210686 · Beschlussvorlage
Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn auf das Gelände des ehemaligen Klosters in Bonn-Endenich
Kerndaten
- Nummer
- 210686
- Art
- Beschlussvorlage
- Veröffentlicht
- 07.06.2021
- Letzte Änderung
- 19.09.2026
Beratungsfolge
- Sitzung des Ausschusses für Finanzen, Beteiligungen und Vergabe Empfehlung
- Sitzung des Rates Entscheidung federführend
- Sitzung des Kulturausschusses Empfehlung
- Sitzung des Betriebsausschusses SGB Empfehlung
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Beschlussvorlage öffentlich 210686 Die Oberbürgermeisterin Federführung: 41 Kulturamt Dezernat: Dez. IV Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS- Dokumentationszentrum Bonn auf das Gelände des ehemaligen Klosters in Bonn-Endenich Beratungsfolge Kulturausschuss 08.06.2021 Empfehlung Ausschuss für Finanzen, Beteiligungen und Vergabe 09.06.2021 Empfehlung Betriebsausschuss SGB 23.06.2021 Empfehlung Rat 24.06.2021 Entscheidung Beschlussvorschlag Die Verlagerung der Gedenkstätte auf das Gelände des ehemaligen Klosters Endenich wird weiterverfolgt. Die Verwaltung wird beauftragt, alle Klärungen im Zusammenhang mit einem eventuellen Bau und Umzug von Gedenkstätte und NS- Dokumentationszentrum Bonn auf das Gelände des ehemaligen Klosters Endenich herbeizuführen und dem Rat einen Beschlussvorschlag für die konkrete Umsetzung vorzulegen. Um eine verifizierbare Kostenschätzung vornehmen zu können, sind zunächst Architekten und Fachplaner zu beauftragen. Hierfür werden zunächst Planungsmittel in Höhe von 200.000 € bereitgestellt. Begründung Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum sind seit dem 01.01.2021 in städt. Trägerschaft. Bereits im Jahr 2017 kam der bisherige Trägerverein auf die Stadt zu und bat um Unterstützung für das Vorhaben, die Gedenkstätte auf das Gelände des ehemaligen Klosters in Endenich zu verlagern. Das Erzbistum Köln als Grundstückseigentümer hat dem damaligen Oberbürgermeister Sridharan im Oktober 2018 seine Zustimmung zur Unterbringung der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Endenich erklärt und diese Zusage gegenüber der Verwaltung auf NachfrageSeite 1 von 75 Seite 2 im März 2021 bestätigt. Die Umsetzung könnte durch Abschluss eine Erbpachtvertrages mit Kauf des Gebäudes oder Anmietung durch die Stadt, die inzwischen Träger der Gedenkstätte ist, und Erzbistum erfolgen. Das Erzbistum möchte allerdings nicht selber bauen. Der Trägerverein erhielt von der Landeszentrale für politische Bildung NRW im Jahr 2019 eine Bewilligung von Projektmitteln i.H.v. 60.000 EUR für Inhaltliche, bauliche und kalkulationstechnische Vorarbeiten zur Errichtung einer Gedenkstätte am historischen Standort in den Wirtschaftsgebäuden des ehemaligen Klosters in Endenich. Mit diesen Mitteln wurde ein Projektmitarbeiter eingestellt und mit der Erstellung eines Gutachtens für den beabsichtigten Förderantrag zur finanziellen Unterstützung der Baumaßnahme an die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) beauftragt. Außerdem wurden von einem Architekten ein erster Flächennachweis erstellt. Die Ergebnisse dieser Vorarbeiten sind als Anlagen 1 und 2 beigefügt. Kurz-Zusammenfassung der inhaltlichen Vorarbeiten: Der Standort befände sich in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, deren Zustand weitestgehend dem Originalzustand vor 1945 entspricht und deren nachträgliche Umbauten zurückgebaut werden können. Es handelt sich hierbei um einen Standort mit verschiedenen Alleinstellungsmerkmalen: o Die mehrmonatige Nutzung eines Klosters als Internierungslager an sich ist einzigartig, die Dauer der Nutzung/ Internierung stellt eine weitere Besonderheit dar. o Endenich war nach jetzigem Forschungsstand das einzige Ghettolager im Westen, noch dazu in einem beschlagnahmten Kloster, so dass einer zukünftigen Gedenkstätte an diesem Ort überregionale, ja nationale Bedeutung zukommt (Voraussetzung für eine (Mit)Finanzierung durch den Bund). Die derzeitige Ausstellung würde sich am neuen Standort ändern, um den Gegebenheiten Rechnung zu tragen: o Der Ort würde im Hauptraum thematisiert werden – Klosternutzung, Ghettolager, Nachkriegsnutzung, Internierte und Kirchengeschichte o Die anderen sechs Ausstellungsräume werden die Täter – und Opferperspektive der einzelnen Opfergruppen thematisieren. Neu hinzukommen wird die Institutionsgeschichte und die Nachkriegsperspektive (Erinnerungskultur in der Bundesrepublik/ Bundeshauptstadt Bonn) o Fazit des Gutachtens: In Endenich wird eine deutliche Verbesserung der Raumsituation erreicht werden (größere Ausstellungs- und Veranstaltungsräume) was zu einem großen Bedeutungszuwachs für die Gedenkstätte und die Erinnerungskultur der Bundestadt führenSeite 2 von 75 Seite 3 wird. Gelegentlich wird die zentrumsferne Lage der zukünftigen Gedenkstätte als Argument gegen dieselbe ins Feld geführt. Die Besuchererhebungen anderer Gedenkstätten (bundesweit) zeigen, dass auch ein etwas abseitiger Standort sich keineswegs nachteilig auf das Besucherinteresse auswirkt - im Gegenteil wirkt sich ein historischer Standort diesbezüglich positiv aus. Bauliche und kalkulationstechnische Vorarbeiten Ein erstes Planungskonzept wurde durch einen vom früheren Trägerverein beauftragten Architekten in 2019 erstellt. In der Fortführung dieses Konzepts wären zunächst statische und technische Randbedingungen zu klären. Die erforderliche Teilungsvermessung durch ein Vermessungsbüro wurde in 2019 im Auftrag des Erzbistums durchgeführt. Das Erzbistum ist hier in Vorleistung getreten. Sollte es nicht zu einem Bau kommen, muss die Stadt dem Erzbistum die Kosten erstatten. Nach Durchführung einer europaweiten Ausschreibung für die Beauftragung eines Architekten könnte mit der Planung begonnen werden. Eine verifizierbare Kostenangabe liegt noch nicht vor. Hierfür sind zunächst Architekten und Fachplaner zu beauftragen. Hierfür wären zunächst Planungsmittel in Höhe von 200.000 € bereitzustellen. Die Schätzung der Einrichtungskosten liegt bei rd. 1 Mio. EUR. Noch nicht beziffert werden können evtl. anfallende Kosten für zusätzliches Personal der Gedenkstätte zur Erstellung der neuen Ausstellung. Darüber muss aber noch abschließend entschieden werden. Zu klären ist, ob das nicht von den vorhandenen MA geleistet werden kann. Wenn die Gedenkstätte aus dem Viktoriakarree ziehen muss und es dann keinen Interimsstandort gibt, stünde das gesamte Personal für Umzug und Neukonzeption zur Verfügung. II. mögliche bzw. noch zu klärende Förderungen: Bund: o Die Frist zur Beantragung von Mitteln nach der Gedenkstättenkonzeption des Bundes endet am 31. August eines Jahres. o Voraussetzung ist ein Finanzierungskonzept für das gesamte Projekt einschließlich der Umbau- und Sanierungsarbeiten, bei dem von Land und Kommune Mittel in derselben Höhe eingebracht werden, wie sie beim Bund beantragt werden. o Voraussetzung ist ferner, dass der zukünftigen Gedenkstätte an diesem Ort überregionale, ja nationale Bedeutung zukommt. o Außerdem muss der nachhaltige Betrieb gesichert sein. o Ein - noch so gutes - inhaltliches Konzept allein reicht für die Antragstellung nicht aus.Seite 3 von 75 Seite 4 Land: o Landeszentrale für politische Bildung NRW keine Förderung von baulichen Maßnahmen inhaltliche Förderung möglich: Ausstellungskonzeption und –bau Pädagogische Konzeption und päd. Programme (Rundgänge, Schulungen etc.) inhaltliche Forschung und Arbeiten ergänzend zum Konzept und zur Ausstellung (Grundlagenforschung) o LVR (ob Förderung von Baumaßnahmen möglich ist, muss noch geklärt werden) o NRW-Stiftung o Mittel aus "Heimat"-Topf Nach entsprechender Beschlussfassung müssen zunächst weiterführende Planungsarbeiten unter Berücksichtigung der bereits vom Verein als ehemaligem Träger der Gedenkstätte geleisteten Vorarbeit erstellt werden. Hierfür wären zunächst Planungsmittel in Höhe von 200.000 € bereitzustellen. Anschl. sind Erbpachtverhandlungen durch das Amt 03 mit dem Erzbistum aufzunehmen. Abhängig von der zeitlichen und finanziellen Planung sind Fördermittel bei Bund und Landschaftsverband und evtl. weiteren Fördergebern zu beantragen. Beabsichtigte Antragstellung BKM bei entsprechendem Planungsfortschritt: 31.08.2022 Anlagen: Planung Waldorf und Konzept Dr. Platz Finanzielle Auswirkungen: Produktgruppe Produktgruppenbezeichnung Produkt Produktbezeichnung 01.29 Gebäudemanagement Bonn 1.20.10.01.29.01 Gebäudemanagement Bonn Investive Kosten der Maßnahme Betrag Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen 200.000 € (2021) 604300 200.000 € Gesamthaushalt Einzahlungen Investiver Finanzsaldo 200.000 € (2021)Seite 4 von 75 Seite 5 Konsumtive Kosten der Maßnahme jährlich einschließlich Folgekosten Betrag Finanzstelle / FiPos Veranschlagt in Noch bereit- zustellen Deckung Auszahlungen / Aufwendungen Einzahlungen / Erträge Haushaltsbelastung jährlich Anlage/n 2 Planung Waldorf (öffentlich) 3 Konzept Dr. Platz (öffentlich)Seite 5 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Standort - LuftbildSeite 6 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Standort - AnbindungSeite 7 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Standort - ParkplätzeSeite 8 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Standort - UmgebungSeite 9 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Fassaden BestandSeite 10 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Erdgeschoss BestandSeite 11 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Dachgeschoss Bestand KAPELLENSTRASSESeite 12 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Details 1 BestandSeite 13 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Details 2 BestandSeite 14 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. 5000 Historische Planung Kuhstände 1909Seite 15 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Historische Planung Kuhstände 1910 5000/5001 Historische Planung Kuhstände 1910Seite 16 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Historische Planung Pferdestall 1911 5000/5001 Historische Planung Pferdestall 1911Seite 17 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Referenzen - Jüdisches Museum MünchenSeite 18 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Referenzen - Jüdisches Museum MünchenSeite 19 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Referenzen - Gedenkstätte DüsseldorfSeite 20 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Referenzen - Yad VashemSeite 21 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Modell Bestand 5000/5001 Modell Bestand 5000/5001 Modell Bestand Erdgeschoss DachgeschossSeite 22 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de EINFAHRT PRIESTER- SEMINAR ZUGANG GEDENK- STÄTTE KAPELLENSTRASSE PARKPLATZ GEDENKSTÄTTE 3 PKW ODER 1 REISEBUS EINGANG BESUCHER ZUGANG MITARBEITER ZUR MARTERKAPELLE 5000/5001/9980 Erschließung GedenkstätteSeite 23 von 75 VERWALTUNG AUSSTELLUNG EINGANG SEMINARRAUM WC Foyer Flur 14m² WC 14m² WC 13m² Seminarraum 172 m² Verwaltung 52m² Besprechung 19m² Leitung 21m² Foyer 66m² Flur 6m² Küche 6m² Aus. 18m² Aus. 22m² Aus. 68m² Aus. 51m² Eingang 59m² Theke Aus. 20m² Bibiliothek 29m² Lager 16m² WC 7m² Archiv 20m² Aus. 17m² Garderobe Ausstellung 17m² Aus. 20m² WC 12m² Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 3501/3502/3503/3551/3552/3553/3600/5000/5001 Grundriss Schema V1 OBERGESCHOSS 1/200 ERDGESCHOSS 1/200Seite 24 von 75 VERWALTUNG AUSSTELLUNG EINGANG SEMINARRAUM WC Foyer Treppe Seminarraum 195m² WC 6m² WC 6m² Lager 10m² Foyer 43m² Archiv 23m² Leitung 21m² Verwaltung 52m² Flur 10m² Gedenkraum 30m² WC 15m² WC 15m² Ausstellung 73m² Austellung 53m² WC 7m² Bibliothek 29m² Besprech 17,5m² Austellung 47m² Küche Flur 15m² Flur 9m² Flur 3,3m² Eingang 69m² Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 3322/3325/3332/3334/3600/5000/5001 Grundriss Schema V2 ERDGESCHOSS 1/200 OBERGESCHOSS 1/200Seite 25 von 75 Ausstellung 68 m² Ausstellung 11 m² Ausstellung 22 m² Ausstellung 20 m² Ausstellung 17 m² Eingang 49 m² Ausstellung 22 m² Flur 20 m² Archiv 29 m² WC WC WC WC Flur 6 m² Ausstellung 22 m² Lager 