wasserspeicher und leis- ten so einen wichtigen Beitrag zum Regenwasserrückhalt. Durch den Einsatz von Baumrigolen kann dieser noch erhöht werden. Biodiversität Bäume bieten wichtige Brut- und Nistplätze sowie Nahrungs- quellen für verschiedene Insekten- Vogel- und andere Tierarten. Sie bilden damit wichtige Elemente des städtischen Biotopver- bundes. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Bäume wirken sowohl durch Verschattung und Verdunstung als auch durch ihre Beeinflussung der Durchlüftung einer Überhit- zung der Stadt entgegen. Die Transpirationsrate ist dabei abhän- gig von der Blattbiomasse, der solaren Einstrahlung, der auftre- tenden Windgeschwindigkeit, der vorhandenen Luftfeuchtigkeit und der Bodenwasserverfügbarkeit. Dabei ist die Verdunstungs- leistung von Bäumen innerhalb des Kronenraumes am stärksten (bis zu 3,5°C Temperaturreduktion) und nimmt zum Boden hin ab. Allerdings kann eine dichte Baumkrone in der nächtlichen Situation auch zu einer Schirmwirkung führen, welche die Wärme unter der Krone hält und eine Ableitung in die Höhe behindert. Der Klimawandel mit vermehrt auftretenden Trockenperioden sowie das städtische Umfeld als Extremstandort stellen eine Doppelbelastung für die Stadtbäume dar. Es ist also stets eine an- gepasste Gehölzwahl und ein Abwägen zwischen einer möglichst hohen Transpirationsrate und einer möglichst hohen Resistenz gegen Trockenheit notwendig. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien Bei der Planung von Baumstand- orten im Straßenraum kommt es immer wieder zu unterirdischen Raumkonkurrenzen mit der tech- nischen Infrastruktur der Stadt. Um hierbei sinnvolle Lösungen zu fin- den, ist eine intensive und vor allem frühzeitige Zusammenarbeit der beteiligten Gewerke unabdingbar. Zudem kann ein entsprechender Wurzelschutz zum Einsatz kom- men. Eine weitere Herausforde- rung stellt der Eintrag von Streu- salz in den Wintermonaten dar. Dieser ist grundsätzlich durch eine entsprechende Konstruktion der Baumscheibe und der Wasserfüh- rung zu vermeiden. 43 44 Weiterführende Literatur – Leitfaden zu Stadt- bäumen - Handlungs- empfehlungen aus dem Projekt Stadt- bäume im Klimawan- del, Wuchsverhalten, Umweltleistungen und Perspektiven (Technische Unversität München, 2021) – Alleen und Baum- reihen an Straßen und Wegen - Eine An- leitung zur Kartierung, zur Pflanzung und zum Schutz (Deut- sche Bundesstiftung Umwelt, 2022)Seite 22 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 38 39 GRÜNDÄCHER -C°-C° In den letzten Jahren wurden, vorwiegend im Neu- bau, zahlreiche öffentliche und private Dachflächen in Bonn in vielfältigen Ausführungs- und Gestal- tungsvarianten begrünt. Über das Förderprogramm Begrünung der Stadt Bonn werden darüber hinaus Eigentümer*innen privat oder gewerblich genutzter Grundstücke bei der Begrünung von bestehenden und neuen Dachflächen finanziell unterstützt. Durch die Dachbegrünungsmaßnahmen wird je nach Aus- führung sowohl ein Beitrag zur Kühlung der Stadt bzw. der Gebäude als auch zur Speicherung von Nie- derschlagswasser geleistet. Grundsätzlich sind zwei Arten der Dachbegrünung zu unterscheiden: Extensive Gründächer haben nur eine geringe Substrathöhe von etwa 6 cm – 15 cm auf dem vorrangig anspruchslose Pflanzen, wie Moose, Sukkulenten, Kräuter und niedere Gräser wachsen. Es wird zumeist nur eine Initialpflanzung und Be- wässerung in der Anwachsphase vorgenommen, die Vegetation ist widerstandsfähig gegen Sonne, Wind und Trockenheit und bildet schnell einen geschlosse- nen, bunten Pflanzverband, der