212332 · Beschlussvorlage
Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit - Verlängerung des Kooperationsvertrages (2021/2022)
Kerndaten
- Nummer
- 212332
- Art
- Beschlussvorlage
- Veröffentlicht
- 17.12.2021
- Letzte Änderung
- 15.09.2026
Beratungsfolge
- Sitzung des Ausschusses für Kinder-, Jugend und Familie Entscheidung federführend
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Beschlussvorlage öffentlich 212332 Die Oberbürgermeisterin Federführung: 51 Amt für Kinder, Jugend und Familie Dezernat: Dez. V Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit - Verlängerung des Kooperationsvertrages (2021/2022) Beratungsfolge Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie 27.01.2022 Entscheidung Beschlussvorschlag Die Verwaltung wird beauftragt: 1. das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit mit den Kooperationspartnern • Der Sommerberg/AWO Betriebsgesellschaft mbH, • Evangelische Jugendhilfe Godesheim und • Heimstatt e.V./Jugendmigrationsdienst fortzusetzen und mit den Trägern einen Kooperationsvertrag für die Laufzeit 01.01.2021 bis 31.12.2022 zu schließen. 2. Die Personalkosten im Jahr 2021 mit 56.000 Euro zu fördern und für das Jahr 2022 den Personalkostenzuschuss auf 59.600,00 Euro je Träger zu erhöhen. Die zusätzlichen Mittel sind im Haushaltsplan 2021/2022 enthalten. Begründung In den 18 Jahren seines Bestehens hat sich das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit als trägerübergreifendes „Bonner Modell aufsuchender Arbeit“ bewährt. Neben dem Amt für Kinder, Jugend und Familie gehören: Der Sommerberg - AWO Betriebsgesellschaft mbH Evangelische Jugendhilfe Godesheim und Heimstatt e.V. Bonn/Jugendmigrationsdienst zum Trägerverbund. Durch das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit werden gefährdete Jugendliche und junge Erwachsene im gesamten Stadtgebiet angesprochen.Seite 1 von 22 Seite 2 Für das Jahr 2020 sind insgesamt trotz Einschränkungen durch die Coronaschutzverordung und zwei Mitarbeiterinnen in Elternzeit 743 Einzel- und Gruppenkontakte zu verzeichnen, die von den Fachkräften der Straßensozialarbeit dokumentiert wurden. Schwerpunkte liegen vor allem im Bonner Norden sowie im Innenstadtbereich. Im Jahresbericht des Kooperationsprojektes werden die Eckdaten der Jahresstatistik 2020 ausführlich dargestellt. Neben den aktuellen Daten zu Zielgruppen, Problemlagen und Interventionen enthält der Bericht einen umfangreichen Praxisteil, in dem die Erfahrungen der beteiligten Träger gebündelt werden. Straßensozialarbeit geht auf gefährdete junge Menschen zu, bietet alltagsnahe Unterstützung im Umgang mit Problemen und Krisen, berät individuell, macht Mut zur Eigeninitiative und baut Brücken in die bestehenden Hilfesysteme. Sie ist an der untersten Schwelle des Jugendhilfesystems angesiedelt und erreicht junge Menschen, die durch reguläre Angebote nicht oder kaum mehr zu erreichen sind. Kennzeichnend für das Kooperationsprojekt ist die Verbindung von aufsuchender Arbeit und festen Angeboten – dazu gehören das „Streetworkcafé“ als offener, szenenaher Treff (an zwei Wochentagen) wie auch die regelmäßigen Sprechzeiten in den Anlaufstellen Bonn-Innenstadt und Tannenbusch. Zur Durchführung des Kooperationsprojektes erhielten die drei freien Träger zur Finanzierung jeweils einer Personalstelle bisher einen jährlichen Zuschuss von jeweils 56.000,-- €. Zwei weitere Personalstellen sind durch städtische Straßensozialarbeiter besetzt. Außerdem stellt die Bundesstadt Bonn ein Sachmittel-Budget von bis zu 9.400 € im Jahr zur Verfügung (Verbrauchs- materialien, Fahrtkosten, Anschaffungen, Maßnahmen, Fortbildungskosten, Telefon/Internet usw.). Eine Erhöhung des Personalkostenzuschusses auf 59.600 EUR für das Jahr 2022 ist aufgrund der steigenden Personalkosten dringend erforderlich, nachdem dieser Zuschuss für die Jahre 2019 bis 2021 nicht erhöht worden ist. Die entsprechenden Finanzmittel sind im Haushaltsansatz vorhanden. Die Kooperationsvereinbarung ist zum 31.12.2020 ausgelaufen. Die beteiligten Träger sind zu einer Fortsetzung des Kooperationsprojektes bereit, die aus Sicht der Verwaltung nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig ist. Straßensozialarbeit als niederschwelliges Angebot und besonders flexibles Instrument, mit dem auf wechselnde Jugendszenen und Problemlagen in bestimmten Stadtteilen reagiert werden kann, ist durch kein anderes Angebot der Jugendhilfe zu ersetzen. Auf die Verlängerung des Kooperationsvertrages kann deshalb nicht verzichtet werden. Die bisherige Förderung in den Jahren 2019 und 2020 belief sich auf je 168.000,00 €.Seite 2 von 22 Seite 3 Finanzielle Auswirkungen: Produktgruppe Produktgruppenbezeich nung Produkt Produktbezeichnung 1.06.05 Sonst. Leistungen zur Förderung junger Menschen und Familien 1.06.05.05 Jugendsozialarbeit Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten (2021) Betrag Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen / Aufwendungen 168.000,00 EUR 151000605/ 73.1000 2021 Einzahlungen / Erträge Haushaltsbelastung jährlich 168.000,00 EUR Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten (2022) Betrag Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen / Aufwendungen 178.800,00 EUR 151000605/ 73.1000 2022 Einzahlungen / Erträge Haushaltsbelastung jährlich 178.800,00 EUR Anlage/n 1 Jahresbericht 2020 Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit (öffentlich)Seite 3 von 22 Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit Jahresbericht 2020Seite 4 von 22 2 Inhalt 1. Einführung 2. Rahmenbedingungen und allgemeine Schwerpunkte 2.1 Aufgabenprofile der vier Kooperationsbeteiligten 2.2 Personelle Situation / Teamsitzungen 2.3 Kooperation und Vernetzung 3. Auswertung der Jahresstatistik 3.1 Anzahl und Art der Kontakte 3.2 Einsatzorte / Sozialräume 3.3 Altersstruktur 3.4 Geschlechterverteilung 3.5 Herkunftsland / Nationalität 3.6 Themen / Problemlagen 3.7 Interventionen 4. Praxiseinblicke 4.1 Vereinbarkeit von Straßensozialarbeit und Homeoffice 4.2 Jahresbericht zum Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit 4.3 Aufsuchende Arbeit 5. Besondere Angebote und Projekte 5.1 Streetworkcafé 5.2 Anlaufstelle Straßenstrich 5.3 Ausblick Anhang: Erreichbarkeit und Ansprechpartner/-innenSeite 5 von 22 3 1. Einführung Der vorliegende Bericht beschreibt Arbeitsschwerpunkte, Aktionen und Erfahrungen der beteiligten Institutionen im Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit. Außerdem finden sich in diesem Bericht in Kapitel 3 die Auswertung der Jahresstatistik als Schwerpunkt des Jahresberichts und im darauffolgenden Kapitel eine kurze Übersicht über die Rahmenbedingungen des Kooperationsprojektes und die personelle Situation im Team. Bonn, im April 2021 Bundesstadt Bonn, Amt für Kinder, Jugend und Familie Der Sommerberg – AWO Betriebsgesellschaft mbH Evangelische Jugendhilfe Godesheim Heimstatt e.V. Bonn, JugendmigrationsdienstSeite 6 von 22 4 2. Rahmenbedingungen und allgemeine Schwerpunkte 2.1 Aufgabenprofile der vier Kooperationspartner Die vier Beteiligten des Kooperationsprojektes haben die Zuständigkeiten für bestimmte Zielgruppen und Sozialräume untereinander aufgeteilt. Diese Aufgabenteilung ist in der Kooperationsvereinbarung vom 20.02.2017 geregelt. Die Zuständigkeiten werden im Folgenden kurz dargestellt. Kooperationspartner Zielgruppen Sozialräume Amt für Kinder, Jugend und Familie 2 Vollzeitkräfte Informelle Jugendgruppen (Cliquen), Jugendliche und junge Erwachsene in Krisensituationen Gesamtes Bonner Stadtgebiet. Im Bereich Innenstadt unterstützt eine städtische Straßensozial- arbeiter*in die Evangelische Jugendhilfe Godesheim bei Bedarf (flexibler Einsatz in der Größenordnung einer halben Planstelle) Der Sommerberg – AWO Betriebsgesellschaft mbH 1 Vollzeitkraft Informelle Jugendgruppen (Cliquen), Jugendliche und junge Erwachsene in Krisensituationen Bonner Norden (Auerberg, Bonn-Kastell, Buschdorf, Dransdorf, Tannenbusch) Evangelische Jugendhilfe Godesheim 1 Vollzeitkraft Jugendliche Drogenkonsument/-innen, junge Menschen in akuten Krisensituationen, junge Wohnungslose, Trebegänger/-innen Innenstadt (Busbahnhof), Kaiserplatz, Hofgarten) Heimstatt e.V. Bonn / Jugendmigrationsdienst (JMD) 1 Vollzeitkraft Informelle Jugendgruppen (Cliquen), Jugendliche und junge Erwachsene in Krisensituationen Gesamtes Bonner Stadtgebiet. Schwerpunkte variieren nach Bedarf Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Bonn Die Koordination des Projektes und die Fachaufsicht liegen beim Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Bonn (Abt. Städtische Jugendeinrichtungen/Jugendförderung). Die städtischen Mitarbeiter*innen sind es auch, die amtsintern für einen „kurzen Draht“ zur Jugendpflege, den Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen sowie den Fachdiensten für Familien- und Erziehungshilfe sorgen.Seite 7 von 22 5 Der Sommerberg – AWO Betriebsgesellschaft mbH Der Sommerberg konzentriert sich auf Cliquen und Treffpunkte im Bonner Norden und nutzt dabei die Anlaufstelle Tannenbusch (Kattowitzer Weg 2) als Ausgangspunkt. Viele der angetroffenen Jugendlichen - überwiegend junge männliche Migranten - befinden sich in Lebenslagen, die durch Orientierungslosigkeit, fehlende berufliche Perspektiven oder familiäre Konflikte belastet sind. Der Konsum illegaler Drogen (v.a. Cannabis) ist ein weiteres Problem. Im Vordergrund der Arbeit stehen kontinuierliche Beziehungsarbeit, die Vermittlung berufsbezogener und psychosozialer Hilfen. Evangelische Jugendhilfe Godesheim Den Schwerpunkt der szenenahen Arbeit in der Innenstadt, die von der Evangelischen Jugendhilfe Godesheim geleistet wird, bilden Einzelfallhilfen und Kriseninterventionen. Die Arbeit mit Cliquen spielt hier eine untergeordnete Rolle. Das Streetworkcafé als trägerübergreifendes, offenes Angebot in der Maximilianstraße 42, erfüllt eine wichtige Scharnierfunktion zwischen der aufsuchenden Arbeit - also dem Kontakt auf der Straße - und der Vermittlung weiterführender Hilfen. Heimstatt e.V. Bonn / Jugendmigrationsdienst (JMD) Im Rahmen der Aufgabenstellung der Straßensozialarbeit betreut der Mitarbeiter der Heimstatt e.V. Bonn Jugendliche und junge Erwachsene im gesamten Stadtgebiet außer dem Bonner Norden. Zusammen mit einem städtischen Kollegen werden Schwerpunkte bedarfsgerecht angesteuert. 