← Vorlagen

210686 · Beschlussvorlage

Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn auf das Gelände des ehemaligen Klosters in Bonn-Endenich

Nummer
210686
Art
Beschlussvorlage
Veröffentlicht
07.06.2021
Letzte Änderung
19.09.2026
  1. Sitzung des Ausschusses für Finanzen, Beteiligungen und Vergabe 09.06.2021 Empfehlung
  2. Sitzung des Rates 28.06.2021 Entscheidung federführend
  3. Sitzung des Kulturausschusses 08.06.2021 Empfehlung
  4. Sitzung des Betriebsausschusses SGB 23.06.2021 Empfehlung
  1. Sammeldokument öffentlich pdf · 12,1 MB Öffnen ↗

Maschinell aus dem PDF extrahierter Text — Tabellen und Layout gehen verloren. Maßgeblich ist das PDF: PDF öffnen ↗.

Text anzeigen (100.000 Zeichen)
Beschlussvorlage
öffentlich
210686
Die Oberbürgermeisterin
Federführung:
41 Kulturamt
Dezernat:
Dez. IV
Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS-
Dokumentationszentrum Bonn auf das Gelände
des ehemaligen Klosters in Bonn-Endenich
Beratungsfolge
Kulturausschuss 08.06.2021 Empfehlung
Ausschuss für Finanzen, Beteiligungen und
Vergabe
09.06.2021 Empfehlung
Betriebsausschuss SGB 23.06.2021 Empfehlung
Rat 24.06.2021 Entscheidung
Beschlussvorschlag
Die Verlagerung der Gedenkstätte auf das Gelände des ehemaligen Klosters
Endenich wird weiterverfolgt.
Die Verwaltung wird beauftragt, alle Klärungen im Zusammenhang mit einem
eventuellen Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS-
Dokumentationszentrum Bonn auf das Gelände des ehemaligen Klosters
Endenich herbeizuführen und dem Rat einen Beschlussvorschlag für die
konkrete Umsetzung vorzulegen.
Um eine verifizierbare Kostenschätzung vornehmen zu können, sind zunächst
Architekten und Fachplaner zu beauftragen. Hierfür werden zunächst
Planungsmittel in Höhe von 200.000 € bereitgestellt.
Begründung
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum sind seit dem 01.01.2021 in
städt. Trägerschaft.
Bereits im Jahr 2017 kam der bisherige Trägerverein auf die Stadt zu und bat
um Unterstützung für das Vorhaben, die Gedenkstätte auf das Gelände des
ehemaligen Klosters in Endenich zu verlagern.
Das Erzbistum Köln als Grundstückseigentümer hat dem damaligen
Oberbürgermeister Sridharan im Oktober 2018 seine Zustimmung zur
Unterbringung der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Klosters
Endenich erklärt und diese Zusage gegenüber der Verwaltung auf NachfrageSeite 1 von 75
Seite 2
im März 2021 bestätigt.
Die Umsetzung könnte durch Abschluss eine Erbpachtvertrages mit Kauf des
Gebäudes oder Anmietung durch die Stadt, die inzwischen Träger der
Gedenkstätte ist, und Erzbistum erfolgen. Das Erzbistum möchte allerdings
nicht selber bauen.
Der Trägerverein erhielt von der Landeszentrale für politische Bildung NRW im
Jahr 2019 eine Bewilligung von Projektmitteln i.H.v. 60.000 EUR für
Inhaltliche, bauliche und kalkulationstechnische Vorarbeiten zur
Errichtung einer Gedenkstätte am historischen Standort in den
Wirtschaftsgebäuden des ehemaligen Klosters in Endenich.
Mit diesen Mitteln wurde ein Projektmitarbeiter eingestellt und mit der Erstellung
eines Gutachtens für den beabsichtigten Förderantrag zur finanziellen
Unterstützung der Baumaßnahme an die Bundesbeauftragte für Kultur und
Medien (BKM) beauftragt. Außerdem wurden von einem Architekten ein erster
Flächennachweis erstellt.
Die Ergebnisse dieser Vorarbeiten sind als Anlagen 1 und 2 beigefügt.
Kurz-Zusammenfassung der inhaltlichen Vorarbeiten:
Der Standort befände sich in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, deren
Zustand weitestgehend dem Originalzustand vor 1945 entspricht und deren
nachträgliche Umbauten zurückgebaut werden können.
Es handelt sich hierbei um einen Standort mit verschiedenen
Alleinstellungsmerkmalen:
o Die mehrmonatige Nutzung eines Klosters als Internierungslager an
sich ist einzigartig, die Dauer der Nutzung/ Internierung stellt eine
weitere Besonderheit dar.
o Endenich war nach jetzigem Forschungsstand das einzige Ghettolager
im Westen, noch dazu in einem beschlagnahmten Kloster, so dass
einer zukünftigen Gedenkstätte an diesem Ort überregionale, ja
nationale Bedeutung zukommt (Voraussetzung für eine
(Mit)Finanzierung durch den Bund).
Die derzeitige Ausstellung würde sich am neuen Standort ändern, um den
Gegebenheiten Rechnung zu tragen:
o Der Ort würde im Hauptraum thematisiert werden – Klosternutzung,
Ghettolager, Nachkriegsnutzung, Internierte und Kirchengeschichte
o Die anderen sechs Ausstellungsräume werden die Täter – und
Opferperspektive der einzelnen Opfergruppen thematisieren.
Neu hinzukommen wird die Institutionsgeschichte und die
Nachkriegsperspektive (Erinnerungskultur in der Bundesrepublik/
Bundeshauptstadt Bonn)
o Fazit des Gutachtens: In Endenich wird eine deutliche Verbesserung
der Raumsituation erreicht werden (größere Ausstellungs- und
Veranstaltungsräume) was zu einem großen Bedeutungszuwachs für
die Gedenkstätte und die Erinnerungskultur der Bundestadt führenSeite 2 von 75
Seite 3
wird.
Gelegentlich wird die zentrumsferne Lage der zukünftigen Gedenkstätte als
Argument gegen dieselbe ins Feld geführt. Die Besuchererhebungen anderer
Gedenkstätten (bundesweit) zeigen, dass auch ein etwas abseitiger Standort
sich keineswegs nachteilig auf das Besucherinteresse auswirkt - im Gegenteil
wirkt sich ein historischer Standort diesbezüglich positiv aus.
Bauliche und kalkulationstechnische Vorarbeiten
 Ein erstes Planungskonzept wurde durch einen vom früheren Trägerverein
beauftragten Architekten in 2019 erstellt.
 In der Fortführung dieses Konzepts wären zunächst statische und
technische Randbedingungen zu klären.
 Die erforderliche Teilungsvermessung durch ein Vermessungsbüro wurde
in 2019 im Auftrag des Erzbistums durchgeführt. Das Erzbistum ist hier in
Vorleistung getreten. Sollte es nicht zu einem Bau kommen, muss die Stadt
dem Erzbistum die Kosten erstatten. Nach Durchführung einer
europaweiten Ausschreibung für die Beauftragung eines Architekten könnte
mit der Planung begonnen werden.
 Eine verifizierbare Kostenangabe liegt noch nicht vor. Hierfür sind zunächst
Architekten und Fachplaner zu beauftragen. Hierfür wären zunächst
Planungsmittel in Höhe von 200.000 € bereitzustellen.
 Die Schätzung der Einrichtungskosten liegt bei rd. 1 Mio. EUR.
Noch nicht beziffert werden können evtl. anfallende Kosten für zusätzliches
Personal der Gedenkstätte zur Erstellung der neuen Ausstellung. Darüber
muss aber noch abschließend entschieden werden. Zu klären ist, ob das nicht
von den vorhandenen MA geleistet werden kann. Wenn die Gedenkstätte aus
dem Viktoriakarree ziehen muss und es dann keinen Interimsstandort gibt,
stünde das gesamte Personal für Umzug und Neukonzeption zur Verfügung.
II. mögliche bzw. noch zu klärende Förderungen:
 Bund:
o Die Frist zur Beantragung von Mitteln nach der
Gedenkstättenkonzeption des Bundes endet am 31. August eines
Jahres.
o Voraussetzung ist ein Finanzierungskonzept für das gesamte Projekt
einschließlich der Umbau- und Sanierungsarbeiten, bei dem von Land
und Kommune Mittel in derselben Höhe eingebracht werden, wie sie
beim Bund beantragt werden.
o Voraussetzung ist ferner, dass der zukünftigen Gedenkstätte an diesem
Ort überregionale, ja nationale Bedeutung zukommt.
o Außerdem muss der nachhaltige Betrieb gesichert sein.
o Ein - noch so gutes - inhaltliches Konzept allein reicht für die
Antragstellung nicht aus.Seite 3 von 75
Seite 4
 Land:
o Landeszentrale für politische Bildung NRW
 keine Förderung von baulichen Maßnahmen
 inhaltliche Förderung möglich:
  Ausstellungskonzeption und –bau
  Pädagogische Konzeption und päd. Programme
(Rundgänge, Schulungen etc.)
  inhaltliche Forschung und Arbeiten ergänzend zum Konzept
und zur Ausstellung (Grundlagenforschung)
o LVR (ob Förderung von Baumaßnahmen möglich ist, muss noch geklärt
werden)
o NRW-Stiftung
o Mittel aus "Heimat"-Topf
Nach entsprechender Beschlussfassung müssen zunächst weiterführende
Planungsarbeiten unter Berücksichtigung der bereits vom Verein als
ehemaligem Träger der Gedenkstätte geleisteten Vorarbeit erstellt werden.
Hierfür wären zunächst Planungsmittel in Höhe von 200.000 € bereitzustellen.
Anschl. sind Erbpachtverhandlungen durch das Amt 03 mit dem Erzbistum
aufzunehmen.
Abhängig von der zeitlichen und finanziellen Planung sind Fördermittel bei
Bund und Landschaftsverband und evtl. weiteren Fördergebern zu beantragen.
Beabsichtigte Antragstellung BKM bei entsprechendem Planungsfortschritt:
31.08.2022
Anlagen: Planung Waldorf und Konzept Dr. Platz
Finanzielle Auswirkungen:
Produktgruppe Produktgruppenbezeichnung Produkt Produktbezeichnung
01.29 Gebäudemanagement Bonn 1.20.10.01.29.01 Gebäudemanagement Bonn
Investive Kosten der Maßnahme
Betrag Finanzstelle /
FiPos
Veranschlagt
in
Noch bereit-
zustellen
Deckung
Auszahlungen 200.000 €
(2021)
604300 200.000 € Gesamthaushalt
Einzahlungen
Investiver
Finanzsaldo
200.000 €
(2021)Seite 4 von 75
Seite 5
Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten
Betrag Finanzstelle /
FiPos
Veranschlagt
in
Noch bereit-
zustellen
Deckung
Auszahlungen /
Aufwendungen
Einzahlungen /
Erträge
Haushaltsbelastung
jährlich
Anlage/n
2 Planung Waldorf (öffentlich)
3 Konzept Dr. Platz (öffentlich)Seite 5 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Standort - LuftbildSeite 6 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Standort - AnbindungSeite 7 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Standort - ParkplätzeSeite 8 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Standort - UmgebungSeite 9 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Fassaden BestandSeite 10 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Erdgeschoss BestandSeite 11 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Dachgeschoss Bestand
KAPELLENSTRASSESeite 12 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Details 1 BestandSeite 13 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Details 2 BestandSeite 14 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
5000
Historische Planung Kuhstände 1909Seite 15 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Historische Planung Kuhstände 1910
5000/5001
Historische Planung Kuhstände 1910Seite 16 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Historische Planung Pferdestall 1911
5000/5001
Historische Planung Pferdestall 1911Seite 17 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Referenzen - Jüdisches Museum MünchenSeite 18 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Referenzen - Jüdisches Museum MünchenSeite 19 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Referenzen - Gedenkstätte DüsseldorfSeite 20 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Referenzen - Yad VashemSeite 21 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Modell Bestand
5000/5001
Modell Bestand
5000/5001
Modell Bestand
Erdgeschoss
DachgeschossSeite 22 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
EINFAHRT
PRIESTER-
SEMINAR
ZUGANG
GEDENK-
STÄTTE
KAPELLENSTRASSE
PARKPLATZ GEDENKSTÄTTE
3 PKW ODER 1 REISEBUS
EINGANG BESUCHER
ZUGANG MITARBEITER
ZUR MARTERKAPELLE
5000/5001/9980
Erschließung GedenkstätteSeite 23 von 75
VERWALTUNG
AUSSTELLUNG
EINGANG
SEMINARRAUM
WC
Foyer
Flur
14m²
WC
14m²
WC
13m²
Seminarraum
172 m²
Verwaltung
52m²
Besprechung
19m²
Leitung
21m²
Foyer
66m²
Flur
6m²
Küche
6m²
Aus.
18m²
Aus.
22m²
Aus.
68m²
Aus.
51m²
Eingang
59m²
Theke
Aus.
20m²
Bibiliothek
29m²
Lager
16m²
WC
7m²
Archiv
20m²
Aus.
17m²
Garderobe
Ausstellung
17m²
Aus.
