201406-02 ST · Stellungnahme der Verwaltung
Bürgerantrag: Umwandlung von städtischen Rasenflächen in bestäuberfreundliche Blühwiesen
Kerndaten
- Nummer
- 201406-02 ST
- Art
- Stellungnahme der Verwaltung
- Veröffentlicht
- 12.04.2021
- Letzte Änderung
- 19.09.2026
Beratungsfolge
Dateien
- Sammeldokument öffentlich Öffnen ↗
Verwandte Vorlagen
Übergeordnet
Volltext
Maschinell aus dem PDF extrahierter Text — Tabellen und Layout gehen verloren. Maßgeblich ist das PDF: PDF öffnen ↗.
Text anzeigen (11.446 Zeichen)
Stellungnahme der Verwaltung öffentlich 201406-02 ST Die Oberbürgermeisterin Federführung: Amt der Oberbürgermeisterin und für strategische Projekte Dezernat: Dez. OB Bürgerantrag: Umwandlung von städtischen Rasenflächen in bestäuberfreundliche Blühwiesen Beratungsfolge Ausschuss für Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger 14.04.2021 Kenntnisnahme Inhalt der Stellungnahme: Die Antragstellerin hat mit E-Mail vom 06.04.2021 mitgeteilt, dass sie in Anbetracht der aktuellen Pandemiesituation nicht persönlich an der Sitzung teilnehmen möchte. Sie hat gebeten, den Ausschussmitgliedern das beigefügte Statement zugänglich zu machen und an Stelle eines Redebeitrages bei der Beratung zu berücksichtigen. Anlage/n 1 Statement zum Bürgerantrag 201406 (öffentlich)Seite 1 von 4 Statement zum Bürgerantrag und zur Stellungsnahme der Verwaltung: 201406 Umwandlung von städtischen Rasenflächen in bestäuberfreundliche Blühwiesen Kurzgeschnittene Rasenflächen sind in Zeiten der Klimakrise und des Wissens um die Wichtigkeit mikroklimatischer und biodiversitätssteigernder Maßnahmen in urbanen Räumen als dominantes städtisches Grünflächenkonzept nicht mehr tragbar. Ich begrüße bisherige Maßnahmen der Stadt Bonn zur Umgestaltung städtischer Grünflächen – das Potenzial dieses Themas als Beitrag zur Biodiversitätssteigerung und Verbesserung des Stadtklimas ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft worden. Die Stadt sollte die Maßnahmen erheblich ausweiten, um dem Label "StadtGrün naturnah" auch wirklich gerecht zu werden. Die Verwaltung argumentiert in ihrer Stellungnahme zu meinem Antrag unter anderem, dass es in Endenich bereits entsprechende Flächen gibt. Die Exitenz einiger weniger Beispielflächen ist jedoch noch kein ausreichendes Argument gegen eine Erweiterung der Extensivierungsmaßnahmen. Wo genau sich diese von der Verwaltung erwähnten Flächen befinden und um welche Art von Flächen es sich handelt bzw. wie mit diesen Flächen verfahren wird, ist für mich als Bürgerin leider nirgends einsehbar. Eine Visualisierung mittels einer markierten Stadtkarte wäre eine große Hilfe und ein Schritt hin zu mehr Transparenz. Warum das Abwälzen des Problems auf einzelne engagierte Bürger*innen in Form von schwer erwerbbaren Grünpatenschaften nicht der richtige Ansatz ist, habe ich bereits in meinem Bürger*innenbrief erklärt. Hier geht es um ein konzeptionelles Umdenken von Seiten der Stadt und nicht darum, das Engagement von Bürger*innen dafür zu nutzen, das Image der Stadt zu verbessern. Hierzu sei beispielhaft die in meinem Antrag erwähnte Grünfläche vor der Matthias- Claudius-Schule erwähnt, die als Schau- und Bildungsfläche ideal geeignet ist. Die Umgestaltung dieser Grünfläche sollte nicht vom Engagement der Schulleitung oder einzelner Lehrer*innen abhängen, vor allem, da sich – wie bereits erwähnt – aus meiner Erfahrung eine Absprache mit der Stadt Bonn als schwierig erweist, sondern durch ein aktualisiertes Konzept der Stadt automatisch zum Beispiel durch gesamtstädtische Mahdreduktion von Grünflächen erfolgen. Durch die Aktualisierung des städtischen Grünflächenkonzeptes würde auch die mühsame Koordination beider Parteien bezüglich Absprache, Begehung und Kontrolle einzelner Grünpatenschaften wegfallen. Auch möchte ich, noch einmal Bezug nehmend auf meinen Bürgerantrag, die Wirtschaftlichkeit und das biodiversitätssteigernde Potenzial der extensivierenden Maßnahmen betonen. Die Reduktion der Mahd auf 1 bis 2 mal im Jahr würde nicht nur zu merklichen Einsparungen von Kosten und