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212332 · Beschlussvorlage

Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit - Verlängerung des Kooperationsvertrages (2021/2022)

Nummer
212332
Art
Beschlussvorlage
Veröffentlicht
17.12.2021
Letzte Änderung
15.09.2026
  1. Sitzung des Ausschusses für Kinder-, Jugend und Familie 27.01.2022 Entscheidung federführend
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Beschlussvorlage
öffentlich
212332
Die Oberbürgermeisterin
Federführung:
51 Amt für Kinder, Jugend und Familie
Dezernat:
Dez. V
Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit -
Verlängerung des Kooperationsvertrages
(2021/2022)
Beratungsfolge
Ausschuss für Kinder, Jugend und Familie 27.01.2022 Entscheidung
Beschlussvorschlag
Die Verwaltung wird beauftragt:
1. das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit mit den
Kooperationspartnern
• Der Sommerberg/AWO Betriebsgesellschaft mbH,
• Evangelische Jugendhilfe Godesheim und
• Heimstatt e.V./Jugendmigrationsdienst
fortzusetzen und mit den Trägern einen Kooperationsvertrag für die
Laufzeit 01.01.2021 bis 31.12.2022 zu schließen.
2. Die Personalkosten im Jahr 2021 mit 56.000 Euro zu fördern und für
das Jahr 2022 den Personalkostenzuschuss auf 59.600,00 Euro je
Träger zu erhöhen. Die zusätzlichen Mittel sind im Haushaltsplan
2021/2022 enthalten.
Begründung
In den 18 Jahren seines Bestehens hat sich das Kooperationsprojekt
Straßensozialarbeit als trägerübergreifendes „Bonner Modell aufsuchender
Arbeit“ bewährt. Neben dem Amt für Kinder, Jugend und Familie gehören:
 Der Sommerberg - AWO Betriebsgesellschaft mbH
 Evangelische Jugendhilfe Godesheim und
 Heimstatt e.V. Bonn/Jugendmigrationsdienst
zum Trägerverbund.
Durch das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit werden gefährdete
Jugendliche und junge Erwachsene im gesamten Stadtgebiet angesprochen.Seite 1 von 22
Seite 2
Für das Jahr 2020 sind insgesamt trotz Einschränkungen durch die
Coronaschutzverordung und zwei Mitarbeiterinnen in Elternzeit 743 Einzel- und
Gruppenkontakte zu verzeichnen, die von den Fachkräften der
Straßensozialarbeit dokumentiert wurden. Schwerpunkte liegen vor allem im
Bonner Norden sowie im Innenstadtbereich.
Im Jahresbericht des Kooperationsprojektes werden die Eckdaten der
Jahresstatistik 2020 ausführlich dargestellt. Neben den aktuellen Daten zu
Zielgruppen, Problemlagen und Interventionen enthält der Bericht einen
umfangreichen Praxisteil, in dem die Erfahrungen der beteiligten Träger
gebündelt werden.
Straßensozialarbeit geht auf gefährdete junge Menschen zu, bietet alltagsnahe
Unterstützung im Umgang mit Problemen und Krisen, berät individuell, macht
Mut zur Eigeninitiative und baut Brücken in die bestehenden Hilfesysteme. Sie
ist an der untersten Schwelle des Jugendhilfesystems angesiedelt und erreicht
junge Menschen, die durch reguläre Angebote nicht oder kaum mehr zu
erreichen sind.
Kennzeichnend für das Kooperationsprojekt ist die Verbindung von
aufsuchender Arbeit und festen Angeboten – dazu gehören das
„Streetworkcafé“ als offener, szenenaher Treff (an zwei Wochentagen) wie
auch die regelmäßigen Sprechzeiten in den Anlaufstellen Bonn-Innenstadt und
Tannenbusch.
Zur Durchführung des Kooperationsprojektes erhielten die drei freien Träger zur
Finanzierung jeweils einer Personalstelle bisher einen jährlichen Zuschuss von
jeweils 56.000,-- €. Zwei weitere Personalstellen sind durch städtische
Straßensozialarbeiter besetzt. Außerdem stellt die Bundesstadt Bonn ein
Sachmittel-Budget von bis zu 9.400 € im Jahr zur Verfügung (Verbrauchs-
materialien, Fahrtkosten, Anschaffungen, Maßnahmen, Fortbildungskosten,
Telefon/Internet usw.).
Eine Erhöhung des Personalkostenzuschusses auf 59.600 EUR für das Jahr
2022 ist aufgrund der steigenden Personalkosten dringend erforderlich,
nachdem dieser Zuschuss für die Jahre 2019 bis 2021 nicht erhöht worden ist.
Die entsprechenden Finanzmittel sind im Haushaltsansatz vorhanden.
Die Kooperationsvereinbarung ist zum 31.12.2020 ausgelaufen. Die beteiligten
Träger sind zu einer Fortsetzung des Kooperationsprojektes bereit, die aus
Sicht der Verwaltung nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig
ist. Straßensozialarbeit als niederschwelliges Angebot und besonders flexibles
Instrument, mit dem auf wechselnde Jugendszenen und Problemlagen in
bestimmten Stadtteilen reagiert werden kann, ist durch kein anderes Angebot
der Jugendhilfe zu ersetzen.
Auf die Verlängerung des Kooperationsvertrages kann deshalb nicht verzichtet
werden.