20m²
WC
12m²
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
3501/3502/3503/3551/3552/3553/3600/5000/5001
Grundriss Schema V1
OBERGESCHOSS
1/200
ERDGESCHOSS
1/200Seite 24 von 75
VERWALTUNG
AUSSTELLUNG
EINGANG
SEMINARRAUM
WC
Foyer
Treppe
Seminarraum
195m²
WC
6m²
WC
6m²
Lager
10m²
Foyer
43m²
Archiv
23m²
Leitung
21m²
Verwaltung
52m²
Flur
10m²
Gedenkraum
30m² WC
15m²
WC
15m²
Ausstellung
73m²
Austellung
53m²
WC
7m²
Bibliothek
29m²
Besprech
17,5m²
Austellung
47m²
Küche
Flur
15m²
Flur
9m²
Flur
3,3m²
Eingang
69m²
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
3322/3325/3332/3334/3600/5000/5001
Grundriss Schema V2
ERDGESCHOSS
1/200
OBERGESCHOSS
1/200Seite 25 von 75
Ausstellung
68 m²
Ausstellung 11 m²
Ausstellung
22 m²
Ausstellung
20 m²
Ausstellung
17 m²
Eingang
49 m²
Ausstellung
22 m²
Flur
20 m²
Archiv
29 m²
WC
WC
WC
WC
Flur
6 m²
Ausstellung
22 m²
Lager
6 m²
PUMI
4 m²
Gedenkraum
17 m²
Gedenkraum
18 m²
Bibliothek
30 m²
Besprechung
22 m²
Flur
7 m²
Flur
17 m²
Terrasse
14 m²
WC
7 m²
WC
7 m²
Verwaltung+Leitung
70 m²
Seminarraum
179 m²
Foyer
35 m²
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
VERWALTUNG
AUSSTELLUNG
EINGANG
SEMINARRAUM
WC
Foyer
3580/3581/3600/5000/5001
Grundriss Schema V3
Erdgeschoss
1/200
Obergeschoss
1/200Seite 26 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
3303/3304/3305/3306/3307/3555/3556/3557/3558/3559
Flächenvergleich V1 - V3
3303/3304/3305/3306/3307/3555/3556/3557/3558/3559
Flächenvergleich V1 - V3
170 m²
DAUERAUSSTELLUNG
139 m²
VERWALTUNG
60 m²
Raumprogramm
- m²
- m²
EG OG
202 m²
149 m²
194 m²
43 m²
68 m²
172 m²
66 m²
EG OG
218 m²
189 m²
58 m²
FOYER GEDENKSTÄTTE
FOYER VERSAMMLUNG
VERSAMMLUNGSRAUM
202 m²
179 m²
215 m²
49 m²
35 m²
Variante 1 Variante 2 Variante 3Seite 27 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Perspektive Saal 1Seite 28 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
3600/5000/5001
Perspektive Saal 2Seite 29 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Perspektive GedenkraumSeite 30 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Perspektive SeminarraumSeite 31 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Perspektive VerwaltungSeite 32 von 75
Projektstudie
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V.
waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de
5000/5001
Perspektive BesprechungSeite 33 von 75
Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e. V.
Dr. Johannes Platz
Endenich – ein Ghettolager im Westen
Antrag
1Seite 34 von 75
1. Kurzzusammenfassung
Am historischen Ort des Ghettolagers Endenich, in dem die Bonner Jüdinnen und Juden
ab Juni 1941 bis Juli 1942 interniert waren, soll die Gedenkstätte Bonn neu aufgestellt
werden. Zentral ist der Blick auf die Opfer des NS, der ergänzt wird um die Perspektive
auf die Täter.
Auf mikrohistorischer Ebene soll in konzeptioneller Erweiterung der bisherigen
Perspektive auf die Verfolgten des Nationalsozialismus in Bonn auch die Geschichte der
Täterinnen und Täter integriert werden. Dabei wird das Ghettolager Endenich, das im
Juni 1941 gegründet wurde und der Konzentration der Jüdinnen und Juden sowie der
Vorbereitung ihrer Deportation diente, im Zentrum der Darstellung stehen. Methodisch
fokussiert die Darstellung auch auf die Konzepte und Ideen, die Leitbilder und
Leitbegriffe der volksgemeinschaftlichen Ideologie, die für die Täterinnen und Täter
handlungsleitend waren.
Auf der Quellengrundlage der Dokumentation der Gedenkstätte und der Erweiterung des
quellenmäßigen Zugriffs durch den Übergang der Gedenkstätte in städtische
Trägerschaft und die organisatorische Eingliederung in den Geschäftsbereich des
Stadtarchivs als Forschungs- und Vermittlungseinrichtung wird die Quellenbasis in der
Konzeptions- und Erarbeitungsphase der neugestalteten Ausstellung erheblich erweitert.
Ziel der Neugestaltung der Ausstellung ist es, die Gedenkstätte nach den Grundsätzen
einer modernen und gegenwartsbezogenen Public History neu aufzustellen. Dabei fällt
besonders ins Gewicht, dass sie zukünftig an einem historischen Ort lokalisiert werden
soll.
Dieser historische Ort ist das erwähnte, von der Gestapo 1941 beschlagnahmte Kloster
Mariahilf der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung in Bonn-Endenich. In ihm wurde
ein Ghettolager eingerichtet. Ende April 1941 konfiszierte die Gestapo Außenstelle Bonn
im Verlauf des sogenannten „Klostersturms“ das Kloster Mariahilf und zwang die dort
lebenden Nonnen im Verlauf eines Tages, das Kloster zu verlassen. Ab Juni 1941 wurden
Bonner Jüdinnen und Juden und solche aus dem Bonner Umland, die dort unter Aufsicht
der Gestapo und innerhalb einer Struktur der Selbstverwaltung, wie sie für die Ghettos
typisch war, interniert.
Wie andere Sammellager, die in der jüngeren Forschung verstärkte Aufmerksamkeit
erfahren, diente es der Vorbereitung der Deportationen, jedoch war die
Internierungsdauer von bis zu einem Jahr länger als in vielen vergleichbaren
2Seite 35 von 75
Sammellagern. Die räumliche Konzentration und die Deportationen stellten
entsprechend dem Hilbergschen Modell des „Vernichtungsprozesses“ notwendige, aber
nicht alleine hinreichende Stufen innerhalb dieses Prozesses dar. Deshalb sollen die
Vorstufen in Bonn und im Umland und die nachfolgenden Stufen im Osten ebenfalls
Gegenstand der Ausstellung sein.
Insgesamt wurden die im Lager Endenich Internierten in vier Schüben im Juni und Juli
1942 deportiert. Die insgesamt 479 internierten Jüdinnen und Juden im Ghettolager
Endenich wurden über das Kölner Messelager in Deutz vom Bahnhof Deutz mit den von
dort ausgehenden Deportationszügen nach Theresienstadt, Sobibor und Majdanek sowie
Maly Trostinez verbracht. In letzteren Lagern wurde sie nach Eintreffen ermordet. Die
Deportation, die in Sobibor und Majdanek endete, hatte zunächst den Zielort Lublin: von
dort kamen 100 Menschen ins nahe gelegene Vernichtungslager Majdanek und 700
Menschen ins weiter entfernt gelegene Vernichtungslager Sobibor nordwestlich von
Lublin. Auch die in das Ghettolager Theresienstadt verbrachten Jüdinnen und Juden
wurden im weiteren Verlauf der Deportationen in andere Lager ermordet. So überlebten
lediglich 13 der 479 in Endenich internierten und aus Bonn deportierten Jüdinnen und
Juden die Shoah. Darüber hinaus wurden auch nicht im Ghettolager internierte Bonner
Jüdinnen und Juden deportiert; z. B. nach Litzmannstadt in einer früheren Deportation
im Oktober 1941.
Die Gedenkstätte für das Ghettolager Endenich besitzt in der der deutschen und
internationalen Gedenkstättenlandschaft ein Alleinstellungsmerkmal, insofern sie auch
die Vorgeschichte der Konfiskation im nationalsozialistischen „Klostersturm“
thematisiert. Reichsweit wurden ca. 300 Klöster und kirchliche Liegenschaften
beschlagnahmt. Es wäre in Zukunft die einzige Gedenkstätte in einer solchen
Liegenschaft. Auch unter den Gedenkstätten, die sich in Deutschland und international
mit Stätten der Deportationen der Jüdinnen und Juden bzw. der Sinti und Roma
befassen, hebt es sich als Ghettolager dadurch hervor, dass es an Internierte, die im
Lager bis zu gut einem Jahr festgehalten worden sind, erinnert, also eben keine reine
„Durchschleusungsinstitution“ war. Die Internierten waren gezwungen unter einer
Struktur der Selbstorganisation und -verwaltung zu leben. Schließlich wird die
Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik in der Bundeshauptstadt bzw. Bundesstadt Bonn
zu einem weiteren neuen Gegenstand der Darstellung, in dem die Verschränkung von
Bundes- und Lokalpolitik betont wird.
3Seite 36 von 75
Der Idee, die Gedenkstätte und das NS-Dokumentationszentrum an einem historischen
Ort neu zu gestalten, liegt ein langer Prozess zugrunde. Erste Impulse gingen von einer
Sonderausstellung der Gedenkstätte Bonn 1992 aus. In den folgenden Jahren wurden die
Kontakte zum Kloster Mariahilf und nach dessen Auflösung 2001 mit dem dort nun
angesiedelten Priesterseminar vertieft sowie Kontakte zum Erzbistum geknüpft. Im
Verlauf von Begegnungswochen und Schülerworkshops arbeitete die Gedenkstätte an
neuen, partizipationsorientierten Formaten ihrer Bildungsarbeit unter Einbeziehung des
historischen Ortes. Leitung, MitarbeiterInnen und Vorstand der Gedenkstätte prüften ab
2016 verschiedene alternative historische Orte auf die Eignung als Lokalität einer
Gedenkstätte an einem der Bonner historischen Orte. Dabei wurde intensiv der
Forschungsstand, die Eigentumsverhältnisse, die Gegebenheiten vor Ort, mögliche
räumliche Lösungen und die Erschließung in einem intensiven und vertieften Vorgehen
verglichen. Schließlich wurde der Standort in Endenich favorisiert. Nach einer
architektonischen Projektstudie im Jahr 2019, bei der die Bausubstanz auf ihre Eignung
geprüft wurde, konnte 2020 schließlich mit Mitteln der Landeszentrale für politische
Bildung NRW ein Projekt realisiert werden, um inhaltliche und konzeptionelle
Vorarbeiten zu einer Neugestaltung der Gedenkstätte am historischen Ort zu erarbeiten.
Auf dieser Grundlage wurde die These, dass es sich beim Sammel- und
Internierungslager „Kapellenstraße 6“ – unter diesem Namen firmierte das Lager – um
ein „Ghettolager im Westen“ (Astrid Mehmel) handelte, auf einer internationalen Tagung
der Arolsen Archives zur Geschichte der Deportationen im November 2020 zur
Diskussion gestellt.1
1 Johannes Platz: Ein Ghettolager im Westen. Das Sammel- und Deportationslager im konfiszierten
Klostergebäude in Bonn-Endenich, Paper zur Konferenz „Deportationen im Nationalsozialismus:
Quellen und Forschungen“ der Arolsen Archives am 2.–4. November 2020 (online).; Astrid Mehmel:
„Auch Endenich ist vielleicht noch das Ende nich“, [Ms. abgeschlossen].
4Seite 37 von 75
2. Spezifik des historischen Ortes und seiner Geschichte
Alleinstellungsmerkmale
Die Gedenkstätte am historischen Ort des Ghettolagers Endenich weist
Alleinstellungsmerkmale im Hinblick auf die Geschichte und die Vorgeschichte der
Deportationen auf.
Gegenüber anderen historischen Orten der Deportation wie der geplanten Gedenkstätte
Hannoverscher Bahnhof in Hamburg und Mahnmalen an Sammel- und
Deportationslagern hebt sich der historische Ort des Ghettolagers Endenich aufgrund der
Dauer der Internierung der Jüdinnen und Juden von bis zu über einem Jahr hervor. Die
Vermittlung der historischen Gegebenheiten in einem „Ghettolager im Westen“ sind ein
Alleinstellungsmerkmal in der bundesdeutschen Gedenkstättenlandschaft. Dies findet
darin seinen Ausdruck, dass die Jüdinnen und Juden stärker in eine Struktur der
Selbstverwaltung und Selbstorganisation unter den Zwangsbedingungen des
Ghettolagers eingebunden waren. Hier werden die Bemühungen des Vorsitzenden des
Ghettolagers, die Internierten zu ernähren und versorgen in die Darstellung einfließen.
Die Lebenswelt und der Alltag im Lager unterschied sich auch erheblich von anderen
Orten der Konzentration von Jüdinnen und Juden, wie den Ghettohäusern, den
sogenannten Judenhäusern, insofern sie eine größere Gemeinschaft bildeten. Im Alltag
mussten die internierten Jüdinnen und Juden Zwangsarbeit leisten. Die jüngsten Befunde
zum Ghettolager Endenich ergänzen den neueren Forschungsstand zur Ghettoforschung
im Osten und den heute als Ghettohäuser verstandenen „Judenhäusern“.2
Als historische Bausubstanz, die der Gedenkstätte Bonn als Lokalität dienen könnte, ist
auf der Liegenschaft des Klosters Endenich der Wirtschaftsgebäudekomplex erhalten
geblieben. Es hat nur geringfügige Veränderungen in der Nachkriegszeit erfahren, die
laut der Expertise des Architekten Martin Waldorf aufgrund der Baustruktur die nötigen
Voraussetzungen bietet, um die neugestaltete Dauerausstellung, die Räume für
Verwaltung und Infrastruktur der Gedenkstätte aufzunehmen, ohne den historischen
Charakter des Ortes aufzuheben. Der Rückbau von nachträglichen Einbauten ist
denkmalsgerecht möglich.
2 Als wegweisend gilt in der jüngeren Ghettoforschung Andrea Löw: Juden im Getto Litzmannstadt.
Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, 2. Auflage, Göttingen 2010.