Arbeitsaufwand führen (Watson et al. 2020; O´Sullivan et al. 2017). Schon nach einer mahdreduzierten Saison (auch ohne vorheriger Abmagerung und Aussaat von Blühmischungen) kommt es zu einem deutlichen Anstieg der Biodiversität der Flora (Sehrt et al. 2020) und damit einhergehend auch von verschiedenen Insektengruppen, unter anderem Wildbienen (Wastian et al. 2016). Diesen Effekt kann man bereits auf wenigen Quadratmeter großen Grünflächen, sogar auf stark befahrenen Verkehrswegen in Form von Straßenbegleitgrün und Verkehrsinseln beobachten (Phillips et al. 2020). Im Rahmen einer in Kooperation mit der Stadt Bonn erfolgten und 2015 abgeschlossenen Masterarbeit (Boy 2015), in der die Biodiversität von sieben städtischen, bereits durch vorherige Maßnahmen oder während der Versuchszeit extensivierten Grünflächen in Bonn erfasst wurde, konnten insgesamt 77 Blühpflanzenarten auf den Versuchsflächen bestimmt werden. Hierbei fand sich auf der aus sechs kleinen Verkehrsinseln bestehende Fläche auf einer stark befahrenen Kreuzung die höchste Diversität mit 55 Blumenarten. Außerdem wurden 39 Wildbienen- , 9 Wespen-, 11 Tagfalter- und 16 Schwebfliegenarten erfasst. Im Vergleich dazu werden auf einem typischen städtischen Rasen keine Wildbienen und nur einige wenige GrasartenSeite 2 von 4 zu finden sein, die für den Großteil der Tierwelt völlig uninteressant sind. Bei diesem Kooperationsprojekt stand von Seiten der Stadt Bonn die Arbeits- und Kostenersparnis im Vordergrund. Von universitärer Seite wurde der Fokus auf die Bestäuberfreundlichkeit der Maßnahmen gelegt – auch Städte haben eine Verantwortung beim Schutz der Bestäuber und der davon abhängigen Nahrungssicherung der Bevölkerung zu tragen (Klein et al 2007). 11 der auf den extensivierten Grünflächen erfassten Bienenarten werden auf der Roten Liste für NRW aufgeführt. Bedauerlicherweise wurden die Ergebnisse dieser Kooperationsstudie nicht zur deutlichen Ausweitung der extensivierten Flächen oder gar zu einer Umgestaltung des Grünflächenkonzeptes der Stadt Bonn genutzt. Dabei ließen sich die Ökologisierungsmaßnahmen noch fortsetzen: Das Anbringen von Nistkästen oder Totholz, die Anlage von Trockenmauern und weitere Vorkehrungen würden zu einer zusätzlichen Erhöhung der Biodiversität führen. Ziel müsste es sein, dass Rasenflächen die Ausnahme und nicht die Regel darstellten und dass das Nachhaltigkeitskonzept fortwährend verbessert würde. Die Verkehrssicherheit wird in den meisten Fällen durch einen erhöhten Bewuchs nicht gefährdert. Die Verwaltung erwähnt, dass die Grünflächen zur Nutzung als Blumenwiese zum Teil zu schmal seien, um einen 50 cm breiten gemähten Rand aus Verkehrssicherheitsgründen mit einzurechnen. Diese Vorgabe ist bei den Regelungen zu Grünpatenschaften nicht zu finden, bei denen die von Bürger*innen gepflegten Flächen die gesamte Grünfläche einnehmen und auf eine 50 cm breite Umrandung verzichtet wird. Auch hier sei noch einmal die Masterarbeit von Lisa Boy erwähnt: Bei den zuvor erwähnten Verkehrsinseln wurde zum Beispiel auf eine 50 cm breite kurzgehaltene Umrandung verzichtet, obwohl sie sich auf einer stark befahrenen Kreuzung befinden. Auch eine einfache Mahdreduktion würde nicht unweigerlich zu einem erhöhtem Wuchs im Vergleich zu abgemagerten und eingesäten Flächen führen. Die unter anderem in meinem Antrag erwähnte Grünbegleitung der Hainstraße entlang des Endenicher Friedhofs besteht aus längeren zusammenhängenden Flächen ohne Kreuzungen oder sonstige Unterbrechungen und ihre Umgestaltung – ob einfache Mahdreduktion oder vorherige Abmagerung und Aussaat – würde zu keiner Einschränkung der Verkehrssicherheit führen. Ebenso würde ein höherer Wuchs der erwähnten Grünfläche an der Kreuzung "Auf dem Hügel" keine Sichteinschränkung bewirken, weil die Rechtsabbieger keinen Gegenverkehr zu erwarten haben. So ließe sich die Liste der zur Extensivierung geeigneten Flächen fortsetzen, und Rasenflächen als Straßenbegleitgrün könnten fast vollends verschwinden. Abschließend möchte ich noch ein Bonner Konzept vorstellen, das zu einem