Die bisherige Förderung in den Jahren 2019 und 2020 belief sich auf je
168.000,00 €.Seite 2 von 22
Seite 3
Finanzielle Auswirkungen:
Produktgruppe Produktgruppenbezeich
nung
Produkt Produktbezeichnung
1.06.05 Sonst. Leistungen zur
Förderung junger
Menschen und Familien
1.06.05.05 Jugendsozialarbeit
Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten (2021)
Betrag Finanzstelle /
FiPos
Veranschlagt
in
Noch bereit-
zustellen
Deckung
Auszahlungen /
Aufwendungen
168.000,00
EUR
151000605/
73.1000
2021
Einzahlungen /
Erträge
Haushaltsbelastung
jährlich
168.000,00
EUR
Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten (2022)
Betrag Finanzstelle /
FiPos
Veranschlagt
in
Noch bereit-
zustellen
Deckung
Auszahlungen /
Aufwendungen
178.800,00
EUR
151000605/
73.1000
2022
Einzahlungen /
Erträge
Haushaltsbelastung
jährlich
178.800,00
EUR
Anlage/n
1 Jahresbericht 2020 Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit (öffentlich)Seite 3 von 22
Kooperationsprojekt
Straßensozialarbeit
Jahresbericht 2020Seite 4 von 22
2
Inhalt
1. Einführung
2. Rahmenbedingungen und allgemeine Schwerpunkte
2.1 Aufgabenprofile der vier Kooperationsbeteiligten
2.2 Personelle Situation / Teamsitzungen
2.3 Kooperation und Vernetzung
3. Auswertung der Jahresstatistik
3.1 Anzahl und Art der Kontakte
3.2 Einsatzorte / Sozialräume
3.3 Altersstruktur
3.4 Geschlechterverteilung
3.5 Herkunftsland / Nationalität
3.6 Themen / Problemlagen
3.7 Interventionen
4. Praxiseinblicke
4.1 Vereinbarkeit von Straßensozialarbeit und Homeoffice
4.2 Jahresbericht zum Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit
4.3 Aufsuchende Arbeit
5. Besondere Angebote und Projekte
5.1 Streetworkcafé
5.2 Anlaufstelle Straßenstrich
5.3 Ausblick
Anhang: Erreichbarkeit und Ansprechpartner/-innenSeite 5 von 22
3
1. Einführung
Der vorliegende Bericht beschreibt Arbeitsschwerpunkte, Aktionen und Erfahrungen der
beteiligten Institutionen im Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit. Außerdem finden sich in
diesem Bericht in Kapitel 3 die Auswertung der Jahresstatistik als Schwerpunkt des
Jahresberichts und im darauffolgenden Kapitel eine kurze Übersicht über die
Rahmenbedingungen des Kooperationsprojektes und die personelle Situation im Team.
Bonn, im April 2021
Bundesstadt Bonn, Amt für Kinder, Jugend und Familie
Der Sommerberg – AWO Betriebsgesellschaft mbH
Evangelische Jugendhilfe Godesheim
Heimstatt e.V. Bonn, JugendmigrationsdienstSeite 6 von 22
4
2. Rahmenbedingungen und allgemeine Schwerpunkte
2.1 Aufgabenprofile der vier Kooperationspartner
Die vier Beteiligten des Kooperationsprojektes haben die Zuständigkeiten für bestimmte
Zielgruppen und Sozialräume untereinander aufgeteilt. Diese Aufgabenteilung ist in der
Kooperationsvereinbarung vom 20.02.2017 geregelt.
Die Zuständigkeiten werden im Folgenden kurz dargestellt.
Kooperationspartner Zielgruppen Sozialräume
Amt für Kinder, Jugend
und Familie
2 Vollzeitkräfte
Informelle Jugendgruppen
(Cliquen), Jugendliche und
junge Erwachsene in
Krisensituationen
Gesamtes Bonner
Stadtgebiet. Im Bereich
Innenstadt unterstützt eine
städtische Straßensozial-
arbeiter*in die Evangelische
Jugendhilfe Godesheim bei
Bedarf (flexibler Einsatz in
der Größenordnung einer
halben Planstelle)
Der Sommerberg – AWO
Betriebsgesellschaft mbH
1 Vollzeitkraft
Informelle Jugendgruppen
(Cliquen), Jugendliche und
junge Erwachsene in
Krisensituationen
Bonner Norden (Auerberg,
Bonn-Kastell, Buschdorf,
Dransdorf, Tannenbusch)
Evangelische
Jugendhilfe Godesheim
1 Vollzeitkraft
Jugendliche
Drogenkonsument/-innen,
junge Menschen in akuten
Krisensituationen, junge
Wohnungslose,
Trebegänger/-innen
Innenstadt (Busbahnhof),
Kaiserplatz, Hofgarten)
Heimstatt e.V. Bonn /
Jugendmigrationsdienst
(JMD)
1 Vollzeitkraft
Informelle Jugendgruppen
(Cliquen), Jugendliche und
junge Erwachsene in
Krisensituationen
Gesamtes Bonner
Stadtgebiet. Schwerpunkte
variieren nach Bedarf
Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Bonn
Die Koordination des Projektes und die Fachaufsicht liegen beim Amt für Kinder, Jugend und
Familie der Stadt Bonn (Abt. Städtische Jugendeinrichtungen/Jugendförderung).
Die städtischen Mitarbeiter*innen sind es auch, die amtsintern für einen „kurzen Draht“ zur
Jugendpflege, den Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen sowie den Fachdiensten für
Familien- und Erziehungshilfe sorgen.Seite 7 von 22
5
Der Sommerberg – AWO Betriebsgesellschaft mbH
Der Sommerberg konzentriert sich auf Cliquen und Treffpunkte im Bonner Norden und nutzt
dabei die Anlaufstelle Tannenbusch (Kattowitzer Weg 2) als Ausgangspunkt.
Viele der angetroffenen Jugendlichen - überwiegend junge männliche Migranten - befinden
sich in Lebenslagen, die durch Orientierungslosigkeit, fehlende berufliche Perspektiven oder
familiäre Konflikte belastet sind. Der Konsum illegaler Drogen (v.a. Cannabis) ist ein weiteres
Problem. Im Vordergrund der Arbeit stehen kontinuierliche Beziehungsarbeit, die Vermittlung
berufsbezogener und psychosozialer Hilfen.
Evangelische Jugendhilfe Godesheim
Den Schwerpunkt der szenenahen Arbeit in der Innenstadt, die von der Evangelischen
Jugendhilfe Godesheim geleistet wird, bilden Einzelfallhilfen und Kriseninterventionen. Die
Arbeit mit Cliquen spielt hier eine untergeordnete Rolle. Das Streetworkcafé als
trägerübergreifendes, offenes Angebot in der Maximilianstraße 42, erfüllt eine wichtige
Scharnierfunktion zwischen der aufsuchenden Arbeit - also dem Kontakt auf der Straße - und
der Vermittlung weiterführender Hilfen.