2.2 Personelle Situation / Teamsitzungen Das Team des Kooperationsprojektes besteht aus fünf Fachkräften. Die Bundesstadt Bonn stellt zwei Stellen für das Projekt zur Verfügung, die anderen beteiligten Trägerinstitutionen jeweils eine. Die Mitarbeiter*innen verfügen über Sprachkenntnisse in Deutsch, Russisch und Türkisch. Alle 14 Tage kommen die Mitarbeiter*innen und die Fachaufsicht des Projektes zu einer Teamsitzung zusammen, die für Terminabsprachen, Fallbesprechungen und zur Klärung organisatorischer Fragen genutzt werden. Teamleitung und administrative Aufgaben werden von der Sachgebietsleitung Jugendsozialarbeit, Herrn Bitter, im Amt für Kinder, Jugend und Familie wahrgenommen. Supervisionen, die vier- bis sechsmal im Jahr durchgeführt werden, dienen vor allem der Auseinandersetzung mit konzeptionellen und teambezogenen Themen.Seite 8 von 22 6 2.3 Kooperation und Vernetzung Das Team des Kooperationsprojektes arbeitet vernetzt mit vielen Stellen und Institutionen zusammen, die im Hinblick auf dessen Zielgruppen von Bedeutung sind. Die kontinuierliche Pflege und Erweiterung dieses Netzwerkes sind wichtige Bestandteile der Arbeit. Für eine effektive Vernetzung ist die Beteiligung an lokalen Arbeitskreisen und Gremien unerlässlich. Dazu gehören: • die Stadtteil-Arbeitskreise des Amtes für Kinder, Jugend und Familie unter Federführung der Jugendpflege, an denen die Straßensozialarbeiter*innen entsprechend ihren sozialräumlichen Schwerpunkten themenabhängig teilnehmen (u.a. in Tannenbusch, Dransdorf, Auerberg, Innenstadt/Südstadt), • arbeitsfeldspezifische Zusammenschlüsse wie die Arbeitskreise „Mobile Anlaufstelle Straßenstrich“, „Sucht und Migration“, „Arbeitskreis Sexualpädagogik“ sowie „Suchtprävention“, in denen Teammitglieder kontinuierlich mitarbeiten. Der Austausch auf überregionaler Ebene wird durch eine regelmäßige Beteiligung an den Treffen der „Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit NRW“ sicher- gestellt. Ein Instrument der „internen Vernetzung“ sind die Trägerkonferenzen, denen eine wichtige Funktion im Hinblick auf die inhaltliche Weiterentwicklung des Kooperations- projektes und eine reibungslose Zusammenarbeit aller Beteiligten zukommt. Bei diesen Konferenzen treffen sich ein- bis zweimal jährlich die Projektverantwortlichen und Team- mitglieder der vier Trägerinstitutionen. Einen Überblick über die Institutionen, mit denen die Teammitglieder vor allem im Rahmen von Einzelfallhilfen zusammenarbeiten, gibt das Schaubild auf der folgenden Seite.Seite 9 von 22 7 • Suchtberatung • Verein für Gefährdetenhilfe • Therapie • Entgiftung • Substitutionsärzte Sucht / Drogen Gesundheit • Rheinische Kliniken • Krankenkassen • Gesundheitsamt • Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie • Aids-Hilfe Existenzsicherung • Sozialamt • Ausländeramt • Schuldnerberatung • Bürgeramt • Agentur für Arbeit/ Job-center • Schulen • Bildungsstätten • Jugendberufshilfe Arbeit / Ausbildung • Bewährungshilfe • Jugendgerichtshilfe • Polizei /GABI • Sprungbrett e.V. • Amtsgericht • Anwälte • Fachdienst für Familen und Erziehungshilfen (FFE) • Eheberatung • Esperanza (Caritas) • Jugendschutzstelle • Pro Familia • Angehörige Straffälligkeit Familie / Partnerschaft • Obdachlosenunterkünfte • Wohnungsamt • Wohnungsbaugesellschaften • Jugendzentren • Stadtteilbüros • Jugendpflege • Jugendmigrationsdienste Wohnen SonstigeSeite 10 von 22 8 3 Auswertung der Jahresstatistik Seit 2004 erfolgt eine systematische Dokumentation aller Einzel- und Gruppenkontakte, die im Rahmen des Kooperationsprojektes entstehen. Als Erhebungsinstrument dient ein Kontaktbogen, in dem allgemeine Angaben zu Art, Zeitpunkt, Ort und Anlass des Kontaktes und die anonymisierten Daten der jeweiligen Personen erfasst werden. Zudem werden Themen und Problemlagen, die für die angesprochenen Jugendlichen wichtig sind und die mit dem Kontakt verbundenen Interventionen (also die konkreten Maßnahmen der Straßen- sozialarbeiter*innen) dokumentiert. 3.1 Anzahl und Art der Kontakte 2020 Erstkontakt Folgekontakt 2019 2018 Einzel- kontakte 743 87 656 1108 1108 Gruppen- kontakte 10 10 187 221 Gesamt 753 1295 1329 Aufgrund der Pandemie wurden im Jahr 2020 fast ausschließlich Einzelkontakte dokumentiert, da andere kaum, später gar nicht, stattfinden konnten. Gruppenkontakte waren durch die Coronaschutzverordnung ab März 2020 untersagt. Während die aufsuchende Arbeit überwiegend nicht stattfinden durfte, konnten wir die Einzelfallhilfe mit entsprechenden Hygienemaßnahmen aufrechterhalten. Zudem ist zu erwähnen, dass die Anlaufstelle Tannenbusch in Folge von Elternzeit der beiden Kolleginnen zu einem Großteil des Jahres nicht besetzt sein konnte. Die dokumentierten Kontakte fanden im Büro in der Maximilianstraße 42 statt. Die 743 Kontakte zeigen deutlich, wie wichtig auch während dieser Ausnahmesituation eine persönliche Beratung ist. 3.2 Einsatzorte / Sozialräume Der sozialräumliche Schwerpunkt des Kooperationsprojektes war im Jahr 2020 die Anlaufstelle in der Maximilianstraße. In der Innenstadt (Streetworkcafé, Innenstadt und Bürosprechstunden) fanden 87,6% aller Kontakte statt. Das Café hatte in Folge behördlicher Vorgaben fast das komplette Jahr ausfallen müssen.Seite 11 von 22 9 3.3 Altersstruktur Zielgruppe der Straßensozialarbeit sind gefährdete, ausgegrenzte und von Ausgrenzung bedrohte junge Menschen bis zum Alter von 26 Jahren (Altersgrenze nach dem KJHG). Im Jahr 2020 waren bei den Einzelkontakten 13-jährige junge Menschen die jüngsten Kontakte. Am anderen Ende der Skala standen „Langzeit-Klienten“, die bereits das 27. Lebensjahr vollendet hatten. Sie vertrauen den Streetworkern oft, weil sie als Jugendliche/junge Erwachsene schon Unterstützung durch die Straßensozialarbeit erfahren haben. 