6 m² PUMI 4 m² Gedenkraum 17 m² Gedenkraum 18 m² Bibliothek 30 m² Besprechung 22 m² Flur 7 m² Flur 17 m² Terrasse 14 m² WC 7 m² WC 7 m² Verwaltung+Leitung 70 m² Seminarraum 179 m² Foyer 35 m² Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de VERWALTUNG AUSSTELLUNG EINGANG SEMINARRAUM WC Foyer 3580/3581/3600/5000/5001 Grundriss Schema V3 Erdgeschoss 1/200 Obergeschoss 1/200Seite 26 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 3303/3304/3305/3306/3307/3555/3556/3557/3558/3559 Flächenvergleich V1 - V3 3303/3304/3305/3306/3307/3555/3556/3557/3558/3559 Flächenvergleich V1 - V3 170 m² DAUERAUSSTELLUNG 139 m² VERWALTUNG 60 m² Raumprogramm - m² - m² EG OG 202 m² 149 m² 194 m² 43 m² 68 m² 172 m² 66 m² EG OG 218 m² 189 m² 58 m² FOYER GEDENKSTÄTTE FOYER VERSAMMLUNG VERSAMMLUNGSRAUM 202 m² 179 m² 215 m² 49 m² 35 m² Variante 1 Variante 2 Variante 3Seite 27 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Perspektive Saal 1Seite 28 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 3600/5000/5001 Perspektive Saal 2Seite 29 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Perspektive GedenkraumSeite 30 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Perspektive SeminarraumSeite 31 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Perspektive VerwaltungSeite 32 von 75 Projektstudie Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e.V. waldorfplan Architekturbüro Dipl. Ing. Martin Waldorf Kapellenstr.48 53115 Bonn T: 0049 228 3905915 info@waldorfplan.de 5000/5001 Perspektive BesprechungSeite 33 von 75 Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn e. V. Dr. Johannes Platz Endenich – ein Ghettolager im Westen Antrag 1Seite 34 von 75 1. Kurzzusammenfassung Am historischen Ort des Ghettolagers Endenich, in dem die Bonner Jüdinnen und Juden ab Juni 1941 bis Juli 1942 interniert waren, soll die Gedenkstätte Bonn neu aufgestellt werden. Zentral ist der Blick auf die Opfer des NS, der ergänzt wird um die Perspektive auf die Täter. Auf mikrohistorischer Ebene soll in konzeptioneller Erweiterung der bisherigen Perspektive auf die Verfolgten des Nationalsozialismus in Bonn auch die Geschichte der Täterinnen und Täter integriert werden. Dabei wird das Ghettolager Endenich, das im Juni 1941 gegründet wurde und der Konzentration der Jüdinnen und Juden sowie der Vorbereitung ihrer Deportation diente, im Zentrum der Darstellung stehen. Methodisch fokussiert die Darstellung auch auf die Konzepte und Ideen, die Leitbilder und Leitbegriffe der volksgemeinschaftlichen Ideologie, die für die Täterinnen und Täter handlungsleitend waren. Auf der Quellengrundlage der Dokumentation der Gedenkstätte und der Erweiterung des quellenmäßigen Zugriffs durch den Übergang der Gedenkstätte in städtische Trägerschaft und die organisatorische Eingliederung in den Geschäftsbereich des Stadtarchivs als Forschungs- und Vermittlungseinrichtung wird die Quellenbasis in der Konzeptions- und Erarbeitungsphase der neugestalteten Ausstellung erheblich erweitert. Ziel der Neugestaltung der Ausstellung ist es, die Gedenkstätte nach den Grundsätzen einer modernen und gegenwartsbezogenen Public History neu aufzustellen. Dabei fällt besonders ins Gewicht, dass sie zukünftig an einem historischen Ort lokalisiert werden soll. Dieser historische Ort ist das erwähnte, von der Gestapo 1941 beschlagnahmte Kloster Mariahilf der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung in Bonn-Endenich. In ihm wurde ein Ghettolager eingerichtet. Ende April 1941 konfiszierte die Gestapo Außenstelle Bonn im Verlauf des sogenannten „Klostersturms“ das Kloster Mariahilf und zwang die dort lebenden Nonnen im Verlauf eines Tages, das Kloster zu verlassen. Ab Juni 1941 wurden Bonner Jüdinnen und Juden und solche aus dem Bonner Umland, die dort unter Aufsicht der Gestapo und innerhalb einer Struktur der Selbstverwaltung, wie sie für die Ghettos typisch war, interniert. Wie andere Sammellager, die in der jüngeren Forschung verstärkte Aufmerksamkeit erfahren, diente es der Vorbereitung der Deportationen, jedoch war die Internierungsdauer von bis zu einem Jahr länger als in vielen vergleichbaren 2Seite 35 von 75 Sammellagern. Die räumliche Konzentration und die Deportationen stellten entsprechend dem Hilbergschen Modell des „Vernichtungsprozesses“ notwendige, aber nicht alleine hinreichende Stufen innerhalb dieses Prozesses dar. Deshalb sollen die Vorstufen in Bonn und im Umland und die nachfolgenden Stufen im Osten ebenfalls Gegenstand der Ausstellung sein. Insgesamt wurden die im Lager Endenich Internierten in vier Schüben im Juni und Juli 1942 deportiert. Die insgesamt 479 internierten Jüdinnen und Juden im Ghettolager Endenich wurden über das Kölner Messelager in Deutz vom Bahnhof Deutz mit den von dort ausgehenden Deportationszügen nach Theresienstadt, Sobibor und Majdanek sowie Maly Trostinez verbracht. In letzteren Lagern wurde sie nach Eintreffen ermordet. Die Deportation, die in Sobibor und Majdanek endete, hatte zunächst den Zielort Lublin: von dort kamen 100 Menschen ins nahe gelegene Vernichtungslager Majdanek und 700 Menschen ins weiter entfernt gelegene Vernichtungslager Sobibor nordwestlich von Lublin. Auch die in das Ghettolager Theresienstadt verbrachten Jüdinnen und Juden wurden im weiteren Verlauf der Deportationen in andere Lager ermordet. So überlebten lediglich 13 der 479 in Endenich internierten und aus Bonn deportierten Jüdinnen und Juden die Shoah. Darüber hinaus wurden auch nicht im Ghettolager internierte Bonner Jüdinnen und Juden deportiert; z. B. nach Litzmannstadt in einer früheren Deportation im Oktober 1941. Die Gedenkstätte für das Ghettolager Endenich besitzt in der der deutschen und internationalen Gedenkstättenlandschaft ein Alleinstellungsmerkmal, insofern sie auch die Vorgeschichte der Konfiskation im nationalsozialistischen „Klostersturm“ thematisiert. Reichsweit wurden ca. 300 Klöster und kirchliche Liegenschaften beschlagnahmt. Es wäre in Zukunft die einzige Gedenkstätte in einer solchen Liegenschaft. Auch unter den Gedenkstätten, die sich in Deutschland und international mit Stätten der Deportationen der Jüdinnen und Juden bzw. der Sinti und Roma befassen, hebt es sich als Ghettolager dadurch hervor, dass es an Internierte, die im Lager bis zu gut einem Jahr festgehalten worden sind, erinnert, also eben keine reine „Durchschleusungsinstitution“ war. Die Internierten waren gezwungen unter einer Struktur der Selbstorganisation und -verwaltung zu leben. Schließlich wird die Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik in der Bundeshauptstadt bzw. Bundesstadt Bonn zu einem weiteren neuen Gegenstand der Darstellung, in dem die Verschränkung von Bundes- und Lokalpolitik betont wird. 3Seite 36 von 75 Der Idee, die Gedenkstätte und das NS-Dokumentationszentrum an einem historischen Ort neu zu gestalten, liegt ein langer Prozess zugrunde. Erste Impulse gingen von einer Sonderausstellung der Gedenkstätte Bonn 1992 aus. In den folgenden Jahren wurden die Kontakte zum Kloster Mariahilf und nach dessen Auflösung 2001 mit dem dort nun angesiedelten Priesterseminar vertieft sowie Kontakte zum Erzbistum geknüpft. Im Verlauf von Begegnungswochen und Schülerworkshops arbeitete die Gedenkstätte an neuen, partizipationsorientierten Formaten ihrer Bildungsarbeit unter Einbeziehung des historischen Ortes. Leitung, MitarbeiterInnen und Vorstand der Gedenkstätte prüften ab 2016 verschiedene alternative historische Orte auf die Eignung als Lokalität einer Gedenkstätte an einem der Bonner historischen Orte. Dabei wurde intensiv der Forschungsstand, die Eigentumsverhältnisse, die Gegebenheiten vor Ort, mögliche räumliche Lösungen und die Erschließung in einem intensiven und vertieften Vorgehen verglichen. Schließlich wurde der Standort in Endenich favorisiert. Nach einer architektonischen Projektstudie im Jahr 2019, bei der die Bausubstanz auf ihre Eignung geprüft wurde, konnte 2020 schließlich mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung NRW ein Projekt realisiert werden, um inhaltliche und konzeptionelle Vorarbeiten zu einer Neugestaltung der Gedenkstätte am historischen Ort zu erarbeiten. Auf dieser Grundlage wurde die These, dass es sich beim Sammel- und Internierungslager „Kapellenstraße 6“ – unter diesem Namen firmierte das Lager – um ein „Ghettolager im Westen“ (Astrid Mehmel) handelte, auf einer internationalen Tagung der Arolsen Archives zur Geschichte der Deportationen im November 2020 zur Diskussion gestellt.1 1 Johannes Platz: Ein Ghettolager im Westen. Das Sammel- und Deportationslager im konfiszierten Klostergebäude in Bonn-Endenich, Paper zur Konferenz „Deportationen im Nationalsozialismus: Quellen und Forschungen“ der Arolsen Archives am 2.–4. November 2020 (online).; Astrid Mehmel: „Auch Endenich ist vielleicht noch das Ende nich“, [Ms. abgeschlossen]. 4Seite 37 von 75 2. Spezifik des historischen Ortes und seiner Geschichte Alleinstellungsmerkmale Die Gedenkstätte am historischen Ort des Ghettolagers Endenich weist Alleinstellungsmerkmale im Hinblick auf die Geschichte und die Vorgeschichte der Deportationen auf. Gegenüber anderen historischen Orten der Deportation wie der geplanten Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof in Hamburg und Mahnmalen an Sammel- und Deportationslagern hebt sich der historische Ort des Ghettolagers Endenich aufgrund der Dauer der Internierung der Jüdinnen und Juden von bis zu über einem Jahr hervor. Die Vermittlung der historischen Gegebenheiten in einem „Ghettolager im Westen“ sind ein Alleinstellungsmerkmal in der bundesdeutschen Gedenkstättenlandschaft. Dies findet darin seinen Ausdruck, dass die Jüdinnen und Juden stärker in eine Struktur der Selbstverwaltung und Selbstorganisation unter den Zwangsbedingungen des Ghettolagers eingebunden waren. Hier werden die Bemühungen des Vorsitzenden des Ghettolagers, die Internierten zu ernähren und versorgen in die Darstellung einfließen. Die Lebenswelt und der Alltag im Lager unterschied sich auch erheblich von anderen Orten der Konzentration von Jüdinnen und Juden, wie den Ghettohäusern, den sogenannten Judenhäusern, insofern sie eine größere Gemeinschaft bildeten. Im Alltag mussten die internierten Jüdinnen und Juden Zwangsarbeit leisten. Die jüngsten Befunde zum Ghettolager Endenich ergänzen den neueren Forschungsstand zur Ghettoforschung im Osten und den heute als Ghettohäuser verstandenen „Judenhäusern“.2 Als historische Bausubstanz, die der Gedenkstätte Bonn als Lokalität dienen könnte, ist auf der Liegenschaft des Klosters Endenich der Wirtschaftsgebäudekomplex erhalten geblieben. Es hat nur geringfügige Veränderungen in der Nachkriegszeit erfahren, die laut der Expertise des Architekten Martin Waldorf aufgrund der Baustruktur die nötigen Voraussetzungen bietet, um die neugestaltete Dauerausstellung, die Räume für Verwaltung und Infrastruktur der Gedenkstätte aufzunehmen, ohne den historischen Charakter des Ortes aufzuheben. Der Rückbau von nachträglichen Einbauten ist denkmalsgerecht möglich. 2 Als wegweisend gilt in der jüngeren Ghettoforschung Andrea Löw: Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, 2. Auflage, Göttingen 2010. 