Heimstatt e.V. Bonn / Jugendmigrationsdienst (JMD)
Im Rahmen der Aufgabenstellung der Straßensozialarbeit betreut der Mitarbeiter der
Heimstatt e.V. Bonn Jugendliche und junge Erwachsene im gesamten Stadtgebiet außer
dem Bonner Norden. Zusammen mit einem städtischen Kollegen werden Schwerpunkte
bedarfsgerecht angesteuert.
2.2 Personelle Situation / Teamsitzungen
Das Team des Kooperationsprojektes besteht aus fünf Fachkräften. Die Bundesstadt Bonn
stellt zwei Stellen für das Projekt zur Verfügung, die anderen beteiligten Trägerinstitutionen
jeweils eine.
Die Mitarbeiter*innen verfügen über Sprachkenntnisse in Deutsch, Russisch und Türkisch.
Alle 14 Tage kommen die Mitarbeiter*innen und die Fachaufsicht des Projektes zu einer
Teamsitzung zusammen, die für Terminabsprachen, Fallbesprechungen und zur Klärung
organisatorischer Fragen genutzt werden.
Teamleitung und administrative Aufgaben werden von der Sachgebietsleitung
Jugendsozialarbeit, Herrn Bitter, im Amt für Kinder, Jugend und Familie wahrgenommen.
Supervisionen, die vier- bis sechsmal im Jahr durchgeführt werden, dienen vor allem der
Auseinandersetzung mit konzeptionellen und teambezogenen Themen.Seite 8 von 22
6
2.3 Kooperation und Vernetzung
Das Team des Kooperationsprojektes arbeitet vernetzt mit vielen Stellen und Institutionen
zusammen, die im Hinblick auf dessen Zielgruppen von Bedeutung sind.
Die kontinuierliche Pflege und Erweiterung dieses Netzwerkes sind wichtige Bestandteile der
Arbeit.
Für eine effektive Vernetzung ist die Beteiligung an lokalen Arbeitskreisen und Gremien
unerlässlich. Dazu gehören:
• die Stadtteil-Arbeitskreise des Amtes für Kinder, Jugend und Familie unter
Federführung der Jugendpflege, an denen die Straßensozialarbeiter*innen
entsprechend ihren sozialräumlichen Schwerpunkten themenabhängig teilnehmen
(u.a. in Tannenbusch, Dransdorf, Auerberg, Innenstadt/Südstadt),
• arbeitsfeldspezifische Zusammenschlüsse wie die Arbeitskreise „Mobile Anlaufstelle
Straßenstrich“, „Sucht und Migration“, „Arbeitskreis Sexualpädagogik“ sowie
„Suchtprävention“, in denen Teammitglieder kontinuierlich mitarbeiten.
Der Austausch auf überregionaler Ebene wird durch eine regelmäßige Beteiligung an den
Treffen der „Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit NRW“ sicher-
gestellt. Ein Instrument der „internen Vernetzung“ sind die Trägerkonferenzen, denen eine
wichtige Funktion im Hinblick auf die inhaltliche Weiterentwicklung des Kooperations-
projektes und eine reibungslose Zusammenarbeit aller Beteiligten zukommt. Bei diesen
Konferenzen treffen sich ein- bis zweimal jährlich die Projektverantwortlichen und Team-
mitglieder der vier Trägerinstitutionen.
Einen Überblick über die Institutionen, mit denen die Teammitglieder vor allem im Rahmen
von Einzelfallhilfen zusammenarbeiten, gibt das Schaubild auf der folgenden Seite.Seite 9 von 22
7
• Suchtberatung
• Verein für Gefährdetenhilfe
• Therapie
• Entgiftung
• Substitutionsärzte
Sucht / Drogen Gesundheit
• Rheinische Kliniken
• Krankenkassen
• Gesundheitsamt
• Bonner Verein für
gemeindenahe Psychiatrie
• Aids-Hilfe
Existenzsicherung
• Sozialamt
• Ausländeramt
• Schuldnerberatung
• Bürgeramt
• Agentur für Arbeit/
Job-center
• Schulen
• Bildungsstätten
• Jugendberufshilfe
Arbeit / Ausbildung
• Bewährungshilfe
• Jugendgerichtshilfe
• Polizei /GABI
• Sprungbrett e.V.
• Amtsgericht
• Anwälte
• Fachdienst für Familen
und Erziehungshilfen
(FFE)
• Eheberatung
• Esperanza (Caritas)
• Jugendschutzstelle
• Pro Familia
• Angehörige
Straffälligkeit Familie / Partnerschaft
• Obdachlosenunterkünfte
• Wohnungsamt
• Wohnungsbaugesellschaften
• Jugendzentren
• Stadtteilbüros
• Jugendpflege
• Jugendmigrationsdienste
Wohnen SonstigeSeite 10 von 22
8
3 Auswertung der Jahresstatistik
Seit 2004 erfolgt eine systematische Dokumentation aller Einzel- und Gruppenkontakte, die
im Rahmen des Kooperationsprojektes entstehen. Als Erhebungsinstrument dient ein
Kontaktbogen, in dem allgemeine Angaben zu Art, Zeitpunkt, Ort und Anlass des Kontaktes
und die anonymisierten Daten der jeweiligen Personen erfasst werden. Zudem werden
Themen und Problemlagen, die für die angesprochenen Jugendlichen wichtig sind und die
mit dem Kontakt verbundenen Interventionen (also die konkreten Maßnahmen der Straßen-
sozialarbeiter*innen) dokumentiert.
3.1 Anzahl und Art der Kontakte
2020 Erstkontakt Folgekontakt 2019 2018
Einzel-
kontakte
743 87 656 1108 1108
Gruppen-
kontakte
10 10 187 221
Gesamt 753 1295 1329
Aufgrund der Pandemie wurden im Jahr 2020 fast ausschließlich Einzelkontakte
dokumentiert, da andere kaum, später gar nicht, stattfinden konnten. Gruppenkontakte
waren durch die Coronaschutzverordnung ab März 2020 untersagt. Während die
aufsuchende Arbeit überwiegend nicht stattfinden durfte, konnten wir die Einzelfallhilfe mit
entsprechenden Hygienemaßnahmen aufrechterhalten. Zudem ist zu erwähnen, dass die
Anlaufstelle Tannenbusch in Folge von Elternzeit der beiden Kolleginnen zu einem Großteil
des Jahres nicht besetzt sein konnte. Die dokumentierten Kontakte fanden im Büro in der
Maximilianstraße 42 statt. Die 743 Kontakte zeigen deutlich, wie wichtig auch während
dieser Ausnahmesituation eine persönliche Beratung ist.