5Seite 38 von 75
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal besäße eine Gedenkstätte am historischen Ort des
Klosters Endenich im Hinblick auf die Geschichtsschreibung des nationalsozialistischen
„Klostersturms“. Es bildet dabei einen herausgehobenen Ort unter den etwa 300
beschlagnahmten Klöstern und anderen katholischen Liegenschaften, weil es an diese
Repressionswelle erinnern würde. Die Klostergemeinschaft der Benediktinerinnen zur
Ewigen Anbetung wurde 1941 Opfer des antiklerikalen Kampfes Himmlers und der
Nationalsozialisten. Es wäre die einzige Gedenkstätte in einer solchen in den 1940er-
Jahren konfiszierten Liegenschaft. Dies ist gerade im Hinblick auf die
landesgeschichtliche Erinnerung in Nordrhein-Westfalen von Bedeutung. Darüber
hinaus besitzt es Ausstrahlung, was die Aktivitäten in allen katholischen Gebieten des
Deutschen Reichs betrifft. Innerhalb der Gesamtheit der konfiszierten Liegenschaften
sticht das Kloster ebenfalls hervor, da die Nutzung als Ghettolager sich von anderen,
verbreiteteren Nutzungen der konfiszierten Gebäude unterscheidet. Diese wurden in
großer Zahl als Umsiedlerlager der Volksdeutschen Mittelstelle und als Lazarette im
Kriegseinsatz genutzt; in einigen wurden in der Nachkriegszeit DP-Camps eingerichtet.
Hervorzuheben ist, dass die Gedenkstätte im Ghettolager Endenich schließlich eine
herausgehobene Rolle einnimmt, insofern sie in der Bundesstadt Bonn angesiedelt ist.
Dies ermöglicht, die Vergangenheits- und Erinnerungspolitik im Bund lokal wie in der
Funktion Bonns als Hauptstadt zu thematisieren. Zum einen hatte die erst zögerlich sich
entwickelnde Erinnerungspolitik, bei der auf eine Phase des Beschweigens in den
1950er-Jahren die allmähliche Zunahme erinnerungspolitischer Aktivitäten folgte und
sich in parlamentarischen Debatten und Entscheidungen manifestierte, nur ein
bescheidenes Gewicht in der hauptstädtischen Repräsentation. Dies lag auch daran, dass
sich für die Erinnerungspolitik und -kultur die Vergangenheitspolitik der Regierung als
hemmend erwies, insofern diese neben normativen Abgrenzungen gegenüber dem
Nationalsozialismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit und bis in die 1960er-Jahre auf
die Integration ehemaliger, vorgeblich demokratisch gewendeter Nationalsozialisten
setzte. Diese Vergangenheitspolitik in den einzelnen Ministerien in der Bundeshauptstadt
Bonn ist in den vergangenen Jahren verstärkt ins öffentliche und wissenschaftliche
Interesse gerückt, so dass einzelne Bundesministerien selbst die NS-Geschichte der
Vorgängerinstitutionen und die Nachgeschichte in der jungen Bundesrepublik von
unabhängigen Historikerkommissionen untersuchen ließen.
6Seite 39 von 75
Rückwirkungen hatte die anfangs formelhafte und ritualisierte Erinnerungskultur nicht
zuletzt auf der kommunalen Ebene und in der Interaktion zwischen dem federführenden
Bundesministerium des Innern und der Stadtverwaltung der Bundeshauptstadt Bonn.
Forschungsstand und Quellenlage
Im Folgenden wird die Forschungs- und Quellenlage zum Sammellager in der
Kapellenstraße 6 in Bonn-Endenich dargestellt und erörtert, inwiefern es sich bei diesem
Lager um ein „Ghettolager im Westen“ gehandelt hat. Ein Ghettolager war es, weil die
internierten Jüdinnen und Juden dort anders als in den anderen Deportationslagern, etwa
in Berlin, auf die Dauer von bis zu einem Jahr interniert waren, zur Zwangsarbeit
gezwungen wurden und es Strukturmerkmale, insbesondere der Selbstverwaltung unter
der Aufsicht der Gestapo aufwies, die es mit den großen Ghettolagern im Osten teilte.
Zwar sind die Größenordnungen verschieden, aber dennoch trägt das Lager in der
Kapellenstraße die Züge eines Ghettolagers. In der Gedenkstättenlandschaft in
Deutschland, insbesondere im Vergleich zu Mahnmalen und Gedenkstätten, die sich mit
der Deportation von Jüdinnen und Juden – sowie Sinti und Roma – befassen ist dies ein
Alleinstellungsmerkmal.
Typologie der Lager
Das Lager Endenich lässt sich in die Typologie der NS-Lager wie folgt verorten.
Aufgrund der aufgezwungenen Selbstverwaltung und Selbstorganisation unter der
Leitung des Bonner Rechtsanwaltes Siegmund Meyer betrachtet die Gedenkstätte Bonn
das Lager Endenich als Ghettolager, denn es war weitaus mehr als ein kurzzeitiges
Lager, im Durch- und Übergangsprozess zur Ermordung der Jüdinnen und Juden.
Dieter Pohl arbeitet im abschließenden Band des Sammelwerkes „Der Ort des Terrors“
die Strukturmerkmale der Ghettos aus, die der Absonderung der Jüdinnen und Juden von
der übrigen Bevölkerung dienten. Die Ghettoisierten wurden einem strengen
Arbeitszwang unterworfen. Michael Wildts Überlegungen zur Geschichte der
nationalsozialistischen Lager unterscheidet von den Funktionen her Inklusion und
Exklusion als analytische Leitbegriffe, denen er den Vernichtungszweck der
7Seite 40 von 75
Vernichtungslager zur Seite stellt.3 Das ermöglicht ihm, die Vielfalt der Lager in der
nationalsozialistischen Gesellschaft zu analysieren, die eben nicht nur die Zwangslager
umfasste, sondern auch inkludierende Lager, die der Stärkung der „Volksgemeinschaft“
und damit vergemeinschaftenden Zwecken dienten. Die Vergemeinschaftung und die
damit verbundene Ausgrenzungspolitik der „Gemeinschaftsfremden“ wird ein leitender
Gesichtspunkt der Neugestaltung der Ausstellung. Hier kann an den jüngeren
Forschungsstand der Forschungen zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“
angeknüpft werden. Die NS-Politik der „Vergemeinschaftung“ und die damit
verbundene Ausgrenzung soll ein zentraler Aspekt und leitender Gesichtspunkt in der
Ausstellung sein. Damit wird an den aktuellen Forschungsstand zum Verständnis der
nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ als „Mythos, wirkungsmächtige soziale
Verheißung oder soziale Realität im ‚Dritten Reich‘“ angeknüpft werden angeknüpft.4
Auch die Ghettoisierung in Endenich stärkte in dieser Form die Volksgemeinschaft der
Nicht-Ausgeschlossenen, wie Sandra Dentler zeigt. Der Gegensatz zwischen der
volksgemeinschaftlichen Integration und dem Zweck des Ausschlusses der Juden wird in
dieser Fallstudie hervorgehoben, weil sich der Ausschlusscharakter des Ghettolagers
Endenich mehrfach in den Quellen findet.5
Die räumliche Konzentration in Sammel- und Deportationslagern, aber auch die
räumliche Separierung der Jüdinnen und Juden in eigenen Judenhäusern, die sie
isolierten und konzentrierten, ist ein Bestandteil und ein Strukturmerkmal des von Raul
Hilberg beschriebenen Prozesses der „Vernichtung der europäischen Juden“.6 Der
exkludierende Charakter des Ghettolagers Endenich liegt offen zu Tage und findet sich
auch in den Quellen. NSDAP-Kreisleiter Cuno Eichler fasst die Funktion des Lagers wie
3 Michael Wildt[/Marc Buggeln]: Lager im Nationalsozialismus. Gemeinschaft und Zwang, in: Wildt,
Michael: Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte, Berlin
2019 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 223–268; vgl. auch den vergleichend angelegten
Band von Bettina Greiner/Alan Kramer (Hg.): Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer
Institution, Hamburg 2013.
4 Detlef Schmiechen-Ackermann (Hg.): ‚Volksgemeinschaft‘: Mythos, wirkungsmächtige soziale
Verheißung oder soziale Realität im ‚Dritten Reich‘, Paderborn 2012 (Nationalsozialistische
‚Volksgemeinschaft‘; 1); Dietmar van Reeken/Malte Thießen (Hg.): ‚Volksgemeinschaft als soziale
Praxis‘. Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft vor Ort. Paderborn 2013 (Nationalsozialistische
‚Volksgemeinschaft‘; 4); schließlich ist der bilanzierende Sammelband zu nennen, Detlef
Schmiechen_ Ackermann/Marlis Buchholz/Bianca Roitsch/Christiane Schröder (Hg.): Der Ort der
‚Volksgemeinschaft‘ in der deutschen Gesellschaftsgeschichte, Paderborn 2018 (Nationalsozialistische
‚Volksgemeinschaft‘; 7).
5 Sandra Dentler „Volksgemeinschaft“ in Bonn. Die Bonner Gesellschaft und die Judenverfolgung von
1933 bis 1942, München 2020, https://edoc.ub.uni-muenchen.de/26506/, S. 187–219.
6 Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., Frankfurt am Main 1990.
8Seite 41 von 75
folgt zusammen: „Wir wollen die Juden ganz aus dem Stadtbild der Stadt Bonn
ausschließen.“7
Forschungsstand
Zur Geschichte des Klosters Mariahilf als beschlagnahmte Liegenschaft liegen
Untersuchungen von Marcel Albert und von eher populärwissenschaftlicher Natur von
Herbert Weffer vor. Sie erlauben die Rekonstruktion der Geschichte der
Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung.8 Die Ereignisse um die Beschlagnahme des
Klosters durch die Bonner Gestapo finden Berücksichtigung in Annette Mertens
umfassender Studie zu „Himmlers Klostersturm“, die die Prozesse in den Kontext der
nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen gegen die katholische Kirche stellt und deren
Weg bis zu den Wiedergutmachungsverfahren der Nachkriegszeit zeichnet.9
Deportationslager sind in den vergangenen Jahren verstärkt in der zeitgeschichtlichen
Forschung thematisiert worden. Diese belegt die Bedeutung und unterstreicht den Plan,
die Gedenkstätte Bonn an einem solchen historischen Ort einzurichten. Zum Vergleich
mit anderen Sammel- und Deportationslagern laden die Arbeiten von Akim Jah zum
Berliner Sammellager im jüdischen Altenheim in der Großen Hamburger Straße,10 von
Philipp Dinkelacker zum Berliner Sammellager in der Synagoge in der Levetzowstraße,
sowie der Sammelband, der aus einer Ausstellung über die verschiedenen Sammellager
in Wien von Dieter J. Hecht, Michaela Raggam-Blesch und Heidemarie Uhl
7 NSDAP, Gau Köln-Aachen, Kreisleitung Bonn, Kreisleiter Eichler an das Wirtschafts- und
Ernährungsamt, Abt. B, der Stadt Bonn, Bonn, 11.08.1941, in Archiv der Gedenkstätte Bonn, Ordner
Ausstellung Endenich. Zur „Vernichtung durch Arbeit“ vgl. Michael Wildt: „Arbeit macht frei“.
Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Vernichtung durch Arbeit im Nationalsozialismus, in: Wildt, Michael:
Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte, Berlin 2019
(Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 199–222. Zur Semantik und Praxis von deutscher Arbeit
und ihren gedachten Gegensätzen vgl. Asster, Felix/Lelle, Nikolaus (Hg.): „Deutsche Arbeit“.
Kritische Perspektiven auf ein ideologisches Selbstbild, Göttingen 2018; Buggeln, Marc/Wildt,
Michael (Hg.): Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014; Schatz, Holger/Woeldike, Andrea:
Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen
Projektion, Münster 2001 (Reihe antifaschistischer Texte; 9).
8 Weffer, Herbert: Endenich. Die Geschichte eines Bonner Vorortes, Bonn-Endenich 1987. Herbert
Weffer: Das Kloster Mariahilf der Benediktinerinnen und die Marterkapelle in Bonn-Endenich, Bonn-
Endenich 2001;
9 Annette Mertens: Himmlers Klostersturm: der Angriff auf katholische Einrichtungen im Zweiten
Weltkrieg und die Wiedergutmachung nach 1945, Paderborn 2006 (Veröffentlichungen der
Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen; 108).
10 Akim Jah: Die Deportation der Juden aus Berlin. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und
das Sammellager Große Hamburger Straße, Berlin 2013 (Studien zum Nationalsozialismus);
Dinkelaker, Philipp: Das Sammellager in der Berliner Synagoge Levetzowstraße 1941/42, Berlin 2017
(ZeitgeschichteN; 18).
9Seite 42 von 75
hervorgegangen ist, ein.11 Gemeinsam ist diesen bekannteren Sammel- und
Deportationslagern und den bislang vernachlässigten Lagern, dass sie im wesentlichen
temporären Charakter hatten und die Internierten vorrangig zum Zweck der Vorbereitung
ihrer Deportation aufnahmen. Die Jüdinnen und Juden blieben für die Zeit der
Internierung dem Prozess der so genannten „Durchschleusung“ im Verlauf einiger Tage
unterworfen. Dabei wurde das Gepäck durchsucht, vor allem aber das Vermögen der
Jüdinnen und Juden in Vermögenserklärungen erfasst und zur späteren Einziehung sowie
die Deportation selbst vorbereitet. Von diesen Lagern unterscheidet sich das Lager
Endenich durch die langwährende aufgezwungene Selbstorganisation und die
Internierungsdauer von bis zu über einem Jahr.
Es liegen Arbeiten zu den Deportationen, die zwischen 1938 und 1945 von Köln-Deutz
ausgingen, insbesondere aber auch zum Messelager Köln-Deutz, vor. Das Messelager
Deutz und der Bahnhof Köln-Deutz waren die letzten Stationen für die in Endenich
internierten Jüdinnen und Juden unmittelbar vor der Deportation, ebenso wie das
Internierungslager Köln-Müngersdorf.12 Regional fällt noch das ländliche
Internierungslager in Much im heutigen Rhein-Sieg-Kreis, dem früheren Landkreis
Bonn ins Gewicht, wozu ein Gedenkbuch von Bruno Reifenrath vorliegt und vereinzelt
lokalhistorische Beiträge.13 Das Überblickswerk von Albert Gottwald und Diana Schulle
2005 bietet Einblicke in die Grunddaten der Deportationen, die aus dem Deutschen
Reich abgingen.14 Dieter Corbach hat einen Teil der Deportationslisten der
Deportationen, die von Köln-Deutz gen Osten gingen, rekonstruiert. Sie sind nach der
letzten Wohnadresse, die im Falle des Ghettolagers Endenich „Kapellenstraße 6“ lautete,
recherchierbar. Für die Kölner Deportationen steht im Kölner NS-DOK (EL-DE-Haus)
eine Datenbank der Deportationsopfer bereit; die Gedenkstätte und NS-
Dokumentationszentrum Bonn e. V. verfügt ebenfalls über eine eigene Datenbank zu den
von Bonn aus Deportierten, die den Forschungsstand von Corbach wesentlich erweitert.