63,5% der Kontakte sind im Alter von 18-23 Jahren. 3.4 Geschlechterverteilung In der Straßensozialarbeit überwog im Jahr 2020 die Zahl der Kontakte mit männlichen Klienten. In den letzten Jahren war dies nicht so deutlich. Zeitweise bestand in den vergangenen Jahren ein fast ausgeglichenes Verhältnis. Wahrscheinlich ist dies auf den Ausfall der beiden Kolleginnen zurückzuführen. Es wird interessant, wie es sich im Jahr 2021/22 entwickeln wird. 2 1 6 15 48 49 85 79 70 87 102 35 46 60 11 40 0 20 40 60 80 100 120 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 älter Kontakte Alter 27% 73% Weiblich MännlichSeite 12 von 22 10 3.5 Herkunftsland / Nationalität Über die Staatsangehörigkeit sind oft keine exakten Aussagen zu machen. In den Einzelkontakten gab es Jugendliche deutscher Herkunft ebenso wie Jugendliche mit einem Migrationshintergrund, die teilweise aber auch über einen deutschen Pass verfügen. Straßensozialarbeit erhebt keine persönlichen Daten und niemand muss sich ausweisen als Voraussetzung für die Hilfeleistung. 3.6 Themen / Problemlagen Die Schwelle, bei der Straßensozialarbeit Unterstützung zu suchen, ist für viele Klienten niedriger als bei Behörden oder Beratungsstellen. Junge Menschen kommen oft mit einem Geflecht von Problemen, das erst mal entwirrt und geordnet werden will. Häufig bedingt ein Problem das andere, was wiederum ein drittes nach sich zieht. Etwa: ohne Meldeadresse keine Chance auf Arbeit, daher kein Geld, was wiederum zu Schwarzfahren, erwischt werden und den Folgeproblemen führen kann. So sehen sich die Mitarbeiter*innen des Projektes häufig als Universalansprechpersonen für alle möglichen Probleme, was von ihnen ein breites Wissensspektrum im rechtlichen, sozialen und pädagogischen Bereich verlangt. In der Tabelle sind die Themen aufgeführt, die in den Kontakten am häufigsten genannt wurden. Es handelt sich um absolute Zahlen 3.7 Interventionen Angesichts der komplexen Problemlagen ihrer Zielgruppe kann es für die Straßensozialarbeit nicht darum gehen, Probleme „im Alleingang“ zu lösen. Die Vermittlung weiterführender Hilfe ist ein notwendiges Element der Arbeit, sie setzt aber immer das Einverständnis der Betroffenen voraus und erfordert oft eine Stabilisierung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrer aktuellen Lebenssituation. Themen Einzelkontakte Persönliche Anliegen 180 Arbeit/Ausbildung/Berufsfindung 164 Ohne festen Wohnsitz 161 Probleme mit Behörden 146 Schulden/Finanzielle Probleme 123 Vorstellung Streetwork 72 Sucht 69 Familie 64Seite 13 von 22 11 Die wichtigsten institutionellen Ansprechpartner und -partnerinnen der Straßensozialarbeit waren im Jahr 2019 Institution/Ansprechpartner dokumentierte Kontakte in % Agentur für Arbeit/Jobcenter 207 27,8 Ausbildungsstelle/-betrieb 88 11,4 Beratungsstellen 53 7,3 Obdachlosenunterkunft 50 6,5 Wohnungsbaugesellschaften 45 6,0 Ausländeramt 35 4,7 Therapieeinrichtungen/Entgiftung 27 3,6 Wie in den letzten Jahren gehören die Agentur für Arbeit/Jobcenter, Ausbildungsbetriebe und Beratungsstellen zu den meistgenannten Ansprechpartner*innen. In der Häufigkeit der Nennung spiegeln sich auch die existentiellen Themen der Klientel wieder. Die oft prekäre Lebenssituation macht häufigen Kontakt mit Behörden und Institutionen erforderlich, der von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Regel als unangenehm erlebt wird. Sie haben oft ein geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, fühlen sich schnell diskriminiert. Sie sehen sich oft hilflos ausgeliefert und da sie es sich selbst nicht zutrauen, die Angelegenheit regeln zu können, vermeiden sie am liebsten ganz den Kontakt und kümmern sich nicht darum. Art der Interventionen Fragt man nach der Art der Interventionen - also nach den konkreten Maßnahmen, die sich aus Kontakten ergeben - so zeigt sich Folgendes: Art der Intervention % aller Kontakte Persönliches Gespräch 26,7 Hilfe zur Alltagsbewältigung 21,4 Hilfe bei Antragstellung 21,3 Beratung/Clearing 20,7 Begleitung des Klienten 13,9 Kontaktaufnahme (telefonisch) 12,3 Bewerbungshilfe 11,6 Hilfe bei Wohnungssuche 7,4 Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen besprechen ihre Probleme und Sorgen mit ihrer Vertrauensperson. In einem klärenden persönlichen Gespräch wird die Problemlage herausgearbeitet. Die Straßensozialarbeiter*innen zeigen Wege auf, das Problem anzugehen, – falls erforderlich - verweisen sie an die entsprechenden Fachstellen oder vermitteln den Kontakt. Oft glauben die Jugendlichen, dass es ihnen „nichts bringt“ Kontakt zu Beratungsstellen oder Behörden aufzunehmen. Sie sehen sich als chancenlose Verlierende und glauben nicht daran, in eigener Sache etwas bewirken zu können. Die Straßensozialarbeiter*innen motivieren sie, begleiten sie und zeigen ihnen Wege, wie sie sich für ihre eigenen BelangeSeite 14 von 22 12 einsetzen können. Sie setzen an den Ressourcen der Jugendlichen an und an ihrer Motivation zur Veränderung der Situation. 