3.2 Einsatzorte / Sozialräume
Der sozialräumliche Schwerpunkt des Kooperationsprojektes war im Jahr 2020 die
Anlaufstelle in der Maximilianstraße.
In der Innenstadt (Streetworkcafé, Innenstadt und Bürosprechstunden) fanden 87,6% aller
Kontakte statt. Das Café hatte in Folge behördlicher Vorgaben fast das komplette Jahr
ausfallen müssen.Seite 11 von 22
9
3.3 Altersstruktur
Zielgruppe der Straßensozialarbeit sind gefährdete, ausgegrenzte und von Ausgrenzung
bedrohte junge Menschen bis zum Alter von 26 Jahren (Altersgrenze nach dem KJHG).
Im Jahr 2020 waren bei den Einzelkontakten 13-jährige junge Menschen die jüngsten
Kontakte.
Am anderen Ende der Skala standen „Langzeit-Klienten“, die bereits das 27. Lebensjahr
vollendet hatten. Sie vertrauen den Streetworkern oft, weil sie als Jugendliche/junge
Erwachsene schon Unterstützung durch die Straßensozialarbeit erfahren haben.
63,5% der Kontakte sind im Alter von 18-23 Jahren.
3.4 Geschlechterverteilung
In der Straßensozialarbeit überwog im Jahr 2020 die Zahl der Kontakte mit männlichen
Klienten. In den letzten Jahren war dies nicht so deutlich. Zeitweise bestand in den
vergangenen Jahren ein fast ausgeglichenes Verhältnis. Wahrscheinlich ist dies auf den
Ausfall der beiden Kolleginnen zurückzuführen. Es wird interessant, wie es sich im Jahr
2021/22 entwickeln wird.
2 1 6
15
48 49
85
79
70
87
102
35
46
60
11
40
0
20
40
60
80
100
120
13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 älter
Kontakte
Alter
27%
73%
Weiblich
MännlichSeite 12 von 22
10
3.5 Herkunftsland / Nationalität
Über die Staatsangehörigkeit sind oft keine exakten Aussagen zu machen. In den
Einzelkontakten gab es Jugendliche deutscher Herkunft ebenso wie Jugendliche mit einem
Migrationshintergrund, die teilweise aber auch über einen deutschen Pass verfügen.
Straßensozialarbeit erhebt keine persönlichen Daten und niemand muss sich ausweisen als
Voraussetzung für die Hilfeleistung.
3.6 Themen / Problemlagen
Die Schwelle, bei der Straßensozialarbeit Unterstützung zu suchen, ist für viele Klienten
niedriger als bei Behörden oder Beratungsstellen. Junge Menschen kommen oft mit einem
Geflecht von Problemen, das erst mal entwirrt und geordnet werden will. Häufig bedingt ein
Problem das andere, was wiederum ein drittes nach sich zieht. Etwa: ohne Meldeadresse
keine Chance auf Arbeit, daher kein Geld, was wiederum zu Schwarzfahren, erwischt
werden und den Folgeproblemen führen kann. So sehen sich die Mitarbeiter*innen des
Projektes häufig als Universalansprechpersonen für alle möglichen Probleme, was von ihnen
ein breites Wissensspektrum im rechtlichen, sozialen und pädagogischen Bereich verlangt.
In der Tabelle sind die Themen aufgeführt, die in den Kontakten am häufigsten genannt
wurden. Es handelt sich um absolute Zahlen
3.7 Interventionen
Angesichts der komplexen Problemlagen ihrer Zielgruppe kann es für die Straßensozialarbeit
nicht darum gehen, Probleme „im Alleingang“ zu lösen. Die Vermittlung weiterführender
Hilfe ist ein notwendiges Element der Arbeit, sie setzt aber immer das Einverständnis der
Betroffenen voraus und erfordert oft eine Stabilisierung der Jugendlichen und jungen
Erwachsenen in ihrer aktuellen Lebenssituation.
Themen Einzelkontakte
Persönliche Anliegen 180
Arbeit/Ausbildung/Berufsfindung 164
Ohne festen Wohnsitz 161
Probleme mit Behörden 146
Schulden/Finanzielle Probleme 123
Vorstellung Streetwork 72
Sucht 69
Familie 64Seite 13 von 22
11
Die wichtigsten institutionellen Ansprechpartner und -partnerinnen der Straßensozialarbeit
waren im Jahr 2019
Institution/Ansprechpartner dokumentierte
Kontakte
in %
Agentur für Arbeit/Jobcenter 207 27,8
Ausbildungsstelle/-betrieb 88 11,4
Beratungsstellen 53 7,3
Obdachlosenunterkunft 50 6,5
Wohnungsbaugesellschaften 45 6,0
Ausländeramt 35 4,7
Therapieeinrichtungen/Entgiftung 27 3,6
Wie in den letzten Jahren gehören die Agentur für Arbeit/Jobcenter, Ausbildungsbetriebe und
Beratungsstellen zu den meistgenannten Ansprechpartner*innen. In der Häufigkeit der
Nennung spiegeln sich auch die existentiellen Themen der Klientel wieder. Die oft prekäre
Lebenssituation macht häufigen Kontakt mit Behörden und Institutionen erforderlich, der von
den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Regel als unangenehm erlebt wird. Sie
haben oft ein geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, fühlen sich schnell
diskriminiert. Sie sehen sich oft hilflos ausgeliefert und da sie es sich selbst nicht zutrauen,
die Angelegenheit regeln zu können, vermeiden sie am liebsten ganz den Kontakt und
kümmern sich nicht darum.