11 Dieter J. Hecht/Michaela Raggam-Blesch/Heidemarie Uhl (Hg.): Letzte Orte. Die Wiener
Sammellager und die Deportationen 1941/42, Wien/Berlin 2019.
12 Dieter Corbach: Sechs Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938–1945, Köln 1999
(Spurensuche jüdischen Wirkens; 6); Carola Fings: Messelager Köln. Ein KZ-Außenlager im Zentrum
der Stadt, Köln 1996 (Schriften des NS-Dokumentationszentrms der Stadt Köln; 3). Zum anderen
Kölner Internierungslager in Köln Müngersdorf siehe Kurt Schlechtriemen: Opfer des
Nationalsozialismus in Köln-Müngersdorf, Köln 2017.
13 Bruno H. Reifenrath: Die Internierung der Juden in Much. Ein Buch des Gedenkens, Siegburg 1982
(Veröffentlichung des Geschichts- und Altertumsvereins für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis; 15);
Jan Tiemann: Warten auf die „Sonderbehandlung“. Die Internierung der Juden aus dem Siegkreis, im
Sammellager Much vor 70 Jahren, in: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 27, 2012, S. 72–77.
14 Alfred Gottwald/Diana Schulle: Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich von 1941–1945,
Wiesbaden 2005.
10Seite 43 von 75
International ist die Dauerausstellung und die Gedenkstätte des Sammel- und
Deportationslagers Kazerne Dossin vergleichend in die Konzeptentwicklung für eine
zukünftige Gedenkstätte am historischen Ort in Bonn-Endenich einbezogen worden,
weil hier ein wegweisendes, wenn auch nicht unumstrittenes Beispiel der
Gedenkstättenarbeit vorliegt, das die NS-Geschichte der Deportationen und der
Judenverfolgung mit Querschnitten durch die internationale Menschenrechtsgeschichte
verknüpft.15 Außerdem wurde die projektierte Anlage des Gedenkortes Hannoverscher
Bahnhof in Augenschein genommen.
Quellenlage
Die Quellenlange ist disparat. Eine eigene Überlieferung des Ghettolagers Endenich
existiert nicht mehr. Es finden sich Hinweise in Beständen von Behörden, die mit dem
Ghettolager Endenich zu tun hatten, im Stadtarchiv. Dort findet sich auch das Hausbuch
des Klosters. Es existieren dort auch die sogenannte Hausliste, die die Aufnahme in das
Ghettolager und einige Grunddaten, wie den letzten Wohnort dokumentiert sowie die
Deportation. Diese Liste ist bei Neugebauer 1964 ediert. Hinzu kommen
ZeitzeugInnenberichte, etwa solche, die im Verlauf von Wiedergutmachungsverfahren
zustandekamen, die die die Internierung und die Deportation zum Gegenstand hatten. Es
existieren darüber hinaus einige wenige ZeitzeugInnenberichte von nichtjüdischen
BesucherInnen des Lagers. Besonders hervorzuheben sind die Berichte der
Überlebenden Else Waldmann und Anneliese Nossbaum, geb. Winterberg, Dora
Philippson, Ada Levy und anderen sowie die zahlreichen Briefe von Ruth Hadassah
Herz an ihren Onkel in Palästina und die weiterer Gefangener aus dem Ghettolager in
15 Zur Geschichte der Kazerne Dossin als NS-Sammel- und Deportationslager vgl. Markus Meckl:
Wartesaal vor Auschwitz: Das Lager Mechelen (Malines), in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.):
Terror im Westen. Nationalsozialistische Konzentrationslager in den Niederlanden, Belgien und
Luxemburg 1940–1945, Metropol, Berlin 2009, S. 39–49; Laurence Schram: L‘antichambre de
Auschwitz. Dossin, Bruxelles 2017; Insa Meinen: Die Shoah in Belgien, Darmstadt 2009; Andreas
Pflock: Auf vergessenen Spuren. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten in den Niederlanden, Belgien und
Luxemburg. Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006; Materialien der Gedenkstätte
Kazerne Dossin: Kazerne Dossin (Hg.): Kazerne Dossin. Memorial, Museum and Documentation
Centre on Holocaust and Human Rights, Mechelen 2012; Kazerne Dossin (Hg.): Kazerne Dossin.
Holocaust - Mensenrechten, Gent 2019. Die Problematik solcher Kontextualisierungen, wie sie
besonders in Verknüpfungen postkolonialer Forschungen mit Holocaustforschung auftritt, hat Steffen
Klävers nachdrücklich aufgezeigt. Die damit verbundenen Probleme reichen von logischen und
historischen Inkonsistenzen der Argumentation bis zu Relativierungen der Shoah, vgl. ders.:
Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze der Holocaustforschung, Berlin/Boston
2019.
11Seite 44 von 75
den Archiven von Yad Vashem, der Gedenkstätte und des Stadtarchivs Bonn sowie im
der Gedenkstätte bekannten Privatbesitz.
Die Geschichte des historischen Ortes: Die Gemeinschaft Kapellenstraße 6 in
Endenich – Ein Ghettolager im Westen
Der „Klostersturm im Rheinland“
Die Entscheidung der Gestapo, ein Lager im Kloster Mariahilf der Benediktinerinnen
zur Ewigen Anbetung einzurichten, erfolgte während des sogenannten „Klostersturms“,
bei dem die Nationalsozialisten katholische Ordensgebäude konfiszierten und für ihre
Zwecke als Lazarette, Kliniken, „Umvolkungslager“ und im Endenicher Fall als
Ghettolager einrichteten bzw. verwendeten. Dazu vertrieben sie die
Ordensgemeinschaften von ihren angestammten Besitzungen. Der Begriff
„Klostersturm“ stammt aus den Quellen und wurde von den Leidtragenden dieser Politik
verwendet. Einer der Schwerpunkte dieser Politik lag im Rheinland.
Das Kloster in Endenich, das 1857 gegründet wurde, gehörte der Kongregation der
Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament an. Das Kloster bewirtschafte
landwirtschaftliche Flächen und verfügte über einen eigenen, heute noch erhaltenen
Wirtschaftsgebäudekomplex, in dem die Gedenkstätte Bonn Raum finden soll.16 Im April
1941 fiel die Entscheidung der Gestapo, das Kloster zu konfiszieren und am 30. April
1941 beschlagnahmte die Gestapo Außenstelle Bonn das Kloster Mariahilf in Bonn-
Endenich handstreichartig.17
16 Vgl. Weffer: Kloster Maria Hilf; Pars nostra ad Pedes ejus. Unser Anteil zu seinen Füßen. 100 Jahre
Benediktinerinnen der ewigen Anbetung, Bonn 1857, Bonn-Endenich 1957, Rhede [1957]; Gelobt und
angetet sei ohne Ende. 21.11.1857-21.11.1982. Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung Bonn
[1982]; Anja Ostrowitzki: Bonn, in: Marcel Albert (Bearbeiter): Frauen mit Geschichte. Die
deutschsprachigen Klöster der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament, Str. Ottilien 2003
(Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens; 42), S. 59–103.
17 Annette Mertens: Klostersturm im Rheinland 1940–1942, in: LVR-Portal Rheinische Geschichte
http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/klostersturm-im-rheinland-
1940–1942/DE-2086/lido/57d1363aa733c3.96098249#toc-23.
12Seite 45 von 75
Von diesem Vorgang berichtet eine Quelle, das handschriftliche Hausbuch des Klosters,
ausführlich. Sechs Gestapobeamte zwangen die Nonnen, die Vorbereitungen zur
Räumung des Klosters innerhalb weniger Stunden zu treffen. Die Nonnen wurden mit
Bussen samt weniger tragbarer Habe in andere Klöster überführt. Das restliche Inventar
wurde mit dem Klostergebäude und der Kasse des Klosters konfisziert.18 Im
Zusammenhang der Vertreibung aus dem Kloster verlegte die Gestapo auch kranke und
pflegebedürftige Nonnen. Das Wirtschaftspersonal, das zwei Knechte der
angeschlossenen Landwirtschaft umfasste, blieb an Ort und Stelle.
Erinnerungsgeschichtlich ist interessant, dass in zwei Festschriften zum hundertjährigen
und hundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Endenicher Benediktinerinnen zwar
diese Vertreibung während des „Klostersturms“ Erwähnung findet, die im Folgenden
beschriebene Weiternutzung des Klosters als Ghetto-/Sammel- und Deportationslager
jedoch mit nur knappen Worten beschrieben ist, wohingegen die Zerstörung des Klosters
in Folge eines alliierten Bombardements breiter referiert wird, die auf die anschließend
an die Lagernutzung stattgefundene Wehrmachtsnutzung des Gebäudekomplexes als
Funkstation zurückzuführen ist.19 Bemerkenswert ist allerdings auch, dass die
Benediktinerinnerinnen in den genannten Festschriften das Sammel- und
Deportationslager bereits als „Ghetto“ bezeichneten.
Die Internierung und Konzentration der Bonner Jüdinnen und Juden
Ab Juni 1941 erging der Befehl an Bonner Jüdinnen und Juden und Jüdinnen und Juden
aus dem Bonner Umland, sich sukzessive im Klostergebäude, das für ca. 120 Nonnen
ausgelegt war, einzufinden. Dies war der letzte Aufenthaltsort nach der bereits erfolgten
Konzentration der Jüdinnen und Juden in Judenhäusern, bevor sie etwa ein Jahr später
deportiert wurden.
Bei den ab 1941 internierten Jüdinnen und Juden handelte es zunächst sich um Bonner
Jüdinnen und Juden. Ab Jahresbeginn 1942 folgten Jüdinnen und Juden aus Beuel, Bad
18 Zum allgemeinen Vorgang und der Vorgehensweise der Gestapo vgl. ebd. Vgl. auch Auszug aus dem
Hausbuch der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung vom 30.4.1941, Kopie in Akte Endenich,
Archiv der Gedenkstätte Bonn.
19 So ist es jedenfalls in der Festschrift vom zum 100-jährigen Jubiläum der Benediktinnrinnen in Bonn-
Endenich verzeichnet. Vgl. Pars nostra ad Pedes ejus. Unser Anteil zu seinen Füßen. 100 Jahre
Benediktinerinnen der ewigen Anbetung, Bonn 1857, Bonn-Endenich 1957, Rhede [1957], S. 21–23;
Gelobt und angebetet sei ohne Ende. 21.11.1857-21.11.1982. Benediktinerinnen von der ewigen
Anbetung Bonn [1982], S. 22–25. In der Broschüre zum 125. Jubiläum findet auch die Gedenktafel,
die am Gebäude am 8. November 1981 angebracht wurde, Erwähnung, die von Oberbürgermeister Dr.
Hans Daniels enthüllt wurde.
13Seite 46 von 75
Godesberg, Ludendorf, Meckenheim und Rheinbach aus dem Kreis Bonn-Land. Noch
kurz vor Auflösung des Lagers traf ein Transport aus Euskirchen ein.
Im Lager Endenich herrschten die Rahmenbedingungen einer Struktur der
Selbstverwaltung, wie sie für die Ghettos typisch war.20 Unter dem Vorsitz Siegmund
Meyers, eines Bonner Rechtsanwaltes, der schon zuvor verantwortliche Positionen in der
Jüdischen Gemeinde Bonns übernommen hatten, lebten die internierten Jüdinnen und
Juden unter Zwangsbedingungen, jedoch trug die verordnete Selbstverwaltung dazu bei,
dass sie zentrale Aspekte des Lebens im Ghettolager organisieren konnten und dabei ihre
bescheidenen Gestaltungsspielräume nutzen konnten. Den Jüdinnen und Juden, von
denen ungefähr 40 % Zwangsarbeit verrichten mussten, war der Ausgang aus dem
Internierungslager zu anderen Zwecken nur begrenzt erlaubt.
Die Zwangsarbeit erfolgte unter anderem bei der Müllabfuhr, der Stadtreinigung, im
Straßenbau, in den Tongruben von Witterschlick, in der Wandplattenfabrik Wessels in
Ransdorf und der Stadtreinigung.21 Von den 378 mit Stand vom 24. April 1942
Internierten leisteten 154 Ghettobewohner Zwangsarbeit. Der Anteil der Zwangsarbeit
leistenden Männer lag bei 97 Personen, der Anteil der Frauen bei 57. Der überwiegende
Anteil war zu schwerer Zwangsarbeit gezwungen, galt mithin als SchwerarbeiterIn.22
Allerdings war das Lager nach außen hin nicht vollständig abgeschottet, so dass Besuch
von ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn sowie Freundinnen und Freunden
außerhalb des Lagers mit Einschränkungen empfangen werden konnte, wovon einige
ZeitzeugInnen berichten. Die Familien wohnten auf beengten und kleinen Zimmern
zusammen, teils mit eigenem Mobiliar. Die Stimmung im Lager sei sehr schlecht
gewesen, berichten ZeitzeugInnen.