4. Praxisberichte 4.1 Vereinbarkeit von Straßensozialarbeit und Homeoffice Sebastian Kröll (Heimstatt e.V. Jugendmigrationsdienst) Zu Beginn dieses Berichts soll vorab klargestellt werden, dass sich Straßensozialarbeit und Homeoffice entgegen der Überschrift nicht vollständig vereinbaren lassen. Aufgrund der derzeitigen Pandemie und der entsprechenden Gesetzeslage war aufsuchende Arbeit im Berichtzeitraum entweder gar nicht oder nur stark eingeschränkt möglich. Wegen der strengen Kontaktregelungen waren zudem auch in den wenigen Monaten, in denen aufsuchende Arbeit möglich war, nur wenige Jugendliche an - sonst hochfrequentierten - Orten anzutreffen. Um Bußgelder zu vermeiden, suchen Jugendliche vor allem nicht- öffentliche und private Orte auf, um sich zu treffen. Aus den genannten Gründen konnte die aufsuchende Arbeit in den Stadtteilen, die eigentlich einen Großteil der Straßensozialarbeit ausmacht, gar nicht stattfinden. Dies hatte auch zur Folge, dass Neukontakte durch aufsuchende Arbeit fast nicht zustande kamen. Neukontakte entstanden, wenn überhaupt, durch Empfehlungen bereits bestehender Klient*innen oder durch das Jobcenter. Damit geht einher, dass potenziell bedürftige Klient*innen durch die Pandemie für die Straßensozial- arbeit weniger sichtbar waren und vermutlich durchs Raster gefallen sind. Da die aufsuchende Arbeit gar nicht oder in unerheblichem Ausmaß stattfinden konnte, soll dieser Bericht vorwiegend darüber Auskunft geben, wie Beratungen und Einzelfallhilfen unter den Corona bedingten Regelungen im vergangenen Jahr aufrechterhalten wurden. Zu den meisten Klient*innen der Straßensozialarbeit konnte auch trotz eines zeitweisen Verbots von Präsenzangeboten der Kontakt gehalten werden. Fast alle Klient*innen der Straßensozial- arbeit besitzen ein Smartphone und auch vor der Pandemie, fand der größte Teil der Kommunikation mit den Klient*innen per Handy statt, vorzugsweise über Messenger Dienste. Demzufolge konnte der Kontakt zu diesen Klient*innen auch gehalten werden und die Erreichbarkeit war sichergestellt. Allerdings gibt es auch einen geringen Prozentsatz an Klient*innen, die zwar ein Smartphone besitzen, aber selten Guthaben oder einen Vertrag haben. Bei wohnungslosen Jugendlichen kommt hinzu, dass sie nur sehr selten Internet- zugang haben. Diese Klient*innen nutzen normalerweise die offenen Strukturen und Türen der Straßensozialarbeit und kommen eher spontan im Büro vorbei. Die genannte Zielgruppe hat zum Teil große Schwierigkeiten Termine zu vereinbaren und einzuhalten. Da Termine in Präsenz im vergangenen Jahr zunächst gar nicht möglich waren und anschließend vorübergehend nur zu festen Zeiten, konnte der Kontakt zur Zielgruppe nur sporadisch oder gar nicht gehalten werden. Manche Klient*innen der Straßensozialarbeit nutzten in der Vergangenheit zudem ausschließlich die offenen Angebote des Projekts, wie das Streetworkcafé und die offenen Sprechstunden. Auch zu dieser Zielgruppe konnte der Kontakt kaum oder nur zufällig gehalten werden. Leider sind die Lebensumstände der beschriebenen Zielgruppe oft besonders prekär und der sporadische Kontakt zur Straßensozialarbeit kann zumindest eine zeitweise Anbindung an das Hilfesystem sicherstellen. Dies ist allerdings unter den vorhandenen Arbeitsbedingungen und Gesetzes- vorschriften so gut wie nicht möglich. Aus diesem Grund ist es aus unserer Sicht im SinneSeite 15 von 22 13 der Zielgruppe auch unbedingt erforderlich, dass aufsuchende Arbeit und offene Strukturen trotz der aktuellen Pandemie wieder möglich werden, um den Anschluss zu den beschrieben Klient*innen nicht zu verlieren. Das Angebot an Beratungs- und Einzelfallhilfe der Straßensozialarbeit konnte gegenüber dem größten Teil der Klient*innen aufrechterhalten werden. Allgemeine Beratungsgespräche sowie Gespräche zur Beziehungspflege fanden dabei vor allem am Telefon und in Einzel- fällen auch per Videoanruf statt. Auch Unterstützung bei der Antragsstellung konnte per Telefon und Post gewährleistet werden. So wurden die Anträge meistens am Telefon im Interviewverfahren ausgefüllt und den Klient*innen anschließend per Post zugeschickt, zur Überprüfung der Angaben und zum Unterschreiben. Dadurch verzögerte sich die Antragsstellung zwar, konnte aber trotzdem sichergestellt werden. Hilfe bei Bewerbungen konnte ebenfalls am Telefon oder online per E-Mail stattfinden. Darüber hinaus war das Büro täglich besetzt, um die Postübergabe für Klient*innen, die eine postalische Meldeadresse beim Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit eingerichtet haben, sicherzustellen. Arbeitskreise und Möglichkeiten der Vernetzungen mit anderen Akteuren der Jugendhilfe