Art der Interventionen
Fragt man nach der Art der Interventionen - also nach den konkreten Maßnahmen, die sich
aus Kontakten ergeben - so zeigt sich Folgendes:
Art der Intervention % aller Kontakte
Persönliches Gespräch 26,7
Hilfe zur Alltagsbewältigung 21,4
Hilfe bei Antragstellung 21,3
Beratung/Clearing 20,7
Begleitung des Klienten 13,9
Kontaktaufnahme (telefonisch) 12,3
Bewerbungshilfe 11,6
Hilfe bei Wohnungssuche 7,4
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen besprechen ihre Probleme und Sorgen mit ihrer
Vertrauensperson. In einem klärenden persönlichen Gespräch wird die Problemlage
herausgearbeitet. Die Straßensozialarbeiter*innen zeigen Wege auf, das Problem
anzugehen, – falls erforderlich - verweisen sie an die entsprechenden Fachstellen oder
vermitteln den Kontakt.
Oft glauben die Jugendlichen, dass es ihnen „nichts bringt“ Kontakt zu Beratungsstellen oder
Behörden aufzunehmen. Sie sehen sich als chancenlose Verlierende und glauben nicht
daran, in eigener Sache etwas bewirken zu können. Die Straßensozialarbeiter*innen
motivieren sie, begleiten sie und zeigen ihnen Wege, wie sie sich für ihre eigenen BelangeSeite 14 von 22
12
einsetzen können. Sie setzen an den Ressourcen der Jugendlichen an und an ihrer
Motivation zur Veränderung der Situation.
4. Praxisberichte
4.1 Vereinbarkeit von Straßensozialarbeit und Homeoffice
Sebastian Kröll (Heimstatt e.V. Jugendmigrationsdienst)
Zu Beginn dieses Berichts soll vorab klargestellt werden, dass sich Straßensozialarbeit und
Homeoffice entgegen der Überschrift nicht vollständig vereinbaren lassen. Aufgrund der
derzeitigen Pandemie und der entsprechenden Gesetzeslage war aufsuchende Arbeit im
Berichtzeitraum entweder gar nicht oder nur stark eingeschränkt möglich. Wegen der
strengen Kontaktregelungen waren zudem auch in den wenigen Monaten, in denen
aufsuchende Arbeit möglich war, nur wenige Jugendliche an - sonst hochfrequentierten -
Orten anzutreffen. Um Bußgelder zu vermeiden, suchen Jugendliche vor allem nicht-
öffentliche und private Orte auf, um sich zu treffen. Aus den genannten Gründen konnte die
aufsuchende Arbeit in den Stadtteilen, die eigentlich einen Großteil der Straßensozialarbeit
ausmacht, gar nicht stattfinden. Dies hatte auch zur Folge, dass Neukontakte durch
aufsuchende Arbeit fast nicht zustande kamen. Neukontakte entstanden, wenn überhaupt,
durch Empfehlungen bereits bestehender Klient*innen oder durch das Jobcenter. Damit geht
einher, dass potenziell bedürftige Klient*innen durch die Pandemie für die Straßensozial-
arbeit weniger sichtbar waren und vermutlich durchs Raster gefallen sind.
Da die aufsuchende Arbeit gar nicht oder in unerheblichem Ausmaß stattfinden konnte, soll
dieser Bericht vorwiegend darüber Auskunft geben, wie Beratungen und Einzelfallhilfen unter
den Corona bedingten Regelungen im vergangenen Jahr aufrechterhalten wurden. Zu den
meisten Klient*innen der Straßensozialarbeit konnte auch trotz eines zeitweisen Verbots von
Präsenzangeboten der Kontakt gehalten werden. Fast alle Klient*innen der Straßensozial-
arbeit besitzen ein Smartphone und auch vor der Pandemie, fand der größte Teil der
Kommunikation mit den Klient*innen per Handy statt, vorzugsweise über Messenger Dienste.
Demzufolge konnte der Kontakt zu diesen Klient*innen auch gehalten werden und die
Erreichbarkeit war sichergestellt. Allerdings gibt es auch einen geringen Prozentsatz an
Klient*innen, die zwar ein Smartphone besitzen, aber selten Guthaben oder einen Vertrag
haben. Bei wohnungslosen Jugendlichen kommt hinzu, dass sie nur sehr selten Internet-
zugang haben. Diese Klient*innen nutzen normalerweise die offenen Strukturen und Türen
der Straßensozialarbeit und kommen eher spontan im Büro vorbei.
Die genannte Zielgruppe hat zum Teil große Schwierigkeiten Termine zu vereinbaren und
einzuhalten. Da Termine in Präsenz im vergangenen Jahr zunächst gar nicht möglich waren
und anschließend vorübergehend nur zu festen Zeiten, konnte der Kontakt zur Zielgruppe
nur sporadisch oder gar nicht gehalten werden. Manche Klient*innen der Straßensozialarbeit
nutzten in der Vergangenheit zudem ausschließlich die offenen Angebote des Projekts, wie
das Streetworkcafé und die offenen Sprechstunden. Auch zu dieser Zielgruppe konnte der
Kontakt kaum oder nur zufällig gehalten werden. Leider sind die Lebensumstände der
beschriebenen Zielgruppe oft besonders prekär und der sporadische Kontakt zur
Straßensozialarbeit kann zumindest eine zeitweise Anbindung an das Hilfesystem
sicherstellen. Dies ist allerdings unter den vorhandenen Arbeitsbedingungen und Gesetzes-
vorschriften so gut wie nicht möglich. Aus diesem Grund ist es aus unserer Sicht im SinneSeite 15 von 22
13
der Zielgruppe auch unbedingt erforderlich, dass aufsuchende Arbeit und offene Strukturen
trotz der aktuellen Pandemie wieder möglich werden, um den Anschluss zu den beschrieben
Klient*innen nicht zu verlieren.
Das Angebot an Beratungs- und Einzelfallhilfe der Straßensozialarbeit konnte gegenüber
dem größten Teil der Klient*innen aufrechterhalten werden. Allgemeine Beratungsgespräche
sowie Gespräche zur Beziehungspflege fanden dabei vor allem am Telefon und in Einzel-
fällen auch per Videoanruf statt. Auch Unterstützung bei der Antragsstellung konnte per
Telefon und Post gewährleistet werden. So wurden die Anträge meistens am Telefon im
Interviewverfahren ausgefüllt und den Klient*innen anschließend per Post zugeschickt, zur
Überprüfung der Angaben und zum Unterschreiben. Dadurch verzögerte sich die
Antragsstellung zwar, konnte aber trotzdem sichergestellt werden. Hilfe bei Bewerbungen
konnte ebenfalls am Telefon oder online per E-Mail stattfinden. Darüber hinaus war das Büro
täglich besetzt, um die Postübergabe für Klient*innen, die eine postalische Meldeadresse
beim Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit eingerichtet haben, sicherzustellen.