20 Vgl. Dieter Pohl: Ghettos, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.) Der Ort des Terrors. Geschichte
der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos,
Jugendschutzlager, Polizeihaftlager. Sonderlager, Zigeunerlager. Zwangsarbeiterlager, München 2009,
S. 161–191. Michael Wildt, Michael[/Marc Buggeln]: Lager im Nationalsozialismus. Gemeinschaft
und Zwang, in: Wildt, Michael: Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als
Gesellschaftsgeschichte, Berlin 2019 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 223–268. Bettina
Greiner/Alan Kramer (Hg.): Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg
2013.
21 Hierzu existieren Zeitzeugenberichte u. a. von Else Waldmann und Briefe von Ruth Hadassah Herz.
Vgl. hierzu Ruth Schlette: „Ich hoffe trotzdem bald in Palästina ein neues Leben anfangen zu können.
Ruth Hadassah Herz (1925–1942) und ihre Briefe, in: Bonner Geschichtsblätter 51/52, 2001, 122–
175. Darüber hinaus dokumentieren Fotos die Zwangsarbeit.
22 Gemeinschaft Bonn Kapellenstraße 6, an das Wirtschafts- und Ernährungsamt der Stadt Bonn, z. Hd.
des Herrn Berndt, Bonn, 24. April 1942, Archiv der Gedenkstätte Bonn, Ordner Ausstellung Endenich.
14Seite 47 von 75
Selbstverwaltung und Versorgung
Zur Selbstverwaltung zählte die Aufgabe, die Nahrungsmittelversorgung sicherzustellen.
Hierzu haben sich als Quellen Schriftwechsel mit städtischen Ämtern und von
öffentlich-rechtlichen Körperschaften, Kammern und Innungen sowie der NSDAP-
Kreisleitung erhalten, in denen von städtischer Seite rigide mit Siegmund Meyer um
Quoten und Warenverkehr gerungen und Meyer mit Geschick versuchte, diesem
entgegenzuwirken. Meyer verglich Mengen und Quoten akribisch mit Zuteilungen der
internierten Jüdinnen und Juden in Köln, um eine bessere Versorgungssituation
auszuhandeln.
Die veranschlagten und gelieferten Nahrungsmittel wurden mit dem Vermögen der
internierten Jüdinnen und Juden verrechnet, mussten demzufolge von ihnen selbst
bezahlt werden. Dies ist durchaus eine Form der Enteignung. Es war aus der Sicht der
nationalsozialistischen Machthaber und Verantwortlichen nicht ihre Aufgabe, als
Urheber der Internierung für die Internierten zu sorgen, sondern deren eigene Aufgabe,
diese am kontingentierten und kontrollierten Markt einzukaufen. Auch über individuelle
Möglichkeiten des Einkaufs zu reglementierten Tageszeiten innerhalb ausgesprochen
schmaler Ausgangszeitkorridore verhandelte Siegfried Meyer. Hierbei kam die rigide
Haltung der Geschäftseigner den Intentionen der nationalsozialistischen Machthaber
entgegen.
Wie andere Sammellager, die in der jüngeren Forschung verstärkte Aufmerksamkeit
erfahren, diente das Ghettolager Endenich dazu, die Deportationen vorzubereiten, jedoch
war die Internierungsdauer bis zu einem Jahr länger als in vielen vergleichbaren
Sammellagern. Die räumliche Konzentration und die Deportationen stellten
entsprechend dem Hilbergschen Stufenmodell des „Vernichtungsprozesses“ notwendige,
aber nicht hinreichende Stufen innerhalb dieses Prozesses dar.23
Erste Deportationen von Jüdinnen und Juden fanden im Laufe der Monate Dezember
1941 und Januar 1942 statt, bei denen 72 Internierte in Kölner Lager bzw. ein Altersheim
überstellt wurden.
Die im Lager Endenich Internierten wurden im Juni am 14./15. Juni sowie am 19./21.
und 27. Juli 1942 deportiert.24 Die insgesamt 479 internierten Jüdinnen und Juden im
Ghettolager Endenich erhielten den Deportationsbefehl. In Köln wurden sie zur
23 Vgl. Raul Hilbergs knappe Zusammenfassung der Struktur des Vernichtungsprozesses in ders.: Die
Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., Bd. 1, Frankfurt am Main 1990, S. 56–66.
24 Vgl. Gottwald/Schulle: Die „Judendeportationen“, S. 216–219, S. 243, S. 303.
15Seite 48 von 75
unmittelbaren Vorbereitung der Deportation nach einem Transport mit Bussen und
Lastwagen, bei dem sie bescheidenes Deportationsgepäck mitführen durften, für einen
kurzen Zeitraum in das Messelager Köln-Deutz zur sogenannten „Durchschleusung“
eingewiesen.25 Von dort deportierte man sie mit den vom Köln-Deutzer Bahnhof
ausgehenden Deportationszügen nach Sobibor und Majdanek, Theresienstadt,
Minsk/Maly Trostinez.26 Die Deportation, die in Sobibor und Majdanek endete, hatte
zunächst den Zielort Lublin: von dort kamen 100 Menschen ins nahe gelegene
Vernichtungslager Majdanek und 700 Menschen ins weiter entfernt gelegene
Vernichtungslager Sobibor nordwestlich von Lublin.27
Von den 479 in Endenich internierten und aus Bonn deportierten Jüdinnen und Juden
überlebten lediglich 13 die Shoah. Darüber hinaus wurden auch nicht im Ghettolager
internierte Bonner Jüdinnen und Juden deportiert; z. B. nach Litzmannstadt in einer
früheren Deportation im Herbst 1941. 28
Das zurückgelassene Mobiliar und Vermögen, dessen Wert nach der Räumung des
Klosters im Juli 1942 mit 80.000,-- bis 100.000,-- RM beziffert wurde, wurde versteigert
und durch das Finanzamt verwertet.
25 Corbach, Dieter: Sechs Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938–1945, Köln 1999
(Spurensuche jüdischen Wirkens; 6); Fings, Carola: Messelager Köln. Ein KZ-Außenlager im
Zentrum der Stadt, Köln 1996 (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln; 3).
26 Petra Rentrop: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto in Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly
Trostinez, Berlin 2011, S. 203, S. 206ff.; Corbach: 6.00 Uhr ab Köln-Deutz, S. 143ff; Corbach: 6.00
Uhr ab Messe Köln-Deutz, S. 157–171. Zu Sobibor vgl. Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka.
The Operation Reinhard Death Camps, Bloomington 1999; Sara Berger: Experten der Vernichtung.
Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka, Hamburg 2013 (Studien
zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts); Stephan Lehnstaedt: Der Kern des Holocaust: Bełżec,
Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt, München 2017; Jules Schelvis: Vernichtungslager
Sobibór, 3. Auflage, Münster 2018 (Reihe antifaschistischer Texte). Zu Theresienstadt klassisch H. G.
Adler: Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Göttingen Wallstein 2012 (= 2. Auflage
1960); Wolfgang Benz: Theresienstadt. Täuschung und Vernichtung, München 2013. Anna Hájková:
The Last Ghetto. An Everyday History of Theresienstadt, Oxford 2020.
27 Gottwaldt/Schulle: Die „Judendeportationen“, S. 216–219.
28 Vgl. Astrid Mehmel: „Auch Endenich ist das Ende nich“, [Manuskript, in Vorbereitung].
16Seite 49 von 75
Fazit
Die Gemeinschaft Kapellenstraße 6 lässt sich als „Ghettolager im Westen“ beschreiben.
Insbesondere die Verantwortung der Selbstorganisation, die in der Organisation des
Alltags beginnend bei der Ordnung des Lagers durch Kontrolle des Ein- und Ausgangs
ergab und die unmittelbare Verantwortung für Fragen der Versorgung, deren Kosten die
jüdische Lagergemeinschaft aus ihrem Vermögen tragen mussten und bei denen ihnen
aller Wahrscheinlichkeit nach keine Vergünstigungen für den Bezug in
Großhandelsmengen eingeräumt wurden, macht deutlich, dass das Lager den Charakter
und bestimmte Funktionsbereiche eines Ghettolagers hatte. Der antisemitische Charakter
der Versorgungspolitik und die Einhaltung dieses Charakters in wirtschaftlicher Hinsicht
(Ausschluss von Großhandelspreisen) und die exkludierende Form (Ausschluss aus der
Stadt) werden in den Quellen mehrfach als Zweck der Internierung angegeben.
Es gibt zwar Hinweise, jedoch steht noch offen zu klären, inwieweit die Gefangenen die
Internierten auch in kulturellen und rituellen Fragen Formen von Selbstständigkeit und
Selbstorganisation bewahren konnten. Es gibt eindeutige Belege in
ZeitzeugInnenberichten (etwa von Anneliese Nossbaum geb. Winterberg), dass die
Gemeinschaft Kapellenstraße 6 eine Form von Beschulung organisierte. Diese setzte die
Tätigkeit der Jüdischen Schule (gegründet 1934/35) fort, an der Anneliese Winterbergs
Vater Siegfried Winterberg, der die Beschulung im Ghettolager ausübte, bereits Lehrer
gewesen war. Laut Erlass hatte die Beschulung jüdischer Kinder zum 1. Juli 1942 zu
enden, also kurz vor der Deportation. Ob der jüdische Kultus insgesamt eingehalten
werden konnte, ist unsicher. Es gibt ZeitzeugInnenberichte, die von jüdischen
Gottesdiensten berichten. Sicher ist, dass die Verantwortlichen im Wirtschafts- und
Ernährungsamt keine religiösen Rücksichten nahmen und den Leiter der Gemeinschaft
auch samstags, also am Schabbat, zu Besprechungen, einbestellten. Alle erwähnten
Eigenständigkeiten können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die
Zwangsgemeinschaft im Ghettolager Endenich über beinahe keine Handlungsspielräume
verfügte, was die Mitwirkung bei der Organisation der Deportation betraf, sondern dass
Siegmund Meyer gezwungen war, die Listen für die Transporte fristgemäß zu liefern und
so deportierten die Nazis am Ende das ganze Ghettolager und es mutet prophezeiend an,
dass der Bonner Professor Dr. Felix Haussdorff, der sich kurz vor seiner dortigen
Internierung das Leben nahm, in seinem Abschiedsbrief schrieb: „Auch Endenich ist
noch vielleicht das Ende nicht!“
17Seite 50 von 75
Die Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik in der Bundeshauptstadt und der
Bundesstadt Bonn
Die Anfänge der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit liegen in Bonn im
Zusammenhang mit der Wiedergutmachung auch in der Jüdischen Gemeinde Bonns.
Anders als in den durch die Shoah dezimierten größeren jüdischen Gemeinden wie etwa
Münchens Jüdischer Gemeinde konnte sich die Jüdische Gemeinde, auch angesichts der
sehr kleinen Zahl überlebender Juden keine eigene Kommission leisten, die die
Verbrechen dokumentierte. Die jüdische Gemeinde steuerte aber ihre Expertise in
Wiedergutmachungsverfahren bei.29
In der Bonner Mehrheitsgesellschaft, in den Bundesbehörden und Ministerien war die
Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit
gering ausgeprägt. Die Mehrheitsgesellschaft reflektierte die vergangenen Ereignisse
nicht. Beschweigen, Abwehr und Verdrängung überwogen zunächst, was auch mit der
Reintegration von ehemaligen Nationalsozialisten zusammenhing. Der
Zeitzeugenbericht von Jens-Jürgen Ventzki, der als Kind des ehemaligen NS-
Oberbürgermeisters von Litzmannstadt/Lodz Werner Ventzki dort sowie in Berlin und
Bonn aufgewachsen ist, dokumentiert die Situation und den Einfluss einiger
Nationalsozialisten in Bonn eindringlich. Der ehemalige Oberbürgermeister, der mit den
NS-Besatzungsverhältnissen eng vertraut war, war auf hoher Ebene im Ministerium des
von Theodor Oberländer geführten Vertriebenenministeriums tätig.30
Institutionell war das Bonner Seminar für Politische Wissenschaften, an dem seit 1959
der Hochschullehrer Karl Dietrich Bracher lehrte, von Bedeutung. Die ersten
wissenschaftlichen Anstöße, den Nationalsozialismus zu analysieren, stammten in
hohem Ausmaß aus der Politikwissenschaft. Bracher wurde mit seinen Klassikern über
den Niedergang der Weimarer Republik und „Die deutsche Diktatur“ stilprägend für die
Bonner Schule der Politikwissenschaften. Ihm und seinem Kollegen Hans-Adolf
29 Zur frühen Beschäftigung mit der Shoah vgl. Regina Fritz/Éva Kovács/Béla Rásky (Hg.): Als der
Holocaust noch keinen Namen hatte. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den
Juden,/Before the Holocaust Had Its Name. Early Confrontations of the Nazi Mass Murder of the
Jews, Wien 2016 (Beiträge zur Holocaust-Forschung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-
Studien); Hans-Christian Jasch/Stephan Lehnstaedt (Hg.): Verfolgen und Aufklären. Die erste
Generation der Holocaustforschung/Crimes Uncovered. The First Generation of Holocaust
Researchers, Berlin 2019; Laura Jockusch: Collect and Record! Jewish Holocaust Documentation in
Early Postwar Europe, Oxford/New York 2012.
30 Hans-Jürgen Ventzki: Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche, Innsbruck/Wien/Bozen 2011.
18Seite 51 von 75
Jacobsen und deren Pionierarbeiten zur Erforschung des Nationalsozialismus begegneten
ein Teil der Bonner Historiker und Wissenschaftler anderer Disziplinen mit Skepsis.