konnten per Videochat stattfinden. Neben den vielen Einschränkungen und Nachteilen im Rahmen der Pandemie, die die Klientel der Straßensozialarbeit unverhältnismäßig hart getroffen haben, hat sich die Situation in Bezug auf die Antragstellung bspw. beim Jobcenter für einige Klient*innen sogar verbessert. Da vor allem das Jobcenter seit Beginn der Pandemie auf eine vereinfachte Antragsstellung setzt und die Prüfung der Antragsunterlagen derzeit weniger umfangreich ausfällt, hat sich die Situation diesbezüglich im Sinne unserer Zielgruppe vorteilhaft entwickelt. Hinzukommt, dass Termine zur Erstantragsstellung derzeit telefonisch abgehalten werden, was viele Klient*innen ebenfalls begünstigt. Auch die digitale Übermittlung von Antragsunterlagen bspw. per Handyfoto funktioniert unkompliziert und erleichtert vielen Klient*innen die Kommunikation mit dem Jobcenter. Für Klient*innen der Straßensozialarbeit, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, hat sich die Lage während der Pandemie allerdings erheblich verschlechtert. Da das Ausländer- amt zu Beginn der Pandemie zunächst gar keine Termine mehr vergeben hat und eine telefonische Erreichbarkeit zumindest anhand der Erfahrungen unserer Klient*innen nicht gegeben war und auch die Kommunikation per Mail teilweise mehrere Monate dauerte, sind viele Klient*innen in erhebliche Notlagen geraten. Zwar wurden abgelaufene Aufenthaltstitel und Fiktionsbescheinigungen per Brief automatisch verlängert, allerdings haben nicht alle Betroffenen einen Brief erhalten, sei es, weil sich kurzfristig die Anschrift geändert hat, Sie ihre Wohnungen verloren haben oder aus anderen unbekannten Gründen. Ohne gültigen Aufenthaltstitel oder Fiktionsbescheinigung wurden pünktlich zum Ablauf- datum der Dokumente die Leistungen durch das Jobcenter eingestellt. Es war der Klient- *innen ebenfalls nicht mehr möglich, eine Arbeit aufzunehmen oder sich eine Wohnung zu suchen. Infolgedessen haben viele Betroffene ihre Wohnung verloren oder hohe Schulden beim Vermieter angesammelt. Auch im privaten Bereich sind vielen Klient*innen hohe Schulden entstanden, weil sie keine Möglichkeit mehr hatten, ihren Lebensunterhalt sicher- zustellen. In dieser Zeit kam es für einige außerdem zu vermehrten Konflikten mit der Polizei, weil Sie sich nicht ausweisen konnten. Klient*innen, die Ihre Wohnung aus den beschrieb- enen Gründen verloren haben, konnten zudem keine Verlängerung des AufenthaltstitelsSeite 16 von 22 14 beantragen, weil eine gültige Meldeadresse eine der Voraussetzungen für eine Verlängerung des Aufenthalts ist. Obwohl die Kontakte und auch die meisten Angebote hinsichtlich Beratung und Einzelfallhilfe so gut wie möglich aufrechterhalten werden konnten, muss trotzdem festgestellt werden, dass Streetwork seinen niederschwelligen und unkomplizierten Charakter während der Pandemie größtenteils verloren hat. Gerade die offenen Angebote und Sprechstunden fehlen vielen Klient*innen sehr und die digitalen Angebote und die Terminvergabe in Notfällen stellen viele Klient*innen vor große Hürden. Außerdem fehlt das Büro als wichtige Anlauf- stelle zur Alltagsbewältigung. So nutzen viele Besucher*innen die Räumlichkeiten der Straßensozialarbeit in der Regel für alltägliche Erledigungen, weil es zu Hause an der nötigen Ausstattung fehlt. Viele Klient*innen sind darauf angewiesen Computer und Internet im Büro zu nutzen um bspw. Lebensläufe zu erstellen, Bewerbungen zu schreiben oder nach Wohnungen zu suchen. Außerdem können kostenfrei Unterlagen kopiert, gescannt und verschickt oder gefaxt werden. Während der Pandemie und den damit verbundenen Auf- lagen fehlt diese Möglichkeit und kann nur schwer oder zeitintensiv durch digitale Angebote ersetzt werden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Teile der Straßensozialarbeit in Zeiten der Pandemie zwar unter den gültigen gesetzlichen Regelungen aufrechterhalten werden konnten, gleichzeitig fehlen wichtige und unersetzbarer Aspekte der täglichen Arbeit, wie z.B. die aufsuchende Arbeit in den Stadteilen oder die offenen Angebote und Sprechstunden. Gerade diese Aspekte zeichnen das Projekt aus und machen auch einen Großteil der Attraktivität für die Klientin*innen aus. Hinzu kommt, dass die Klientel der Straßensozialarbeit unverhältnismäßig hart von der Pandemie getroffen wurde, weshalb Projekte und nieder- schwellige Anlaufstellen wie die Straßensozialarbeit gerade in dieser Zeit besonders wichtig sind, um Notlagen der Klient*innen abzufedern und ihnen entgegenzuwirken. Die Tatsache, dass viele Angebote nicht stattfinden können, führt langfristig zum Vertrauensverlust auf Seiten der Klient*innen und stellt Sie vor enorme Herausforderungen. Viele Klient*innen sind auf die Unterstützung der Straßensozialarbeit angewiesen, um ihren Lebensunterhalt sicherstellen zu können oder den Zustand der Wohnungslosigkeit zu beenden. Ohne die entsprechende Unterstützung verschlechtert sich die Lebenssituation vieler Klient*innen dramatisch. Aus diesem Grund sprechen wir uns dringend dafür aus, Straßensozialarbeit als systemrelevant zu begreifen und aufsuchende Arbeit und offenen Angebote unter Einhaltung strenger Hygiene Maßnahmen wider möglich zu machen, damit die Situation unser Klient*innen sich noch weiter verschlechtert. 