5Seite 38 von 75 Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal besäße eine Gedenkstätte am historischen Ort des Klosters Endenich im Hinblick auf die Geschichtsschreibung des nationalsozialistischen „Klostersturms“. Es bildet dabei einen herausgehobenen Ort unter den etwa 300 beschlagnahmten Klöstern und anderen katholischen Liegenschaften, weil es an diese Repressionswelle erinnern würde. Die Klostergemeinschaft der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung wurde 1941 Opfer des antiklerikalen Kampfes Himmlers und der Nationalsozialisten. Es wäre die einzige Gedenkstätte in einer solchen in den 1940er- Jahren konfiszierten Liegenschaft. Dies ist gerade im Hinblick auf die landesgeschichtliche Erinnerung in Nordrhein-Westfalen von Bedeutung. Darüber hinaus besitzt es Ausstrahlung, was die Aktivitäten in allen katholischen Gebieten des Deutschen Reichs betrifft. Innerhalb der Gesamtheit der konfiszierten Liegenschaften sticht das Kloster ebenfalls hervor, da die Nutzung als Ghettolager sich von anderen, verbreiteteren Nutzungen der konfiszierten Gebäude unterscheidet. Diese wurden in großer Zahl als Umsiedlerlager der Volksdeutschen Mittelstelle und als Lazarette im Kriegseinsatz genutzt; in einigen wurden in der Nachkriegszeit DP-Camps eingerichtet. Hervorzuheben ist, dass die Gedenkstätte im Ghettolager Endenich schließlich eine herausgehobene Rolle einnimmt, insofern sie in der Bundesstadt Bonn angesiedelt ist. Dies ermöglicht, die Vergangenheits- und Erinnerungspolitik im Bund lokal wie in der Funktion Bonns als Hauptstadt zu thematisieren. Zum einen hatte die erst zögerlich sich entwickelnde Erinnerungspolitik, bei der auf eine Phase des Beschweigens in den 1950er-Jahren die allmähliche Zunahme erinnerungspolitischer Aktivitäten folgte und sich in parlamentarischen Debatten und Entscheidungen manifestierte, nur ein bescheidenes Gewicht in der hauptstädtischen Repräsentation. Dies lag auch daran, dass sich für die Erinnerungspolitik und -kultur die Vergangenheitspolitik der Regierung als hemmend erwies, insofern diese neben normativen Abgrenzungen gegenüber dem Nationalsozialismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit und bis in die 1960er-Jahre auf die Integration ehemaliger, vorgeblich demokratisch gewendeter Nationalsozialisten setzte. Diese Vergangenheitspolitik in den einzelnen Ministerien in der Bundeshauptstadt Bonn ist in den vergangenen Jahren verstärkt ins öffentliche und wissenschaftliche Interesse gerückt, so dass einzelne Bundesministerien selbst die NS-Geschichte der Vorgängerinstitutionen und die Nachgeschichte in der jungen Bundesrepublik von unabhängigen Historikerkommissionen untersuchen ließen. 6Seite 39 von 75 Rückwirkungen hatte die anfangs formelhafte und ritualisierte Erinnerungskultur nicht zuletzt auf der kommunalen Ebene und in der Interaktion zwischen dem federführenden Bundesministerium des Innern und der Stadtverwaltung der Bundeshauptstadt Bonn. Forschungsstand und Quellenlage Im Folgenden wird die Forschungs- und Quellenlage zum Sammellager in der Kapellenstraße 6 in Bonn-Endenich dargestellt und erörtert, inwiefern es sich bei diesem Lager um ein „Ghettolager im Westen“ gehandelt hat. Ein Ghettolager war es, weil die internierten Jüdinnen und Juden dort anders als in den anderen Deportationslagern, etwa in Berlin, auf die Dauer von bis zu einem Jahr interniert waren, zur Zwangsarbeit gezwungen wurden und es Strukturmerkmale, insbesondere der Selbstverwaltung unter der Aufsicht der Gestapo aufwies, die es mit den großen Ghettolagern im Osten teilte. Zwar sind die Größenordnungen verschieden, aber dennoch trägt das Lager in der Kapellenstraße die Züge eines Ghettolagers. In der Gedenkstättenlandschaft in Deutschland, insbesondere im Vergleich zu Mahnmalen und Gedenkstätten, die sich mit der Deportation von Jüdinnen und Juden – sowie Sinti und Roma – befassen ist dies ein Alleinstellungsmerkmal. Typologie der Lager Das Lager Endenich lässt sich in die Typologie der NS-Lager wie folgt verorten. Aufgrund der aufgezwungenen Selbstverwaltung und Selbstorganisation unter der Leitung des Bonner Rechtsanwaltes Siegmund Meyer betrachtet die Gedenkstätte Bonn das Lager Endenich als Ghettolager, denn es war weitaus mehr als ein kurzzeitiges Lager, im Durch- und Übergangsprozess zur Ermordung der Jüdinnen und Juden. Dieter Pohl arbeitet im abschließenden Band des Sammelwerkes „Der Ort des Terrors“ die Strukturmerkmale der Ghettos aus, die der Absonderung der Jüdinnen und Juden von der übrigen Bevölkerung dienten. Die Ghettoisierten wurden einem strengen Arbeitszwang unterworfen. Michael Wildts Überlegungen zur Geschichte der nationalsozialistischen Lager unterscheidet von den Funktionen her Inklusion und Exklusion als analytische Leitbegriffe, denen er den Vernichtungszweck der 7Seite 40 von 75 Vernichtungslager zur Seite stellt.3 Das ermöglicht ihm, die Vielfalt der Lager in der nationalsozialistischen Gesellschaft zu analysieren, die eben nicht nur die Zwangslager umfasste, sondern auch inkludierende Lager, die der Stärkung der „Volksgemeinschaft“ und damit vergemeinschaftenden Zwecken dienten. Die Vergemeinschaftung und die damit verbundene Ausgrenzungspolitik der „Gemeinschaftsfremden“ wird ein leitender Gesichtspunkt der Neugestaltung der Ausstellung. Hier kann an den jüngeren Forschungsstand der Forschungen zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ angeknüpft werden. Die NS-Politik der „Vergemeinschaftung“ und die damit verbundene Ausgrenzung soll ein zentraler Aspekt und leitender Gesichtspunkt in der Ausstellung sein. Damit wird an den aktuellen Forschungsstand zum Verständnis der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ als „Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im ‚Dritten Reich‘“ angeknüpft werden angeknüpft.4 Auch die Ghettoisierung in Endenich stärkte in dieser Form die Volksgemeinschaft der Nicht-Ausgeschlossenen, wie Sandra Dentler zeigt. Der Gegensatz zwischen der volksgemeinschaftlichen Integration und dem Zweck des Ausschlusses der Juden wird in dieser Fallstudie hervorgehoben, weil sich der Ausschlusscharakter des Ghettolagers Endenich mehrfach in den Quellen findet.5 Die räumliche Konzentration in Sammel- und Deportationslagern, aber auch die räumliche Separierung der Jüdinnen und Juden in eigenen Judenhäusern, die sie isolierten und konzentrierten, ist ein Bestandteil und ein Strukturmerkmal des von Raul Hilberg beschriebenen Prozesses der „Vernichtung der europäischen Juden“.6 Der exkludierende Charakter des Ghettolagers Endenich liegt offen zu Tage und findet sich auch in den Quellen. NSDAP-Kreisleiter Cuno Eichler fasst die Funktion des Lagers wie 3 Michael Wildt[/Marc Buggeln]: Lager im Nationalsozialismus. Gemeinschaft und Zwang, in: Wildt, Michael: Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte, Berlin 2019 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 223–268; vgl. auch den vergleichend angelegten Band von Bettina Greiner/Alan Kramer (Hg.): Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013. 4 Detlef Schmiechen-Ackermann (Hg.): ‚Volksgemeinschaft‘: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im ‚Dritten Reich‘, Paderborn 2012 (Nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘; 1); Dietmar van Reeken/Malte Thießen (Hg.): ‚Volksgemeinschaft als soziale Praxis‘. Neue Forschungen zur NS-Gesellschaft vor Ort. Paderborn 2013 (Nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘; 4); schließlich ist der bilanzierende Sammelband zu nennen, Detlef Schmiechen_ Ackermann/Marlis Buchholz/Bianca Roitsch/Christiane Schröder (Hg.): Der Ort der ‚Volksgemeinschaft‘ in der deutschen Gesellschaftsgeschichte, Paderborn 2018 (Nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘; 7). 5 Sandra Dentler „Volksgemeinschaft“ in Bonn. Die Bonner Gesellschaft und die Judenverfolgung von 1933 bis 1942, München 2020, https://edoc.ub.uni-muenchen.de/26506/, S. 187–219. 6 Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., Frankfurt am Main 1990. 8Seite 41 von 75 folgt zusammen: „Wir wollen die Juden ganz aus dem Stadtbild der Stadt Bonn ausschließen.“7 Forschungsstand Zur Geschichte des Klosters Mariahilf als beschlagnahmte Liegenschaft liegen Untersuchungen von Marcel Albert und von eher populärwissenschaftlicher Natur von Herbert Weffer vor. Sie erlauben die Rekonstruktion der Geschichte der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung.8 Die Ereignisse um die Beschlagnahme des Klosters durch die Bonner Gestapo finden Berücksichtigung in Annette Mertens umfassender Studie zu „Himmlers Klostersturm“, die die Prozesse in den Kontext der nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen gegen die katholische Kirche stellt und deren Weg bis zu den Wiedergutmachungsverfahren der Nachkriegszeit zeichnet.9 Deportationslager sind in den vergangenen Jahren verstärkt in der zeitgeschichtlichen Forschung thematisiert worden. Diese belegt die Bedeutung und unterstreicht den Plan, die Gedenkstätte Bonn an einem solchen historischen Ort einzurichten. Zum Vergleich mit anderen Sammel- und Deportationslagern laden die Arbeiten von Akim Jah zum Berliner Sammellager im jüdischen Altenheim in der Großen Hamburger Straße,10 von Philipp Dinkelacker zum Berliner Sammellager in der Synagoge in der Levetzowstraße, sowie der Sammelband, der aus einer Ausstellung über die verschiedenen Sammellager in Wien von Dieter J. Hecht, Michaela Raggam-Blesch und Heidemarie Uhl 7 NSDAP, Gau Köln-Aachen, Kreisleitung Bonn, Kreisleiter Eichler an das Wirtschafts- und Ernährungsamt, Abt. B, der Stadt Bonn, Bonn, 11.08.1941, in Archiv der Gedenkstätte Bonn, Ordner Ausstellung Endenich. Zur „Vernichtung durch Arbeit“ vgl. Michael Wildt: „Arbeit macht frei“. Zugehörigkeit, Ausgrenzung, Vernichtung durch Arbeit im Nationalsozialismus, in: Wildt, Michael: Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte, Berlin 2019 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 199–222. Zur Semantik und Praxis von deutscher Arbeit und ihren gedachten Gegensätzen vgl. Asster, Felix/Lelle, Nikolaus (Hg.): „Deutsche Arbeit“. Kritische Perspektiven auf ein ideologisches Selbstbild, Göttingen 2018; Buggeln, Marc/Wildt, Michael (Hg.): Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014; Schatz, Holger/Woeldike, Andrea: Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion, Münster 2001 (Reihe antifaschistischer Texte; 9). 8 Weffer, Herbert: Endenich. Die Geschichte eines Bonner Vorortes, Bonn-Endenich 1987. Herbert Weffer: Das Kloster Mariahilf der Benediktinerinnen und die Marterkapelle in Bonn-Endenich, Bonn- Endenich 2001; 9 Annette Mertens: Himmlers Klostersturm: der Angriff auf katholische Einrichtungen im Zweiten Weltkrieg und die Wiedergutmachung nach 1945, Paderborn 2006 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen; 108). 10 Akim Jah: Die Deportation der Juden aus Berlin. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und das Sammellager Große Hamburger Straße, Berlin 2013 (Studien zum Nationalsozialismus); Dinkelaker, Philipp: Das Sammellager in der Berliner Synagoge Levetzowstraße 1941/42, Berlin 2017 (ZeitgeschichteN; 18). 9Seite 42 von 75 hervorgegangen ist, ein.11 Gemeinsam ist diesen bekannteren Sammel- und Deportationslagern und den bislang vernachlässigten Lagern, dass sie im wesentlichen temporären Charakter hatten und die Internierten vorrangig zum Zweck der Vorbereitung ihrer Deportation aufnahmen. Die Jüdinnen und Juden blieben für die Zeit der Internierung dem Prozess der so genannten „Durchschleusung“ im Verlauf einiger Tage unterworfen. Dabei wurde das Gepäck durchsucht, vor allem aber das Vermögen der Jüdinnen und Juden in Vermögenserklärungen erfasst und zur späteren Einziehung sowie die Deportation selbst vorbereitet. Von diesen Lagern unterscheidet sich das Lager Endenich durch die langwährende aufgezwungene Selbstorganisation und die Internierungsdauer von bis zu über einem Jahr. Es liegen Arbeiten zu den Deportationen, die zwischen 1938 und 1945 von Köln-Deutz ausgingen, insbesondere aber auch zum Messelager Köln-Deutz, vor. Das Messelager Deutz und der Bahnhof Köln-Deutz waren die letzten Stationen für die in Endenich internierten Jüdinnen und Juden unmittelbar vor der Deportation, ebenso wie das Internierungslager Köln-Müngersdorf.12 Regional fällt noch das ländliche Internierungslager in Much im heutigen Rhein-Sieg-Kreis, dem früheren Landkreis Bonn ins Gewicht, wozu ein Gedenkbuch von Bruno Reifenrath vorliegt und vereinzelt lokalhistorische Beiträge.13 Das Überblickswerk von Albert Gottwald und Diana Schulle 2005 bietet Einblicke in die Grunddaten der Deportationen, die aus dem Deutschen Reich abgingen.14 Dieter Corbach hat einen Teil der Deportationslisten der Deportationen, die von Köln-Deutz gen Osten gingen, rekonstruiert. Sie sind nach der letzten Wohnadresse, die im Falle des Ghettolagers Endenich „Kapellenstraße 6“ lautete, recherchierbar. Für die Kölner Deportationen steht im Kölner NS-DOK (EL-DE-Haus) eine Datenbank der Deportationsopfer bereit; die Gedenkstätte und NS- Dokumentationszentrum Bonn e. V. verfügt ebenfalls über eine eigene Datenbank zu den von Bonn aus Deportierten, die den Forschungsstand von Corbach wesentlich erweitert. 