sich selbst erhält und keine oder nur in geringem Umfang Pflegemaßnah- men benötigt. Intensive Gründächer zeichnen sich durch eine größere Substrathöhe von etwa 15 cm – 100 cm und eine höhere Vegetation aus. Je nach Platzverfügbarkeit lassen sie sich sehr vielfältig mit Gräsern, Stauden, Sträuchern und sogar Bäumen zu individuellen Gartenlandschaften gestalten. Zudem können Wege, Sitzplätze, Spielplätze und Teiche integriert werden. Sie bedürfen einer intensiveren Pflege und Bewässerung. Welche Standorte sind geeignet? Da sich Gründächer auf dem eigentlichen Bauwerk (Gebäude, Haltstellen, Gara- gen) befinden, weisen sie keinen zusätzlichen Flä- chenverbrauch auf. Somit eignen sie sich insbeson- dere für den Einsatz in dichten Gebieten mit wenig Platzreserven, wie beispielsweise in den dicht be- bauten Stadtteilen. Durch die leichte Konstruktion von nur etwa 80-180 kg/m2 eignen sich extensive Dachbegrünungen vor allem für Gebäudetypen mit geringen Lastreserven (z.B. Garagen, Industriebau- ten, Gewerbeimmobilien) und für die Nachrüstung im Bestand. Für intensive Dachbegrünungen sind durch das hohe Gewicht ab etwa 300 kg/m2 vorran- gig Tiefgaragen und Kellergeschosse sowie insbe- sondere Neuplanungen geeignet. [7] Was ist zu beachten? Grundsätzlich sind alle Dachflächen bis zu einer Nei- gung von 45° für die Begrünung geeignet. Je nach Dachform und Neigung kommen spezielle Schub- sicherungssysteme zum Einsatz. Eine statische Prü- fung der Baukonstruktion sowie eine Dichtigkeit gegenüber drückendem Wasser und ein Durch- wurzelungsschutz müssen ausgebildet werden. Der Aufbau besteht in der Regel aus einer Vegetations- schicht, einer Filterschicht und einer Dränschicht, bei extensiven Gründächern können die drei Funk- tionen auch in einer einschichtigen Bauweise kombi- niert werden. Herausforderungen für die Integration von Gründächern in den Bestand stellen vor allem die statischen Anforderungen dar. Zudem muss stets 45 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Sofern sie als Dachgarten begehbar sind , stellen intensive Grün- dächer qualitätvolle Aufenthaltsräume dar, die der Stadtbevölke- rung zur direkten Erholung im Grünen oder zum Stadtgärtnern dienen können. Ressourcen- und Klimaschutz Gründächer haben das Potenzial einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, indem sie zur Reduktion von Gebäudekühlung und -heizung führen. Zudem werden Energieaufwände für die Ablei- tung und Aufbereitung des Wassers eingespart. Dachbegrünun- gen lassen sich gut mit PV-Anlagen kombinieren. Die Effizienz der einzelnen Module wird durch die Verdunstungskühlung der Vegetation nachweislich gesteigert. Abflussminderung Gründächer können Regenwasser zurückhalten und so, je nach Ausgestaltung (insb. bei Retentionsgründächern), einen Beitrag zum Regenrückhalt leisten. Biodiversität Die Vegetationsflächen der Gründächer leisten einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt und bieten (insbesondere bei einer Intensivbepflanzung) dauerhafte Lebensräume für Tiere und Pflanzen, die Rast-, Futter-, Nist- und Brutgelegenheiten benö- tigen. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Außenraum Die kühlende Wirkung einzelner Gründächer kann insbesondere für das Innenraumklima von Bedeutung sein. Da der Kühleffekt nur in den Luftschichten in direkter Nähe zur Dachfläche auftritt, wird der öffentliche Stadt- oder Straßenraum je nach Höhe der Dachbegrünung nicht oder nur sehr begrenzt erreicht. Allerdings ist anzunehmen, dass die Begrünung zahlreicher Dächer einen si- gnifikanten Einfluss auf den städtischen Wärmeinseleffekt haben kann. Die Verdunstungsrate und damit auch die Kühlleistung einer Dachbegrünung hängt maßgeblich von der pflanzenverfügbaren Wassermenge ab und steht somit in direkten Zusammenhang mit der Größe und Art der Dränschicht, der Substrathöhe und der Niederschlags- bzw. Bewässerungsmenge. Während einschich- tige Extensivbegrünungen bereits in kürzeren Hitzeperioden trocken fallen und somit keine Verdunstungskühlung mehr gene- rieren, können bewässerte Systeme oder Systeme mit einem grö- ßeren Wasserspeichervermögen (oder Retentionsgründächer) über längere Trockenzeiträume hinweg die Verdunstungsrate und somit die Kühlleistung aufrecht erhalten. gering hoch Beitrag zur Hitzeminderung Synergien 46 47 48 Weiterführende Literatur – Grüne Innovation Dachbegrünung des Bundesverband gebäudeGrün e.V. (BuGG, 2023) – Richtlinien für die Planung, Bau und Instandhaltungen von Dachbegrünungen der (FLL, 2018) – Fachinformation „Biodiversitätsgründach“ Grundlagen, Planungshilfen, Praxisbeispiele (BuGG, 2020) – Dachbegrünung- Leitfaden zur Planung der Freien und Hansestadt Hamburg (2018) eine Dachentwässerung vorgesehen werden, sodass überschüssiges Regenwasser sicher abgeleitet wer- den kann, wenn das Einstauvolumen erreicht ist. Die- ses kann in den Kanal eingeleitet oder aber - wie im Sinne der Schwammstadt zu bevorzugen - auf dem Grundstück bewirtschaftet werden.Seite 23 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 40 41 GRÜNFASSADEN -C° -C° -C° Der vertikalen Begrünung von Gebäudefassaden, Mauern, Lärmschutzwänden etc. kommt eine bislang wenig beachtete Bedeutung für die Kühlung in der Stadt Bonn zu. Dabei können grüne Fassaden in der Schwammstadt eine nicht unerhebliche Kühlwirkung durch Verdunstung sowie durch Absorption und Re- flexion der Sonnenstrahlen im Blattwerk entfalten. Für die vertikale Begrünung von Wänden steht heute eine zunehmende Vielfalt an Systemen und Gestal- tungsmöglichkeiten zur Verfügung. Dabei kommen zwei verschiedene Systeme zum Einsatz: Bei einer bodengebundenen Begrünung wird die Bepflanzung in den Erdboden vor der Wand gepflanzt und kann zumindest einen Teil des benötigten Wassers und der Nährstoffe direkt aus dem Erdreich aufnehmen. Bei einer wandgebundenen Begrünung sind die Systeme aus Substrat und Bepflanzung der (Gebäude)wand vorgehangen oder -gestellt. Der Vegetation müs- sen Wasser und Nährstoffe – meist durch ein auto- matisiertes System – zugeführt werden. Im Sinne der Schwammstadt sollte hier möglichst auf die Bewässe- rung mit gespeichertem Regenwasser aus Zisternen oder Retentionsdächern gesetzt werden. Zu unter- scheiden ist außerdem zwischen dem Direktbewuchs an der Hauswand durch selbstklimmende Pflanzen und dem Bewuchs einer vorgesetzten Rankhilfe durch Gerüstkletterpflanzen. Zudem können Mischformen der verschiedenen Systeme zum Einsatz kommen. Welche Standorte sind geeignet? Die vertikale Begrünung von Wänden weist einen vergleichsweise geringen Flächenbedarf auf und eignet sich daher insbesonde- re zur Kühlung der dicht bebau- ten Siedlungsbereichen Bonns. Bei Neubauten und bei Gebäudesanierungen sollte eine Fassadenbegrünung - neben energetischen Maßnahmen - vermehrt berücksichtigt werden. Je- doch eignen sich nicht alle Standorte. Je nach Sys- tem muss ausreichend Raum für den Wurzelbereich der Grünfassade im Boden und für ein vorgesetztes Rankgerüst vorhanden sein. Außerdem muss ge- nügend Platz für Pflege und Instandhaltungsmaß- nahmen bleiben und die gesetzlichen Abstände zu