Zunächst galt der Blick dieser Schule der Bonner Politikwissenschaften der Reichsebene
und nicht den lokalen Gegebenheiten vor Ort. Wohingegen an der Heinrich-Heine
Universität Düsseldorf und in der Germania Judaica in Köln auch landesgeschichtlich
orientierte Untersuchungen und Ausstellungen zur Geschichte der Juden bis in die
jüngste Zeitgeschichte der Juden im Rheinland bereits in den 1960er-Jahren
stattfanden.31
Besonders im Hinblick auf die Vergangenheitspolitik fällt die dynamische,
wechselseitige Beziehungsgeschichte der beiden deutschen Staaten ins Gewicht. Denn
nicht nur in den sogenannten „Braunbücher[n]“ und in politisch inszenierten
Strafprozessen in Abwesenheit, wie den gegen den Bundesminister für Vertriebene
Theodor Oberländer, trachtete die DDR immer wieder Einfluss auf die westdeutsche
Öffentlichkeit zu gewinnen, indem sie die NS-Kontinuitäten in der Gesellschaft der
Bundesrepublik betonte und ein Bild einer „faschistischen und militaristischen“
Bundesrepublik zeichnete. Gegenstand wird die asymmetrisch verflochtene
Beziehungsgeschichte beider deutscher Staaten im Hinblick auf die
Vergangenheitspolitik sein.32 Diese strahlte auch auf die westdeutsche Neue Linke aus,
aus deren Reihen eine der ersten Thematisierungen des „braunen Bonns“ stammte, das
die Verhältnisse in Bonn jedoch gegenwartsbezogen auf das bundesrepublikanische
Bonn bezog und eine gegenwartsbezogene Topographie der Bundeshauptstadt und ein
Personenverzeichnis bot.33 Die SDS-Mitglieder Wolfgang Koppel und Karl Sauer
veröffentlichten dieses broschierte Buch 1969. Koppel hatte sich auch zuvor bereits in
vergangenheitspolitischen Fragen engagiert und beteiligte sich an der SDS-
Wanderausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, die für eine gewandelte Erinnerungspolitik
ein wichtiger Impulsgeber war.34
31 Vgl. zum wissenschafts- und ideengeschichtlichen Kontext der frühen NS-Forschung sowie der
Konflikte in diesem Forschungsfeld Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker.
Erforschung und Erinnerung, Göttingen 1. und 2. Aufl. 2003; 3. durchgesehene und mit einem
Register versehene Aufl. 2004.
32 Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998.
33 Wolfgang Koppel/Karl Sauer: Führer durch das braune Bonn. Ein unentbehrlicher Leitfaden für alle
Besucher der Bundeshauptstadt, Frankfurt am Main1969. Das Buch erschien im kommunistischen, der
DKP und der DDR nahestehenden Röderberg-Verlag.
34 Stefan Alexander Glienke: Die Ausstellung ,Ungesühnte Nazijustiz' (1959-1962). Zur Geschichte der
Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, Baden-Baden 2008.
19Seite 52 von 75
In den 1980er-Jahren veröffentlichte das Bonner Bildungswerk für Friedensarbeit, eine
Initiative aus dem Umfeld der Friedensbewegung, eine Karte, die die lokale Topographie
des Nationalsozialismus in Bonn darstellte. Freilich hatte sich der Blick insgesamt
gewandelt, auch weil an der Wende zu den 1980er-Jahren eine Bewegung, die sich der
Geschichte unter dem Motto des schwedischen Alltagshistorikers Sven Lindqvist „Grabe
wo Du stehst“ mit einem sowohl laienhistorischen als auch professionell geschulten
Blick unter bewusster Abwendung von der seinerzeit tonangebenden Sozialgeschichte
oder Historischen Sozialforschung, der Geschichte unmittelbar vor Ort annahm. Die
Initiative rekonstruierte die nationalsozialistische Topographie des Bonner Stadtgebietes
und machte Orte der Verfolgung und des Widerstands kenntlich. Der Blick hatte sich
gegenüber den 1960er-Jahre und der damaligen Indienstnahme der Geschichte des
Nationalsozialismus durch die DDR und die Neue Linke verschoben.35 Damit einher
ging die Hinwendung zu den Opfern des Nationalsozialismus. In der Bonner
Lokalgeschichte gründete sich in Folge eines Städtischen Bauprojektes am Ort der alten
Bonner Synagoge 1984 der Verein An der Synagoge e. V. Im Bundestag stellte die
Fraktion der GRÜNEN 1987 einen Antrag zur Errichtung einer nationalen Gedenkstätte.
Sie griffen damit auch das bürgerschaftliche Engagement in Bonn auf, welches für eine
räumliche Lösung und politische Unterstützung einer nationalen Gedenkstätte für die
Opfer des Nationalsozialismus warb. Von Seiten der Regierungsfraktionen wurde der
Antrag abgelehnt. Diese Ablehnung wurde in der Debatte darüber unter anderem von
dem Bonner CDU-Bundestagsabgeordneten und Oberbürgermeister Hans Daniels
begründet.36
Der Stadtrat beschloss, dem Verein Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. 1992
eröffnete der Verein erstmals eine Sonderausstellung zum Ghettolager Endenich. Diese
widmete sich dem historischen Ort, den Räumlichkeiten, stellte die Stufen der
Entrechtung der Bonner Jüdinnen und Juden dar, der Beschlagnahme des Klosters, dem
Lagerleben und -alltag, der Selbstorganisation unter Zwang, Außenkontakte und die
Deportation. Die Gedenkstätte Bonn arbeitet seit dieser Ausstellung kontinuierlich zu
Endenich.
35 Vgl. Arbeitskreis „Bonn zur Zeit des Nationalsozialismus“ im Bildungswerk für Friedensarbeit (Hg):
Antifaschistischer Stadtführer, 3. überarbeitete Auflage, Bonn 1988.
36 Antrag der Abgeordneten Frau Oesterle-Schwerin, Frau Teubner und der Fraktion DIE GRÜNEN,
Errichtung einer Gedenkstätte für alle vom NS-Regime verfolgten und ermordeten Menschen auf dem
Synagogenplatz in Bonn, Deutscher Bundestag 11. Wahlperiode, Drucksache 11/825 vom 17.9.1987;
vgl. auch das Protokoll der Debatte vom 8.10.1987, Deutscher Bundestag, 11. Wahlperiode, 30.
Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1987, S. 2040–2048.
20Seite 53 von 75
Deshalb soll die Ausstellung auch die Entwicklung des 1984 gegründeten Vereins An der
Synagoge, seine bürgerschaftliche und politische Basis, aus der die Gedenkstätte und das
NS-Dokumentationszentrum Bonn e. V. hervorgegangen ist, historisieren. Diese
Entwicklung wird bis zur jüngsten Gegenwart des Übergangs der Trägerschaft durch
einen bürgerschaftlich auf breiter Basis getragenen Verein in kommunale Trägerschaft
verfolgt.
3. Leitlinien des Konzepts
Das neue Konzept gestaltet die Ausstellung der Gedenkstätte, die bislang im
Stadtmuseum Bonn in drei Räumen untergebracht war, komplett neu und rückt den
nationalsozialistischen „Klostersturm“, die Geschichte der Judenverfolgung und des
Ghettolagers Endenich und die Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik in der
Bundeshauptstadt/Bundesstadt Bonn in Zentrum der Darstellung. Der zentrale Fokus
wird auf der Verfolgung der Jüdinnen und Juden Bonns und des Bonner Umlands im
zentralen und größten Raum der Gedenkstätte liegen. Damit wird der exzeptionelle
Charakter von deren Vertreibung, Verfolgung und systematischen Ermordung in den
Mittelpunkt gestellt. Darum herum gruppieren sich die übrigen Räume, die die
Ideengeschichte des Nationalsozialismus und seiner zentralen Ziele auf die In- und
Exklusion in der Volksgemeinschaft und Betriebsgemeinschaft in den Blick nehmen und
in denen der nationalsozialistische „Klostersturm“ eigens in einem Raum dargestellt
wird.
Damit wird dem Charakter des historischen Ortes des Klosters Endenich Rechnung
getragen. Die In- und Exklusion wird in zwei weiteren Räumen kontextualisiert: Hier
soll der der Umgang mit „Volksgenossen und Gemeinschaftsfremden“ (Detlev K.
Peukert) dokumentiert werden. Die kausale und personelle Verbindung zur Politik und
Praxis der Verfolgung und Ermordung von politischen Gegnern, Patientinnen und
Patienten, Sinti und Roma und anderen und der systematischen Verfolgung und
Ermordung von Jüdinnen und Juden besteht. Hervorzuheben sind hier beispielsweise die
Patientenmorde, deren Durchführung und mit dem zum Teil gleichen verbrecherischen
Personal der systematischen Ermordung von Juden voranging. Dies ist belegt für das
Vernichtungslager Sobibor, in das auch jüdische Bonnerinnen und Bonner deportiert und
21Seite 54 von 75
ermordet wurden. Das Konzept sieht daher vor, zwei Räumen, die sich mit den anderen
Verfolgten aus Bonn auseinandersetzt, in die neue Ausstellung einzubinden. Schließlich
soll sich ein Saal ausschließlich mit dem Thema der Erinnerungskultur und -politik in
der Bundeshauptstadt und Bundesstadt Bonn befassen und den Zusammenhang zur
bundesrepublikanischen Vergangenheitspolitik dokumentieren,
Der neu konzipierten Ausstellung liegen folgende vier argumentative und methodische
Grundlinien zugrunde, die in einem immanenten Zusammenhang zur ausgestellten
Geschichte des Nationalsozialismus vor Ort stehen, und sich durch die gesamte
Ausstellung ziehen:
Die erste durchziehende Linie zur Integration der Perspektive auf die Täter wird in der
Vermittlung der NS-Sprach- und Symbolwelten als wiederkehrendes Element liegen. Ziel
ist, die Analyse der Ideen und gesellschaftlichen Leitbilder, die die NS-Sprachlenkung
und -planung propagierte und die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtungspolitik
prägten, in den Mittelpunkt der Darstellung zu rücken. Die politische Sprache und die
Semantiken des Nationalsozialismus sollen analytisch auf allen Ebenen der Ausstellung
analysiert werden, denn die In- und Exklusion war sprachlich vermittelt. Die
Tätersprache des NS zeichnete sich nicht nur dadurch aus, dass sie die Verbrechen der
nationalsozialistischen Täter verbarg und verschleierte. Ganz im Gegenteil: die NS-
Sprache machte viele Ausgrenzungen und Verfolgungen sprachlich explizit. Sie
entwickelte eine eigene Sprachpolitik, die sich in der Propaganda ebenso niederschlug,
wie sie auf „wissenschaftlicher“ Basis mittels neuer Wörterbücher, die den
nationalsozialistischen Sprachwandel initiierten, beobachteten und verstärkten,
praktiziert wurde.37 Die nationalsozialistische Sprache spielte schon in den Analysen von
Zeitgenossen wie Victor Klemperer und nachfolgenden Experten wie Dolf Sternberger
eine wichtige Rolle.38 Weiterhin rücken die damit einhergehenden Tarnsprachen, die
Sachverhalte bemäntelten und ihnen den Anschein einer „sachgemäßen Behandlung“ der
Verfolgten gaben, in den Mittelpunkt der Darstellung. Es soll vermittelt werden, wie die
37 Rosten, Curt: Das ABC des Nationalsozialismus, 4. Auflage, Berlin: Schmidt 1933.
38 Victor Klemperer: LTI, Leipzig 1947; Dolf Sternberger/Gerhard Storz/W. E. Süskind: Aus dem
Wörterbuch des Unmenschen, Hamburg 1957; Cornelia Berning: Vom ‚Abstammungsnachweis‘ bis
zum ‚Zuchtwart‘. Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin 1962 (Die kleinen DeGruyter-Bände; 6);
speziell im Hinblick auf die Lager- und Ghettowelt vgl. H. G. Adler: Wörterverzeichnis, in: ders.:
Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Göttingen 2012 (= 2. Auflage
1960), S. XXIX–LIX.
22Seite 55 von 75
NS-Sprache die Wirklichkeit „umschrieb“. Dabei fasst die Ausstellung Sprache und
Symbolwelten als Mittel der Diskriminierung, der In- und Exklusion, der Teilung in
„Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde“ (Detlev K. Peukert).39 Dies führte zur
Konstituierung eines Bildes und einer speziellen Wirklichkeit der „Volksgemeinschaft“
vor Ort.40
Die Darstellung der Sprach- und Symbolwelten soll eine konzeptionelle Leitlinie bilden,
die aufzeigt, dass gesellschaftliches Handeln sprachlich zunächst gedacht und geäußert
wird, bevor es in eine handlungspraktische Dimension überführt wird (Michel Pollak).41
Das macht die Rolle und Bedeutung der (wissenschaftlichen) Experten und ihres
„radikalen Ordnungsdenkens“ (Lutz Raphael) deutlich.42 Deren spezielle Form
„radikalen Ordnungsdenkens“ konnte diese gesellschaftliche Bedeutung nur aufgrund
des länger andauernden Prozesses der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ (Lutz
Raphael) gewinnen.43 Der Nationalsozialismus wurde geprägt von jungen aufstrebenden
akademisch ausgebildeten Experten. Michael Wildt hat für die „Vernichtungsexperten“
die Bezeichnung „Generation des Unbedingten“ gefunden, Ulrich Herbert spricht von
der „Generation der Sachlichkeit“, die in einer entmenschlichenden Sprache, ganze
Bevölkerungsgruppen zu „Gemeinschaftsfremden“ stempelten (auch im wörtlichen
Sinne).44 Auch Götz Aly/Susanne Heim sprachen in diesem Sinn von „Vordenker[n] der
Vernichtung“.45
Bei den Verfolgtengruppen wird auf Darstellungen von Mitteln der Eigensprachlichkeit,
der sprachlichen Vermittlung von Opposition geachtet. Auch die Sprache, die die
ZeitzeugInnen verwenden, wird in dieser Hinsicht analysiert. Die „Opfersprachen“
39 Detlev Peukert: Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren
unter dem Nationalsozialismus, Köln 1982.
40 Sandra Dentler: "Volksgemeinschaft" in Bonn: die Bonner Gesellschaft und die Judenverfolgung von
1933 bis 1942. Diss., LMU München: Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften 2020, https://
edoc.ub.uni-muenchen.de/26506/ (11.11.2020).