11 Dieter J. Hecht/Michaela Raggam-Blesch/Heidemarie Uhl (Hg.): Letzte Orte. Die Wiener Sammellager und die Deportationen 1941/42, Wien/Berlin 2019. 12 Dieter Corbach: Sechs Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938–1945, Köln 1999 (Spurensuche jüdischen Wirkens; 6); Carola Fings: Messelager Köln. Ein KZ-Außenlager im Zentrum der Stadt, Köln 1996 (Schriften des NS-Dokumentationszentrms der Stadt Köln; 3). Zum anderen Kölner Internierungslager in Köln Müngersdorf siehe Kurt Schlechtriemen: Opfer des Nationalsozialismus in Köln-Müngersdorf, Köln 2017. 13 Bruno H. Reifenrath: Die Internierung der Juden in Much. Ein Buch des Gedenkens, Siegburg 1982 (Veröffentlichung des Geschichts- und Altertumsvereins für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis; 15); Jan Tiemann: Warten auf die „Sonderbehandlung“. Die Internierung der Juden aus dem Siegkreis, im Sammellager Much vor 70 Jahren, in: Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises 27, 2012, S. 72–77. 14 Alfred Gottwald/Diana Schulle: Die Judendeportationen aus dem Deutschen Reich von 1941–1945, Wiesbaden 2005. 10Seite 43 von 75 International ist die Dauerausstellung und die Gedenkstätte des Sammel- und Deportationslagers Kazerne Dossin vergleichend in die Konzeptentwicklung für eine zukünftige Gedenkstätte am historischen Ort in Bonn-Endenich einbezogen worden, weil hier ein wegweisendes, wenn auch nicht unumstrittenes Beispiel der Gedenkstättenarbeit vorliegt, das die NS-Geschichte der Deportationen und der Judenverfolgung mit Querschnitten durch die internationale Menschenrechtsgeschichte verknüpft.15 Außerdem wurde die projektierte Anlage des Gedenkortes Hannoverscher Bahnhof in Augenschein genommen. Quellenlage Die Quellenlange ist disparat. Eine eigene Überlieferung des Ghettolagers Endenich existiert nicht mehr. Es finden sich Hinweise in Beständen von Behörden, die mit dem Ghettolager Endenich zu tun hatten, im Stadtarchiv. Dort findet sich auch das Hausbuch des Klosters. Es existieren dort auch die sogenannte Hausliste, die die Aufnahme in das Ghettolager und einige Grunddaten, wie den letzten Wohnort dokumentiert sowie die Deportation. Diese Liste ist bei Neugebauer 1964 ediert. Hinzu kommen ZeitzeugInnenberichte, etwa solche, die im Verlauf von Wiedergutmachungsverfahren zustandekamen, die die die Internierung und die Deportation zum Gegenstand hatten. Es existieren darüber hinaus einige wenige ZeitzeugInnenberichte von nichtjüdischen BesucherInnen des Lagers. Besonders hervorzuheben sind die Berichte der Überlebenden Else Waldmann und Anneliese Nossbaum, geb. Winterberg, Dora Philippson, Ada Levy und anderen sowie die zahlreichen Briefe von Ruth Hadassah Herz an ihren Onkel in Palästina und die weiterer Gefangener aus dem Ghettolager in 15 Zur Geschichte der Kazerne Dossin als NS-Sammel- und Deportationslager vgl. Markus Meckl: Wartesaal vor Auschwitz: Das Lager Mechelen (Malines), in: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Terror im Westen. Nationalsozialistische Konzentrationslager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940–1945, Metropol, Berlin 2009, S. 39–49; Laurence Schram: L‘antichambre de Auschwitz. Dossin, Bruxelles 2017; Insa Meinen: Die Shoah in Belgien, Darmstadt 2009; Andreas Pflock: Auf vergessenen Spuren. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg. Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2006; Materialien der Gedenkstätte Kazerne Dossin: Kazerne Dossin (Hg.): Kazerne Dossin. Memorial, Museum and Documentation Centre on Holocaust and Human Rights, Mechelen 2012; Kazerne Dossin (Hg.): Kazerne Dossin. Holocaust - Mensenrechten, Gent 2019. Die Problematik solcher Kontextualisierungen, wie sie besonders in Verknüpfungen postkolonialer Forschungen mit Holocaustforschung auftritt, hat Steffen Klävers nachdrücklich aufgezeigt. Die damit verbundenen Probleme reichen von logischen und historischen Inkonsistenzen der Argumentation bis zu Relativierungen der Shoah, vgl. ders.: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze der Holocaustforschung, Berlin/Boston 2019. 11Seite 44 von 75 den Archiven von Yad Vashem, der Gedenkstätte und des Stadtarchivs Bonn sowie im der Gedenkstätte bekannten Privatbesitz. Die Geschichte des historischen Ortes: Die Gemeinschaft Kapellenstraße 6 in Endenich – Ein Ghettolager im Westen Der „Klostersturm im Rheinland“ Die Entscheidung der Gestapo, ein Lager im Kloster Mariahilf der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung einzurichten, erfolgte während des sogenannten „Klostersturms“, bei dem die Nationalsozialisten katholische Ordensgebäude konfiszierten und für ihre Zwecke als Lazarette, Kliniken, „Umvolkungslager“ und im Endenicher Fall als Ghettolager einrichteten bzw. verwendeten. Dazu vertrieben sie die Ordensgemeinschaften von ihren angestammten Besitzungen. Der Begriff „Klostersturm“ stammt aus den Quellen und wurde von den Leidtragenden dieser Politik verwendet. Einer der Schwerpunkte dieser Politik lag im Rheinland. Das Kloster in Endenich, das 1857 gegründet wurde, gehörte der Kongregation der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament an. Das Kloster bewirtschafte landwirtschaftliche Flächen und verfügte über einen eigenen, heute noch erhaltenen Wirtschaftsgebäudekomplex, in dem die Gedenkstätte Bonn Raum finden soll.16 Im April 1941 fiel die Entscheidung der Gestapo, das Kloster zu konfiszieren und am 30. April 1941 beschlagnahmte die Gestapo Außenstelle Bonn das Kloster Mariahilf in Bonn- Endenich handstreichartig.17 16 Vgl. Weffer: Kloster Maria Hilf; Pars nostra ad Pedes ejus. Unser Anteil zu seinen Füßen. 100 Jahre Benediktinerinnen der ewigen Anbetung, Bonn 1857, Bonn-Endenich 1957, Rhede [1957]; Gelobt und angetet sei ohne Ende. 21.11.1857-21.11.1982. Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung Bonn [1982]; Anja Ostrowitzki: Bonn, in: Marcel Albert (Bearbeiter): Frauen mit Geschichte. Die deutschsprachigen Klöster der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament, Str. Ottilien 2003 (Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens; 42), S. 59–103. 17 Annette Mertens: Klostersturm im Rheinland 1940–1942, in: LVR-Portal Rheinische Geschichte http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/klostersturm-im-rheinland- 1940–1942/DE-2086/lido/57d1363aa733c3.96098249#toc-23. 12Seite 45 von 75 Von diesem Vorgang berichtet eine Quelle, das handschriftliche Hausbuch des Klosters, ausführlich. Sechs Gestapobeamte zwangen die Nonnen, die Vorbereitungen zur Räumung des Klosters innerhalb weniger Stunden zu treffen. Die Nonnen wurden mit Bussen samt weniger tragbarer Habe in andere Klöster überführt. Das restliche Inventar wurde mit dem Klostergebäude und der Kasse des Klosters konfisziert.18 Im Zusammenhang der Vertreibung aus dem Kloster verlegte die Gestapo auch kranke und pflegebedürftige Nonnen. Das Wirtschaftspersonal, das zwei Knechte der angeschlossenen Landwirtschaft umfasste, blieb an Ort und Stelle. Erinnerungsgeschichtlich ist interessant, dass in zwei Festschriften zum hundertjährigen und hundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Endenicher Benediktinerinnen zwar diese Vertreibung während des „Klostersturms“ Erwähnung findet, die im Folgenden beschriebene Weiternutzung des Klosters als Ghetto-/Sammel- und Deportationslager jedoch mit nur knappen Worten beschrieben ist, wohingegen die Zerstörung des Klosters in Folge eines alliierten Bombardements breiter referiert wird, die auf die anschließend an die Lagernutzung stattgefundene Wehrmachtsnutzung des Gebäudekomplexes als Funkstation zurückzuführen ist.19 Bemerkenswert ist allerdings auch, dass die Benediktinerinnerinnen in den genannten Festschriften das Sammel- und Deportationslager bereits als „Ghetto“ bezeichneten. Die Internierung und Konzentration der Bonner Jüdinnen und Juden Ab Juni 1941 erging der Befehl an Bonner Jüdinnen und Juden und Jüdinnen und Juden aus dem Bonner Umland, sich sukzessive im Klostergebäude, das für ca. 120 Nonnen ausgelegt war, einzufinden. Dies war der letzte Aufenthaltsort nach der bereits erfolgten Konzentration der Jüdinnen und Juden in Judenhäusern, bevor sie etwa ein Jahr später deportiert wurden. Bei den ab 1941 internierten Jüdinnen und Juden handelte es zunächst sich um Bonner Jüdinnen und Juden. Ab Jahresbeginn 1942 folgten Jüdinnen und Juden aus Beuel, Bad 18 Zum allgemeinen Vorgang und der Vorgehensweise der Gestapo vgl. ebd. Vgl. auch Auszug aus dem Hausbuch der Benediktinerinnen zur Ewigen Anbetung vom 30.4.1941, Kopie in Akte Endenich, Archiv der Gedenkstätte Bonn. 19 So ist es jedenfalls in der Festschrift vom zum 100-jährigen Jubiläum der Benediktinnrinnen in Bonn- Endenich verzeichnet. Vgl. Pars nostra ad Pedes ejus. Unser Anteil zu seinen Füßen. 100 Jahre Benediktinerinnen der ewigen Anbetung, Bonn 1857, Bonn-Endenich 1957, Rhede [1957], S. 21–23; Gelobt und angebetet sei ohne Ende. 21.11.1857-21.11.1982. Benediktinerinnen von der ewigen Anbetung Bonn [1982], S. 22–25. In der Broschüre zum 125. Jubiläum findet auch die Gedenktafel, die am Gebäude am 8. November 1981 angebracht wurde, Erwähnung, die von Oberbürgermeister Dr. Hans Daniels enthüllt wurde. 13Seite 46 von 75 Godesberg, Ludendorf, Meckenheim und Rheinbach aus dem Kreis Bonn-Land. Noch kurz vor Auflösung des Lagers traf ein Transport aus Euskirchen ein. Im Lager Endenich herrschten die Rahmenbedingungen einer Struktur der Selbstverwaltung, wie sie für die Ghettos typisch war.20 Unter dem Vorsitz Siegmund Meyers, eines Bonner Rechtsanwaltes, der schon zuvor verantwortliche Positionen in der Jüdischen Gemeinde Bonns übernommen hatten, lebten die internierten Jüdinnen und Juden unter Zwangsbedingungen, jedoch trug die verordnete Selbstverwaltung dazu bei, dass sie zentrale Aspekte des Lebens im Ghettolager organisieren konnten und dabei ihre bescheidenen Gestaltungsspielräume nutzen konnten. Den Jüdinnen und Juden, von denen ungefähr 40 % Zwangsarbeit verrichten mussten, war der Ausgang aus dem Internierungslager zu anderen Zwecken nur begrenzt erlaubt. Die Zwangsarbeit erfolgte unter anderem bei der Müllabfuhr, der Stadtreinigung, im Straßenbau, in den Tongruben von Witterschlick, in der Wandplattenfabrik Wessels in Ransdorf und der Stadtreinigung.21 Von den 378 mit Stand vom 24. April 1942 Internierten leisteten 154 Ghettobewohner Zwangsarbeit. Der Anteil der Zwangsarbeit leistenden Männer lag bei 97 Personen, der Anteil der Frauen bei 57. Der überwiegende Anteil war zu schwerer Zwangsarbeit gezwungen, galt mithin als SchwerarbeiterIn.22 Allerdings war das Lager nach außen hin nicht vollständig abgeschottet, so dass Besuch von ehemaligen Nachbarinnen und Nachbarn sowie Freundinnen und Freunden außerhalb des Lagers mit Einschränkungen empfangen werden konnte, wovon einige ZeitzeugInnen berichten. Die Familien wohnten auf beengten und kleinen Zimmern zusammen, teils mit eigenem Mobiliar. Die Stimmung im Lager sei sehr schlecht gewesen, berichten ZeitzeugInnen. 20 Vgl. Dieter Pohl: Ghettos, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.) Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager. Sonderlager, Zigeunerlager. Zwangsarbeiterlager, München 2009, S. 161–191. Michael Wildt, Michael[/Marc Buggeln]: Lager im Nationalsozialismus. Gemeinschaft und Zwang, in: Wildt, Michael: Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte, Berlin 2019 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), S. 223–268. Bettina Greiner/Alan Kramer (Hg.): Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013. 21 Hierzu existieren Zeitzeugenberichte u. a. von Else Waldmann und Briefe von Ruth Hadassah Herz. Vgl. hierzu Ruth Schlette: „Ich hoffe trotzdem bald in Palästina ein neues Leben anfangen zu können. Ruth Hadassah Herz (1925–1942) und ihre Briefe, in: Bonner Geschichtsblätter 51/52, 2001, 122– 175. Darüber hinaus dokumentieren Fotos die Zwangsarbeit. 