Nachbargrundstücken eingehalten werden. Was ist zu beachten? Die Wahl des Begrünungssystems und der eingesetz- ten Bepflanzung hängt von zahlreichen Faktoren ab. So bestimmt die Ausrichtung der Fassade maßgeb- lich die Wahl der möglichen Pflanzenarten, nach Os- ten oder Westen ausgerichtete Wände bieten hierbei die meisten Möglichkeiten. Neben der Sonnenein- strahlung muss auch der Windeintrag Berücksichti- gung finden. Bei bodengebundenen Systemen ist auf einen ausreichend großen durchwurzelbaren Raum zu achten, unter Umständen ist ein Wurzelschutz er- forderlich, um eine Beschädigung des Bauwerks zu vermeiden. Grundsätzlich sind bei allen Vorhaben der Fassadenbegrünung die Bauphysik, die Statik sowie die brandschutztechnischen Eigenschaften zu prüfen. Zudem sind auf das gewählte System abgestimmte Wartungs- und Pflegearbeiten durchzuführen. 49 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Grüne Wände können als gestalterisches Element im Stadtbild eingesetzt werden und haben das Potenzial die Lärmbelastung in der Stadt zu reduzieren. So können sie die Lebens- und Wohn- qualität steigern. Ressourcen- und Klimaschutz Durch die wärmeregelnde Wirkung von Fassadengrün wird Ener- gie für Heizung und Kühlung eingespart. Zudem stellt die vertika- le Vegetation einen wirksamen Luftreiniger dar, bindet Feinstaub und nimmt CO2 aus der Umgebungsluft auf. Abflussminderung Die Retentionsleistung von Fassadenbegrünungen beschränkt sich in der Regel auf die Wasserspeicherkapazität der Vegetation (Blattflächen) und des Substrats und fällt damit vergleichsweise gering aus. Biodiversität Fassadenbegrünung bietet vielen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum in der Stadt und trägt als Nahrungsquelle und Nist- möglichkeit zur Artenvielfalt bei. gering gering gering gering hoch hoch hoch hoch Kühlleistung Außenraum Kühlleistung Innenraum Grünfassaden haben – wie jede Form der Vegetation – das Poten- zial, durch ihre Verdunstungsleistung zur Luftbefeuchtung und somit lokal zur Abkühlung der Lufttemperatur beizutragen. Da- bei kann eine Senkung der Lufttemperatur vor der Wand im Ver- gleich zu unbegrünten Fassaden von 0,8 bis zu 1,3 Grad Celsius erreicht werden. Der Einfluss auf den städtischen Hitzeinseleffekt ist schwer zu beziffern und hängt maßgeblich von der Art der Ve- getation, der pflanzenverfügbaren Wassermenge und von der Sonneneinstrahlung ab. Hinzu kommt ein kühlender Effekt durch die wärmedämmende Wirkung des Blattwerks und seiner Luft- polster. Dieser macht sich vor allem im Innenraumklima bemerk- bar. Die Kombination aus Verdunstungskälte sowie Absorption und Reflektion der Sonneneinstrahlung sorgt im Innenraum für eine Reduktion der Wärmelasten und damit des Kühlbedarfs im Gebäude. Außerdem verschattet die Vegetation die Fassade, was wiederum eine Reduktion der Temperatur zur Folge hat. Der Ein- satz einer laubabwerfenden Bepflanzung macht es gleichzeitig möglich, im Winter die einstrahlende Sonnenenergie zu nutzen. Beitrag zur Hitzeminderung Synergien gering geringhoch hoch 50 51 Weiterführende Literatur – Gutachten Fassadenbegrünung. Gutachten über quartiersorien- tierte Unterstützungsansätze von Fassendenbegrünung für das Mi- nisterium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Ver- braucherschutz (MKUNLV) NRW (TU Darmstadt, 2016) – Handbuch Grüne Wände der Han- sestadt Hamburg, 2020 – Fassadenbegrünungsrichtlinien - Richtlinien für die Planung, Bau und Instandhaltung von Fassadenbe- grünungen der FLL (2018)Seite 24 von 81 Schwammstadt Bonn Bausteine der