Umdenken in der Nutzung und Gestaltung von Bonner Grünflächen beitragen und zusätzliche Argumente für eine Mahdreduktion liefern soll. Im Sommer 2020 habe ich mit Dozenten und Student*innen der Universität Bonn ein Projekt zur Ökologisierung der universitären Grünflächen, die momentan bedauerlicherweise ebenfalls noch hauptsächlich Rasen darstellen, gestartet. Ab der jetzigen Saison 2021 wird die Mahdfrequenz ausgewählter Grünflächen verschiedener Universitätsinstitute auf 1-2 mal im Jahr reduziert und die ökologischen Veränderungen wissenschaftlich dokumentiert. Hierbei wurde bei der Auswahl der Flächen darauf geachtet, dass verschiedene biotische und abiotische Varianten abgedeckt sind, die Flächen durch ihre Größe aber weiterhin vergleichbar bleiben. Basierend auf früheren Studien wird bereits in der ersten Saison durch diese einfache und kostensparende Maßnahme eine signifikante Biodiversitätssteigerung erwartet (Literaturquellen siehe oben). Als Referenz werden weiterhin mit hoher Frequenz gemähte Rasenflächen dienen, die ebenfalls faunistisch und botanisch erfasst werden, auf denen aber bereits eine extrem geringe Biodiversität in Voruntersuchungen verzeichnet wurde. Auch wird die Rückkehr der auf den Grünflächen ursprünglich vorkommenden Blühpflanzen durch die Mahdreduktion die Attraktivität der Flächen erhöhen. Zusätzlich werden die Versuchsflächen mit Informationstafeln versehen, um die Akzeptanz in der Bevölkerung für solche Maßnahmen zu fördern und somit Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Zu den Versuchsflächen zählen auch zwei kleine, mit der Größe vieler städtischer Grünflächen vergleichbare Bereiche am Kekulé-Denkmal, das sich gegenüber desSeite 3 von 4 Botanischen Gartens an der stark befahrenen Meckenheimer Allee befindet und ein beliebtes Ausflugsziel darstellt. Ziel des Projektes ist es, das gesamte Grünflächenmanagement der Universität auf mahdreduzierte Wiesen umzustellen und in Folgeschritten weitere biodiversitätssteigernde Maßnahmen zu ergreifen (siehe oben). Die Universitätsverwaltung zeigt sich Dank der erwarteten Kosten- und Arbeitsersparnis durch dieses Projekt sehr kooperativ und hat ihre Vorreiterrolle bei Initiativen für mehr Nachhaltigkeit erkannt. Die Stadt Bonn sollte sich das Konzept dieses Projektes zum Vorbild nehmen und ihr Grünflächenkonzept aktualisieren. Solch ein niederschwelliges Projekt eignet sich, verbunden mit geschickter Öffentlichkeitsarbeit, auch ideal zur Sensibilisierung der Bevölkerung für das Thema Klima- und Biodiversitätskrise und der Rolle von Städten bei der Bewältigung dieser Krisen. Literaturquellen: Boy, Lisa. "Die Bedeutung arten- und blütenreicher Standorte im Stadtgebiet Bonn für den Erhalt und die Förderung der Diversität blütenbesuchender Insekten" MS Thesis. University of Bonn, 2015. Klein, Alexandra-Maria, et al. "Importance of pollinators in changing landscapes for world crops." Proceedings of the royal society B: biological sciences 274.1608 (2007): 303-313. Phillips, Benjamin B., et al. "Enhancing road verges to aid pollinator conservation: a review." Biological Conservation (2020): 108687. Sehrt, Melissa, et al. "Less is more! Rapid increase in plant species richness after reduced mowing in urban grasslands." Basic and Applied Ecology 42 (2020): 47-53. O'Sullivan, Odhran S., et al. "Optimising UK urban road verge contributions to biodiversity and ecosystem services with cost-effective management." Journal of environmental management 191 (2017): 162-171. Wastian, Laura, Philipp Andreas Unterweger, and Oliver Betz. "Influence of the reduction of urban lawn mowing on wild bee diversity (Hymenoptera, Apoidea)." Journal of Hymenoptera Research 49 (2016): 51. Watson, Christopher J., et al. "Ecological and economic benefits of low intensity urban lawn management."‐ Journal of Applied Ecology 57.2 (2020): 436-446.Seite 4 von 4
Folgen Neue Vorlagen, Sitzungen und Auswertungen aus dem Bonner Rat — im Fediverse, ohne Konto lesbar.
bonn.social/@biz ↗Datenstand: 03.11.2026, 21:33 MEZ · Quelle: oparl.bonn.machdenstaat.de