22 Gemeinschaft Bonn Kapellenstraße 6, an das Wirtschafts- und Ernährungsamt der Stadt Bonn, z. Hd. des Herrn Berndt, Bonn, 24. April 1942, Archiv der Gedenkstätte Bonn, Ordner Ausstellung Endenich. 14Seite 47 von 75 Selbstverwaltung und Versorgung Zur Selbstverwaltung zählte die Aufgabe, die Nahrungsmittelversorgung sicherzustellen. Hierzu haben sich als Quellen Schriftwechsel mit städtischen Ämtern und von öffentlich-rechtlichen Körperschaften, Kammern und Innungen sowie der NSDAP- Kreisleitung erhalten, in denen von städtischer Seite rigide mit Siegmund Meyer um Quoten und Warenverkehr gerungen und Meyer mit Geschick versuchte, diesem entgegenzuwirken. Meyer verglich Mengen und Quoten akribisch mit Zuteilungen der internierten Jüdinnen und Juden in Köln, um eine bessere Versorgungssituation auszuhandeln. Die veranschlagten und gelieferten Nahrungsmittel wurden mit dem Vermögen der internierten Jüdinnen und Juden verrechnet, mussten demzufolge von ihnen selbst bezahlt werden. Dies ist durchaus eine Form der Enteignung. Es war aus der Sicht der nationalsozialistischen Machthaber und Verantwortlichen nicht ihre Aufgabe, als Urheber der Internierung für die Internierten zu sorgen, sondern deren eigene Aufgabe, diese am kontingentierten und kontrollierten Markt einzukaufen. Auch über individuelle Möglichkeiten des Einkaufs zu reglementierten Tageszeiten innerhalb ausgesprochen schmaler Ausgangszeitkorridore verhandelte Siegfried Meyer. Hierbei kam die rigide Haltung der Geschäftseigner den Intentionen der nationalsozialistischen Machthaber entgegen. Wie andere Sammellager, die in der jüngeren Forschung verstärkte Aufmerksamkeit erfahren, diente das Ghettolager Endenich dazu, die Deportationen vorzubereiten, jedoch war die Internierungsdauer bis zu einem Jahr länger als in vielen vergleichbaren Sammellagern. Die räumliche Konzentration und die Deportationen stellten entsprechend dem Hilbergschen Stufenmodell des „Vernichtungsprozesses“ notwendige, aber nicht hinreichende Stufen innerhalb dieses Prozesses dar.23 Erste Deportationen von Jüdinnen und Juden fanden im Laufe der Monate Dezember 1941 und Januar 1942 statt, bei denen 72 Internierte in Kölner Lager bzw. ein Altersheim überstellt wurden. Die im Lager Endenich Internierten wurden im Juni am 14./15. Juni sowie am 19./21. und 27. Juli 1942 deportiert.24 Die insgesamt 479 internierten Jüdinnen und Juden im Ghettolager Endenich erhielten den Deportationsbefehl. In Köln wurden sie zur 23 Vgl. Raul Hilbergs knappe Zusammenfassung der Struktur des Vernichtungsprozesses in ders.: Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., Bd. 1, Frankfurt am Main 1990, S. 56–66. 24 Vgl. Gottwald/Schulle: Die „Judendeportationen“, S. 216–219, S. 243, S. 303. 15Seite 48 von 75 unmittelbaren Vorbereitung der Deportation nach einem Transport mit Bussen und Lastwagen, bei dem sie bescheidenes Deportationsgepäck mitführen durften, für einen kurzen Zeitraum in das Messelager Köln-Deutz zur sogenannten „Durchschleusung“ eingewiesen.25 Von dort deportierte man sie mit den vom Köln-Deutzer Bahnhof ausgehenden Deportationszügen nach Sobibor und Majdanek, Theresienstadt, Minsk/Maly Trostinez.26 Die Deportation, die in Sobibor und Majdanek endete, hatte zunächst den Zielort Lublin: von dort kamen 100 Menschen ins nahe gelegene Vernichtungslager Majdanek und 700 Menschen ins weiter entfernt gelegene Vernichtungslager Sobibor nordwestlich von Lublin.27 Von den 479 in Endenich internierten und aus Bonn deportierten Jüdinnen und Juden überlebten lediglich 13 die Shoah. Darüber hinaus wurden auch nicht im Ghettolager internierte Bonner Jüdinnen und Juden deportiert; z. B. nach Litzmannstadt in einer früheren Deportation im Herbst 1941. 28 Das zurückgelassene Mobiliar und Vermögen, dessen Wert nach der Räumung des Klosters im Juli 1942 mit 80.000,-- bis 100.000,-- RM beziffert wurde, wurde versteigert und durch das Finanzamt verwertet. 25 Corbach, Dieter: Sechs Uhr ab Messe Köln-Deutz. Deportationen 1938–1945, Köln 1999 (Spurensuche jüdischen Wirkens; 6); Fings, Carola: Messelager Köln. Ein KZ-Außenlager im Zentrum der Stadt, Köln 1996 (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln; 3). 26 Petra Rentrop: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto in Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez, Berlin 2011, S. 203, S. 206ff.; Corbach: 6.00 Uhr ab Köln-Deutz, S. 143ff; Corbach: 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz, S. 157–171. Zu Sobibor vgl. Yitzhak Arad: Belzec, Sobibor, Treblinka. The Operation Reinhard Death Camps, Bloomington 1999; Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka, Hamburg 2013 (Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts); Stephan Lehnstaedt: Der Kern des Holocaust: Bełżec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt, München 2017; Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibór, 3. Auflage, Münster 2018 (Reihe antifaschistischer Texte). Zu Theresienstadt klassisch H. G. Adler: Theresienstadt. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Göttingen Wallstein 2012 (= 2. Auflage 1960); Wolfgang Benz: Theresienstadt. Täuschung und Vernichtung, München 2013. Anna Hájková: The Last Ghetto. An Everyday History of Theresienstadt, Oxford 2020. 27 Gottwaldt/Schulle: Die „Judendeportationen“, S. 216–219. 28 Vgl. Astrid Mehmel: „Auch Endenich ist das Ende nich“, [Manuskript, in Vorbereitung]. 16Seite 49 von 75 Fazit Die Gemeinschaft Kapellenstraße 6 lässt sich als „Ghettolager im Westen“ beschreiben. Insbesondere die Verantwortung der Selbstorganisation, die in der Organisation des Alltags beginnend bei der Ordnung des Lagers durch Kontrolle des Ein- und Ausgangs ergab und die unmittelbare Verantwortung für Fragen der Versorgung, deren Kosten die jüdische Lagergemeinschaft aus ihrem Vermögen tragen mussten und bei denen ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach keine Vergünstigungen für den Bezug in Großhandelsmengen eingeräumt wurden, macht deutlich, dass das Lager den Charakter und bestimmte Funktionsbereiche eines Ghettolagers hatte. Der antisemitische Charakter der Versorgungspolitik und die Einhaltung dieses Charakters in wirtschaftlicher Hinsicht (Ausschluss von Großhandelspreisen) und die exkludierende Form (Ausschluss aus der Stadt) werden in den Quellen mehrfach als Zweck der Internierung angegeben. Es gibt zwar Hinweise, jedoch steht noch offen zu klären, inwieweit die Gefangenen die Internierten auch in kulturellen und rituellen Fragen Formen von Selbstständigkeit und Selbstorganisation bewahren konnten. Es gibt eindeutige Belege in ZeitzeugInnenberichten (etwa von Anneliese Nossbaum geb. Winterberg), dass die Gemeinschaft Kapellenstraße 6 eine Form von Beschulung organisierte. Diese setzte die Tätigkeit der Jüdischen Schule (gegründet 1934/35) fort, an der Anneliese Winterbergs Vater Siegfried Winterberg, der die Beschulung im Ghettolager ausübte, bereits Lehrer gewesen war. Laut Erlass hatte die Beschulung jüdischer Kinder zum 1. Juli 1942 zu enden, also kurz vor der Deportation. Ob der jüdische Kultus insgesamt eingehalten werden konnte, ist unsicher. Es gibt ZeitzeugInnenberichte, die von jüdischen Gottesdiensten berichten. Sicher ist, dass die Verantwortlichen im Wirtschafts- und Ernährungsamt keine religiösen Rücksichten nahmen und den Leiter der Gemeinschaft auch samstags, also am Schabbat, zu Besprechungen, einbestellten. Alle erwähnten Eigenständigkeiten können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zwangsgemeinschaft im Ghettolager Endenich über beinahe keine Handlungsspielräume verfügte, was die Mitwirkung bei der Organisation der Deportation betraf, sondern dass Siegmund Meyer gezwungen war, die Listen für die Transporte fristgemäß zu liefern und so deportierten die Nazis am Ende das ganze Ghettolager und es mutet prophezeiend an, dass der Bonner Professor Dr. Felix Haussdorff, der sich kurz vor seiner dortigen Internierung das Leben nahm, in seinem Abschiedsbrief schrieb: „Auch Endenich ist noch vielleicht das Ende nicht!“ 17Seite 50 von 75 Die Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik in der Bundeshauptstadt und der Bundesstadt Bonn Die Anfänge der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit liegen in Bonn im Zusammenhang mit der Wiedergutmachung auch in der Jüdischen Gemeinde Bonns. Anders als in den durch die Shoah dezimierten größeren jüdischen Gemeinden wie etwa Münchens Jüdischer Gemeinde konnte sich die Jüdische Gemeinde, auch angesichts der sehr kleinen Zahl überlebender Juden keine eigene Kommission leisten, die die Verbrechen dokumentierte. Die jüdische Gemeinde steuerte aber ihre Expertise in Wiedergutmachungsverfahren bei.29 In der Bonner Mehrheitsgesellschaft, in den Bundesbehörden und Ministerien war die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gering ausgeprägt. Die Mehrheitsgesellschaft reflektierte die vergangenen Ereignisse nicht. Beschweigen, Abwehr und Verdrängung überwogen zunächst, was auch mit der Reintegration von ehemaligen Nationalsozialisten zusammenhing. Der Zeitzeugenbericht von Jens-Jürgen Ventzki, der als Kind des ehemaligen NS- Oberbürgermeisters von Litzmannstadt/Lodz Werner Ventzki dort sowie in Berlin und Bonn aufgewachsen ist, dokumentiert die Situation und den Einfluss einiger Nationalsozialisten in Bonn eindringlich. Der ehemalige Oberbürgermeister, der mit den NS-Besatzungsverhältnissen eng vertraut war, war auf hoher Ebene im Ministerium des von Theodor Oberländer geführten Vertriebenenministeriums tätig.30 Institutionell war das Bonner Seminar für Politische Wissenschaften, an dem seit 1959 der Hochschullehrer Karl Dietrich Bracher lehrte, von Bedeutung. Die ersten wissenschaftlichen Anstöße, den Nationalsozialismus zu analysieren, stammten in hohem Ausmaß aus der Politikwissenschaft. Bracher wurde mit seinen Klassikern über den Niedergang der Weimarer Republik und „Die deutsche Diktatur“ stilprägend für die Bonner Schule der Politikwissenschaften. Ihm und seinem Kollegen Hans-Adolf 29 Zur frühen Beschäftigung mit der Shoah vgl. Regina Fritz/Éva Kovács/Béla Rásky (Hg.): Als der Holocaust noch keinen Namen hatte. Zur frühen Aufarbeitung des NS-Massenmordes an den Juden,/Before the Holocaust Had Its Name. Early Confrontations of the Nazi Mass Murder of the Jews, Wien 2016 (Beiträge zur Holocaust-Forschung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust- Studien); Hans-Christian Jasch/Stephan Lehnstaedt (Hg.): Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung/Crimes Uncovered. The First Generation of Holocaust Researchers, Berlin 2019; Laura Jockusch: Collect and Record! Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe, Oxford/New York 2012. 30 Hans-Jürgen Ventzki: Seine Schatten, meine Bilder. Eine Spurensuche, Innsbruck/Wien/Bozen 2011. 