Arbeitskreise und Möglichkeiten der Vernetzungen mit anderen Akteuren der Jugendhilfe
konnten per Videochat stattfinden.
Neben den vielen Einschränkungen und Nachteilen im Rahmen der Pandemie, die die
Klientel der Straßensozialarbeit unverhältnismäßig hart getroffen haben, hat sich die
Situation in Bezug auf die Antragstellung bspw. beim Jobcenter für einige Klient*innen sogar
verbessert. Da vor allem das Jobcenter seit Beginn der Pandemie auf eine vereinfachte
Antragsstellung setzt und die Prüfung der Antragsunterlagen derzeit weniger umfangreich
ausfällt, hat sich die Situation diesbezüglich im Sinne unserer Zielgruppe vorteilhaft
entwickelt. Hinzukommt, dass Termine zur Erstantragsstellung derzeit telefonisch abgehalten
werden, was viele Klient*innen ebenfalls begünstigt. Auch die digitale Übermittlung von
Antragsunterlagen bspw. per Handyfoto funktioniert unkompliziert und erleichtert vielen
Klient*innen die Kommunikation mit dem Jobcenter.
Für Klient*innen der Straßensozialarbeit, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben, hat
sich die Lage während der Pandemie allerdings erheblich verschlechtert. Da das Ausländer-
amt zu Beginn der Pandemie zunächst gar keine Termine mehr vergeben hat und eine
telefonische Erreichbarkeit zumindest anhand der Erfahrungen unserer Klient*innen nicht
gegeben war und auch die Kommunikation per Mail teilweise mehrere Monate dauerte, sind
viele Klient*innen in erhebliche Notlagen geraten. Zwar wurden abgelaufene Aufenthaltstitel
und Fiktionsbescheinigungen per Brief automatisch verlängert, allerdings haben nicht alle
Betroffenen einen Brief erhalten, sei es, weil sich kurzfristig die Anschrift geändert hat, Sie
ihre Wohnungen verloren haben oder aus anderen unbekannten Gründen.
Ohne gültigen Aufenthaltstitel oder Fiktionsbescheinigung wurden pünktlich zum Ablauf-
datum der Dokumente die Leistungen durch das Jobcenter eingestellt. Es war der Klient-
*innen ebenfalls nicht mehr möglich, eine Arbeit aufzunehmen oder sich eine Wohnung zu
suchen. Infolgedessen haben viele Betroffene ihre Wohnung verloren oder hohe Schulden
beim Vermieter angesammelt. Auch im privaten Bereich sind vielen Klient*innen hohe
Schulden entstanden, weil sie keine Möglichkeit mehr hatten, ihren Lebensunterhalt sicher-
zustellen. In dieser Zeit kam es für einige außerdem zu vermehrten Konflikten mit der Polizei,
weil Sie sich nicht ausweisen konnten. Klient*innen, die Ihre Wohnung aus den beschrieb-
enen Gründen verloren haben, konnten zudem keine Verlängerung des AufenthaltstitelsSeite 16 von 22
14
beantragen, weil eine gültige Meldeadresse eine der Voraussetzungen für eine Verlängerung
des Aufenthalts ist.
Obwohl die Kontakte und auch die meisten Angebote hinsichtlich Beratung und Einzelfallhilfe
so gut wie möglich aufrechterhalten werden konnten, muss trotzdem festgestellt werden,
dass Streetwork seinen niederschwelligen und unkomplizierten Charakter während der
Pandemie größtenteils verloren hat. Gerade die offenen Angebote und Sprechstunden fehlen
vielen Klient*innen sehr und die digitalen Angebote und die Terminvergabe in Notfällen
stellen viele Klient*innen vor große Hürden. Außerdem fehlt das Büro als wichtige Anlauf-
stelle zur Alltagsbewältigung. So nutzen viele Besucher*innen die Räumlichkeiten der
Straßensozialarbeit in der Regel für alltägliche Erledigungen, weil es zu Hause an der
nötigen Ausstattung fehlt. Viele Klient*innen sind darauf angewiesen Computer und Internet
im Büro zu nutzen um bspw. Lebensläufe zu erstellen, Bewerbungen zu schreiben oder nach
Wohnungen zu suchen. Außerdem können kostenfrei Unterlagen kopiert, gescannt und
verschickt oder gefaxt werden. Während der Pandemie und den damit verbundenen Auf-
lagen fehlt diese Möglichkeit und kann nur schwer oder zeitintensiv durch digitale Angebote
ersetzt werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Teile der Straßensozialarbeit in Zeiten der
Pandemie zwar unter den gültigen gesetzlichen Regelungen aufrechterhalten werden
konnten, gleichzeitig fehlen wichtige und unersetzbarer Aspekte der täglichen Arbeit, wie z.B.
die aufsuchende Arbeit in den Stadteilen oder die offenen Angebote und Sprechstunden.
Gerade diese Aspekte zeichnen das Projekt aus und machen auch einen Großteil der
Attraktivität für die Klientin*innen aus. Hinzu kommt, dass die Klientel der Straßensozialarbeit
unverhältnismäßig hart von der Pandemie getroffen wurde, weshalb Projekte und nieder-
schwellige Anlaufstellen wie die Straßensozialarbeit gerade in dieser Zeit besonders wichtig
sind, um Notlagen der Klient*innen abzufedern und ihnen entgegenzuwirken. Die Tatsache,
dass viele Angebote nicht stattfinden können, führt langfristig zum Vertrauensverlust auf
Seiten der Klient*innen und stellt Sie vor enorme Herausforderungen. Viele Klient*innen sind
auf die Unterstützung der Straßensozialarbeit angewiesen, um ihren Lebensunterhalt
sicherstellen zu können oder den Zustand der Wohnungslosigkeit zu beenden. Ohne die
entsprechende Unterstützung verschlechtert sich die Lebenssituation vieler Klient*innen
dramatisch. Aus diesem Grund sprechen wir uns dringend dafür aus, Straßensozialarbeit als
systemrelevant zu begreifen und aufsuchende Arbeit und offenen Angebote unter Einhaltung
strenger Hygiene Maßnahmen wider möglich zu machen, damit die Situation unser
Klient*innen sich noch weiter verschlechtert.