4.2 Jahresbericht zum Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit Ahu Bilaloglu (AWO der Sommerberg Betriebsgesellschaft mbH) Maßgeblich waren im Berichtszeitraum vor allem die besondere Situation der Corona- Pandemie, sowie die einjährige Elternzeit (Mutterschutz) der Streetworkerin im Bezirk Tannenbusch. Durch die enge Vernetzung und gute Kooperation konnten viele der begleiteten Fälle aber an den Bezirk Innenstadt angebunden und hier weiter begleitet werden. Die Corona-Pandemie wirkte sich auf die Klientel des Streetwork in vielerlei Hinsicht aus. Dies betrifft zum einen den Bereich der Digitalen Teilhabe. Träger von JugendarbeitSeite 17 von 22 15 wandelten ihre Angebote schnell digital um. Durch die Errichtung von Online-Angeboten und durch die Nutzung von Social Media. Die Zielgruppe von Streetwork konnte hierdurch jedoch in vielen Fällen nicht erreicht werden, da der Zugang zu digitalen Medien häufig fehlt. So fehlt vielen Klient*innen ein digitales Endgerät, ebenso wie WLAN-Zugänge. Hier besteht auch weiterhin ein dringender Versorgungsbedarf der angesprochenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die zuverlässigste Möglichkeit der Kontaktaufnahme und –haltung bleibt der Telefonkontakt. Als hochschwellig werden auch die besonderen Maßgaben in Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit wahrgenommen. Die Terminierung und Vorgabe von Hygiene- und Abstands- bestimmungen ist für viele Adressat*innen des Streetwork nur schwer einzuhalten und führte auch in diesen Bereichen zu subtilen Verdrängungsdynamiken. Außerdem besteht für die Klient*innen ein Informationsmangel bezüglich der immer wieder wechselnden Hygiene- und Abstandsbestimmungen im öffentlichen Raum. Die Folge sind häufig Bußgelder, aufgrund der unbewussten Nichteinhaltung von Maskenpflicht, Abstand, etc. Neben den Angeboten der Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit bestehen die genannten Probleme auch in der Zusammenarbeit mit Behörden, insbesondere Jobcenter, Sozialamt und Ausländerbehörde. Da auch hier seit März 2020 ausschließlich digitale Kontaktformate bestehen, benötigen die angesprochenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen hierbei entsprechend verstärkte Unterstützung. In vielen Fällen bestehen Zahlungsrückstände und Aussetzungen von Leistungen aufgrund fehlender Mitwirkung, weil diese aufgrund von Verständnis- und Zugangsproblemen nicht geleistet werden kann. Die Konflikte können häufig nur nachträglich und mit Wartezeiten besprochen werden und führen infolgedessen zu weiteren Verschuldungen der Zielgruppe aufgrund von Mietrückständen, Versicherungs- zahlungen, etc. Zusammengefasst muss die Begleitung der Klientinnen im Zuge der aktuellen Pandemie noch enger und intensiver erfolgen, bei gleichzeitiger Förderung der Digitalen Teilhabe durch Versorgung mit Endgeräten, Heranführung an Online-Unterstützungsangebote und die Förderung von Medienkompetenz. Das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit ist auch in der Pandemie die einzige Unterstützungsmöglichkeit für viele junge Erwachsene was verdeutlicht, dass das Angebot elementar für den Bonner Raum ist. 4.3 Aufsuchende Arbeit Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim) Ab Mitte März 2020 hatten die Einschränkungen bezüglich der Corona-Pandemie die Stadt Bonn erreicht und somit auch alle Ämter und Beratungsdienste. Sprechstunden und persönliche Kontakte wurden aus Sicherheitsgründen massiv eingeschränkt. Unter Einhaltung sämtlicher Bestimmungen, fand die aufsuchende Arbeit nur statt, um über die Regeln aufzuklären, zu informieren und z.B. Masken und Desinfektionsmittel anzubieten. Vor Ort konnte durch die Einhaltung der Abstandregel keine inhaltliche Sozialberatung stattfinden.Seite 18 von 22 16 Kaiserplatz Dieser Bereich hat sich 2020, was die Frequentierung betrifft, sehr beruhigt. Zwar fanden sich dort ab August wieder Menschen ein, jedoch nicht in der Vielzahl der Vorjahre. Einzelne Punks wurden in den Sommermonaten angetroffen. Unterstützende Hilfe konnte im Bedarfsfall telefonisch geleistet. Hofgarten Durch die Pandemie und die damit einhergehenden Vorschriften und Kontakt- beschränkungen ist es zu keinen größeren Ansammlungen von Personen gekommen. Ein Großteil von ihnen hat sich vermutlich an nichtöffentlichen oder privaten Orten getroffen. Zu beobachten war hier, wie in der gesamten Innenstadt eine hohe Präsenz von Ordnungskräften und Polizei. Innenstadt Seit Mitte März halten sich bedürftige Menschen nun sichtbar in der Innenstadt auf. Meiner Einschätzung nach liegt die Anzahl bei 15- 20 Personen, die nun zusätzlich das Stadtbild prägen. Die wenigen Passanten wurden entweder durch direktes Ansprechen oder durch aufgestellte Behälter, auf die extreme Notlage aufmerksam gemacht und um kleine Spenden gebeten. Bevorzugte Plätze sind die Poststraße, Sternstraße, Friedensplatz, Friedrichstraße und Ganggolfstraße. Dieser Personenkreis ist bekannt und wird ausschließlich von VFG und Prälat- Schleich-Haus