18Seite 51 von 75 Jacobsen und deren Pionierarbeiten zur Erforschung des Nationalsozialismus begegneten ein Teil der Bonner Historiker und Wissenschaftler anderer Disziplinen mit Skepsis. Zunächst galt der Blick dieser Schule der Bonner Politikwissenschaften der Reichsebene und nicht den lokalen Gegebenheiten vor Ort. Wohingegen an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und in der Germania Judaica in Köln auch landesgeschichtlich orientierte Untersuchungen und Ausstellungen zur Geschichte der Juden bis in die jüngste Zeitgeschichte der Juden im Rheinland bereits in den 1960er-Jahren stattfanden.31 Besonders im Hinblick auf die Vergangenheitspolitik fällt die dynamische, wechselseitige Beziehungsgeschichte der beiden deutschen Staaten ins Gewicht. Denn nicht nur in den sogenannten „Braunbücher[n]“ und in politisch inszenierten Strafprozessen in Abwesenheit, wie den gegen den Bundesminister für Vertriebene Theodor Oberländer, trachtete die DDR immer wieder Einfluss auf die westdeutsche Öffentlichkeit zu gewinnen, indem sie die NS-Kontinuitäten in der Gesellschaft der Bundesrepublik betonte und ein Bild einer „faschistischen und militaristischen“ Bundesrepublik zeichnete. Gegenstand wird die asymmetrisch verflochtene Beziehungsgeschichte beider deutscher Staaten im Hinblick auf die Vergangenheitspolitik sein.32 Diese strahlte auch auf die westdeutsche Neue Linke aus, aus deren Reihen eine der ersten Thematisierungen des „braunen Bonns“ stammte, das die Verhältnisse in Bonn jedoch gegenwartsbezogen auf das bundesrepublikanische Bonn bezog und eine gegenwartsbezogene Topographie der Bundeshauptstadt und ein Personenverzeichnis bot.33 Die SDS-Mitglieder Wolfgang Koppel und Karl Sauer veröffentlichten dieses broschierte Buch 1969. Koppel hatte sich auch zuvor bereits in vergangenheitspolitischen Fragen engagiert und beteiligte sich an der SDS- Wanderausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, die für eine gewandelte Erinnerungspolitik ein wichtiger Impulsgeber war.34 31 Vgl. zum wissenschafts- und ideengeschichtlichen Kontext der frühen NS-Forschung sowie der Konflikte in diesem Forschungsfeld Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 1. und 2. Aufl. 2003; 3. durchgesehene und mit einem Register versehene Aufl. 2004. 32 Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998. 33 Wolfgang Koppel/Karl Sauer: Führer durch das braune Bonn. Ein unentbehrlicher Leitfaden für alle Besucher der Bundeshauptstadt, Frankfurt am Main1969. Das Buch erschien im kommunistischen, der DKP und der DDR nahestehenden Röderberg-Verlag. 34 Stefan Alexander Glienke: Die Ausstellung ,Ungesühnte Nazijustiz' (1959-1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, Baden-Baden 2008. 19Seite 52 von 75 In den 1980er-Jahren veröffentlichte das Bonner Bildungswerk für Friedensarbeit, eine Initiative aus dem Umfeld der Friedensbewegung, eine Karte, die die lokale Topographie des Nationalsozialismus in Bonn darstellte. Freilich hatte sich der Blick insgesamt gewandelt, auch weil an der Wende zu den 1980er-Jahren eine Bewegung, die sich der Geschichte unter dem Motto des schwedischen Alltagshistorikers Sven Lindqvist „Grabe wo Du stehst“ mit einem sowohl laienhistorischen als auch professionell geschulten Blick unter bewusster Abwendung von der seinerzeit tonangebenden Sozialgeschichte oder Historischen Sozialforschung, der Geschichte unmittelbar vor Ort annahm. Die Initiative rekonstruierte die nationalsozialistische Topographie des Bonner Stadtgebietes und machte Orte der Verfolgung und des Widerstands kenntlich. Der Blick hatte sich gegenüber den 1960er-Jahre und der damaligen Indienstnahme der Geschichte des Nationalsozialismus durch die DDR und die Neue Linke verschoben.35 Damit einher ging die Hinwendung zu den Opfern des Nationalsozialismus. In der Bonner Lokalgeschichte gründete sich in Folge eines Städtischen Bauprojektes am Ort der alten Bonner Synagoge 1984 der Verein An der Synagoge e. V. Im Bundestag stellte die Fraktion der GRÜNEN 1987 einen Antrag zur Errichtung einer nationalen Gedenkstätte. Sie griffen damit auch das bürgerschaftliche Engagement in Bonn auf, welches für eine räumliche Lösung und politische Unterstützung einer nationalen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus warb. Von Seiten der Regierungsfraktionen wurde der Antrag abgelehnt. Diese Ablehnung wurde in der Debatte darüber unter anderem von dem Bonner CDU-Bundestagsabgeordneten und Oberbürgermeister Hans Daniels begründet.36 Der Stadtrat beschloss, dem Verein Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. 1992 eröffnete der Verein erstmals eine Sonderausstellung zum Ghettolager Endenich. Diese widmete sich dem historischen Ort, den Räumlichkeiten, stellte die Stufen der Entrechtung der Bonner Jüdinnen und Juden dar, der Beschlagnahme des Klosters, dem Lagerleben und -alltag, der Selbstorganisation unter Zwang, Außenkontakte und die Deportation. Die Gedenkstätte Bonn arbeitet seit dieser Ausstellung kontinuierlich zu Endenich. 35 Vgl. Arbeitskreis „Bonn zur Zeit des Nationalsozialismus“ im Bildungswerk für Friedensarbeit (Hg): Antifaschistischer Stadtführer, 3. überarbeitete Auflage, Bonn 1988. 36 Antrag der Abgeordneten Frau Oesterle-Schwerin, Frau Teubner und der Fraktion DIE GRÜNEN, Errichtung einer Gedenkstätte für alle vom NS-Regime verfolgten und ermordeten Menschen auf dem Synagogenplatz in Bonn, Deutscher Bundestag 11. Wahlperiode, Drucksache 11/825 vom 17.9.1987; vgl. auch das Protokoll der Debatte vom 8.10.1987, Deutscher Bundestag, 11. Wahlperiode, 30. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 8. Oktober 1987, S. 2040–2048. 20Seite 53 von 75 Deshalb soll die Ausstellung auch die Entwicklung des 1984 gegründeten Vereins An der Synagoge, seine bürgerschaftliche und politische Basis, aus der die Gedenkstätte und das NS-Dokumentationszentrum Bonn e. V. hervorgegangen ist, historisieren. Diese Entwicklung wird bis zur jüngsten Gegenwart des Übergangs der Trägerschaft durch einen bürgerschaftlich auf breiter Basis getragenen Verein in kommunale Trägerschaft verfolgt. 3. Leitlinien des Konzepts Das neue Konzept gestaltet die Ausstellung der Gedenkstätte, die bislang im Stadtmuseum Bonn in drei Räumen untergebracht war, komplett neu und rückt den nationalsozialistischen „Klostersturm“, die Geschichte der Judenverfolgung und des Ghettolagers Endenich und die Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik in der Bundeshauptstadt/Bundesstadt Bonn in Zentrum der Darstellung. Der zentrale Fokus wird auf der Verfolgung der Jüdinnen und Juden Bonns und des Bonner Umlands im zentralen und größten Raum der Gedenkstätte liegen. Damit wird der exzeptionelle Charakter von deren Vertreibung, Verfolgung und systematischen Ermordung in den Mittelpunkt gestellt. Darum herum gruppieren sich die übrigen Räume, die die Ideengeschichte des Nationalsozialismus und seiner zentralen Ziele auf die In- und Exklusion in der Volksgemeinschaft und Betriebsgemeinschaft in den Blick nehmen und in denen der nationalsozialistische „Klostersturm“ eigens in einem Raum dargestellt wird. Damit wird dem Charakter des historischen Ortes des Klosters Endenich Rechnung getragen. Die In- und Exklusion wird in zwei weiteren Räumen kontextualisiert: Hier soll der der Umgang mit „Volksgenossen und Gemeinschaftsfremden“ (Detlev K. Peukert) dokumentiert werden. Die kausale und personelle Verbindung zur Politik und Praxis der Verfolgung und Ermordung von politischen Gegnern, Patientinnen und Patienten, Sinti und Roma und anderen und der systematischen Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden besteht. Hervorzuheben sind hier beispielsweise die Patientenmorde, deren Durchführung und mit dem zum Teil gleichen verbrecherischen Personal der systematischen Ermordung von Juden voranging. Dies ist belegt für das Vernichtungslager Sobibor, in das auch jüdische Bonnerinnen und Bonner deportiert und 21Seite 54 von 75 ermordet wurden. Das Konzept sieht daher vor, zwei Räumen, die sich mit den anderen Verfolgten aus Bonn auseinandersetzt, in die neue Ausstellung einzubinden. Schließlich soll sich ein Saal ausschließlich mit dem Thema der Erinnerungskultur und -politik in der Bundeshauptstadt und Bundesstadt Bonn befassen und den Zusammenhang zur bundesrepublikanischen Vergangenheitspolitik dokumentieren, Der neu konzipierten Ausstellung liegen folgende vier argumentative und methodische Grundlinien zugrunde, die in einem immanenten Zusammenhang zur ausgestellten Geschichte des Nationalsozialismus vor Ort stehen, und sich durch die gesamte Ausstellung ziehen: Die erste durchziehende Linie zur Integration der Perspektive auf die Täter wird in der Vermittlung der NS-Sprach- und Symbolwelten als wiederkehrendes Element liegen. Ziel ist, die Analyse der Ideen und gesellschaftlichen Leitbilder, die die NS-Sprachlenkung und -planung propagierte und die Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtungspolitik prägten, in den Mittelpunkt der Darstellung zu rücken. Die politische Sprache und die Semantiken des Nationalsozialismus sollen analytisch auf allen Ebenen der Ausstellung analysiert werden, denn die In- und Exklusion war sprachlich vermittelt. Die Tätersprache des NS zeichnete sich nicht nur dadurch aus, dass sie die Verbrechen der nationalsozialistischen Täter verbarg und verschleierte. Ganz im Gegenteil: die NS- Sprache machte viele Ausgrenzungen und Verfolgungen sprachlich explizit. Sie entwickelte eine eigene Sprachpolitik, die sich in der Propaganda ebenso niederschlug, wie sie auf „wissenschaftlicher“ Basis mittels neuer Wörterbücher, die den nationalsozialistischen Sprachwandel initiierten, beobachteten und verstärkten, praktiziert wurde.37 Die nationalsozialistische Sprache spielte schon in den Analysen von Zeitgenossen wie Victor Klemperer und nachfolgenden Experten wie Dolf Sternberger eine wichtige Rolle.38 Weiterhin rücken die damit einhergehenden Tarnsprachen, die Sachverhalte bemäntelten und ihnen den Anschein einer „sachgemäßen Behandlung“ der Verfolgten gaben, in den Mittelpunkt der Darstellung. Es soll vermittelt werden, wie die 37 Rosten, Curt: Das ABC des Nationalsozialismus, 4. Auflage, Berlin: Schmidt 1933. 38 Victor Klemperer: LTI, Leipzig 1947; Dolf Sternberger/Gerhard Storz/W. E. Süskind: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, Hamburg 1957; Cornelia Berning: Vom ‚Abstammungsnachweis‘ bis zum ‚Zuchtwart‘. Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin 1962 (Die kleinen DeGruyter-Bände; 6); speziell im Hinblick auf die Lager- und Ghettowelt vgl. H. G. Adler: Wörterverzeichnis, in: ders.: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Göttingen 2012 (= 2. Auflage 1960), S. XXIX–LIX. 22Seite 55 von 75 NS-Sprache die Wirklichkeit „umschrieb“. Dabei fasst die Ausstellung Sprache und Symbolwelten als Mittel der Diskriminierung, der In- und Exklusion, der Teilung in „Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde“ (Detlev K. Peukert).39 Dies führte zur Konstituierung eines Bildes und einer speziellen Wirklichkeit der „Volksgemeinschaft“ vor Ort.40 Die Darstellung der Sprach- und Symbolwelten soll eine konzeptionelle Leitlinie bilden, die aufzeigt, dass gesellschaftliches Handeln sprachlich zunächst gedacht und geäußert wird, bevor es in eine handlungspraktische Dimension überführt wird (Michel Pollak).41 Das macht die Rolle und Bedeutung der (wissenschaftlichen) Experten und ihres „radikalen Ordnungsdenkens“ (Lutz Raphael) deutlich.42 Deren spezielle Form „radikalen Ordnungsdenkens“ konnte diese gesellschaftliche Bedeutung nur aufgrund des länger andauernden Prozesses der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ (Lutz Raphael) gewinnen.43 Der Nationalsozialismus wurde geprägt von jungen aufstrebenden akademisch ausgebildeten Experten. Michael Wildt hat für die „Vernichtungsexperten“ die Bezeichnung „Generation des Unbedingten“ gefunden, Ulrich Herbert spricht von der „Generation der Sachlichkeit“, die in einer entmenschlichenden Sprache, ganze Bevölkerungsgruppen zu „Gemeinschaftsfremden“ stempelten (auch im wörtlichen Sinne).44 Auch Götz Aly/Susanne Heim sprachen in diesem Sinn von „Vordenker[n] der Vernichtung“.45 Bei den Verfolgtengruppen wird auf Darstellungen von Mitteln der Eigensprachlichkeit, der sprachlichen Vermittlung von Opposition geachtet. Auch die Sprache, die die ZeitzeugInnen verwenden, wird in dieser Hinsicht analysiert. Die „Opfersprachen“ 39 Detlev Peukert: Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus, Köln 1982. 40 Sandra Dentler: "Volksgemeinschaft" in Bonn: die Bonner Gesellschaft und die Judenverfolgung von 1933 bis 1942. Diss., LMU München: Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften 2020, https:// edoc.ub.uni-muenchen.de/26506/ (11.11.2020). 41 Michael Pollak: Worte die töten, in: Leviathan 20, 1992, S. 395–419. 42 Lutz Raphael: Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitärer Herrschaft: Weltanschauungseliten und Humanwissenschaftler im NS-Regime, in: Geschichte und Gesellschaft 27, 2001, S. 5–40. 43 Lutz Raphael: Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als eine methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22, 1996, S. 165–193. 