41 Michael Pollak: Worte die töten, in: Leviathan 20, 1992, S. 395–419.
42 Lutz Raphael: Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitärer Herrschaft:
Weltanschauungseliten und Humanwissenschaftler im NS-Regime, in: Geschichte und Gesellschaft
27, 2001, S. 5–40.
43 Lutz Raphael: Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als eine methodische und konzeptionelle
Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22,
1996, S. 165–193.
44 Michael Wildt: Die Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des
Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002; Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über
Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989, 3. Auflage, Bonn 1996; Gerhard Paul (Hg):
Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche, Göttingen 2002
(Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte; 2).
45 Götz Aly/Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die Pläne für eine neue
europäische Ordnung, 2. Auflage, Frankfurt am Main 2013.
23Seite 56 von 75
sollen als eigengliedernde Elemente hervorgehoben werden, um sie von der Tätersprache
zu unterscheiden. Sie werden als Merkmal der Resistenz und Resilienz betrachtet.
Die zweite Linie, die an diese eher formal-strukturelle Gestaltungs- und Analyseebene
anknüpft, ist die Fokussierung auf die Gegenüberstellung von „Volksgenossen und
Gemeinschaftsfremden“, die in der Geschichtswissenschaft seit dem grundlegenden
Werk von Detlev K. Peukert Beachtung fand, und dessen Forschungsergebnisse seit
2010 zunehmend Berücksichtigung erfahren.46 Vor dem Hintergrund der Untersuchung
von Inklusions- und Exklusionsprozessen in der NS-Gesellschaft, die sich sowohl auf
der Ebene der Diskursen als auch der politischen Praktiken beobachten lassen, sollen
besonders die in den vergangenen zehn Jahren in der Forschung thematisierten
Semantiken der Volksgemeinschaft, und auch die Ideologeme und Sprachmuster wie
spezifisch nationalsozialistische Semantiken von Arbeit, der Einschluss (in die Deutsche
Arbeitsfront etwa) und Ausschluss (aus dem Berufsleben oder auch durch Formen von
Zwang) formulieren und entsprechend praktiziert wurden. Wegweisend sind hier jüngere
wissenschaftliche Untersuchungen, die die Gesellschaft und deren Prozesse in der
nationalsozialistischen Vergemeinschaftung zum Gegenstand haben.47
Die dritte Linie betrifft die wissenschaftliche-methodische und argumentative Linie. Die
Ausstellung folgt dem Motto „Die Welt ist das, was der Fall ist“ (Ludwig Wittgenstein).
Ausgehend von diesem Motto setzt sie methodisch und argumentativ auf die
engmaschige und detaillierte Fallrekonstruktion mit Methoden der Mikrohistorie, der
biographischen Forschung unter Einbeziehung von Dokumenten und Aussagen von
ZeitzeugInnen unterschiedlichster Provenienz. Die Perspektive soll die vorgenannten
strukturierenden und leitenden Linien der Ausstellung davor bewahren, ausschließlich
auf der Welt der Diskurse zu gründen. Da der Ansatz der vorgenannten Linien auf eine
sprachpragmatisch orientierte historische Semantik ausgerichtet ist, geraten
Sprachhandlungen in den Mittelpunkt der Betrachtung, die zu gesellschaftlich
inkludierender und exkludierender Praxis führten. Zentrale Voraussetzung der
46 Vgl. zu Detlev K. Peukert den Sammelband Rüdiger Hachtmann/Sven Reichardt (Hg.): Detlev K.
Peukert und die NS-Forschung, Göttingen 2015 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus;
31); insbesondere die Einleitung, dies.: Detlev Peukert revisited: Überlegungen zu seiner
biographischen Einordnung, in: ebd., S. 9–38; Ulrich Herbert: Arbeiterklasse und
Gemeinschaftsfremde. Die Gesellschaft des NS-Staates in den Arbeiten Detlev Peukerts, in: ebd., S.
39–48; Michael Wildt: Die Volksgemeinschaft nach Detlev Peukert, in: ebd., S. 49–68.
47 Michael Wildt/Frank Bajohr (Hg.): Volksgemeinschaft. Neuere Forschungen zur Gesellschaft des
Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009.
24Seite 57 von 75
Ausstellung ist deshalb kein diskursanalytischer, sondern ein handlungsorientierter
Ansatz. Die Perspektive bleibt dabei vom Ansatz der Mikropolitik und Mikrohistorie
geprägt, die die Akteure und das Handeln vor Ort in den Blick nimmt, die
mikropolitischen Strategien der Akteure vor Ort analysiert, sie dabei aber den
handlungsleitenden Ideologemen in der nationalsozialistischen Öffentlichkeit zuordnet.
Die vierte Linie ist die Betonung des „Gedächtnisses der Dinge“ (Detlef Hoffmann).48
Die Ausstellung präsentiert gezielt Objekte des alltäglichen Handelns, Relikte und Mittel
des Handelns von Verfolgten wie Tätern, die eine eigene Geschichte, jenseits der
präsentierten Dokumente und Fotografien erzählen bzw. anschaulich machen.
48 Detlef Hoffmann (Hg.): Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler, Frankfurt am
Main/New York 1998 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Instituts; 4). Zur Objektgeschichte vgl
jetzt auch die Ausstellung der Landeszentrale für politische Bildung NRW mit Objekten aus
Gedenkstätten des Arbeitskreises Gedenkstätten in NRW, dies. (Hg.): Mehr als kennt – näher als man
denkt, Düsseldorf 2020.
25Seite 58 von 75
4. Gedenkstättenpädagogik, Bildungsangebote und Öffentlichkeitsarbeit
Grundlagen der Gedenkstättenpädagogik
Die zuvor genannten Leitlinien prägen auch die Neuausrichtung des
gedenkstättendidaktischen Konzepts. Dieses didaktische Konzept wird im Zuge der
Neugestaltung überarbeitet, methodisch auf den neuesten Stand gebracht und an die neu
zu erschließenden Ausstellungsinhalte und die neuen inhaltlichen Vertiefungen
angepasst. Unterstützt wird die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte Bonn regelmäßig
seit 2004 durch das Referat Erinnerungskultur der Landeszentrale für politische Bildung
NRW. Außerdem besteht gegenwärtig eine Projektstelle, gefördert durch die BKM, die
sich der Bildungsarbeit im Bereich der verbandlichen Jugendarbeit widmet. Seit 2020
wurden eigene Social Media-Kanäle aufgebaut, die aktuell mit denen der Bundestadt
Bonn verknüpft wurden und somit die Verbreitung der Arbeit und der spezifischen
Bildungsformate der Gedenkstätte Bonn eine wesentlich höhere Reichweite erzielen und
neue und jüngere Zielgruppen erreicht werden. Diese Formen der Öffentlichkeitsarbeit
soll kontinuierlich ausgebaut und die Reichweite gezielt erhöht werden.
Für die Antragstellung haben die Haupt- und Ehrenamtlichen der Gedenkstätte Bonn in
mehreren Roundtables die Standards der Bildungsarbeit überprüft und die Aufgaben der
Bildungsarbeit vor dem Hintergrund der konzeptionellen Neuaufstellung der
Gedenkstätte neu definiert. Damit ist eine tragfähige Arbeitsgrundlage für die
Entwicklung neuer Formate und Inhalte der Bildungsarbeit gegeben.
Den zentralen Fokus bildet der Blick auf die Bonner Opfer (auch der „ortsfremden“) des
Nationalsozialismus. Ein neues Bildungsangebot soll die Inhalte zum
nationalsozialistischen „Klostersturm“ durch Rundgänge und Visualisierungen im
Außenbereich der Gedenkstätte entwickeln. Hierbei soll die Aufmerksamkeit auf die
Situation der Menschen gerichtet werden, deren Alltag unter strengen Regeln unter
Aufsicht stattfand und die täglich mehrere Kilometer zurücklegen mussten, um in der
Industrie umliegender Ortschaften (Dransdorf und Witterschlick) Zwangsarbeit zu
verrichten. Auch soll die Aufmerksamkeit auf die die verschiedenen Nutzungsformen
der Liegenschaften, nachdem sie konfisziert worden sind, die Vorgänge im Umfeld des
30. April 1941, die Aneignung des Hab und Guts des Klosters und die Verbringung der
Benediktinerinnen in andere Klöster des Ordens gelenkt werden. Auch der Blick für die
militärische Nachnutzung der Liegenschaft, nachdem die internierten Jüdinnen und
26Seite 59 von 75
Juden nach Theresienstadt, Sobibor, Majdanek und Maly Trostinez bei Minsk deportiert
worden waren, soll geschärft werden. Schließlich werden die Quellen zur Restitution des
Klosters in die Bildungsarbeit einbezogen und mit anderen Formen der Restitution und
Wiedergutmachung in Beziehung gesetzt.
Die bestehenden Angebote zur Verfolgung der Bonner Jüdinnen und Juden sowie
derjenigen aus dem Bonner Umland, die sich bislang auf das Zentrum der Stadt Bonn
und der (ins heutige Bonner Stadtgebiet eingemeindeten) Stadtteile beziehen, werden um
spezifische Angebote zum historischen Ort, zu Familien- und Einzelbiografien der
verfolgten und deportierten Jüdinnen und Juden im Ghettolager ausgeweitet. Dabei kann
auf langjährige Recherchen der Gedenkstätte Bonn von zahlreichen Lebensgeschichten
der im Ghettolager Inhaftierten zurückgegriffen werden. Die 2017 in der Gedenkstätte
Bonn erstellte Sonderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez – Geschichte und
Erinnerung in Bonn“ (Dokumentation in Vorbereitung) wird aktuell bei einem
transnationalen Kooperationsprojekt des IBB Dortmund und der Geschichtswerkstatt
Minsk mit jungen Erwachsenen aus Deutschland, Belarus und Österreich in die
Bildungsarbeit eingebunden und mit Hilfe der Kooperationspartner, Köln, Prag, Wien
und Minsk in Bildungsformate der Social Media und Face to Face überführt werden.
Ein zentraler Punkt der Angebote wird die Perspektive auf Strategien des Umgangs der
verfolgten Jüdinnen und Juden mit der Internierung umzugehen, sich etwa durch
Selbsttötung zu entziehen, in der Situation die kulturelle Eigenständigkeit zu bewahren
und die Versorgungslage des Ghettolagers Endenich durch Verhandlungen mit den
kommunalen Machthabern zu verbessern.
Am historischen Ort sollen neue Angebote zur Erschließung der spezifischen Bonner
„Topographie des Terrors“ entwickelt werden. Zu diesem Zweck werden
Workshopangebote entwickelt, die die stadträumliche Perspektive auf Endenich und die
Umwelt des Lagers richten. Workshops, die zu den Orten der Zwangsarbeit im Umfeld
des Ghettolagers führen, werden das Thema „jüdische Zwangsarbeit“ vertiefen und den
Kontext antijüdischer Politik, die ideologisch zwischen „deutscher“ bzw. „arischer“ und
„jüdischer“ Arbeit unterschied, einbeziehen. Darüber hinaus werden sie mit den
Aspekten der Geschichte der Arbeit, der Inklusion und Exklusion in der
nationalsozialistischen Arbeitspolitik verknüpft. Das Exkursionsformat kann methodisch
an gedenkstättenpädagogische Formate in der Auseinandersetzung mit dem
Jugendwiderstand anknüpfen, die 2020 für die Arbeit mit verbandlich gebundenen,
jugendlichen Zielgruppen als Pilot entwickelt wurden. Das bewusste Sehen und
27Seite 60 von 75
Wahrnehmung der Orte des historischen Geschehens stehen im Mittelpunkt dieser
Führungsangebote.49
Drittens sollen durch Formate, die im Innenstadtgebiet und in den Stadtteilen angeboten
werden, Nachhaltigkeitseffekte erzielt werden, etwa durch Wiedererkennen von Orten
des Terrors, der Stolpersteine und der damit verbundenen Problematiken, der
repräsentierten Opfergruppen, der Deportationsorte und deren Geschichte.
Viertens steht in der Arbeit mit Objekten das Erfahren von Alltagsobjekten aus dem NS
und der Nachkriegszeit im Mittelpunkt.50
Lernziele im Hinblick auf politisch(-historische) Bildung liegen in der Erziehung zu
Respekt und zum Demokratielernen. Die Wertigkeit und Würde eines jeden einzelnen
Menschen stehen im Mittelpunkt der Dokumentation und der Arbeit der Gedenkstätte.
Dies ist der Grund, weswegen die Gedenkstätte an Menschen erinnert, die dem NS aus
unterschiedlichen ideologischen Gründen verfolgt, vertrieben und/oder ermordet
wurden. Die Vermittlung von Werten im Sinne des Grundgesetzes schließt die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und deren Vermittlung ein. Über die
Menschenrechtsthematik und das Menschenrechtslernen soll für alle Formen der
Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sensibilisiert werden. Dabei werden die
spezifischen Aspekte des nationalsozialistischen „Weltanschauung“ nicht nivelliert,
sondern die besondere und von anderen Ausgrenzungsstrategien und an diese
anschließende Praxis des Antisemitismus differenziert betrachtet. Die Rolle des
Antisemitismus als hauptsächliche Staatsideologie gesellschaftliches Einstellungs- und
Deutungsmuster und auch der Charakter des Sozialrassismus, des Biologismus und das
Denken in den Kategorien der „Volksgemeinschaft“ sollen herausgearbeitet werden.
Dies ist auch ein Erfordernis im Umgang mit dem erstarkenden Rechtspopulismus, der
sich mittlerweile auch auf die Praxis in Gedenkstätten auswirkt.51
49 Julius Scharnetzky: Führungen an Orten mit nationalsozialistischer Vergangenheit, in: Elke
Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.):
Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin
2015, S. 237–250; Fabian Müller/Martina Ruppert-Kelly: Gelände erkunden. Virtuelle Medien bi der
Vermittlung in Gedenkorten, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa
Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-
Verbrechen, Berlin 2015, S. S 251–262.