betreut. Einzelfallhilfe und individuelle Angebote Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim) Die Auswirkungen der Corona-Pandemie erforderten eine hohe Flexibilität, eine schnelle Planung und Umstrukturierung. Während einige Kolleg*innen die individuelle Betreuung und Hilfestellung im Homeoffice gewährleisteten, war die Anlaufstelle Maximilianstraße 42 täglich besetzt. Vor Ort wurden Dokumente und Unterlagen auf digitalem Wege an die Kolleg*innen weitergeleitet, um die Bearbeitung im Homeoffice zu sichern. Des Weiteren konnte die Klientel nach vorheriger telefonischer Absprache, Post und wichtige Unterlagen an der Ein- gangstür erhalten. Trotz der Einschränkung, die Büroräume nicht für Beratungen nutzen zu können, konnten Menschen in Notlagen vor der Tür Hilfe ersuchen. In der Hauptsache ging es um die Beschaffung von Essen und Fahrkarten, sowie um Lebensmitteleinkäufe. Zahlreiche Gespräche für Beratungen, Fragen, Probleme, Krisen etc. fanden während dieser Zeit telefonisch statt. 5. Besondere Angebote und Projekte 5.1 Streetworkcafé Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim) Das Streetworkcafé Bis zum 20. März 2020 konnte das Streetworkcafè uneingeschränkt an vier Tagen in der Woche für zwei Stunden geöffnet werden. Mit dem bundesweiten Lockdown musste dasSeite 19 von 22 17 Café seine Türen zunächst schließen. Erst am 14. September bestand die Möglichkeit unter Einhaltung eines erarbeiteten Hygieneplans, der unter anderem die Reduzierung der Personenanzahl und die Einteilung in zwei Gruppen beinhaltete, das Streetworkcafè nach und nach wieder zu öffnen. Hier konnte der vorgeschriebene Mindestabstand jederzeit eingehalten werden und es bestand endlich wieder die Möglichkeit, etwas zum Essen und zum Trinken zu bekommen. In dieser Zeit wurden Schutzmaßnahmen für Besucher und Mitarbeiter zur Normalität. Leider musste das Café zum 1. November erneut seine Türen schließen. Die Entwicklung der Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr stellt sich so dar: Jahr 2019 2020 Öffnungstage 132 46 Besuchende gesamt 1284 578 Besucherinnen 498 38,8% 175 30,2 % Besucher 786 61,2% 403 69,8% Kinderkontakte 65 25 2020 reduzierten sich die Öffnungstage um 1/3 von 132 Tagen im Vorjahr auf 46 Tage. Wir konnten aber mit 578 die Hälfte an Besuchenden des Vorjahres verzeichnen. Allein bis März 2020 wurden 551 Besucher gezählt. Dann kam der LOCKDOWN! Die Verteilung der Besucher*innen nach Alter und Geschlecht ergibt sich aus der folgenden Tabelle: Alter Frauen in % Männer in % 14-16 32 18% 22 5% 17-18 86 49% 200 50% 19-21 34 19% 70 17% Über 21 23 13% 111 28% Gesamt 175 30 % 403 70% Der Trend zur Verjüngung des Durchschnittsalters der Besucher hielt auch 2020 an. 5.2 Anlaufstelle Straßenstrich Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim) Der Einsatz wurde im Februar 2020 komplett eingestellt. 5.3 Ausblick Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim) Trotz anhaltender Corona-Pandemie wird im Jahr 2021 unser Team weiterhin vor die Aufgabe gestellt sein, Menschen unterstützend und beratend zur Seite zu stehen. Es ist wünschenswert und bleibt zu hoffen, dass in den Sommermonaten eine Abschwächung der Infektionszahlen zu bemerken ist und Streetwork sich wieder auf Projekte und Angebote konzentrieren kann.Seite 20 von 22 18 Ende des letzten Jahres hat die Notschlafstelle für Jugendliche unser gemeinsam genutztes Gebäude in der Maximilianstraße verlassen. Auch das Kooperationsprojekt Straßensozial- arbeit muss neue Räumlichkeiten beziehen. Unsicher ist wann dies geschieht und in welcher Örtlichkeit dies sein wird. Wir bleiben im Sinne unserer Jugendlichen weiterhin positiv gestimmt.Seite 21 von 22 19 Erreichbarkeit und Ansprechpartner/-innen Sprechzeiten Das Gemeinschaftsbüro des Kooperationsprojektes Straßensozialarbeit in der Innenstadt (Maximilianstr. 42) ist zu folgenden Zeiten besetzt: Montag und Freitag 10.00-12.00 Uhr Mittwoch 12.00-14.00 Uhr Für die Anlaufstelle Tannenbusch (Kattowitzer Weg 2) gelten folgende Sprechzeiten: Montag 16.00-18.00 Uhr Öffnungszeiten Streetworkcafé (aktuell geschlossen) (Maximilianstraße 42, Parterre) Montag und Freitag 12.00-14.00 Uhr Mittwoch 12.00-14.00 Uhr (Mädchen- und Frauentag) Kontakt Gemeinschaftsbüro Innenstadt: Maximilianstr. 42 53111 Bonn Tel. (0228) 43 33 60 Anlaufstelle Tannenbusch: Kattowitzer Weg 2 53119 Bonn Tel. (0228) 66 77 70 E-Mail: streetworkbonn@t-online.de E-Mail: streetworktabu@gmx.de Teammitglieder Ahu Bilaloglu (Der Sommerberg AWO Betriebsgesellschaft mbH)) Christian Blätzinger (Amt für Kinder, Jugend und Familie) Regina Simmes (Amt für Kinder, Jugend und Familie) Sebastian Kröll (Heimstatt e.V. Jugendmigrationsdienst) Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim) Koordination und Teamleitung Wolfgang Bitter Bundesstadt Bonn Amt für Kinder, Jugend und Familie Jugendsozialarbeit Maxstraße 77, 53111 Bonn Telefon: +49 (0)228 77 3294 E-Mail: wolfgang.bitter@bonn.de Internet: www.bonn.deSeite 22 von 22
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bonn.social/@biz ↗Datenstand: 02.11.2026, 19:27 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de