44 Michael Wildt: Die Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002; Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903–1989, 3. Auflage, Bonn 1996; Gerhard Paul (Hg): Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche, Göttingen 2002 (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte; 2). 45 Götz Aly/Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die Pläne für eine neue europäische Ordnung, 2. Auflage, Frankfurt am Main 2013. 23Seite 56 von 75 sollen als eigengliedernde Elemente hervorgehoben werden, um sie von der Tätersprache zu unterscheiden. Sie werden als Merkmal der Resistenz und Resilienz betrachtet. Die zweite Linie, die an diese eher formal-strukturelle Gestaltungs- und Analyseebene anknüpft, ist die Fokussierung auf die Gegenüberstellung von „Volksgenossen und Gemeinschaftsfremden“, die in der Geschichtswissenschaft seit dem grundlegenden Werk von Detlev K. Peukert Beachtung fand, und dessen Forschungsergebnisse seit 2010 zunehmend Berücksichtigung erfahren.46 Vor dem Hintergrund der Untersuchung von Inklusions- und Exklusionsprozessen in der NS-Gesellschaft, die sich sowohl auf der Ebene der Diskursen als auch der politischen Praktiken beobachten lassen, sollen besonders die in den vergangenen zehn Jahren in der Forschung thematisierten Semantiken der Volksgemeinschaft, und auch die Ideologeme und Sprachmuster wie spezifisch nationalsozialistische Semantiken von Arbeit, der Einschluss (in die Deutsche Arbeitsfront etwa) und Ausschluss (aus dem Berufsleben oder auch durch Formen von Zwang) formulieren und entsprechend praktiziert wurden. Wegweisend sind hier jüngere wissenschaftliche Untersuchungen, die die Gesellschaft und deren Prozesse in der nationalsozialistischen Vergemeinschaftung zum Gegenstand haben.47 Die dritte Linie betrifft die wissenschaftliche-methodische und argumentative Linie. Die Ausstellung folgt dem Motto „Die Welt ist das, was der Fall ist“ (Ludwig Wittgenstein). Ausgehend von diesem Motto setzt sie methodisch und argumentativ auf die engmaschige und detaillierte Fallrekonstruktion mit Methoden der Mikrohistorie, der biographischen Forschung unter Einbeziehung von Dokumenten und Aussagen von ZeitzeugInnen unterschiedlichster Provenienz. Die Perspektive soll die vorgenannten strukturierenden und leitenden Linien der Ausstellung davor bewahren, ausschließlich auf der Welt der Diskurse zu gründen. Da der Ansatz der vorgenannten Linien auf eine sprachpragmatisch orientierte historische Semantik ausgerichtet ist, geraten Sprachhandlungen in den Mittelpunkt der Betrachtung, die zu gesellschaftlich inkludierender und exkludierender Praxis führten. Zentrale Voraussetzung der 46 Vgl. zu Detlev K. Peukert den Sammelband Rüdiger Hachtmann/Sven Reichardt (Hg.): Detlev K. Peukert und die NS-Forschung, Göttingen 2015 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus; 31); insbesondere die Einleitung, dies.: Detlev Peukert revisited: Überlegungen zu seiner biographischen Einordnung, in: ebd., S. 9–38; Ulrich Herbert: Arbeiterklasse und Gemeinschaftsfremde. Die Gesellschaft des NS-Staates in den Arbeiten Detlev Peukerts, in: ebd., S. 39–48; Michael Wildt: Die Volksgemeinschaft nach Detlev Peukert, in: ebd., S. 49–68. 47 Michael Wildt/Frank Bajohr (Hg.): Volksgemeinschaft. Neuere Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009. 24Seite 57 von 75 Ausstellung ist deshalb kein diskursanalytischer, sondern ein handlungsorientierter Ansatz. Die Perspektive bleibt dabei vom Ansatz der Mikropolitik und Mikrohistorie geprägt, die die Akteure und das Handeln vor Ort in den Blick nimmt, die mikropolitischen Strategien der Akteure vor Ort analysiert, sie dabei aber den handlungsleitenden Ideologemen in der nationalsozialistischen Öffentlichkeit zuordnet. Die vierte Linie ist die Betonung des „Gedächtnisses der Dinge“ (Detlef Hoffmann).48 Die Ausstellung präsentiert gezielt Objekte des alltäglichen Handelns, Relikte und Mittel des Handelns von Verfolgten wie Tätern, die eine eigene Geschichte, jenseits der präsentierten Dokumente und Fotografien erzählen bzw. anschaulich machen. 48 Detlef Hoffmann (Hg.): Das Gedächtnis der Dinge. KZ-Relikte und KZ-Denkmäler, Frankfurt am Main/New York 1998 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz-Bauer-Instituts; 4). Zur Objektgeschichte vgl jetzt auch die Ausstellung der Landeszentrale für politische Bildung NRW mit Objekten aus Gedenkstätten des Arbeitskreises Gedenkstätten in NRW, dies. (Hg.): Mehr als kennt – näher als man denkt, Düsseldorf 2020. 25Seite 58 von 75 4. Gedenkstättenpädagogik, Bildungsangebote und Öffentlichkeitsarbeit Grundlagen der Gedenkstättenpädagogik Die zuvor genannten Leitlinien prägen auch die Neuausrichtung des gedenkstättendidaktischen Konzepts. Dieses didaktische Konzept wird im Zuge der Neugestaltung überarbeitet, methodisch auf den neuesten Stand gebracht und an die neu zu erschließenden Ausstellungsinhalte und die neuen inhaltlichen Vertiefungen angepasst. Unterstützt wird die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte Bonn regelmäßig seit 2004 durch das Referat Erinnerungskultur der Landeszentrale für politische Bildung NRW. Außerdem besteht gegenwärtig eine Projektstelle, gefördert durch die BKM, die sich der Bildungsarbeit im Bereich der verbandlichen Jugendarbeit widmet. Seit 2020 wurden eigene Social Media-Kanäle aufgebaut, die aktuell mit denen der Bundestadt Bonn verknüpft wurden und somit die Verbreitung der Arbeit und der spezifischen Bildungsformate der Gedenkstätte Bonn eine wesentlich höhere Reichweite erzielen und neue und jüngere Zielgruppen erreicht werden. Diese Formen der Öffentlichkeitsarbeit soll kontinuierlich ausgebaut und die Reichweite gezielt erhöht werden. Für die Antragstellung haben die Haupt- und Ehrenamtlichen der Gedenkstätte Bonn in mehreren Roundtables die Standards der Bildungsarbeit überprüft und die Aufgaben der Bildungsarbeit vor dem Hintergrund der konzeptionellen Neuaufstellung der Gedenkstätte neu definiert. Damit ist eine tragfähige Arbeitsgrundlage für die Entwicklung neuer Formate und Inhalte der Bildungsarbeit gegeben. Den zentralen Fokus bildet der Blick auf die Bonner Opfer (auch der „ortsfremden“) des Nationalsozialismus. Ein neues Bildungsangebot soll die Inhalte zum nationalsozialistischen „Klostersturm“ durch Rundgänge und Visualisierungen im Außenbereich der Gedenkstätte entwickeln. Hierbei soll die Aufmerksamkeit auf die Situation der Menschen gerichtet werden, deren Alltag unter strengen Regeln unter Aufsicht stattfand und die täglich mehrere Kilometer zurücklegen mussten, um in der Industrie umliegender Ortschaften (Dransdorf und Witterschlick) Zwangsarbeit zu verrichten. Auch soll die Aufmerksamkeit auf die die verschiedenen Nutzungsformen der Liegenschaften, nachdem sie konfisziert worden sind, die Vorgänge im Umfeld des 30. April 1941, die Aneignung des Hab und Guts des Klosters und die Verbringung der Benediktinerinnen in andere Klöster des Ordens gelenkt werden. Auch der Blick für die militärische Nachnutzung der Liegenschaft, nachdem die internierten Jüdinnen und 26Seite 59 von 75 Juden nach Theresienstadt, Sobibor, Majdanek und Maly Trostinez bei Minsk deportiert worden waren, soll geschärft werden. Schließlich werden die Quellen zur Restitution des Klosters in die Bildungsarbeit einbezogen und mit anderen Formen der Restitution und Wiedergutmachung in Beziehung gesetzt. Die bestehenden Angebote zur Verfolgung der Bonner Jüdinnen und Juden sowie derjenigen aus dem Bonner Umland, die sich bislang auf das Zentrum der Stadt Bonn und der (ins heutige Bonner Stadtgebiet eingemeindeten) Stadtteile beziehen, werden um spezifische Angebote zum historischen Ort, zu Familien- und Einzelbiografien der verfolgten und deportierten Jüdinnen und Juden im Ghettolager ausgeweitet. Dabei kann auf langjährige Recherchen der Gedenkstätte Bonn von zahlreichen Lebensgeschichten der im Ghettolager Inhaftierten zurückgegriffen werden. Die 2017 in der Gedenkstätte Bonn erstellte Sonderausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez – Geschichte und Erinnerung in Bonn“ (Dokumentation in Vorbereitung) wird aktuell bei einem transnationalen Kooperationsprojekt des IBB Dortmund und der Geschichtswerkstatt Minsk mit jungen Erwachsenen aus Deutschland, Belarus und Österreich in die Bildungsarbeit eingebunden und mit Hilfe der Kooperationspartner, Köln, Prag, Wien und Minsk in Bildungsformate der Social Media und Face to Face überführt werden. Ein zentraler Punkt der Angebote wird die Perspektive auf Strategien des Umgangs der verfolgten Jüdinnen und Juden mit der Internierung umzugehen, sich etwa durch Selbsttötung zu entziehen, in der Situation die kulturelle Eigenständigkeit zu bewahren und die Versorgungslage des Ghettolagers Endenich durch Verhandlungen mit den kommunalen Machthabern zu verbessern. Am historischen Ort sollen neue Angebote zur Erschließung der spezifischen Bonner „Topographie des Terrors“ entwickelt werden. Zu diesem Zweck werden Workshopangebote entwickelt, die die stadträumliche Perspektive auf Endenich und die Umwelt des Lagers richten. Workshops, die zu den Orten der Zwangsarbeit im Umfeld des Ghettolagers führen, werden das Thema „jüdische Zwangsarbeit“ vertiefen und den Kontext antijüdischer Politik, die ideologisch zwischen „deutscher“ bzw. „arischer“ und „jüdischer“ Arbeit unterschied, einbeziehen. Darüber hinaus werden sie mit den Aspekten der Geschichte der Arbeit, der Inklusion und Exklusion in der nationalsozialistischen Arbeitspolitik verknüpft. Das Exkursionsformat kann methodisch an gedenkstättenpädagogische Formate in der Auseinandersetzung mit dem Jugendwiderstand anknüpfen, die 2020 für die Arbeit mit verbandlich gebundenen, jugendlichen Zielgruppen als Pilot entwickelt wurden. Das bewusste Sehen und 27Seite 60 von 75 Wahrnehmung der Orte des historischen Geschehens stehen im Mittelpunkt dieser Führungsangebote.49 Drittens sollen durch Formate, die im Innenstadtgebiet und in den Stadtteilen angeboten werden, Nachhaltigkeitseffekte erzielt werden, etwa durch Wiedererkennen von Orten des Terrors, der Stolpersteine und der damit verbundenen Problematiken, der repräsentierten Opfergruppen, der Deportationsorte und deren Geschichte. Viertens steht in der Arbeit mit Objekten das Erfahren von Alltagsobjekten aus dem NS und der Nachkriegszeit im Mittelpunkt.50 Lernziele im Hinblick auf politisch(-historische) Bildung liegen in der Erziehung zu Respekt und zum Demokratielernen. Die Wertigkeit und Würde eines jeden einzelnen Menschen stehen im Mittelpunkt der Dokumentation und der Arbeit der Gedenkstätte. Dies ist der Grund, weswegen die Gedenkstätte an Menschen erinnert, die dem NS aus unterschiedlichen ideologischen Gründen verfolgt, vertrieben und/oder ermordet wurden. Die Vermittlung von Werten im Sinne des Grundgesetzes schließt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und deren Vermittlung ein. Über die Menschenrechtsthematik und das Menschenrechtslernen soll für alle Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sensibilisiert werden. Dabei werden die spezifischen Aspekte des nationalsozialistischen „Weltanschauung“ nicht nivelliert, sondern die besondere und von anderen Ausgrenzungsstrategien und an diese anschließende Praxis des Antisemitismus differenziert betrachtet. Die Rolle des Antisemitismus als hauptsächliche Staatsideologie gesellschaftliches Einstellungs- und Deutungsmuster und auch der Charakter des Sozialrassismus, des Biologismus und das Denken in den Kategorien der „Volksgemeinschaft“ sollen herausgearbeitet werden. Dies ist auch ein Erfordernis im Umgang mit dem erstarkenden Rechtspopulismus, der sich mittlerweile auch auf die Praxis in Gedenkstätten auswirkt.51 49 Julius Scharnetzky: Führungen an Orten mit nationalsozialistischer Vergangenheit, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 237–250; Fabian Müller/Martina Ruppert-Kelly: Gelände erkunden. Virtuelle Medien bi der Vermittlung in Gedenkorten, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS- Verbrechen, Berlin 2015, S. S 251–262. 