4.2 Jahresbericht zum Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit
Ahu Bilaloglu (AWO der Sommerberg Betriebsgesellschaft mbH)
Maßgeblich waren im Berichtszeitraum vor allem die besondere Situation der Corona-
Pandemie, sowie die einjährige Elternzeit (Mutterschutz) der Streetworkerin im Bezirk
Tannenbusch. Durch die enge Vernetzung und gute Kooperation konnten viele der
begleiteten Fälle aber an den Bezirk Innenstadt angebunden und hier weiter begleitet
werden.
Die Corona-Pandemie wirkte sich auf die Klientel des Streetwork in vielerlei Hinsicht aus.
Dies betrifft zum einen den Bereich der Digitalen Teilhabe. Träger von JugendarbeitSeite 17 von 22
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wandelten ihre Angebote schnell digital um. Durch die Errichtung von Online-Angeboten und
durch die Nutzung von Social Media. Die Zielgruppe von Streetwork konnte hierdurch jedoch
in vielen Fällen nicht erreicht werden, da der Zugang zu digitalen Medien häufig fehlt. So
fehlt vielen Klient*innen ein digitales Endgerät, ebenso wie WLAN-Zugänge. Hier besteht
auch weiterhin ein dringender Versorgungsbedarf der angesprochenen Jugendlichen und
jungen Erwachsenen. Die zuverlässigste Möglichkeit der Kontaktaufnahme und –haltung
bleibt der Telefonkontakt.
Als hochschwellig werden auch die besonderen Maßgaben in Einrichtungen der Offenen
Jugendarbeit wahrgenommen. Die Terminierung und Vorgabe von Hygiene- und Abstands-
bestimmungen ist für viele Adressat*innen des Streetwork nur schwer einzuhalten und führte
auch in diesen Bereichen zu subtilen Verdrängungsdynamiken. Außerdem besteht für die
Klient*innen ein Informationsmangel bezüglich der immer wieder wechselnden Hygiene- und
Abstandsbestimmungen im öffentlichen Raum. Die Folge sind häufig Bußgelder, aufgrund
der unbewussten Nichteinhaltung von Maskenpflicht, Abstand, etc.
Neben den Angeboten der Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit bestehen die genannten
Probleme auch in der Zusammenarbeit mit Behörden, insbesondere Jobcenter, Sozialamt
und Ausländerbehörde. Da auch hier seit März 2020 ausschließlich digitale Kontaktformate
bestehen, benötigen die angesprochenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen hierbei
entsprechend verstärkte Unterstützung. In vielen Fällen bestehen Zahlungsrückstände und
Aussetzungen von Leistungen aufgrund fehlender Mitwirkung, weil diese aufgrund von
Verständnis- und Zugangsproblemen nicht geleistet werden kann. Die Konflikte können
häufig nur nachträglich und mit Wartezeiten besprochen werden und führen infolgedessen zu
weiteren Verschuldungen der Zielgruppe aufgrund von Mietrückständen, Versicherungs-
zahlungen, etc.
Zusammengefasst muss die Begleitung der Klientinnen im Zuge der aktuellen Pandemie
noch enger und intensiver erfolgen, bei gleichzeitiger Förderung der Digitalen Teilhabe durch
Versorgung mit Endgeräten, Heranführung an Online-Unterstützungsangebote und die
Förderung von Medienkompetenz.
Das Kooperationsprojekt Straßensozialarbeit ist auch in der Pandemie die einzige
Unterstützungsmöglichkeit für viele junge Erwachsene was verdeutlicht, dass das Angebot
elementar für den Bonner Raum ist.
4.3 Aufsuchende Arbeit
Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim)
Ab Mitte März 2020 hatten die Einschränkungen bezüglich der Corona-Pandemie die Stadt
Bonn erreicht und somit auch alle Ämter und Beratungsdienste. Sprechstunden und
persönliche Kontakte wurden aus Sicherheitsgründen massiv eingeschränkt. Unter
Einhaltung sämtlicher Bestimmungen, fand die aufsuchende Arbeit nur statt, um über die
Regeln aufzuklären, zu informieren und z.B. Masken und Desinfektionsmittel anzubieten. Vor
Ort konnte durch die Einhaltung der Abstandregel keine inhaltliche Sozialberatung
stattfinden.Seite 18 von 22
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Kaiserplatz
Dieser Bereich hat sich 2020, was die Frequentierung betrifft, sehr beruhigt. Zwar fanden
sich dort ab August wieder Menschen ein, jedoch nicht in der Vielzahl der Vorjahre. Einzelne
Punks wurden in den Sommermonaten angetroffen. Unterstützende Hilfe konnte im
Bedarfsfall telefonisch geleistet.
Hofgarten
Durch die Pandemie und die damit einhergehenden Vorschriften und Kontakt-
beschränkungen ist es zu keinen größeren Ansammlungen von Personen gekommen. Ein
Großteil von ihnen hat sich vermutlich an nichtöffentlichen oder privaten Orten getroffen. Zu
beobachten war hier, wie in der gesamten Innenstadt eine hohe Präsenz von
Ordnungskräften und Polizei.
Innenstadt
Seit Mitte März halten sich bedürftige Menschen nun sichtbar in der Innenstadt auf.
Meiner Einschätzung nach liegt die Anzahl bei 15- 20 Personen, die nun zusätzlich das
Stadtbild prägen. Die wenigen Passanten wurden entweder durch direktes Ansprechen oder
durch aufgestellte Behälter, auf die extreme Notlage aufmerksam gemacht und um kleine
Spenden gebeten. Bevorzugte Plätze sind die Poststraße, Sternstraße, Friedensplatz,
Friedrichstraße und Ganggolfstraße. Dieser Personenkreis ist bekannt und wird
ausschließlich von VFG und Prälat- Schleich-Haus betreut.