50 Ronald Hirte: Dinge als Zeugnisse des Vergangenen, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried
Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis
der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 207–220.
51 Larissa Bothe/Ruth Wunnicke: Handlungsempfehlungen für den Umgang mit rechtspopulistischen
Äußerungen von Besucher*innen in Gedenkstätten und Erinnerungsorten. Eine Publikation von
Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Berlin 2019.
28Seite 61 von 75
Für die Zukunft wird die Vermittlung des quellenkritischen Blicks im Hinblick auf die
Medialisierung der Gesellschaft zu schärfen sein. Methodisch sollen die SchülerInnen
und andere Zielgruppen an Grundlagen der Quellenkritik auch im Hinblick auf
multimediale Quellen herangeführt werden, die sie entsprechend dem neuen
Ausstellungskonzept für politische Sprachen (Languages) sensibilisieren, den in der
Verfolgung der Jüdinnen und Juden und der anderen Verfolgtengruppen aktivierten
Ausschlusscharakter von Sprache durchschauen lassen und so ihr Blick für die
nationalsozialistische Propaganda und die damit verbundenen Feindbildkonstruktionen
geschärft werden. Dabei soll die Funktion von Begriffen sprachpragmatisch in den Blick
genommen werden, denn die Zukunft gewinnt, wer die Begriffe prägt. In diesem Sinne
soll auch für tradierte Sprachmuster aus der Zeit des Nationalsozialismus, besonders in
bürokratisierter Sprache, aber auch in alltagssprachlichen Sprachhandlungen
sensibilisiert werden.
Es besteht die Notwendigkeit, SchülerInnen an den Gebrauch von digitalen und
analogen Hilfsmitteln im Hinblick auf dieses quellenkritische Ziel heranzuführen, seien
es solche in der Bibliothek, auf dem mitgeführten Smartphone bzw. auf den in der
Gedenkstätte bereitgestellten Tablets. Dabei gilt es ebenfalls, die SchülerInnen für die
Quellen- und Medienkritik zu sensibilisieren, denn nicht jede Quelle im Internet ist
vertrauenswürdig. Wichtig ist aber, zu vermitteln: „Du kannst gewisse Dinge nur
erkennen und einordnen, wenn Du ein gewisses Vorwissen hast!“ Der Ausbau
multimedialer Angebote ist deshalb ein weiteres erklärtes Ziel der
gedenkstättenpädagogischen Arbeit. Ein Pilotprojekt wurde dazu 2020 realisiert, in dem
Sequenzen aus videografierten Zeitzeugeninterviews mit anderen biographischen
Quellen kontrastiert wurden. Dabei wird der Blick für die unterschiedlichen
Quellenformate geschult.
Die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen besaß bis vor kurzem einen hohen
Stellenwert für das Erfahrungslernen der Teilnehmerinnnen und Teilnehmer der
Bildungsarbeit. Vor dem Hintergrund, dass keine lokalen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen
für diese Arbeit mehr zur Verfügung stehen, wird die Gedenkstätte in der Bildungsarbeit
mit modernem Equipment zunehmend multimediale Angebote auf der Grundlage der
aufgezeichneten und zwischenzeitlich in einem Projekt digitalisierten Zeitzeuginnen-
und Zeitzeugeninterviews im Archiv der Gedenkstätte entwickeln. Die multimedialen
Präsentationen und neuzuentwickelnden Workshops orientieren sich überwiegend am
29Seite 62 von 75
biographischen und mikrohistorischen Ansatz vor Ort.52 Ausgebaut werden sollen in
diesem Zusammenhang im Zuge der Neukonzeption die Bildungsformate mit der 2. und
3. Generation aus Familien Überlebender.
Den Bildungsangeboten liegt ebenso wie der musealen Darstellung eine
multiperspektivische Auswahl an Quellen als Basis zugrunde, die einen
alltagsgeschichtlichen, fallrekonstruktiven und biographieorientierten Blick auf die
Dauerausstellung vertiefen. Diese Methodentrias bildet das Rückgrat der
Gedenkstättenarbeit in Darstellung, Dokumentation wie in der Bildungsarbeit. Der
mikrohistorische Blick entbindet aber nicht davon, die Zusammenhänge auf Reichsebene
und den Zwischenebenen zu reflektieren, zu erforschen und zu vermitteln. Hierzu trägt
insbesondere das Arbeiten mit Deportationsitineraren bei, die zukünftig neu hinzutreten
wird.
Die Gedenkstätte ist in ihrer Genese auch von Zugängen der Alltagsgeschichte und der
Geschichtswerkstättenbewegung geprägt, die nach dem Motto „Grabe, wo Du stehst?“
(Sven Lindqvist) verfahren sind.53 Dabei spielt die Arbeit mit Berichten von
ZeitzeugInnen und Selbstzeugnissen eine besondere Rolle.
Methodisch wird sich die Bildungsarbeit zukünftig noch stärker auf interaktives Arbeiten
unter Integration von Selbstlernzeiten (individuell oder in Selbstlerngruppen)
konzentrieren, bei denen die Teilnehmenden selbst die Gegenstände und Inhalte mit zur
Verfügung gestellten Materialien und Quellen erarbeiten. Dies stärkt die Motivation der
Lerngruppen, das Engagement in der Gruppe und die individuelle Auseinandersetzung
mit den Inhalten.
Die erarbeiteten Ergebnisse werden dann an die Peers in der Gruppe und die ganze
Lerngruppe weitergegeben. Mittelbar werden die Schülerinnen und Schüler und auch die
Beteiligten in Erwachsenengruppen, u. a. die Angehörigen verschiedener Berufsgruppen,
zu Multiplikatoren des Erlernten, die ihre Erfahrungen auch im nichtteilnehmenden
Kollegenkreis vermitteln.
52 Constanze Jaiser: Zeugenschaft in der Bildungsarbeit, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried
Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis
der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 221–235.
53 Sven Lindqvist: Grabe wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte, Bonn 1989.
Ein grundlegendes methodisches Handbuch ist auch Lutz Niethammer (Hg.): Lebenserfahrung und
kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“, Frankfurt am Main 1985. Zur zeitgenössischen
historischen Einordnung vgl. , Thomas Lindenberger/Michael Wildt: Radikale Pluralität.
Geschichtswerkstätten alspraktische Wissenschaftskritik, in: Archiv für Sozialgeschichte 29, 1989, S.
393-411; in wissens- und methodenhistorischer Perspektive vgl. Etta Grotian: Vorgeschichte, Vorbild
oder Sackgasse? Zur Historisierung der „neuen Geschichtsbewegung“ der Bundesrepublik der späten
1970er- und 1980er Jahre, in: WerkstattGeschichte 25, 2017, H. 75, S. 15-24.
30Seite 63 von 75
Auf allen Ebenen wird altersgemäß angepasst mit entsprechenden Quellen, aber auch
mit Objekten, die auf das „Gedächtnis der Dinge“ (Detlef Hoffmann) verweisen,
gearbeitet. Rücksichten müssen bei bestimmten Gegenständen natürlich auf
konservatorische Belange genommen werden.
Ein reflexives Format im Hinblick auf die eigene Gedenkstättenpraxis ist das „Interview
mit der Gedenkstätte“, das die Praxis der Gedenkstättenarbeit, der Erinnerungsarbeit und
-politik hinterfragt und die Beteiligten zur Stellungnahme auffordert: „Was ist eine
Gedenkstätte?“,„Was machst Du hier?“ dienen als Einstiegsfragen, um die eigene Praxis
zu reflektieren und Schülerinnen und Schüler an sie heranzuführen.
Die Bildungsarbeit der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn ist durch
eine arbeitsteilige Struktur, in der sich professionelle Gedenkstättenarbeit und
bürgerschaftliches Ehrenamt ergänzen, geprägt. Die bisherige pädagogische Arbeit der
Gedenkstätte Bonn arbeitet seit Beginn in Zusammenarbeit mit verschiedenen
bürgerschaftlichen Partnern und Bildungseinrichtungen zusammen. Diese Struktur, die
Professionalität und bürgerschaftliches Engagement verbindet, wird nach dem erfolgten
Übergang der Gedenkstätte in städtische Trägerschaft zum 1. Januar 2021 in den
Förderverein überführt, der aus dem Trägerverein hervorgegangen ist.
Fachlich kooperiert die Gedenkstätte Bonn mit dem Stadtmuseum und ist dem dem
Stadtarchiv organisatorisch zugeordnet, der Geschichtswerkstatt Bonn sowie der
Arbeitsgemeinschaft der Heimat- und Geschichtsvereine Bonn. Sie ist gut eingebunden
in überregionale Netzwerke, wie den Arbeitskreis Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen
und arbeitet eng mit anderen Gedenkstätten zusammen.54
Federführend koordiniert die Gedenkstätte Bonn die „Initiative zum Gedenken an die
Bonner Opfer des Nationalsozialismus“, in der zivilgesellschaftliche Vereine,
Institutionen, städtische Institutionen und die Synagogengemeinde vertreten sind. Mit
der örtlichen Polizei und der Verwaltungsfachhochschule sowie mit Berufsverbänden
und Kirchengemeinden bestehen enge Kooperationsbeziehungen. Vor allem arbeitet die
Gedenkstätte Bonn eng mit verschiedenen weiterführenden Schulen in Bonn, regional
und überregional (Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Gesamtschulen,
Berufsschulen, Förderschulen) zusammen, die regelmäßig zu Projekten und Workshops
54 Vgl. zur Geschichte und Entwicklung des Arbeitskreises Gedenkstätten und Erinnerungsorte in in
NRW Alfons Kenkmann: Mehr als man kennt – näher als man denkt, in: Landeszentrale für politische
Bildung NRW (Hg.): Mehr als kennt – näher als man denkt, Düsseldorf 2020, S. 16–26. Als Überblick
über den Arbeitskreis kann auch das Nachschlagewerk Arbeitskreis Gedenkstätten und
Erinnerungsorte in NRW e. V.: Geschichte in Verantwortung. NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte
in Nordrhein-Westfalen, Wuppertal-Münster 2015, gelten.
31Seite 64 von 75
in die Gedenkstätte kommen. Der Gedenktag am 27. Januar wird jeweils gemeinsam mit
jährlich jeweils einer anderen weiterführenden Bonner Schule sowie dem Theater der
Stadt vorbereitet und durchgeführt. Mehrere Schulen sind im Förderverein Mitglied.
Zielgruppen
Die Angebote richten sich an Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schulen:
Gymnasien, Gesamtschulen, Real-, Haupt-, Förderschulen ab achte Klasse sowie
Berufsschulen. Das Einzugsgebiet der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reicht dabei
weit über Bonn hinaus und sogar über Nordrhein-Westfalen. Die Formate werden
explizit auch im Zusammenhang mit Schüleraustauschen (Frankreich, Israel, Italien,
Polen) angeboten und dort regelmäßig nachgefragt. Gruppen junger Flüchtlinge
besuchen die Gedenkstätte. Durch die enge Vernetzung mit den christlichen
Kirchengemeinden kommen regelmäßig evangelische Konfirmandengruppen und
katholische Firmandengruppen. Auch mit Gruppen zur Vorbereitung der Jugendweihe
arbeitet die Gedenkstätte Bonn im Bildungsbereich zusammen.
Die Parteien (Ortsverbände, Ortsvereine ebenso wie die Stadtratsfraktionen) nutzen
ebenfalls die Bildungsangebote der Gedenkstätte Bonn, genauso wie
Erwachsenengruppen anderer Bildungsträger. Regelmäßig nehmen unterschiedliche
berufliche Zielgruppen (Krankenschwestern, Sozialarbeiter/innen, Lehrer/innen,
PolizistInnen) an berufsgruppen-bezogenen historischen Bildungsangeboten teil.
Den Studierenden unterschiedlicher Fächer bietet die Gedenkstätte Bonn universitär
ausgerichtete Workshops an und berät ergänzend regelmäßig Seminar- und
Abschlussarbeiten, die mit Materialen und Quellen aus dem Archiv und der Bibliothek
der Gedenkstätte angefertigt werden. Darüber hinaus wirkt die Gedenkstätte auch an der
Berufsbildung mit und bildet Praktikantinnen und Praktikanten aus. Schließlich berät die
Gedenkstätte Schülerinnen und Schüler bei der Abfassung von Facharbeiten.
32Seite 65 von 75
5. Gegebenheiten vor Ort: Räumliche Struktur und Gestaltung
Die inhaltliche Neuausrichtung der Gedenkstätte Bonn ist mit einem Umzug an den
historischen Ort des Ghettolagers Endenich verbunden, der eine neue Konzeption der
räumlichen Nutzung am historischen Ort voraussetzt. Ziel ist es, die Gegebenheiten am
historischen Ort sichtbar zu machen. Der vorgesehene Ort für die Gedenkstätte befindet
sich im Wirtschaftsgebäudekomplex des Klosters Endenich, dessen historische
Bausubstanz weitgehend erhalten ist. Die räumliche Gestaltung soll es möglich machen,
die Strukturen vor Ort wahrzunehmen.
Die übrige historische Bebauung, die durch Kriegsschäden verursacht in der
Nachkriegszeit saniert wurde, soll in ihrer orträumlichen Erstreckung erfahrbar gemacht
werden. Die Gestaltung sieht vor, die bislang auch architektonische Trennung des
Wirtschaftsgebäudekomplexes vom übrigen historischen Ort räumlich hervorzuheben
und durch einen eigenen Eingang und ein Foyer zu erschließen. Zur Orientierung über
das übrige Gelände des Ghettolagers wird ein historisches Gebäudemodell erstellt, das in
die Dauerausstellung integri

Gekürzt — den vollständigen Text enthält das PDF.

Folgen Neue Vorlagen, Sitzungen und Auswertungen aus dem Bonner Rat — im Fediverse, ohne Konto lesbar.

bonn.social/@biz ↗
Im ALLRIS öffnen ↗

Datenstand: 02.11.2026, 19:07 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de