50 Ronald Hirte: Dinge als Zeugnisse des Vergangenen, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 207–220. 51 Larissa Bothe/Ruth Wunnicke: Handlungsempfehlungen für den Umgang mit rechtspopulistischen Äußerungen von Besucher*innen in Gedenkstätten und Erinnerungsorten. Eine Publikation von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V., Berlin 2019. 28Seite 61 von 75 Für die Zukunft wird die Vermittlung des quellenkritischen Blicks im Hinblick auf die Medialisierung der Gesellschaft zu schärfen sein. Methodisch sollen die SchülerInnen und andere Zielgruppen an Grundlagen der Quellenkritik auch im Hinblick auf multimediale Quellen herangeführt werden, die sie entsprechend dem neuen Ausstellungskonzept für politische Sprachen (Languages) sensibilisieren, den in der Verfolgung der Jüdinnen und Juden und der anderen Verfolgtengruppen aktivierten Ausschlusscharakter von Sprache durchschauen lassen und so ihr Blick für die nationalsozialistische Propaganda und die damit verbundenen Feindbildkonstruktionen geschärft werden. Dabei soll die Funktion von Begriffen sprachpragmatisch in den Blick genommen werden, denn die Zukunft gewinnt, wer die Begriffe prägt. In diesem Sinne soll auch für tradierte Sprachmuster aus der Zeit des Nationalsozialismus, besonders in bürokratisierter Sprache, aber auch in alltagssprachlichen Sprachhandlungen sensibilisiert werden. Es besteht die Notwendigkeit, SchülerInnen an den Gebrauch von digitalen und analogen Hilfsmitteln im Hinblick auf dieses quellenkritische Ziel heranzuführen, seien es solche in der Bibliothek, auf dem mitgeführten Smartphone bzw. auf den in der Gedenkstätte bereitgestellten Tablets. Dabei gilt es ebenfalls, die SchülerInnen für die Quellen- und Medienkritik zu sensibilisieren, denn nicht jede Quelle im Internet ist vertrauenswürdig. Wichtig ist aber, zu vermitteln: „Du kannst gewisse Dinge nur erkennen und einordnen, wenn Du ein gewisses Vorwissen hast!“ Der Ausbau multimedialer Angebote ist deshalb ein weiteres erklärtes Ziel der gedenkstättenpädagogischen Arbeit. Ein Pilotprojekt wurde dazu 2020 realisiert, in dem Sequenzen aus videografierten Zeitzeugeninterviews mit anderen biographischen Quellen kontrastiert wurden. Dabei wird der Blick für die unterschiedlichen Quellenformate geschult. Die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen besaß bis vor kurzem einen hohen Stellenwert für das Erfahrungslernen der Teilnehmerinnnen und Teilnehmer der Bildungsarbeit. Vor dem Hintergrund, dass keine lokalen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen für diese Arbeit mehr zur Verfügung stehen, wird die Gedenkstätte in der Bildungsarbeit mit modernem Equipment zunehmend multimediale Angebote auf der Grundlage der aufgezeichneten und zwischenzeitlich in einem Projekt digitalisierten Zeitzeuginnen- und Zeitzeugeninterviews im Archiv der Gedenkstätte entwickeln. Die multimedialen Präsentationen und neuzuentwickelnden Workshops orientieren sich überwiegend am 29Seite 62 von 75 biographischen und mikrohistorischen Ansatz vor Ort.52 Ausgebaut werden sollen in diesem Zusammenhang im Zuge der Neukonzeption die Bildungsformate mit der 2. und 3. Generation aus Familien Überlebender. Den Bildungsangeboten liegt ebenso wie der musealen Darstellung eine multiperspektivische Auswahl an Quellen als Basis zugrunde, die einen alltagsgeschichtlichen, fallrekonstruktiven und biographieorientierten Blick auf die Dauerausstellung vertiefen. Diese Methodentrias bildet das Rückgrat der Gedenkstättenarbeit in Darstellung, Dokumentation wie in der Bildungsarbeit. Der mikrohistorische Blick entbindet aber nicht davon, die Zusammenhänge auf Reichsebene und den Zwischenebenen zu reflektieren, zu erforschen und zu vermitteln. Hierzu trägt insbesondere das Arbeiten mit Deportationsitineraren bei, die zukünftig neu hinzutreten wird. Die Gedenkstätte ist in ihrer Genese auch von Zugängen der Alltagsgeschichte und der Geschichtswerkstättenbewegung geprägt, die nach dem Motto „Grabe, wo Du stehst?“ (Sven Lindqvist) verfahren sind.53 Dabei spielt die Arbeit mit Berichten von ZeitzeugInnen und Selbstzeugnissen eine besondere Rolle. Methodisch wird sich die Bildungsarbeit zukünftig noch stärker auf interaktives Arbeiten unter Integration von Selbstlernzeiten (individuell oder in Selbstlerngruppen) konzentrieren, bei denen die Teilnehmenden selbst die Gegenstände und Inhalte mit zur Verfügung gestellten Materialien und Quellen erarbeiten. Dies stärkt die Motivation der Lerngruppen, das Engagement in der Gruppe und die individuelle Auseinandersetzung mit den Inhalten. Die erarbeiteten Ergebnisse werden dann an die Peers in der Gruppe und die ganze Lerngruppe weitergegeben. Mittelbar werden die Schülerinnen und Schüler und auch die Beteiligten in Erwachsenengruppen, u. a. die Angehörigen verschiedener Berufsgruppen, zu Multiplikatoren des Erlernten, die ihre Erfahrungen auch im nichtteilnehmenden Kollegenkreis vermitteln. 52 Constanze Jaiser: Zeugenschaft in der Bildungsarbeit, in: Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 221–235. 53 Sven Lindqvist: Grabe wo du stehst. Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte, Bonn 1989. Ein grundlegendes methodisches Handbuch ist auch Lutz Niethammer (Hg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der „Oral History“, Frankfurt am Main 1985. Zur zeitgenössischen historischen Einordnung vgl. , Thomas Lindenberger/Michael Wildt: Radikale Pluralität. Geschichtswerkstätten alspraktische Wissenschaftskritik, in: Archiv für Sozialgeschichte 29, 1989, S. 393-411; in wissens- und methodenhistorischer Perspektive vgl. Etta Grotian: Vorgeschichte, Vorbild oder Sackgasse? Zur Historisierung der „neuen Geschichtsbewegung“ der Bundesrepublik der späten 1970er- und 1980er Jahre, in: WerkstattGeschichte 25, 2017, H. 75, S. 15-24. 30Seite 63 von 75 Auf allen Ebenen wird altersgemäß angepasst mit entsprechenden Quellen, aber auch mit Objekten, die auf das „Gedächtnis der Dinge“ (Detlef Hoffmann) verweisen, gearbeitet. Rücksichten müssen bei bestimmten Gegenständen natürlich auf konservatorische Belange genommen werden. Ein reflexives Format im Hinblick auf die eigene Gedenkstättenpraxis ist das „Interview mit der Gedenkstätte“, das die Praxis der Gedenkstättenarbeit, der Erinnerungsarbeit und -politik hinterfragt und die Beteiligten zur Stellungnahme auffordert: „Was ist eine Gedenkstätte?“,„Was machst Du hier?“ dienen als Einstiegsfragen, um die eigene Praxis zu reflektieren und Schülerinnen und Schüler an sie heranzuführen. Die Bildungsarbeit der Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn ist durch eine arbeitsteilige Struktur, in der sich professionelle Gedenkstättenarbeit und bürgerschaftliches Ehrenamt ergänzen, geprägt. Die bisherige pädagogische Arbeit der Gedenkstätte Bonn arbeitet seit Beginn in Zusammenarbeit mit verschiedenen bürgerschaftlichen Partnern und Bildungseinrichtungen zusammen. Diese Struktur, die Professionalität und bürgerschaftliches Engagement verbindet, wird nach dem erfolgten Übergang der Gedenkstätte in städtische Trägerschaft zum 1. Januar 2021 in den Förderverein überführt, der aus dem Trägerverein hervorgegangen ist. Fachlich kooperiert die Gedenkstätte Bonn mit dem Stadtmuseum und ist dem dem Stadtarchiv organisatorisch zugeordnet, der Geschichtswerkstatt Bonn sowie der Arbeitsgemeinschaft der Heimat- und Geschichtsvereine Bonn. Sie ist gut eingebunden in überregionale Netzwerke, wie den Arbeitskreis Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen und arbeitet eng mit anderen Gedenkstätten zusammen.54 Federführend koordiniert die Gedenkstätte Bonn die „Initiative zum Gedenken an die Bonner Opfer des Nationalsozialismus“, in der zivilgesellschaftliche Vereine, Institutionen, städtische Institutionen und die Synagogengemeinde vertreten sind. Mit der örtlichen Polizei und der Verwaltungsfachhochschule sowie mit Berufsverbänden und Kirchengemeinden bestehen enge Kooperationsbeziehungen. Vor allem arbeitet die Gedenkstätte Bonn eng mit verschiedenen weiterführenden Schulen in Bonn, regional und überregional (Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Gesamtschulen, Berufsschulen, Förderschulen) zusammen, die regelmäßig zu Projekten und Workshops 54 Vgl. zur Geschichte und Entwicklung des Arbeitskreises Gedenkstätten und Erinnerungsorte in in NRW Alfons Kenkmann: Mehr als man kennt – näher als man denkt, in: Landeszentrale für politische Bildung NRW (Hg.): Mehr als kennt – näher als man denkt, Düsseldorf 2020, S. 16–26. Als Überblick über den Arbeitskreis kann auch das Nachschlagewerk Arbeitskreis Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW e. V.: Geschichte in Verantwortung. NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen, Wuppertal-Münster 2015, gelten. 31Seite 64 von 75 in die Gedenkstätte kommen. Der Gedenktag am 27. Januar wird jeweils gemeinsam mit jährlich jeweils einer anderen weiterführenden Bonner Schule sowie dem Theater der Stadt vorbereitet und durchgeführt. Mehrere Schulen sind im Förderverein Mitglied. Zielgruppen Die Angebote richten sich an Schülerinnen und Schüler aller weiterführenden Schulen: Gymnasien, Gesamtschulen, Real-, Haupt-, Förderschulen ab achte Klasse sowie Berufsschulen. Das Einzugsgebiet der Teilnehmerinnen und Teilnehmer reicht dabei weit über Bonn hinaus und sogar über Nordrhein-Westfalen. Die Formate werden explizit auch im Zusammenhang mit Schüleraustauschen (Frankreich, Israel, Italien, Polen) angeboten und dort regelmäßig nachgefragt. Gruppen junger Flüchtlinge besuchen die Gedenkstätte. Durch die enge Vernetzung mit den christlichen Kirchengemeinden kommen regelmäßig evangelische Konfirmandengruppen und katholische Firmandengruppen. Auch mit Gruppen zur Vorbereitung der Jugendweihe arbeitet die Gedenkstätte Bonn im Bildungsbereich zusammen. Die Parteien (Ortsverbände, Ortsvereine ebenso wie die Stadtratsfraktionen) nutzen ebenfalls die Bildungsangebote der Gedenkstätte Bonn, genauso wie Erwachsenengruppen anderer Bildungsträger. Regelmäßig nehmen unterschiedliche berufliche Zielgruppen (Krankenschwestern, Sozialarbeiter/innen, Lehrer/innen, PolizistInnen) an berufsgruppen-bezogenen historischen Bildungsangeboten teil. Den Studierenden unterschiedlicher Fächer bietet die Gedenkstätte Bonn universitär ausgerichtete Workshops an und berät ergänzend regelmäßig Seminar- und Abschlussarbeiten, die mit Materialen und Quellen aus dem Archiv und der Bibliothek der Gedenkstätte angefertigt werden. Darüber hinaus wirkt die Gedenkstätte auch an der Berufsbildung mit und bildet Praktikantinnen und Praktikanten aus. Schließlich berät die Gedenkstätte Schülerinnen und Schüler bei der Abfassung von Facharbeiten. 32Seite 65 von 75 5. Gegebenheiten vor Ort: Räumliche Struktur und Gestaltung Die inhaltliche Neuausrichtung der Gedenkstätte Bonn ist mit einem Umzug an den historischen Ort des Ghettolagers Endenich verbunden, der eine neue Konzeption der räumlichen Nutzung am historischen Ort voraussetzt. Ziel ist es, die Gegebenheiten am historischen Ort sichtbar zu machen. Der vorgesehene Ort für die Gedenkstätte befindet sich im Wirtschaftsgebäudekomplex des Klosters Endenich, dessen historische Bausubstanz weitgehend erhalten ist. Die räumliche Gestaltung soll es möglich machen, die Strukturen vor Ort wahrzunehmen. Die übrige historische Bebauung, die durch Kriegsschäden verursacht in der Nachkriegszeit saniert wurde, soll in ihrer orträumlichen Erstreckung erfahrbar gemacht werden. Die Gestaltung sieht vor, die bislang auch architektonische Trennung des Wirtschaftsgebäudekomplexes vom übrigen historischen Ort räumlich hervorzuheben und durch einen eigenen Eingang und ein Foyer zu erschließen. Zur Orientierung über das übrige Gelände des Ghettolagers wird ein historisches Gebäudemodell erstellt, das in die Dauerausstellung integri
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bonn.social/@biz ↗Datenstand: 02.11.2026, 19:07 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de