Einzelfallhilfe und individuelle Angebote
Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim)
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie erforderten eine hohe Flexibilität, eine schnelle
Planung und Umstrukturierung. Während einige Kolleg*innen die individuelle Betreuung und
Hilfestellung im Homeoffice gewährleisteten, war die Anlaufstelle Maximilianstraße 42 täglich
besetzt. Vor Ort wurden Dokumente und Unterlagen auf digitalem Wege an die Kolleg*innen
weitergeleitet, um die Bearbeitung im Homeoffice zu sichern. Des Weiteren konnte die
Klientel nach vorheriger telefonischer Absprache, Post und wichtige Unterlagen an der Ein-
gangstür erhalten. Trotz der Einschränkung, die Büroräume nicht für Beratungen nutzen zu
können, konnten Menschen in Notlagen vor der Tür Hilfe ersuchen. In der Hauptsache ging
es um die Beschaffung von Essen und Fahrkarten, sowie um Lebensmitteleinkäufe.
Zahlreiche Gespräche für Beratungen, Fragen, Probleme, Krisen etc. fanden während dieser
Zeit telefonisch statt.
5. Besondere Angebote und Projekte
5.1 Streetworkcafé
Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim)
Das Streetworkcafé
Bis zum 20. März 2020 konnte das Streetworkcafè uneingeschränkt an vier Tagen in der
Woche für zwei Stunden geöffnet werden. Mit dem bundesweiten Lockdown musste dasSeite 19 von 22
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Café seine Türen zunächst schließen. Erst am 14. September bestand die Möglichkeit unter
Einhaltung eines erarbeiteten Hygieneplans, der unter anderem die Reduzierung der
Personenanzahl und die Einteilung in zwei Gruppen beinhaltete, das Streetworkcafè nach
und nach wieder zu öffnen. Hier konnte der vorgeschriebene Mindestabstand jederzeit
eingehalten werden und es bestand endlich wieder die Möglichkeit, etwas zum Essen und
zum Trinken zu bekommen. In dieser Zeit wurden Schutzmaßnahmen für Besucher und
Mitarbeiter zur Normalität.
Leider musste das Café zum 1. November erneut seine Türen schließen.
Die Entwicklung der Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr stellt sich so dar:
Jahr 2019 2020
Öffnungstage 132 46
Besuchende gesamt 1284 578
Besucherinnen 498 38,8% 175 30,2 %
Besucher 786 61,2% 403 69,8%
Kinderkontakte 65 25
2020 reduzierten sich die Öffnungstage um 1/3 von 132 Tagen im Vorjahr auf 46 Tage. Wir
konnten aber mit 578 die Hälfte an Besuchenden des Vorjahres verzeichnen.
Allein bis März 2020 wurden 551 Besucher gezählt. Dann kam der LOCKDOWN!
Die Verteilung der Besucher*innen nach Alter und Geschlecht ergibt sich aus der folgenden
Tabelle:
Alter Frauen in % Männer in %
14-16 32 18% 22 5%
17-18 86 49% 200 50%
19-21 34 19% 70 17%
Über 21 23 13% 111 28%
Gesamt 175 30 % 403 70%
Der Trend zur Verjüngung des Durchschnittsalters der Besucher hielt auch 2020 an.
5.2 Anlaufstelle Straßenstrich
Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim)
Der Einsatz wurde im Februar 2020 komplett eingestellt.
5.3 Ausblick
Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim)
Trotz anhaltender Corona-Pandemie wird im Jahr 2021 unser Team weiterhin vor die
Aufgabe gestellt sein, Menschen unterstützend und beratend zur Seite zu stehen. Es ist
wünschenswert und bleibt zu hoffen, dass in den Sommermonaten eine Abschwächung der
Infektionszahlen zu bemerken ist und Streetwork sich wieder auf Projekte und Angebote
konzentrieren kann.Seite 20 von 22
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Ende des letzten Jahres hat die Notschlafstelle für Jugendliche unser gemeinsam genutztes
Gebäude in der Maximilianstraße verlassen. Auch das Kooperationsprojekt Straßensozial-
arbeit muss neue Räumlichkeiten beziehen. Unsicher ist wann dies geschieht und in welcher
Örtlichkeit dies sein wird.
Wir bleiben im Sinne unserer Jugendlichen weiterhin positiv gestimmt.Seite 21 von 22
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Erreichbarkeit und Ansprechpartner/-innen
Sprechzeiten
Das Gemeinschaftsbüro des Kooperationsprojektes Straßensozialarbeit in der Innenstadt
(Maximilianstr. 42) ist zu folgenden Zeiten besetzt:
Montag und Freitag 10.00-12.00 Uhr
Mittwoch 12.00-14.00 Uhr
Für die Anlaufstelle Tannenbusch (Kattowitzer Weg 2) gelten folgende Sprechzeiten:
Montag 16.00-18.00 Uhr
Öffnungszeiten Streetworkcafé (aktuell geschlossen)
(Maximilianstraße 42, Parterre)
Montag und Freitag 12.00-14.00 Uhr
Mittwoch 12.00-14.00 Uhr (Mädchen- und Frauentag)
Kontakt
Gemeinschaftsbüro Innenstadt:
Maximilianstr. 42
53111 Bonn
Tel. (0228) 43 33 60
Anlaufstelle Tannenbusch:
Kattowitzer Weg 2
53119 Bonn
Tel. (0228) 66 77 70
E-Mail: streetworkbonn@t-online.de E-Mail: streetworktabu@gmx.de
Teammitglieder
Ahu Bilaloglu (Der Sommerberg AWO Betriebsgesellschaft mbH))
Christian Blätzinger (Amt für Kinder, Jugend und Familie)
Regina Simmes (Amt für Kinder, Jugend und Familie)
Sebastian Kröll (Heimstatt e.V. Jugendmigrationsdienst)
Ute Nägele (Evangelische Jugendhilfe Godesheim)
Koordination und Teamleitung
Wolfgang Bitter
Bundesstadt Bonn
Amt für Kinder, Jugend und Familie
Jugendsozialarbeit
Maxstraße 77, 53111 Bonn
Telefon: +49 (0)228 77 3294
E-Mail: wolfgang.bitter@bonn.de
Internet: www.bonn.deSeite 22 von 22

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Datenstand: 02.11.2026, 19:27 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de