Schwammstadt 42 43 GRÜNGLEISE -C° -C° Die oberirdischen Stadt- und Straßenbahngleiskör- per der SWBV und SSB prägen einige der Haupt- verkehrsstraßen in Bonn. Insbesondere in den hitzebelasteten Innenstadtbereichen mit gerin- gen Grünflächenanteilen bieten sie im Sinne der Schwammstadt großflächige Potenziale. Neben dem Beitrag zur Hitzeminderung und zum Regenwasser- rückhalt wertet eine begrünte Gleistrasse den Stadt- raum optisch auf und entlastet die Stadtluft von Fein- staub. Welche Standorte sind geeignet? Eine Gleisbegrünung kann sowohl in die Neuverle- gung von Gleisen integriert als auch bei bestehen- den Systemen nachgerüstet werden. Ob ein Gleis- abschnitt für die Begrünung geeignet ist, hängt stark von der vorhandenen Oberbauform der Gleisanlage sowie von den zusätzlichen Belastungen durch Ein- fahrten von Straßenfahrzeugen oder Querungen von Fußgänger*innen ab. Je nach Nutzungsansprüchen am konkreten Standort muss eine passende Auswahl von Systemaufbau, Substrat und Vegetation gewählt werden. Grundsätzlich ist der Umbau von Gleisanlagen zur Ermöglichung der tiefliegenden Eindeckung mit Ve- getation nur auf einem sogenannten „besonderen Bahnkörper“, mit Ausnahme der Bahnübergänge, möglich. Besondere Bahnkörper liegen im Verkehrs- raum öffentlicher Straßen, sind jedoch vom übrigen Verkehrsraum baulich (z.B. durch Bordsteine) ge- trennt. Alle anderen Arten von Bahnkörpern sind für eine Begrünung eher nicht geeignet. Aus Sicht der Schwammstadt empfiehlt es sich vor allem die- jenigen Abschnitte im Stadt- und Straßenbahnnetz der SWBV und SSB zu betrachten, die in dicht bebauten und stadtklimatisch belasteten Räumen liegen. Hier kann durch eine Entsiegelung und Begrünung der Gleistrassen ein Beitrag zur Hit- zeminderung und zur Regenwasserbewirtschaftung geleistet werden. Was ist zu beachten? Ein Straßenbahngleis stellt für Pflanzen einen Ext- remstandort dar. Um nachhaltige Begrünungen zu erzielen, ist die Verknüpfung von gleis- und vegeta- tionstechnischen Kenntnissen notwendig. Grund- sätzlich kommen Gräser, Sedumarten oder Kräuter- mischungen zum Einsatz. Bei Rasengleisen werden überwiegend Gräser gepflanzt, die eine Substrat- stärke von mindestens 15 cm benötigen, einen relativ hohen Wasserbedarf aufweisen und einen Pflege- aufwand von etwa 2 - 5 Mähgänge im Jahr verursa- chen. Sedumgleise hingegen werden ähnlich wie extensive Gründächer mit Moosen, Sukkulenten und anspruchslosen Kräutern bepflanzt, haben einen geringen Wasser- und Pflegebedarf und benöti- gen eine Substrathöhe von nur 4 - 8 cm. Allerdings sind sie auch weniger belastbar und nicht trittstabil. Je nach Ausführung muss zudem eine Isolierung berücksichtigt werden, die den Kontakt zwischen Schiene und Vegetationssystem verhindert, um die Streustromgefahr zu reduzieren. Bei Streckenab- schnitten im Innenstadtbereich ist auch zu beachten, dass sie teilweise auch von Einsatzfahrzeugen über- fahren werden müssen. 52 Aufenthaltsqualität und Stadtgestaltung Eine Begrünung der Straßenbahngleise bedeutet eine wesentli- che ästhetische Aufwertung gegenüber Gleisanlagen mit Schot- ter oder Asphalt. Zudem absorbieren Grüngleise einen Teil der Schallemissionen, sodass die Aufenthaltsqualität erhöht wird. Ressourcen- und Klimaschutz Die Vegetation der Grüngleise bindet Staub und Feinstoffe aus der Umgebungsluft. Zudem kann durch die Abkopplung von Re- genwasser und
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bonn.social/@biz ↗Datenstand: 03.11.2026, 05:16 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de